• Die rote Linie überschritten ist auch so ein Quatsch. Ständig höre ich Anglizismen in den miserabligen Übersetzungen von Krimiserien. Und immer wieder wird ein Steak falsch serviert! Neulich hatte ich aus einem gedruckten Krimi das kulinarische Beispiel vom geschwungenen Fischfilet zum Steak gebracht. Vorige Woche kam in einer dieser TV-Serien, ich glaube es war "Vera", eine mißlaunige Polizeikommissarin aus Großbritannien, die erfreulicherweise nicht viel redet, aber ihre Kommentare zum Geschehen mit so pessimistischen "Mhm" und "Hach"-Lauten erkennen läßt (meine Frau und ich haben uns das seitdem regelrecht angewöhnt!), also da kam vor, wie ein junger Mensch von einer Dame auf ein Steak eingeladen wird, "Ich mach Dir auch ein Steak", so in der Art und es folgte "...mit Nierchen!" Und nicht nur das, der Blödsinn wurde am Ende der Szene noch mal wieder aufgegriffen, wie 'ne rennende Pointe: "Und vergiß nicht das Steak!" strahlte er sie bedeutungsvoll und lüstern an. Blinki, blinki, Augenzwinki: "Mit Nierchen!" Lecker, wenn man ein Steak hat und dann auch noch Saure Nieren in Sahnesauce dazu bekommt, mit KarlToffel-Püree als segondi piatti vielleicht? Dabei waren die Innereien, die Leopod Bloom seiner Nora am nächsten 16. Juni zum Frühstück mitbringt, gar nicht gemeint. Sondern, wie mir mein Rückübersetzerprogramm im Gehirn vorschlägt, aller Wahrscheinlichkeit nach "Kidney"-Bohnen, die ganz vorzüglich zum Steak schmecken, aber dann sollte das Gericht gefälligst Steak mit Bohnen heißen ("schon wieder Bohnen", wie die Wildwestleute am Lagerfeuer stöhnen, wo sie Nacht für Nacht von lauter lebenden Steaks umgeben, die immergleichen Dosenbohnen kriegen, die Andy Warhol dann zum Pop-Kult gemacht hat).

    Wegweiser zum Pfad des amerikanischen FreundesZurück ins Glied, bzw. auf Linie. Früher gab das keine "rote Linie" zum Überschreiten in der deutschen Alltagssprache, da hieß das meiner Erinnerung nach Grenze. Oder? Oder, oder, oder. Okay, da gab es die Oder-Neiße-Linie, eine wahrhaft "rote" Linie (ich sage nur: Linie mit Vorhang, der aus Eisen ist gemeint) - eine graniza, die man ungern eine "Grenze" nennen wollte, weil die Ewiggestrigen noch nicht ahnten, daß Schlesien auf jeden Fall "unser" bleibt, unser Schlesien nämlich in der Erinnerung, dem schönsten Paradies ohne Vertreibung. (Hatte ich nicht schon mal vorgeschlagen, das ewige "und, und, und", mit dem man eine sinn- und endlose Folge von Aufzählungen abzukürzen vermeint, jedesmal mit "oder, oder, oder" zu substituieren, um den Schwachsinn gleich ins Extrem zu steigern und dadurch aufzuheben?)

    Jetzt aber Trump, der dafür ja schließlich Präsident geworden ist, uns jedenTag mit neuen Lach- und Sachgeschichten zu überraschen. Törööö! Gestern soll er zu dem Giftgasmord des Massaker-Assads gesagt haben, es seien "mehrere rote Linien" überschritten worden, wie der SPON-Videokommentator höflichst übersetzte, ich hab es aber im Radio zuerst gehört, da blieb der O-Ton länger stehen, und es hieß doch wirklich und wahrhaftig "MANY, MANY LINES!"Ampelwunschknopf

    Dass wir die Sch%*!#%&!metaphern aus dem amerikanischen Politikerspech eins zu eins übernehmen, schlimm genug, aber Trump hat echt nicht begriffen, wie die Metapher funktioniert. Also nochmal für Doofe. DA ist eine rote Linie -------------------------------------------------------------------

    und WEHE du überschreitest die, dann gibt's Kasalla, d.h. Boykott, internationaler Steckbrief, Einmarsch von Bodentruppen, Absetzung, Kriegsverbrecherprozess und notfalls den Strang oder bei zeitigem Abschied von eigenen Gnaden das gutdotierte Exil auf Sankt Helena oder am neutralen Genfer See.

    EINE rote Linie, wenn schon, denn schon. Nicht zwei, drei, oder vier. Man merkt es gleich, wenn man "Grenze" dazu sagt, dass es anders nicht funktioniert. Mit den vielen Linien, das war Chamberlain in München 1938, das klappt nicht. Hier ist die Grenze, und jenseits davon ist Schluss.

     

    P. S. es war natürlich doch nicht Schluss. Keine zwei Wochen später kam ein Krimi mit Inspektor Banks, und was passiert kurz nach Beginn? Bilder von losdüsenden Blaulicht-Polizeiwagen, Lautsprecherdurchsage: "Achtung, an alle Einsatzkräfte: Leiche im Moorgebiet!" Ich denk schon, jetzt muss sich die Truppe aber mit Gummistiefeln ausrüsten und einen schlammverkrusteten Ertrunkenen im Bodybag bergen, aber nein, man spazierte trockenen Fußes durch... erika-überwucherte Heidelandschaft. Der Übersetzer kannte wohl den schönen Folksong - most beautifully rearranged for Hohner organ and guitar by Paul Brady - nicht,  "Heather on the moor, over the heather, over the moor and among the heather...": da setzen sich der Schürzenjäger und die schöne Schäferin direktemang hinein ins Moor.


