• Na, wer kann erraten, aus welchem Jahr die folgenden warnenden Worte stammen:

    Die Bewohner ...s  waren vielfach fanatische Anhänger ...s. Es liegt schon etwas Unnatürliches darin, daß rheinische Menschen aus ihrer Heimat weichen müssen, um landesfremden Flüchtlingen eine Heimat zu ermöglichen. Bei aller Menschlichkeit und allem Mitgefühl für die aus ... einströmenden Massen darf die Gefahr nicht übersehen werden, die dem Rheinlande durch eine Überfremdung infolge dieses Zuzuges völlig stammes- und wesensfremder Menschen droht. Es muß vor allem vorgesorgt werden, daß die ‚Herrenkaste‘ des ... sich nicht der Schlüsselstellungen im Rheinlande bemächtigt, wie dies schon in früheren Zeiten vorgekommen ist. Der nachgiebige, gemütvolle Rheinländer ist gegenüber dem härteren ....schen Menschen im allgemeinen zu weich, so daß er sich sehr leicht aus den führenden Stellen vertreiben läßt.

    Um das Rätsel gleich aufzulösen, es handelt sich um das Jahr 1945. Vor der Tür standen damals allerdings keine arabischstämmigen und mohammedgläubigen Muselmassen, auch keine Herrenkaste von Rumänenklans, sondern die liebenswert tüddelige schlesische Omma oder der olle Onkel aus Hinterpommern. In letztgenanntem Falle war er womöglich ein treuloser Anhänger des abtrünnigen Mönches aus Wittenberg, wo nicht gar Wiedertäufer oder Gottesleugner, weshalb schwerwiegende Glaubenskonflikte drohten:

    Eine besondere Gefahr liegt darin, daß die religiöse, kulturelle und politische Struktur des Regierungsbezirks grundlegend geändert wird... In konfessioneller Beziehung würde der katholische Charakter des Rheinlandes durch den Zuzug der meist protestantischen Ostdeutschen stark verwässert werden, was angesichts unseres Verhältnisses zu dem überwiegend katholischen Frankreich höchst unerwünscht wäre, weil die Übereinstimmung beider Teile in der Konfession für die Zusammenarbeit in kultureller Beziehung ungemein wichtig ist.

    Der Frühzeit der späteren Bonner Republik muss man allerdings zugute halten, dass der Autor dieser xenophoben Äußerung ein Antinazi war, deshalb 7 Monate des Jahres 1933 im Knast verbracht hatte und 1945 von den Amerikanern zum Landrat ernannt, zwei Jahre später gar zum Ministerpräsidenten des Bundeslandes Rheinland-Pfalz gewählt wurde - und binnen wenigen Wochen zurücktrat, weil sein Text bekannt wurde. Das muss um die Zeit gewesen sein, als Arno Schmidt nach Alzey und Gau-Bickelheim kam und das Mobbing der guud katholschen Einheimischen gegen ihre mit dem nackten Leben davongekommenen Ost-Volksgenossen ziemlich zum Kotzen fand.

    Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, aber sagen wir's in einfachen, kurzen Worten: Mit wachsendem Behagen beobachten wir, wie Deutschland durch die legalen Unterwertverkäufe von Unterschriftstellern und titelgeblähte Pöbel-Anballungen unter rechtsdrehender Nationalgülle beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich daheim bleiben und solange keinen Namensmüll ins Internet streuen, bis die rechtsextreme Normalität unseres Landes am Stacheldrahtverhau unserer Verständnisgrenzen wiederhergestellt wird.


