• Grade höre ich im Radio, dass Claude Lanzmann gestorben ist. Was soll man über ihn sagen oder ihm "nachrühmen", das nicht längst gesagt ist - dass er das Schweigen gebrochen, das Unfassbare ansehbar gemacht hat - ich wußte ja alles vorher, hatte viel darüber gelesen, aber ich hab's nicht wirklich erfasst. Das gilt auch für einen der letzten, unbekannteren Filme, von der Frau, die in Wieliczka eine Erschießung erlebt hat und noch berichten konnte, oder den langen Film über Benjamin Murmelstein, der mich durch Theresienstadt führte, immer im Kreis, ein wichtiger Nachtrag zu "Shoah", wo das nicht mehr hineinpasste. Auch da konnte ich mehr von dem sehen und erfassen, was ich vorher nur in Statistiken und Zahlen wusste. Lanzmann war nicht so ein netter Onkel oder Opa wie diejenigen, die in Deutschland vorfindlich sind, im Alter glich er immer mehr einem alternden Bären, allerdings keinem Teddy, eher einem griesgrämigen Grizzly, den man nicht im Arm haben will. Er  hat ja auch einen Ehrenbären auf der "Berlinale" gekriegt (oder aufgebunden bekommen). - Und sich nochmal voller Wut in einer Polemik über das Adlon und andere schicke teure Hotels geäußert, in deren Telefonverzeichnissen unter "Auslands-Vorwahlen" die israelische fehlt, weil man es sich nicht mit den lukrativen Kunden aus arabischen Ländern verscherzen wollte, die von 'Israel' nichts wissen wollen. Der Adlon-Hotelchef hat sofort versichert, das werde geändert, die Telefonverzeichnisse werden neu gedruckt. Man sollte mal da absteigen und nachschauen, ob man jetzt die Vorwahl von Israel nachschlagen kann im Adlon-Telefonguide. Aber vielleicht lassen sie jetzt wieder die alten Verzeichnisse ausliegen. Claude Lanzmann passt nicht mehr darauf auf. Und ich bin nicht auf der Berlinale und werde da bestimmt nicht einquartiert. Adieu, Claude, bon oncle, ours d'honneur méchant!

    Ein ours d'onneur

     


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  • "Die, die die, die die Dithyramben

    Einst erfunden und die Jamben,

    Nicht dem Namen nach gekannt,

    Mögen es beim Flacchus lesen,

    Daß es sei Archilochus gewesen,

    der aus Wuth den Jambus einst erfand.“

    A Münde in Der Gesellschafter, Jahrgang 1836, Mai

     Ich weiß, in der koprophilen Nachwende-, Titanic- und Heute-Show-Ära lachen alle nur über den Namen Archilochus und denken, ich hätte den erfunden. Er hatte den 9 Musen mal eine Kuh verkauft, und das führte dazu, dass er ziemlich ungläubig und unwillig unter die Dichter ging. Er erfand daraufhin das Schmähgedicht, das erst in diesem Jahr Eingang in den DUDEN fand, die stets über jeden aktuellen, in der neuesten Auflage zu verewigenden Sprach-Quatsch informierte Redaktion hatte offenbar nach verkaufssteigernden Aktualitäten gesucht und einer von denen hörte vom Fall Böhmermann, so kam es zu der Kenntnis und Auflistung. Bekannt sein dürfte, dass die Brieder Grümm ihr Wörterbuch in sehr viel langsameren Etappen veröffentlichten und nie "fertig" nannten - als Wilhelm Grimm starb, war grade der Band A bis Biermolke erschienen, und schon damals wußte kein Mensch mehr, was Biermolke eigentlich war, so eine Art Brottrunk -, und im Manuskript war Jakob Grimm grade mal bis "Frucht" gekommen, als er das Zeitliche segnete. Einzelne Lieferungen, das war die Erscheinungsweise, nicht immer wieder erneuernde Auflagen. Halt, bis G wurde auch noch eine neue Auflage in Anspruch genommen, dann aber von der Akademie der Wissenschaften unterlassen, weil die Finanzierung fehlte.