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  • Die abgebildete Postkarten-Collage (anders kann man es nicht nennen, denn mit dem ursprünglichen Bildmotiv hat es nicht viel zu tun) bekam ich heute ausgehändigt, allerdings nicht porto franco, sondern gegen Einzahlung einer passablen Gebühr.Allegorie an der alten Hamburger Post Merkwürdigerweise ist auf dem "Benachrichtungslabel" (spricht man läibäll aus, nicht wie "Labello") der Betrag nicht wie einst als Nach-, Straf-, oder wie-auch-immer-Porto, sondern als "Zollentgelt" bezeichnet. Und ich dachte, Zollentgelte seien mit der Gründung des deutschen Zollvereins 1834 und der Vereinigten Staaten von Europa abgeschafft worden!Postkartencollage Ich hätte die Zustellung natürlich ablehnen können, in einem Fall, wo ein etwas bescheuerter Verwandter mir eine Postkarte ganz ohne Porto sandte, wurde ich vor die Wahl gestellt. Diemal war ich nicht zuhause und bekam eine Benachrichtigung. Natürlich braucht man da nicht hinzugehen, dann wird vermutlich das Zustellungsgut nach irgendwelchen Absender-Indizien untersucht und anschließend, wenn man keinen Absender findet, geschreddert. - Da ich aber ahnte, dass diese Postkarte von zarter Hand (eben genau der unten links) in den Briefkasten (Abbildung ähnlich) geworfen worden war, ließ ich mich nicht lumpen und gab der Schalterbeamtin, was der Schalterbeamtin zusteht und erfreute mich der Lektüre einer wohlvertrauten Handschrift. Die Absenderin ist übrigens begeisterte Postcrosserin, und hat eine eigene Webseite für die öffentliche Abbildung. Stempel auf der TextseiteIch crosse zwar nicht Post, aber schon weil mir das Postwertzeichen so gut gefällt, wollte ich das Belegstück für meine wachsende Sammlung von Freundesautographen haben und es soll hier teil-veröffentlicht werden - der Zusteller wird schon kein Copyright für seine Zutaten verlangen! Also schön, die Marke war "veraltet", aus einer längst aufgegebenen Serie bedeutender Frauen der deutschen Geschichte, und die Angabe 80 bezieht sich auf Pfennig und nicht Cent. Das darf nicht sein: Diese Marken sind seit 1.7.2002 ungültig, las ich vor einiger Zeit. Es gibt in der Sprachregelung der Post AG auch "Verdorbene" Briefmarken, das sind solche, die versehentlich nicht gestempelt wurden. Neulich dankte mir jemand per e-Mail für einen Brief... und darin führte dieser Jemand u. a. aus, Briefe "mit der Hand" und von solcher Länge!!! schreiben, nein, das ginge nicht mehr. Schade eigentlich, ich möchte meine Feinmotorik noch eine Weile in dieser alten Technik schulen, bevor ich nur noch über Displays wische. Demnächst soll man ja alle möglichen Funktionen im Auto beim Fahren mit so einer Wischbewegung auslösen, und wenn erst das "autonome" Autofahren kommt, freu ich mich schon auf das autonome Einparken! Schon als es noch die autonomen Jugendzentren gab, hab ich mich immer gefragt, was demnächst noch alles autonom genannt wird. Bis dato ist der Autofahrer ja das unfreieste Wesen der Welt, geradezu verknechtet! Eben erst wurde ein Gesetz beschlossen, das ihm demnächst die Benutzung eines Tablet-PCs während der Fahrt verbietet. In meiner Jugend wurde merkwürdigerweise nie darüber nachgedacht, dem Autofahrer das Schreibmaschineschreiben während der Fahrt zu verbieten. Einen Brummi-Fahrer aus Tschechien haben sie mal erwischt, der las während der Fahrt Bücher und hatte ein eigenes Regal unterm Steuerrad.aus Illustrierten recycelter umschlag Ich hab auch das nie gemacht, es ging nicht so richtig. Denkmal für Heinrich von StephanVorgelesen, als Beifahrer der Fahrerin am Steuer, das schon... Ich konnte allerdings früher mal freihändig Radfahren und dabei Gitarre spielen, das ging auf längeren ampelfreien Radwegestrecken ganz gut. Gitarrespielen soll übrigens auch gut sein, um der Verknorpelung der Fingergelenke entgegenzuwirken, genauso wie mit der Hand schreiben. Das denken wohl auch diejenigen, die die obige Postkarte außer mir in der Hand hatten und der maschinellen Beförderung in letzter Sekunde entzogen haben. Ich liebe ja Bearbeitungsspuren und kaufe mir im Antiquariat nicht ungern Bücher mit Anstreichungen, Kommentaren, Exlibris und Co. Historiker sind dankbar, wenn Briefe mit Umschlag aufbewahrt werden, schon weil man das Datum am Beispiel des Stempels überprüfen kann, im Januar setzen die Briefschreiber gern die falsche Jahreszahl... Und hier? Gelb heißt anhalten - vor dem ReinwerfenErstmal wurde die Ansichtskarte (eigentlich gemein, wieso überhaupt, wenn die Marke eh nicht anerkannt ist?) ziemlich unvollständig und wie mir scheint, mit der Hand gestempelt, da steht was von Briefzentrum und 16. 11., aber mehr ist nicht zu erkennen. Reichen die vielen Portoerhöhungen der letzten Jahre nicht mal aus für nasse Stempelkissen? Oder war der Stempel schon "abgenudelt" (Fachausdruck aus dem Bleisatzgewerbe)? Das untere Rund des Stempels hat meinen Nachnamen voll eingekreist, könnte auch eine Art Sympathie-Magie sein, will ich hier nicht abbilden - bei Faust auf der Türschwelle muss ja der Drudenfuß an einer Stelle offenbleiben, damit der Kernpudel rein- aber nicht wieder rauskann. Dann hat noch jemand mit starkem Edding die Ziffern G 2 und 28. zugesetzt, dazwischen einen Winkel, der verdächtig nach Galgen aussieht. Briefkasten in der LandschaftUnd schließlich wurde die Briefmarke von einem blauen Buntstift links eingerahmt (das Kleberlein mit dem komischen Vogelgesicht links daneben nicht, das war vermutlich unstrittig und ich hätte mich beschweren können, wenn das moniert würde), und daneben schrieb dieselbe Hand die nunmehr fällige Summe auf, nämlich 115 (Cent oder dann doch Pfennige? ich hätte noch genug, glaube ich... und der Kupferanteil ist höher) eingetragen. Wie die auf die Summe kommen, ist mir auch ein Rätsel, das sind ziemlich genau 70 Cent mehr als eine Postkarte mit Centmarke kostet. Und diese Einnahme verbucht die Post AG als "Zollentgelt"? Wenn ich mir vorstelle, wie viele Leute schon mal falsche Marken aufkleben, da kommen sicher stattliche Summen zusammen. Kann es sein, dass da eine gigantische Einnahmenverschiebung in Richtung Steuerfreiheit abläuft, nach Art der cum-cum-Geschäfte u. a. der Deutschen Bank und diverser Landesbanken...? Wundern würde es mich nicht, wo wir Steuerbürger jetzt die illegal von Auslandsinvestoren aus unserem Staatshaushalt abgezogenen Umsatz- bzw. Kapitalertragssteuererstattungen aus eigener Tasche zahlen müssen, statt das Geld von den Banken zurückzuverlangen.