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  • Jetzt haben wir schon wieder Februar und große Dinge kündigen sich an - zufällig waren wir in dieser und der letzten Woche im Konzert und gehen bald wieder hin. Briefkästen zugesperrt wegen KarnevalDadurch hatte ich unvermutet einen Eindruck von den Vorbereitungen zu den Bacchanalien, die Köln als Event-Metropole in diesem wie in (gähn) allen andern Jahren ausrichtet. Urinal für den Kölner KarnevalEs ist schon irre, dass ausgerechnet ich, der ich am liebsten in mönchischer Abgeschiedenheit der Ruhe pflege und meiner philologischen Lieblingsbeschäftigung nachgehe, in einer angesagten Freiluftkneipe leben muss. Von dem Köln, wie ich das noch kannte und wo allenfalls mal am Weiberfastnacht morgens die ersten konstümierten Mädels auftauchten und am Aschermittwoch auch wirklich alles vorbei war, ist nicht mehr viel übrig. Bezechte Mitreisende in Bussen und Bahnen sind seit 11.11.2017 die Regel, und abends verwandelt sich die Altstadt in eine Hemba-Hemba-Zone, noch bevor die Stadtschlüssel an das närrische Prinzbauerjungfrau-Regime übergeben worden wären. Briefe einwerfen, die man lieben Bekannten schicken will? auf dem Heumarkt Fehlanzeige, schon letzte Woche und bis übernächste sind die Briefkästen zugesperrt, damit niemand Stimmungsbomben darin deponiert. Und die Brunnen,Vor der Flut Denkmäler etc. sind hinter hohen Brettern versteckt. Als ich vor einigen Monaten einer polnischen Studentin die Stadt zeigen wollte, das gleiche Bild, der Friedrich Wilhelm III. ist inzwischen nur noch selten ohne graffittifreundliche Holzkiste drumrum zu sehen, und ein nahes Herankommen unmöglich: Altstadtfeste, Soli-Konzerte für jeden mehr oder minder guten Zweck, Demos für und gegen alles mögliche, Schlittschuhbahn, Weihnachtsmärkte, Weinfestbuden, Kölschfestbuden, Jahrmarkt, was du willst, jedesmal wird alles verpackt wie von Christo und Jeanne-Claude persönlich. Diese Selbstbeauftragte für Denkmalschutz, die man in Zeitung, Film, Funk und Fernsehen andauernd den Zustand der Kölner Baudenkmäler beklagen hört (ich glaube, sie hat den sprechenden jagiello Chmielak-BierNachnamen "Schock") sollte mal ausrechnen, an wievielen Tagen von rund 365 im Jahr Friedrich Wilhelms III. Reiterstandbild überhaupt frei zugänglich ist. D. h. das Pferd kann man noch fast erkennen, nicht aber die interessanteren Seitentafeln mit den liberalen Musikern, darunter Mendelssohn und Meyerbeer, Dichtern, Historikern, Ingenieuren, Arbeitern und Wissenschaftlern. Dafür haben wir jetzt Mahnmäler anderer Art. Dass im Karneval eine gelbe, leicht schaumige Flüssigkeit in Hektoliterströmen rinnt, ist allgemein bekannt, aber ausnahmsweise ist jetzt mal nicht das Kölsch gemeint. Damit die schönen teuren Pflaster (Millionenmillarden hat eine Rheinspazierstraße gekostet) nicht verätzt und ausgegilbt werden, möbliert die Karnevalsverwaltung die schönsten Plätze mit Klo-Wagen und blauen Dixiesärgen. Aber halt, was ist dies? eine neue Art Brunnen, wo die alten doch versiegt und eingekistet sind? Offenbar handelt es sich um ein zum Längenvergleich anregendes Urinal, das man zu viert (!) gleichzeitig bdixiklos vor der Philharmonieenutzen kann, na, wenn das nicht abführt! - Mach in Köln eine Eisdiele, ein Schnellrestaurant mit Sitzgelegenheit (und nicht nur so eine nach oben offene Dönerbude wie der Lukas Podolski, die mit endlosen Warteschlangen von der ungebrochenen Beliebtheit des ehemaligen FC-Balltreters zeugt) oder eine Galerie mit Teestube auf, egal, es kommt das Ordnungsamt und misst nach - nicht deinen Zapfhahn als Gastwirt, bewahre, aber den Abstand zwischen den Pissrinnen im Keramiktrakt, und wehe das sind unter soundsoviel komma soundsoviel Zentimeter. Dann muss die Eröffnung verschoben werden, und nicht nur die des Hosenstalls! Dann machen sie dir die Bude dicht! Nicht so diese Urinale, die haben ja nicht mal diskrete Sichtblenden an den Seiten, und zum Händewaschen ist weit und breit nichts zu finden, also vorsicht, lieber keine "Kamellen" annehmen,podolskis dönerbude die von fremden