    (Der eigentliche Gag an dem Gedicht ist, dass es alles keine Jamben, sondern Trochäen sind, aber da habt ihr ja eh gemerkt, oder?)


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  • Na, wer kann erraten, aus welchem Jahr die folgenden warnenden Worte stammen:

    Die Bewohner ...s  waren vielfach fanatische Anhänger ...s. Es liegt schon etwas Unnatürliches darin, daß rheinische Menschen aus ihrer Heimat weichen müssen, um landesfremden Flüchtlingen eine Heimat zu ermöglichen. Bei aller Menschlichkeit und allem Mitgefühl für die aus ... einströmenden Massen darf die Gefahr nicht übersehen werden, die dem Rheinlande durch eine Überfremdung infolge dieses Zuzuges völlig stammes- und wesensfremder Menschen droht. Es muß vor allem vorgesorgt werden, daß die ‚Herrenkaste‘ des ... sich nicht der Schlüsselstellungen im Rheinlande bemächtigt, wie dies schon in früheren Zeiten vorgekommen ist. Der nachgiebige, gemütvolle Rheinländer ist gegenüber dem härteren ....schen Menschen im allgemeinen zu weich, so daß er sich sehr leicht aus den führenden Stellen vertreiben läßt.

    Um das Rätsel gleich aufzulösen, es handelt sich um das Jahr 1945. Vor der Tür standen damals allerdings keine arabischstämmigen und mohammedgläubigen Muselmassen, auch keine Herrenkaste von Rumänenklans, sondern die liebenswert tüddelige schlesische Omma oder der olle Onkel aus Hinterpommern. In letztgenanntem Falle war er womöglich ein treuloser Anhänger des abtrünnigen Mönches aus Wittenberg, wo nicht gar Wiedertäufer oder Gottesleugner, weshalb schwerwiegende Glaubenskonflikte drohten:

    Eine besondere Gefahr liegt darin, daß die religiöse, kulturelle und politische Struktur des Regierungsbezirks grundlegend geändert wird... In konfessioneller Beziehung würde der katholische Charakter des Rheinlandes durch den Zuzug der meist protestantischen Ostdeutschen stark verwässert werden, was angesichts unseres Verhältnisses zu dem überwiegend katholischen Frankreich höchst unerwünscht wäre, weil die Übereinstimmung beider Teile in der Konfession für die Zusammenarbeit in kultureller Beziehung ungemein wichtig ist.

    Der Frühzeit der späteren Bonner Republik muss man allerdings zugute halten, dass der Autor dieser xenophoben Äußerung ein Antinazi war, deshalb 7 Monate des Jahres 1933 im Knast verbracht hatte und 1945 von den Amerikanern zum Landrat ernannt, zwei Jahre später gar zum Ministerpräsidenten des Bundeslandes Rheinland-Pfalz gewählt wurde - und binnen wenigen Wochen zurücktrat, weil sein Text bekannt wurde. Das muss um die Zeit gewesen sein, als Arno Schmidt nach Alzey und Gau-Bickelheim kam und das Mobbing der guud katholschen Einheimischen gegen ihre mit dem nackten Leben davongekommenen Ost-Volksgenossen ziemlich zum Kotzen fand.

    Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, aber sagen wir's in einfachen, kurzen Worten: Mit wachsendem Behagen beobachten wir, wie Deutschland durch die legalen Unterwertverkäufe von Unterschriftstellern und titelgeblähte Pöbel-Anballungen unter rechtsdrehender Nationalgülle beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich daheim bleiben und solange keinen Namensmüll ins Internet streuen, bis die rechtsextreme Normalität unseres Landes am Stacheldrahtverhau unserer Verständnisgrenzen wiederhergestellt wird.