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  • Du wirst es nicht glauben, aber in all meinen anarchistischen, bürgerlich-demokratischen oder gar protosozialistischen Phasen bin ich doch eigentlich heimlich Royalist geblieben. Nicht wegen der "Royals", das ganze Familiengezumpel wurde mir schnell zuviel, habe selber eine unübersichtliche Höllenstaffage von Verwandten. Aber die Wiedereinführung des erblichen Herrscherthrons z. B. in Bayern dünkt mich ein lohnendes politisches Ziel, ich wüßte, welche Partei ich dort wählen würde, schon damit sich Bayern endlich auf dem dritten Weg so langsam an die Demokratie gewöhnen kann, das ging 1919 einfach ein bißchen schnell für die Bewohner, man hätte Rücksicht auf das Deutschland der 35 Geschwindigkeiten nehmen müssen. Kurz, ich war auch schon vor einem halben Jahrhundert begeistert von der Queen, die damals Deutschland besuchte, und als ich zwei Jahre später nach England kam, um den Buckingham Palast, das Kaufhaus Harrod's, den Tower und die London Bridge zu sehen (und den Piccadilly Circus! Carnaby Street!! Swinging London, Miniröcke, Plattenläden, alles! Mann, es war 1967!!!), und ich jede Menge Posters mitnahm, von den Beatles, von Lord Kitchener, der vor den wunderbar britischen Union Jack Farben mit dem nackten Zeigefinger auf mich zeigte und I WANT YOU sagte, da hätt iThey say it's your birthdaych mich sofort eingemeinden lassen und wär' Engländer geworden, ich war nah dran. Ich hielt das Londoner U-Bahn-System für einen Beweis der waltenden Weltvernunft und es gab nichts Logischeres und Einsichtigeres als das Umsteige-Relais "Clapham junction", wo ich umsteigen mußte um das Reihenhaus (immerhin, jeder hat ein Haus!) meiner eher dem Proletariat angehörenden Gastfamiile wiederzufinden. Treppenbrücken über den Gleisen! Mind the gap! Dagegen wie unübersichtlich der Nahverkehr in meiner schmuddelligen usseligen Heimat! Hier in England war alles sauber und beschildert, angstfreie Orientierung ohne jedesmal irgendwen fragen zu müssen, für mich war das ein Phantasialand der Aufklärung und des Rechts auf Meinungsäußerung, z. B. im Hyde Park konntest du die Verrückten predigen hören und kein Polizist (alle nur mit Gummiknüppel bewaffnet, kein Schießgewehr) brüllte "Runter von der Teekiste!". Auch dass man auf der Fähre förmliche Einwandererpapiere ausfüllte und unterschreiben musste, keinen Hund einzuführen und keine ansteckenden Krankheiten, fand ich gerecht und nützlich. They say it's your birthdayEs war allerdings noch vor den Briefkastenbomben der IRA, und von Drogen hatte ich keine Ahnung. Und die Engländer waren so höflich, sprachen mich Schüchternen offen an, nach einer Weile verstand ich sie auch einigermaßen. Mit der Gastfamilie war ich in Blackpool, die Beatlestexte konnte ich bald alle auswendig, Ehrenwort! Als es so weit war, lösten sie sich auf, abgeschlossenes Sammelgebiet. Ich hatte die buntesten Poster (Beatles-Fotos mit Farbverzerrung), die Sgt.-Peppers-LP mit dem Starschnitt und die Let-It-Be-Kassette mit den eingelegten Fotos! Alles beim Erwachsenwerden umstandslos verschenkt, heute Tausende wert.They say it's your birthdayThey say it's your birthday Der Linksverkehr war mir noch ganz egal, und gut, das Zwölfersytem mit der verdammten Pfund, Shilling- und Pence-Rechnung, na schön, das fand ich nicht ganz so logisch. Aber wenn ich mir beim Kiosk ein Comicheft (englisch!) besorgte, dann ließ mich der Kioskbesitzer immer grundsätzlich das Wechselgeld ausrechnen, damit ich das lerne, sagte er, fand ich wahnsinnig nett, wie überhaupt alle sehr auf mich eingingen und mit mir viel Englisch redeten, damit ich das endlich mal lerne, später hab ich dann eine Zeitlang meinen oxfordisierenden Gymnasiallehrer mit Cockney verärgert, in der Hinsicht brachte mir der Aufenthalt nichts. Aber ich war eingeschworener Engländer mit Schirm, Charme, leider ohne Melone, und weil Hamburger damals noch völlig unüblich waren, investierte ich mein Taschengeld in "Wimpy's", woher ich (in der Londoner Zentrale) übrigens gelbe Senf- und tomatenförmige Ketchup-Spender als Mitbringsel nach Hause brachte. Kurz und gut, die Queen wurde vorgestern neunzig und sei von dieser Stelle aus von ihrem wohl treuesten deutschen Anhänger gegrüßt und beglückwünscht, ich hab noch den Ersttagsstempel (sowas sammelte ich eigentlich gar nicht, schon damals nicht) zum Gedenken an ihren Staatsbesuch vom 19. Mai 1965, boah, sah die mal hübsch aus, die war ja noch sehr jung im Gegensatz zu Adenauer oder Lübke oder Erhard, der bald darauf, glaube ich, Kanzler war. Aber der war bekanntlich "Atlantiker" und Adenauer mehr nach Frankreich orientiert, und ich bald auch, denn Frankreich lag doch viel näher, und ich kehrte erst Jahrzehnte später in Großbritannien der Queen zurück, in das mein Vater einst hatte sowieso auswandern wollen. Ich war also eigentlich desinignierter Brite, nicht wahr?