Händen ausgewickelt wurden. Grundsätzlich waren aber die Konzerte sehr gut, auch wenn das Dixi-Sperrgut an der Philharmonie besonders dicht aufgestellt ist. Vorige Woche war das WDR-Sinfonieorchester, dirigiert von Marek Janowski, mit der Alpensinfonie von Richard Strauss dran, die mir aber zu dick aufgetragen war, Hörnertröten und Sonnenaufgang und Gewittersturm (inklusive künstlichem Theaterdonner wie von Franz Hohler), was mir nicht imponiert, wenn schon Tonmalerei, gefällt mir mehr Also sprach Zarathustra vom selben Komponisten, von dem alle immer nur das Pam-pam-pam kennen wegen Stanley Kubrick und 2001 - Odyssee im Weltraum, aber das geht noch weiter und die Fortsetzung ist viel besser. WC-Wagen in der AltstadtrJetzt war also der Abend mit B, B und B, nämlich Sinfoniekonzerte von Boulez, Beethoven und Bartók, und das letztere war ein tolles fünfsätziges Werk, das der in ärmlichen Verhältnissen im US-Exil lebende Béla Vor der FlutBartók vom Bostoner Sinfonieorchester 1944 uraufführen ließ, kurz bevor er an Leukämie verstarb. Der zweite Satz ist ein Scherzando, der dritte eine elegische Trauermusik, die wirklich ergreift, und zwischendurch schlägt der eine von den Trommlern den Kriegstakt vor und man ahnt schon, das geht nicht gut. - Aber auch Beethoven, Konzert Nr. 2 für Klavier und Orchester, das wie die Dauerwurst in zwei Brötchenhälften gebettet lag (damit keiner vor der Pause wegläuft, wie man sich denken kann) ließ sich hören. Das Gürzenichorchester, der Gürzenich ist ja bei uns so eine Art Volkskammer oder Palast der Republik, die Kölner nennen es ihre "gute Stube", hier hat sich der erste Arbeiterverein im Frühjahr 1848 gegründet usw. und vor diesem Parlament trat jetzt Son Altesse Roi François Xavier I., der mit dem Bleistift dirigiert, und als Flügeladjutant sein Governor Grosvenor auf, der beherzt in die Klaviatur griff, nicht übel, hat uns gefallen. Seine Zugabe hat ihm allerdings geschadet, das war so der publikumsübliche Kitsch, vorher ließ er die Töne viel klarer und einzeln erkennbar herunterrieseln, das Zugabending dagegen "schmelzend" wie von Geigen geschluchzt, nein danke. Normalerweise breche ich schon beim zweiten Applaus auf, damit ich nicht den schönen Eindruck im Ohr verdorben habe durch Zugabe nach dem dritten. und die Kölner sind sowieso klatschgeil und woillen eine Zugabe nach der andern erbetteln, noch schlimmer wenn der WDR überträgt, dann brüllen und grölen sie noch, damit sie im Radio späteJan-und_Grief_Brunnenr stolz sagen können, hörst du, das war ich! (echt wahr, das hat uns mal ein entfernter Verwandter gesagt, er gehe grade deshalb nur in Konzerte des Radiosinfonieorchesters!) Das Gürzenich-Orchester spielt am Sonntag den 18.2. wieder, wenn Gastdirigent Nicholas Collon meine Lieblingsstücke in Szene setzt, und zwar auf der Hitliste Platz drei ist Prélude à l'après-midi d'un faune von Debussy, Flöte solo, hab ich mal mühsam einstudiert - allerdings dann doch bar jeden Erfolges auf der Querflöte ("zum Teufel erst das Instrument, zum Teufel hinterdrein den Sänger"), dann Platz zwei, Reiterdenkmalvon Györgi Ligeti Atmosphères (1961), das ebenfalls aus Stanley Kubrick's 2001 bekannt ist - die Szene wo der Computer HAL schon durchgedreht ist und der Astronaut am Schluss so eine Art Vision seines  rückwärts abgespulten Lebens hat, bis er wieder zum Embryo vor der Weltkugel mutiert, und  schließlich und alles überragend Platz 1, tusch!, Maurice Ravels Daphnis et Chloé, das erste Klassik-Werk, von dem ich per Radio hörte u. vollkommen verzückt war (mit zehn oder elf, ich bekam die LP mit Ernest Ansermet und Orchestre de la Suisse romande). Sie spielen hier nur die 2. Suite und ohne Ballett, aber das macht nichts, ist auch konzertant schön. Außerdem noch das Liebestod-Dingens von Isolde-Tristan, Wagner, und nochmal Bartók, kann nicht schaden, aber das alles ist gottlob erst nach Karneval und bis dahin, hoffe ich, sind die Urinale wieder weitgehend zurückgebaut und die Stadt - von Baustellen abgesehen - nicht mehr das mit Brettern vernagelte Ende der Welt.