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  • Jetzt haben wir schon wieder Februar und große Dinge kündigen sich an - zufällig waren wir in dieser und der letzten Woche im Konzert und gehen bald wieder hin. Briefkästen zugesperrt wegen KarnevalDadurch hatte ich unvermutet einen Eindruck von den Vorbereitungen zu den Bacchanalien, die Köln als Event-Metropole in diesem wie in (gähn) allen andern Jahren ausrichtet. Urinal für den Kölner KarnevalEs ist schon irre, dass ausgerechnet ich, der ich am liebsten in mönchischer Abgeschiedenheit der Ruhe pflege und meiner philologischen Lieblingsbeschäftigung nachgehe, in einer angesagten Freiluftkneipe leben muss. Von dem Köln, wie ich das noch kannte und wo allenfalls mal am Weiberfastnacht morgens die ersten konstümierten Mädels auftauchten und am Aschermittwoch auch wirklich alles vorbei war, ist nicht mehr viel übrig. Bezechte Mitreisende in Bussen und Bahnen sind seit 11.11.2017 die Regel, und abends verwandelt sich die Altstadt in eine Hemba-Hemba-Zone, noch bevor die Stadtschlüssel an das närrische Prinzbauerjungfrau-Regime übergeben worden wären. Briefe einwerfen, die man lieben Bekannten schicken will? auf dem Heumarkt Fehlanzeige, schon letzte Woche und bis übernächste sind die Briefkästen zugesperrt, damit niemand Stimmungsbomben darin deponiert. Und die Brunnen,Vor der Flut Denkmäler etc. sind hinter hohen Brettern versteckt. Als ich vor einigen Monaten einer polnischen Studentin die Stadt zeigen wollte, das gleiche Bild, der Friedrich Wilhelm III. ist inzwischen nur noch selten ohne graffittifreundliche Holzkiste drumrum zu sehen, und ein nahes Herankommen unmöglich: Altstadtfeste, Soli-Konzerte für jeden mehr oder minder guten Zweck, Demos für und gegen alles mögliche, Schlittschuhbahn, Weihnachtsmärkte, Weinfestbuden, Kölschfestbuden, Jahrmarkt, was du willst, jedesmal wird alles verpackt wie von Christo und Jeanne-Claude persönlich. Diese Selbstbeauftragte für Denkmalschutz, die man in Zeitung, Film, Funk und Fernsehen andauernd den Zustand der Kölner Baudenkmäler beklagen hört (ich glaube, sie hat den sprechenden jagiello Chmielak-BierNachnamen "Schock") sollte mal ausrechnen, an wievielen Tagen von rund 365 im Jahr Friedrich Wilhelms III. Reiterstandbild überhaupt frei zugänglich ist. D. h. das Pferd kann man noch fast erkennen, nicht aber die interessanteren Seitentafeln mit den liberalen Musikern, darunter Mendelssohn und Meyerbeer, Dichtern, Historikern, Ingenieuren, Arbeitern und Wissenschaftlern. Dafür haben wir jetzt Mahnmäler anderer Art. Dass im Karneval eine gelbe, leicht schaumige Flüssigkeit in Hektoliterströmen rinnt, ist allgemein bekannt, aber ausnahmsweise ist jetzt mal nicht das Kölsch gemeint. Damit die schönen teuren Pflaster (Millionenmillarden hat eine Rheinspazierstraße gekostet) nicht verätzt und ausgegilbt werden, möbliert die Karnevalsverwaltung die schönsten Plätze mit Klo-Wagen und blauen Dixiesärgen. Aber halt, was ist dies? eine neue Art Brunnen, wo die alten doch versiegt und eingekistet sind? Offenbar handelt es sich um ein zum Längenvergleich anregendes Urinal, das man zu viert (!) gleichzeitig bdixiklos vor der Philharmonieenutzen kann, na, wenn das nicht abführt! - Mach in Köln eine Eisdiele, ein Schnellrestaurant mit Sitzgelegenheit (und nicht nur so eine nach oben offene Dönerbude wie der Lukas Podolski, die mit endlosen Warteschlangen von der ungebrochenen Beliebtheit des ehemaligen FC-Balltreters zeugt) oder eine Galerie mit Teestube auf, egal, es kommt das Ordnungsamt und misst nach - nicht deinen Zapfhahn als Gastwirt, bewahre, aber den Abstand zwischen den Pissrinnen im Keramiktrakt, und wehe das sind unter soundsoviel komma soundsoviel Zentimeter. Dann muss die Eröffnung verschoben werden, und nicht nur die des Hosenstalls! Dann machen sie dir die Bude dicht! Nicht so diese Urinale, die haben ja nicht mal diskrete Sichtblenden an den Seiten, und zum Händewaschen ist weit und breit nichts zu finden, also vorsicht, lieber keine "Kamellen" annehmen,podolskis dönerbude die von fremden