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  • Warum ich auch mir selbst keine Gewalt antun werdeKürzlich erst hatte ich mir in diesen Seiten von der Seele geschrieben, wie mies & moralisch verkommen ich Selbstmörder finde, die sich berechtigt glauben, noch andere zur Hinrichtung "einladen" zu müssen, da passiert dieselbe Katastrophe noch einmal - und zwar nicht anonym in den provençalischen Alpen d. h. fern von mir in irgendwelchen bluttriefenden Schlagzeilen der Blindzeitung, sondern in meinem engsten Bekanntenkreis. Tatsächlich hat es einer meiner ältesten Freunde, ich kenne ihn über 35 Jahre, geschafft, nicht nur sich selbst und zwar vorzeitig, sehr viel früher als selbst dem feigsten Zimperling "an der Zeit" erscheinen mag, ohne auch nur zu überlegen oder sich irgendwie zu verabschieden, vom Acker zu machen (den Körper der Pathologie vermacht, da gibt es nicht mal eine Trauerfeier, nur generell anonym einmal im Jahr - und "das war dieses Jahr schon", hieß es aus Leichenfleddererkreisen), sondern auch noch seiner Lebensgefährtin, die nun wirklich weder für sein körperliches Leiden noch für seinen Selbstbeseitigungsspleen etwas kann, das Lebenslicht auszublasen wie weiland Kleist der Henriette Vogel. Und, schlimmer noch, ein Keinohrarsch, mit dem ich nicht befreundet bin (NEIN!), der weder singen noch dichten kann (und beides besser in der Badewanne täte, aber bitte unter Wasser und das gern bis zum letalen Exitus), schreibt auch noch ein paar im Internet kursierende Jubelverse darüber, die für mich unbegreiflichen Anklang bei Lesern gefunden haben und mir aber, ehrlich gesagt, nur Übelkeit erregen. Nein, ich werde die Knüppelreime dieses Heinrich-Heinis weder verlinken noch zitieren, denke nicht daran, they make me want to vomit.