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  • Grade blättere ich im hiesigen Lokalblatt, da springt mir die Todesanzeige für einen netten akademischen Lehrer entgegen: Gabriel Jüssen starb den 3. Januar mit 81 Jahren, Akademischer Rat (kein Prof oder so) am Philosophischen Seminar B der Uni Bonn. Seinen Kurs über "Praktische Philosophie - Ethik" hatte ich als Einführungsveranstaltung fürs obligate "Begleitstudium" vor nunmehr 40 Jahren belegt, und ich glaube auch noch eine Art philosophische Lektüreübung über Descartes - war es so? Ich denke; also bin ich (nicht ganz sicher). Brambachs-Grab für Sängertourneeplakat eines liedermachersMir ist's jedenfalls noch gegenwärtig, wie gern ich seine Kurse besucht habe, grade weil dem Lehrer jeder akademische Hochmut fehlte und die Studierenden bei ihm ungescheut reden und fragen konnten, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, ohne von älteren Semestern mit Allerweltsweisheiten gedemütigt und zum Schweigen gebracht zu werden ("aber Schleiermacher hat das religiöse Erleben doch sehr zentral gesetzt, mein Lieber!"; diesen herablassenden Spruch eines Conoisseurs hörte ich mal anderen Orts und in einem viel, viel späteren Seminar, da war ich schon weit über dreißig). Aber bei Jüssen kam ich, noch grün hinter den Ohren, zur Vereinbarung eines Referatthemas in die Sprechstunde und hörte zu meiner Verblüffung, dass er mich nach meinem Künstlernamen fragte - "ob ich mit demunddem Liedermacher irgendwie verwandt sei"? Etwas beschämt wie immer, wenn man meine Jugendsünden kennt, gab ich zu, ja, ich bin das selber, und zwar zur Gitarre mit eigenen Texten. Vermute mal, er hatte den Namen gelesen, weil ich einige Zeit vorher für eine psychiatrische Jugendhilfeeinrichtung in Bonn ein Benefiz-Konzert gegeben hatte, zum Besten dieser Teestube. Ich erinnere mich, mit einem Lied von Ralf Huwendiek bei einem Pärchen sehr gut angekommen zu sein, das Lied behandelte einen Flipperspieler, und der Junge von dem Pärchen war irgendwie spielsüchtig. Nun ergoogele ich, dass AOR Jüssen selbst gesungen hat, und zwar im Männerchor von Metternich-Weilerswist, und für die 50jährige Mitgliedschaft 2011 sogar eine Ehrung bekam. Vielleicht hat er sich deshalb für mein künstlerisches alter ego interessiert, von dem ich mich doch grade ein wenig verabschieden wollte, um "erwachsen" und ein toller Student zu werden, heißemagister, heißedoktorgar!, einer, der nächtelang in verrauchten Bibliothekszimmern herumsitzt (das Rauchen war, glaubt es oder nicht, noch ganz lange in der Germanistischen Seminarbibliothek erlaubt!) und versucht, "die anderen Intellektuellen auszuintellektualisieren" (Fritz the Cat). Ich hab es dann redlich versucht die nächsten Jahre, und gelernt und gelesen und geschrieben was das Zeug hält, die Gitarre ist eher untätig geblieben, aber manchmal hab ich sie doch noch herausgeholt und dies und jenes Konzert gegeben. Aber ein gescheiter Beruf wurde weder aus der einen, noch aus der anderen Tätigkeit, ich musste mich mit allem möglichen durchmogeln und das ist mir (Stichwort praktische Philosophie / Ethik) ja auf Silhouette von Bloßfeld, Gitarrenprügelei einigermaßen legale und nach meinen Begriffen geistig unkorrumpierte Weise gelungen, bisher. Andere sind Professor, Pfarrer, Bischof geworden, aber Jüssen hat sich mit dem Lehren beschieden. Morgen werden in Metternich-Weilerswist die "Rosenkranz-Exequien" gebetet (habe ich schon gesagt, dass das Philosophische Seminar B so eine katholische Sonderabspaltung infolge der preußischen Gründung der Universität Bonn war, um auch katholisch gesonnene Einheimische zu guten preußischen Verwaltungsbeamten auszubilden? die machen viel mit Thomas von Aquin und Co., von dem Gabriel Jüssen auch einige Disputationes übersetzt hat: " Ist das Lehren eine Tätigkeit des praktischen oder kontemplativen Lebens?" - Vita activa, natürlich, nach thomistischer Einsicht, auch wenn man es noch bei nachlassenden Körperkräften ausüben kann). Übermorgen wird er beerdigt. Immer wieder mal hatte ich an ihn gedacht, den netten, an meinem Liedermachergedöns so freundlich interessierten Dozenten.