Händen ausgewickelt wurden. Grundsätzlich waren aber die Konzerte sehr gut, auch wenn das Dixi-Sperrgut an der Philharmonie besonders dicht aufgestellt ist. Vorige Woche war das WDR-Sinfonieorchester, dirigiert von Marek Janowski, mit der Alpensinfonie von Richard Strauss dran, die mir aber zu dick aufgetragen war, Hörnertröten und Sonnenaufgang und Gewittersturm (inklusive künstlichem Theaterdonner wie von Franz Hohler), was mir nicht imponiert, wenn schon Tonmalerei, gefällt mir mehr Also sprach Zarathustra vom selben Komponisten, von dem alle immer nur das Pam-pam-pam kennen wegen Stanley Kubrick und 2001 - Odyssee im Weltraum, aber das geht noch weiter und die Fortsetzung ist viel besser. WC-Wagen in der AltstadtrJetzt war also der Abend mit B, B und B, nämlich Sinfoniekonzerte von Boulez, Beethoven und Bartók, und das letztere war ein tolles fünfsätziges Werk, das der in ärmlichen Verhältnissen im US-Exil lebende Béla Vor der FlutBartók vom Bostoner Sinfonieorchester 1944 uraufführen ließ, kurz bevor er an Leukämie verstarb. Der zweite Satz ist ein Scherzando, der dritte eine elegische Trauermusik, die wirklich ergreift, und zwischendurch schlägt der eine von den Trommlern den Kriegstakt vor und man ahnt schon, das geht nicht gut. - Aber auch Beethoven, Konzert Nr. 2 für Klavier und Orchester, das wie die Dauerwurst in zwei Brötchenhälften gebettet lag (damit keiner vor der Pause wegläuft, wie man sich denken kann) ließ sich hören. Das Gürzenichorchester, der Gürzenich ist ja bei uns so eine Art Volkskammer oder Palast der Republik, die Kölner nennen es ihre "gute Stube", hier hat sich der erste Arbeiterverein im Frühjahr 1848 gegründet usw. und vor diesem Parlament trat jetzt Son Altesse Roi François Xavier I., der mit dem Bleistift dirigiert, und als Flügeladjutant sein Governor Grosvenor auf, der beherzt in die Klaviatur griff, nicht übel, hat uns gefallen. Seine Zugabe hat ihm allerdings geschadet, das war so der publikumsübliche Kitsch, vorher ließ er die Töne viel klarer und einzeln erkennbar herunterrieseln, das Zugabending dagegen "schmelzend" wie von Geigen geschluchzt, nein danke. Normalerweise breche ich schon beim zweiten Applaus auf, damit ich nicht den schönen Eindruck im Ohr verdorben habe durch Zugabe nach dem dritten. und die Kölner sind sowieso klatschgeil und woillen eine Zugabe nach der andern erbetteln, noch schlimmer wenn der WDR überträgt, dann brüllen und grölen sie noch, damit sie im Radio späteJan-und_Grief_Brunnenr stolz sagen können, hörst du, das war ich! (echt wahr, das hat uns mal ein entfernter Verwandter gesagt, er gehe grade deshalb nur in Konzerte des Radiosinfonieorchesters!) Das Gürzenich-Orchester spielt am Sonntag den 18.2. wieder, wenn Gastdirigent Nicholas Collon meine Lieblingsstücke in Szene setzt, und zwar auf der Hitliste Platz drei ist Prélude à l'après-midi d'un faune von Debussy, Flöte solo, hab ich mal mühsam einstudiert - allerdings dann doch bar jeden Erfolges auf der Querflöte ("zum Teufel erst das Instrument, zum Teufel hinterdrein den Sänger"), dann Platz zwei, Reiterdenkmalvon Györgi Ligeti Atmosphères (1961), das ebenfalls aus Stanley Kubrick's 2001 bekannt ist - die Szene wo der Computer HAL schon durchgedreht ist und der Astronaut am Schluss so eine Art Vision seines  rückwärts abgespulten Lebens hat, bis er wieder zum Embryo vor der Weltkugel mutiert, und  schließlich und alles überragend Platz 1, tusch!, Maurice Ravels Daphnis et Chloé, das erste Klassik-Werk, von dem ich per Radio hörte u. vollkommen verzückt war (mit zehn oder elf, ich bekam die LP mit Ernest Ansermet und Orchestre de la Suisse romande). Sie spielen hier nur die 2. Suite und ohne Ballett, aber das macht nichts, ist auch konzertant schön. Außerdem noch das Liebestod-Dingens von Isolde-Tristan, Wagner, und nochmal Bartók, kann nicht schaden, aber das alles ist gottlob erst nach Karneval und bis dahin, hoffe ich, sind die Urinale wieder weitgehend zurückgebaut und die Stadt - von Baustellen abgesehen - nicht mehr das mit Brettern vernagelte Ende der Welt.