    Besagter Verseschmied ist ein in keiner Szene ernst genommener Minderdichter und Mickerling, dessen Lieder mir beim Anhören jeden Funken Lebenslust verleiden und mir es mir schon in der Vor-CD-Ära sympathischer erscheinen ließen, Vinyl zu fressen und mich am Tonabnehmer des Plattenspielers zu erhängen, statt diesen Murks in einer Rezension zu erwähnen, was ich auch konsequent vermieden habe, obwohl ich sonst wirklich - das kann man nachprüfen - für jeden, aber auch jeden Lüdermächer ein Wort der Würdigung fand oder sonst die Beinfreiheit des Kritikers für den fälligen verbalen Fußtritt nutzte. Das Gedicht geht ungefähr so: "Alles verrammelt, / bunte Pillen gesammelt / nicht mit der Wimper gezuckt, / alle auf einmal geschluckt, / mich nicht mehr lange gequält, / die Frühstücksmilch abbestellt - / mich selbst zum Friedhof gekarrt / und eigenhändig verscharrt, / so richtig selbstbestimmt, / wenn man die Freundin mitnimmt", und so weiter, und so eklig, die einstige Begeisterung für Meinhof, RAF & Co., die sich in ähnlichen Produkten findet, ist nichts dagegen. Also nochmal zum Mitschreiben: Nächst Morddelikten finde ich Selbstmord am Zweitwiderlichsten, kann nichts, aber auch gar nichts Erhebendes oder Respektables daran finden, und wem die Untat nicht nur bei sich selber gelingt, sondern durch Überredungskunst, Gewalt (denn die ist immer dabei, wenn's um sowas geht, nicht wahr?) und Tücke auch noch bei anderen, die vielleicht lieber ein ermutigendes Wort gehört oder gern noch ein paar Jährchen länger gelebt hätten, der hat sowieso die Todesstrafe verdient und gehört nachträglich viergeteilt, auf den Schindanger geworfen und an die Ratten verfüttert. Wer das für "Freiheit" hält, hat einen an der Waffel und sollte überlegen, worin die Große Freiheit Nr. 7 eigentlich besteht. Dann lieber eine Marlboro, notfalls die letzte vor dem Erschießungskommando. Wenn einem Erich Mühsam die Hände gebrochen, die Fresse zerschlagen und jede Würde genommen wird, und der sich dann noch immer nicht an den Elektrozaun wirft, sondern die SS-Schergen noch nachhelfen müssen, um die Sache so aussehen zu lassen, als habe er sich am Klospülungsrohr (mit welcher Hand denn) erdrosselt, in einem Land, wo dergleichen geschehen ist, werde jedenfalls ich nicht Hand an mich legen, weil ich einen künstlichen Darmausgang kriege oder mir ein Zivi beim Sockenanziehen helfen muss. Ja, notfalls soll mich gern jemand angrabschen, das machen Friseur und Zahnarzthelferin ja auch (und Sargträger), die werden dafür bezahlt, ich kann mir das leisten und sie mir aussuchen. Die alle Wertmaßstäbe erfassende miese, muffige und so luxus- wie lebensverachtende Kleinbürgerlichkeit hat natürlich dazu geführt, dass wir "Diener" oder "Bedienenlassen" für verabscheuenswerte Berufe bzw. Lebenslagen halten, höchstens was für Knechtsgestalten bzw. für Madame Pompadour oder Müssjöh Sonnenkönig. Aber bitteschön, das ist überwindbar, wer in die Besserverdienerklasse aufsteigt, wird ebenfalls einen Chauffeur und eine Putzfrau brauchen (brauch ich jetzt noch nicht, aber wer weiß), und die Politiker mit ihren Bodyguards sind ja auch selten ganz für sich allein. Kommt noch hinzu, ich hab nicht jahrzehntelang an der Verfeinerung der Schaltkreise in meinem Oberstübchen gearbeitet, um wegen eines banalen körperlichen Defekts vor lauter Wut alles hinzuschmeißen. Wenn ich nicht mehr das Buch halten kann zum Lesen, besorg ich mir halt stoßseufzend auch so ein wischi-waschi-Bildschirmgerät, und wenn das nicht geht, kann mir jemand was vorlesen, oder wenn auch das nicht möglich - hähä, ich erinnere mich (noch) an fast alles, was mich je berührte in Kunst, Literatur & Co. und kann mir (echt jetzt) eigene Gedanken machen. Das merk' ich täglich im öffentlichen Nahverkehr, wo ich mir in der Regel statt Abendbrot ein paar Gedanken mache, während der Rest der vorwiegend jüngeren Passagiere auf ihren Smartphones herumfingert, um der Ödnis der Langenweile zu entrinnen, vergebliche Liebesmüh! So, und wenn das Denken nicht mehr geht? Demenz zum Beispiel? höre ich fragen - klaro, immer schön in den Extremstvarianten herumspekulieren, anstatt das naheliegendere Schlicht-Realistische ins Auge zu fassen - also, na? häh? was dann? Dann verblöde ich eben in aller Ruhe, ich weiß, dass ich dann auf jeden Fall glücklicher bin als wenn ich zuviel von meinem Krankheitsbefund weiß. Ich hab lange genug in einer Behindertenschule gearbeitet, wo das Leben noch was wert ist, vor allem denen, die kaum eins zu haben scheinen - selbst bei denjenigen, die als Perspektive höchstens vor sich haben, eines Tages mit dem Kinn eine Lichtschranke zu bewegen. Da gibt's welche, die fangen noch ein Studium an. Denn das Leben ist laut Heine ein Recht, und dieses Recht muss ich mir wie andere Rechte auch durch Erwerb und Gebrauch sichern, und gegen dümmstes Infragestellen verteidigen, davon werde ich klaren Sinnes und von meiner Seite her keine Abstriche machen, geschweige denn dulden! Auch nicht, dass andre dieses Recht mit Füßen treten.