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  • Gestern liefen doch glatt zwei Demonstrant(inn?)en durch die Tagesschau, habt ihr's gesehen? Gut, kommt öfters vor, Hamburger Krawalle, aber diese zwei waren noch gar nicht '"dran" in den Nachrichten. Offenbar fand eine Hintergrunddemo zur Berichterstattung aus Berlin (Sondierungen) statt, und die vom ARD-Team unbemerkten Vermummten erfreuten sich der Medienpräsenz, zogen ihr Transparent voll auf uschnoerkel ueber der Kuhnd enthülten so vor Pantoffelkinopublikum ihren draufgepinselten Slogan TIERRECHTE IST DEMOKRATIE. Geht's noch? Teddy mit MilchkanneSondierungsgespräche ist Peta für Pelzhändler, Opposition sind Mist und was wollen Koalition? ubi liber grammaticus, hic sunt leones, wie? Schlimmer noch die Apfelsinen im Haar, die jetzt andauernd zitiert werden, wo France Gall, die Lieblingssängerin meiner Kindheit, leider gestorben ist. Diese Görenstimme mochte ich, noch bevor ich an so etwas Seltsames wie Sex dachte, von den Texten, die ich erst viel, viel später zur Kenntnis nahm, abgesehen. Und dass Singen auch sowas wie geschützter Oralverkehr ist, direkt vom Mund in die Ohren (Janis Joplin wäre am 19. Januar 75 geworden), war mir völlig unbekannt. Auch schön, sofern man keine ganz so stramme Banane an der Hüfte hat wie Roswitha, von der die modische Welt nächstes Jahr trägt, was ihr gefällt. Aber eigentlich wollte ich über Milchkühe sprechen. Bei einer kürzlich absolvierten Eisenbahnfahrt durch Norddeutschland ist mir aufgefallen, wie über den Kuhweiden in den Emsmooren seit neuestem schnörkelige Drohnen in der Luft schweben, von denen die Milchwirtschaft merkwürdige Etiketten herabbaumeln lässt, ganz so wie Preisschildchen, es steht aber nur Gutes drauf: Eine Silhouette der Kuh (vielleicht ist das sowas wie ihr Personalausweis) und die Bestätigung des Orthopäden, dass diese Kuh, obgleich sie sich dauernd nach dem Futter bückt, keine Haltungsschäden hat. Es gibt ja auch Schafe, deren Etiketten von Fahnenstangen baumeln, wenn sie grade nichts anderes auf ihren fliegenden Bestsellern zu tun haben und gemütlich lesen können, worauf sie grade Platz genommen haben (das Umblättern stell ich mir "on air" etwas Puppenhaus in Stein am Rhein Museumunpraktisch vor). Und jetzt achten Sie bitte mal auf den medialen Paradigmenwechsel in der Verpackungsindustrie. Die sieben Siegel, die da vorn raushängen, sind die Vorläufer der sog. "Marke", wie sie z. B. von putzigen Teddys auf Milchkannen ihrer Molkerei geklebt werden. Frischesiegel, Ökowapperl, grüner Punkt & Co: Man pappt man drauf, sie müssen nicht wie Etiketten irgendwo dranmontiert werden. In dem Alter, in dem ich erstmals France Gall singen hörte und singend imitierte, glaubte ich noch, diese Teddykolonie gäbe es irgendwo im AllgäLammrücken und Buchrückenu, so wie mir die katholische Kirche auch das Schicksal der fliegenden Schafe, des Damwilds (Hirsche mit Kreuzen im Geweih) und der vor ihrer Brut ausblutenden Pelikane glaubhaft ans Herz legte. Kein Wunder, dass ich Peta-Aktivist wurde. Einer von den bepelzten Michbauern aus dem Allgäu, wie er hieß, weiß ich nicht mehr (Meister Petz?) war mir sogar