    Wenn die Freiheit nicht mehr mit anderen geteilt werden kann, ist sie keine mehr, capisco? Den Typen, um den es hier geht, kenne ich seit 1979 und habe manchen Kummer mit ihm besprochen, ihm in mancher Bredouille zugehört, mich selber in die eine oder andere Klemme gebracht für ihn (ich war z. B. mal Schatzmeister in seinem Verein und hab mich dafür anpöbeln lassen müssen), und umgekehrt hat er für mich, als wir noch Freunde waren, Gutes getan. Bis vor vierzehn Tagen, drei Wochen ungefähr. Da hat er etwas gemacht, was ich ihm nicht verzeihen werde (was sie betrifft, ist das eine unheilvolle Verstrickung gewesen, wie man jetzt und nachträglich weiß. Und ich weigere mich, diesen neurotisch aufgeladenen Zwangstötungsmechanismus mit einer selbstbestimmten oder gar partnerschaftlichen "freien" Entscheidung zu verwechseln). Und ich gehe auf keine noch so handverlesene Trauerfeier in irgendwelchen graubärtigen Berufsjugendorganisationen, wo dann womöglich der oben erwähnte Troubadix die Stimme erhebt und sein Gereimsel auch noch zur Klampfe vorträgt. Gut, seine Gitarre, wenn die unversehens freiwillig ins Kaminfeuer hüpfte nach jahrzehntelangen Misshandlungen, hätte ich dafür ein gewisses Verständnis. Aber mein sogenannter Freund? Der kann mich mal, der hat ja nicht mal mehr mit mir sprechen wollen, mit seiner Lebensgefährtin habe ich mehrmals telefoniert, und noch ca. einen Tag vor dem Abgang (nachträglich rekonstruiert) hörte sich das ganz und gar nicht danach an, als sei sie so easy-locker drauf wie es der Idiotendichter ausgeschmückt hat in seiner Tötung-auf-Verlangen-Ballade. Troubadix, mit einer fetten öffentlich-rechtlichen Pension ausgestattet, gehört wohl auch schon zu den Graubärten, die Helenen in jedem Weibe und in jedem Scheißdreck den Finger der Vorsehung rühren sehen. Mit siebzehn und noch ein paar Jahre danach, vielleicht noch mit siebenundzwanzig, habe ich anders geredet, aber die meisten Grundüberzeugungen von damals haben sich gar nicht geändert. Das Erdenleben "wäre besser nicht", einmal entstanden, lässt es sich natürlich nicht ohne weiteres wegputzen, obwohl daran in Atomphysikerkreisen ja heftig gearbeitet wird. Und das meine ich nicht nur so la la im Allgemeinen, sondern: Gerade auch im Einzelnen und Persönlichen ist die Menschheit hängenswert, wäre es nicht schade um das schöne Hanf, das man besser verraucht und vergeigt. Und wer z. B. im Liebeskummer nie eine (natürlich nur symbolische) Wertheriade begangen oder sich wenigstens ausgemalt hat, empfindet sowieso nichts in seiner Hartgummiseele. Klar auch, dass man in jüngeren Jahren immer in Extremen denkt: Sympathy for the evil, klammheimliche Freude am Radikalinskitum der Alphamännchen mit dem Ballermann, sich selber der Fremdenlegion bzw., generationengerecht, den Tupamaros im heiligen Völkerkrieg der Hütten gegen die Paläste anschließen oder, statt Seifenpulver in den Stadtparkbrunnen, mal ein paar Literchen LSD in die zentrale Wasserversorgung einer mittleren Kleinstadt kippen, so etwas hat man andauernd vor sich hin ausgebrütet, Jugend forscht, man konnte bei sternäugig staunenden Girls damit punkten, die einen noch anfeuerten, - wie oft empfahlen mir z. B. blondmähnige DKP-Tussies, mich im antifaschistischen Friedenskampf der richtigen Seite anzuschließen (also wörtlich: hier, im Westen, ist Kriegsdienstverweigerung ganz okay, nicht so jedoch drüben, im sog. besseren Deutschland, wo man sich füglich einer Betriebskampfgruppe anschließt, um im Bedarfsfall den Sozialismus zu verteidigen), und es sind ja auch sehr ergiebige theoretische Themen für lange Abende in verqualmten Debattierklubs. Selbstmord? hahaha, das ist ja wohl politisch unkorrekte Diskriminierung, es heißt "Freitod", bitteschön, und die Freiheit, jederzeit und überall die Flatter machen zu können, ist einem als Jungmensch ja das Ideal schlechthin.

    Fritze: Nun mag ich auch nicht länger leben,
    verhaßt ist mir des Tages Licht;
    denn sie hat Franze Kuchen gegeben,
    mir aber nicht.