zugelaufen. Klar, man hätte mir - so genderspezifisch war mein Spielzeug nicht, ich hatte als Junge auch eine Puppenküche - eine France-Gall-Barbie in den Arm legen können, aber das wäre längst nicht Roswitha und Janis - zwei Apfelsinen im Haarso kuschelig gewesen. Oder besser eine Janis aus Plüsch, die mit Görenstimme "Cowme an, uh cowme an" etc. ruft, wenn man sie nach vorn beugt (hihi), mit mehr Tiefenschärfe in der Basslinie, als die poupée de cire, poupée de sang aufbrachte. Mehr wie das "Gemuhe einer dunkelen Kuh" (hab ich so mal bei Rilke gelesen, reimt sich am angegebenen Ort überdies auch noch auf "Getue"). Kühe sind auch nicht grade kuschelig, aber sie lehren buddhistische Gelassenheit. Was scheren sie sich um Etikette, die über ihnen baumeln. Aber Landwirtschaft zum Anfassen, Ackerbau und Viehzucht als ein Streichelzoo mit milchkannenschleppenden Teddies, davon träumt vielleicht der Peta-Aktivist? Sehe ich da einen Pelzmantel auf dem Puppenhausbild Mitte rechts? Auch Teddies haben ein Recht auf Faulheit und den in Faulpelz verhüllten Tiermord trägt man nicht spazieren! Andererseits, in der Landwirtschaft ist nicht alles angenehm zum Anfassen, selbst wenn man es einsammeln oder auf die Felder ausbringen muss, und sofern die Landwirtschaft Nahrungsmittel produziert, möchte ich, dass diese nicht von allzu vielen angefasst werden. Ich will das ja womöglich noch essen. Und die traurige Wahrheit ist, douce France, chère voix de mon enfance, im Teddie-Alter mal mein Kinderschwarm, war fünf Jahre jünger als die nur 27 Jahre alt gewordene Janis Joplin, und starb nun mit 70.


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  • Nicht viele von uns werden einst so ein Begräbnis haben wie das, dem ich heute leider beiwohnte. Ein Freund, oder besser der Mann einer guten Freundin von mir, die ich seit meiner Zivildienstzeit 1976 kenne, ist am 21.12., knapp vor Weihnachten gestorben. Wir hatten noch ahnungslos Jahreswechselgrüße hingeschickt. Klaus der Geiger und ein GitarristEr war Neurologe und das Paar war sehr engagiert; sie hatten es auch mit der Kölner Musikszene; bei einer Party meiner Bekannten hab ich zum ersten Mal die "Black Fööß" gehört (während ich Rio Reisers Röhren erstmals bei Imogen vernahm, damals chancenlose Bundestagskandidatin für die trotzkistische Partei: "Keene Macht vor niemand!") - die Kontakte waren, anders als bei den Trotzkisten, Maojüngern und Buddhisten, mit denen ich verkehrte, nie ganz eingeschlafen, und bei einer kleinen Ausstellung meiner Frau, die meine Zivildienst-Bekannte besuchte, lernten wir auch den Verstorbenen kennen, der uns Schokolade mitbrachte, und das damit begründete, er tue das immer, weil er als Nachkriegs-Kind (1937 geboren) mal von Nachbarn Schokolade geschenkt kriegte und ihn das zeitlebens nicht losgelassen hat. Klaus der G. auf der Trauerfeier für Klaus B.Nun ruhe er in Frieden. Vor der Kapelle auf Melaten versammelten sich die schon bejahrten Gestalten verschiedener engagierter Gruppen, meine arme Freundin weinte und weinte, es war herzzerreißend, aber sie freute sich doch über jeden, der bei dem Sauwetter gekommen war. Bei der Trauerfeier spielte Klaus