    (Matthias Claudius)

    Wird man älter, statt jenes Motto zu verwirklichen, das nach dem Vollrausch-Abgang von Jimi, Janis & Co. im damaligen Überschwang einem (zugegeben auch mir) damals ziemlich locker-flockig über die Lippen kam - "intensiv leben / jung sterben" -, kommt irgendwie hinter der Ecke, um die die Geschichte geht, auch eine gewisse Verantwortung angedackelt, ich denke dabei nicht (nur) an die Liebsten, meine Kinder, meine Sammlung exotischer Epiphythen oder sonstige, mir insgesamt sowieso eher lästige Angehörige, sondern an so etwas wie eine "soziale Familie", die wohl jeder hat, der sein Leben nicht völlig hinterm Ofen verhockt. Ich meine, man ist für seine Freunde, und seien sie auch nur an einem Finger abzuzählen, auch dann verantwortlich, wenn es mal nicht so gut läuft mit einem selbst (oder mit ihnen). Das schließt sogar die Nach-, Fernlebenden und Abgeschiedenen ein, mithin sogar Leute wie meine Urgroßmutter aus Oberschlesien, die ich gar nicht kennengelernt habe. Selbst meine geistigen Vorfahren (so etwas gibt es), für die fühl ich mich komischerweise auch verantwortlich, und sei es nur ein bisserl. Die haben ja auch was mit mir zu tun, auch wenn kein Fleisch mehr an ihrem Gebein ist, bin ich doch ein Teil ihrer Wünsche, sie hatten etwas mit mir vor, wünschten es in mich hinein, und das will ich noch machen, wirklich nicht ihnen zuliebe, aber doch auch nicht nur mir zuliebe. "Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte", heißt es bei Walter Benjamin, und noch mehr: "Die Gefahr droht sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empfängern. Für beide ist sie ein und dieselbe: sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben."

    Soll ich die Menschenverachtung und Lebensfeindlichkeit der herrschenden kapitalistischen Grundordnung etwa an mir selber vollziehen? Danke, das war's, ich kann eh nicht mehr mitspielen? Das habt ihr euch so gedacht! In einer Zeit, wo ein Menschenleben ALS SOLCHES - also ein unproduktives, kommunikationsgestörtes usw. - nichts wert ist, heißt Hand an sich legen nichts weniger als den eigenen Unwert mit einem Einverständnisstempel zu beglaubigen. Wer das machen will, bitte, ich kann's letztendlich nicht verhindern. Aber man soll nicht hoffen, andere auch noch damit zu beglücken. Man vermehrt nur das Elend seiner Nächsten, in einer an Widrigkeiten nicht gerade armen Welt. Und mal ehrlich, sollte man nicht wenigstens vorher das Gespräch suchen, mit denen, die einen viele Jahre kennen? Wenn die nicht ein Wörtlein dabei mitreden dürfen, dann kann mir der ganze Freundschaftsschmus gestohlen bleiben, dann war das doch bloß Gelaber und wir stehen letztendlich wort- und antwortlos nebeneinander herum wie die Kellner in der Bahnhofskneipe: Tschüss, und gut ist, Freunde kann ich mir anders als Familienmitglieder ja aussuchen, etwas Besseres als den Tod finde ich überall. Ich weiß schon, ausreden lässt sich keiner den Suizidplan - das ist so banal wie die Erkenntnis, dass 90 % aller Suizide nur aus Geltungssucht und Interessantmacherei geschehen, der berüchtigte "Hilfeschrei", in Wahrheit will man nur auf sich aufmerksam machen. Ein Freund, dessen Vater in der psychiatrischen Notaufnahme arbeitete, nahm mich mal für eine Nacht dorthin mit (was man alles sehen will mit Siebzehn!), da erfuhr ich, was man mit den Magenausgepumpten macht: sie wanderten ohne Schnürsenkel an den Schuhen in eine grünlich ölgetünchte Zelle mit einem Plakat "Rauchen macht schlank!", auf dem ein Skelett eine brennende Zigarette in den Zahnstummeln hält. Da saßen oder lagen sie eine Weile herum, konnten ein paar Stunden nachdenken, bis der Morgen und der Kaffee kam. "Legen Sie sich das nächste mal doch raus in den Königsforst, 20 km vor der Stadt findet Sie so schnell keiner, denn klappt das auch", pflegte der Pfleger, Vater meines Schulfreunds, diesen Leuten dann zu raten. Ein echter Gemütsmensch, übrigens auch ein vertriebener Schlesier.

    Und so wird mir beim Schreiben allmählich klar - "kraft des Kopfes, wie die Juden sagen, wo wir vom Zerbrechen des Kopfes reden" - was das Schmierigste, das Elendeste, das Schuftigste und moralisch Verkommenste an dem ganzen Vorgang ist, vielleicht schlimmer als Selbstmord und Partnertötung und Freundesvergrämung und Massenverblödung zusammen: Wenn so einer wie Troubadix, dem noch keine Ranschmeiße zu schleimig war (was hat der schon herumgetönt: Hüsch hat mich gelobt! Elke Heidenreich hat mir zugezwinkert! Pete Seeger nahm extra das Hörgerät raus, als ich ihm vorspielen wollte...), noch seinen Reim darauf macht und eine multiple Katastrophe mit zwei Toten und einer noch ungewissen Anzahl (persönlich) Schwerverletzter zur Ideologieproduktion missbraucht, munter daraus seine krüppeligen Versfüße drechselnd, so locker-easy und die Brust voll Freiheitsdrang schlendern "wir" Liberalistiker dem Freund Hein in die Arme usw. Diese posthume Vernutzung von Leichenteilen in Gedichtform ist das absolut niedrigste Unternullniveau, das man mit seinem selbstverschafften Abgang erreichen kann; dann lieber von Dr. selts. Gunther van Hagens eingepökelt und aufs Hamsterrad geflochten werden! Das hat bei Morpheus und Erebos und Thanatos keiner verdient, von so einem besungen zu werden, und darum muß ich auf jeden Fall länger leben als dieses Sch**kerl und werde auf seinem Grab noch einen dionysischen Flohwalzer tanzen, bevor ich das Zeitliche segne, das verspreche ich mir und allen, die ich sowieso nicht mehr "mitnehmen" kann, weil sie mir schon vorher die Arschkarte gezeigt haben wie mein einstiger Freund.

    (Wird vielleicht fortgesetzt, wenn mir danach ist.)


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  • Mit christlichem Frösteln, mit geilem Gefasel: Enzensberger 85!Botschaft des Tauchers: "Ich wiederhole: laßt ab, / laßt ab von uns und von euch / und von mir!"

    Es muss Anfang der Neunzehnhundertsiebziger gewesen sein, da wedelte der Deutschlehrer in der Obersekunda, Unterprima, was weiß ich, mit den zurückzugebenden Klassenheften. Die schönste und freieste Klassenarbeit meiner leidvollen Gymnasialzeit: Aufgabe war gewesen, ein selbstgewähltes Gedicht mitzubringen und zu interpretieren. Na, und ich war ja der einzige Lyrikleser weit & breit, die anderen brachten Eugen Roth mit, die aus Bildungsmilieus Goethe, Schiller & Co. - "Ein Schüler hat nun einen Autor ausgewählt, den ich noch nicht kannte..." Man muss sich das vorstellen, damals war die Kursbuchzeit vorbei, waren die Gedichte 1955-1970 schon erschienen, Enzensberger war einer der bekanntesten Lyriker, wenn nicht der, vielleicht nicht ganz so bekannt wie Günter Eich oder Ingeborg Bachmann. Der Schüler, der sich ein Gedicht von H. M. E. mitgebracht und interpretiert hatte, war ich gewesen. Es war das Gedicht Der Taucher gewesen, dessen Interpretation mir nicht allzu schwierig dünkte, zumal ich mit meiner Wahl nicht unbedingt anecken und die mir überlicherweise zukommende "Eins" nicht aufs Spiel setzen wollte, natürlich wäre etwas Provokanteres wie Einführung in die Handelskorrespondenz (aus dem die Titelzeile dieses Blogeintrags  stammt) oder Die Scheiße erbaulicher gewesen. Der Lehrer rächte sich dann für seine Unkenntnis des Lyrikers, indem er mir Eins minus gab und an meiner Interpretation bemängelte, dass ich die letzten drei Zeilen nicht interpretiert bzw. ignoriert hatte. Kein Wunder, das waren offenbar Morsezeichen gewesen, "Kurz-kurz-kurz /lang / kurz-lang", die Zeichen für S - T - A, was ich mir damals neben das Gedicht notiert, aber bis heute nicht entschlüsselt habe. Ich muss gelegentlich mal nachschauen, ob ich dieses Klassenheft zurückbekommen habe, einige habe ich noch, und meiner Interpretationin einer anderen Arbeit, von Georg Trakl, dem Lieblingslyriker meines Deutschlehrers von damals, bräuchte ich heute nichts mehr hinzuzufügen....

    Natürlich las ich dann alles mögliche von der Verteidigung der Wölfe bis zum Verhör in Habana, Essays, Kursbücher, dokumentarische Romane und Hörspiele, sogar die Dramenübersetzungen und noch manches mehr von Hans Magnus Enzensberger. Ich habe sogar mal vergebens versucht, ihm zu schreiben, es ging um einen gemeinsamen Lieblingsschriftsteller, aber was ich damals schrieb, das kam nie an, so mein Eindruck. - Das Buch Gedichie 1955-1970 (damals konnte ich mir nur Taschenbücehr leisten) hab ich noch, auf dem Cover ist so ein barockes Gekritzel "Wer Weiß Obs Waar ist" steht da, und barock muteten mich auch viele Sachen von HME an. Beispielsweise der Briefwechsel mit Hannah Arendt, wo man gleich merkt, wer von beiden die intelligentere Karte spielt. So was wie diesen Briefwechsel gibt es heute in deutscher Sprache gar nicht mehr, so mein Eindruck. Bei Untergang der Titanic hörte ich dann langsam auf, da war der Zauber irgendwie weg. Heute schreib ich mir die Gedichte selbst, gut, nicht wie Trakl und Co., aber als ich vor einigen Jahren nochmal zwei Enzensbergerbücher geschenkt bekam (Danke, Kumpel!) fand ich darin, dass er alle möglichen Schüttelreime auf bekannte deutsche Schriftsteller der Gegenwartsliteratur gemacht hatte, nur fehlte sein eigener Name. Heute, zum 85. Geburtstag von Hans Magnus Enzensberger, soll diese Lücke endlich ausgefüllt werden, sein Name wird zum Schüttelreim und seine hartnäckige Weigerung, sich ans Steuer eines PKWs zu setzen, mit dem Griffel der Muse in den Parnaß eingemeißelt werden, voilà und tusch:

    Führerschein - zu Benzens Ärger -

    hat er nicht, der Enzensberger.


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