der Geiger mit einem ausgezeichneten Gitarristen drei Sachen, darunter ein Lied "Das Leben ist schön" (bei schlechter Akustik kaum verständlich) und das neulich hier so oft zitierte Scarborough Fair - perfekt begleitet , eröffnet mit Flageolet-Tönen, eigentlich war der Geigenschmus drumherum, vom Straßenmusikanten ungewohnt,  fast unnötig, aber auch nicht störend. Die Predigt, besser Trauerrede (gespickt mit Intellektuellen-Zitaten von Umberto Eco, Barbara Tuchman, Jacques LeGoff, Statistitiken über Sternenferne und Anzahl der Hirnzellen geteilt durch neuronale Netze), hielt der eigentlich als linker Leutpriester beliebte Pfarrer Meurer, der zuvor eine Joseph-Beuys-Postkarte mit der Aufschrift Mensch verteilt hatte. Übrigens kommt dieser Meurer aus derselben Siedlung wie ich und hat so ein, zwei Jahre vor mir Abitur am selben Gymnasium gemacht, während sein Arbeitgeber, der Erzbischof mit dem Rilkesken Vornamen, ebenda aufgewachsen ist und am selben Gymnasium ein, zwei Jahre nach mir Abitur machte. Schade eigentlich, dass ich die Grundausbildung (Vaterunser auf Latein auswendig lernen) zum Ministranten bei dem etwas zudringlichen Kaplan abgebrochen habe, ich hätte es in der alleinseligmachenden Mutter Kirche womöglich noch weit bringen können! - Statt dessen wurde ich erfolgloser Dachbodendichter, und dichter Dauerregen setzte beerdigungsgerecht ein, als der Zug sich in Bewegung setzte und dem Sarg hinterherschlurfte bis zu dem unumgänglichen Erdloch, in welches vom Pfarrer Weihwasser, ein Schäufelchen Torferde und Blüten geworfen wurden, letzteres wiederholten die übrigen Trauergäste. Ich stand am Grubenrand so ziemlich als letzter, barhäuptig im Pladderregen, und entschloss mich dann, die Karte mit der Aufschrift Mensch hinterhersegeln zu lassen. Da lag sie, Vorderseite nach oben, ein schwarzes Viereck inmitten der Blumen. Denn als Kaminsims-Andenken an den lieben Bekannten ist mir die Kunstpostkarte dann doch zu artifiziell und um die Ecke gedacht (tut mir leid, liebe Crossposter), ich lege meine Andenken dafür hier nieder.

    Wachsbild vom SylvesterwachsgießenUm aber zum Jahresauftakt so trübe nicht zu enden, hier noch ein Wahrsagerätsel aus der Sylvesternacht. Bleigießen, so musste ich mich belehren lassen, ist igittibäh, giftig und outdated. Wachsbild vom SylvesterwachsgießenDie umweltverträgliche Alternative der Klimawandelära ist: Wachsgießen. Kein Wunder, dass bei meiner Frau eine echt künstlerische Form (links) herausgekommen ist, während ich nur Hudel zustande kriege. Man soll ja angeblich die Zukunft aus dem im Wasserbad erkalteten Schmelzklumpen lesen, bei mir (rechts) kann ich da allenfalls auf ein Männlein mit Stiefeln tippen, einen leicht angegammelten Ötzi mit verlorengegangenem Kriegshackebeilchen. Das von meiner Frau identifizierten wir anfangs als "Baum", schön in Blumenkohlmanier gemalt, jetzt denke ich immer mehr, es ist das 19. Jahrhundert-Medaillon einer Frau mit Lockenkranz (Dutt?) von hinten. Jedenfalls bezaubernd schön, mysteriös, phantasiestiftend, und giftiges Blei liegt jetzt nicht mehr bröselnd herum, dafür klebriges Wachs.


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