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  • Grade blättere ich im hiesigen Lokalblatt, da springt mir die Todesanzeige für einen netten akademischen Lehrer entgegen: Gabriel Jüssen starb den 3. Januar mit 81 Jahren, Akademischer Rat (kein Prof oder so) am Philosophischen Seminar B der Uni Bonn. Seinen Kurs über "Praktische Philosophie - Ethik" hatte ich als Einführungsveranstaltung fürs obligate "Begleitstudium" vor nunmehr 40 Jahren belegt, und ich glaube auch noch eine Art philosophische Lektüreübung über Descartes - war es so? Ich denke; also bin ich (nicht ganz sicher). Brambachs-Grab für Sängertourneeplakat eines liedermachersMir ist's jedenfalls noch gegenwärtig, wie gern ich seine Kurse besucht habe, grade weil dem Lehrer jeder akademische Hochmut fehlte und die Studierenden bei ihm ungescheut reden und fragen konnten, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, ohne von älteren Semestern mit Allerweltsweisheiten gedemütigt und zum Schweigen gebracht zu werden ("aber Schleiermacher hat das religiöse Erleben doch sehr zentral gesetzt, mein Lieber!"; diesen herablassenden Spruch eines Conoisseurs hörte ich mal anderen Orts und in einem viel, viel späteren Seminar, da war ich schon weit über dreißig). Aber bei Jüssen kam ich, noch grün hinter den Ohren, zur Vereinbarung eines Referatthemas in die Sprechstunde und hörte zu meiner Verblüffung, dass er mich nach meinem Künstlernamen fragte - "ob ich mit demunddem Liedermacher irgendwie verwandt sei"? Etwas beschämt wie immer, wenn man meine Jugendsünden kennt, gab ich zu, ja, ich bin das selber, und zwar zur Gitarre mit eigenen Texten. Vermute mal, er hatte den Namen gelesen, weil ich einige Zeit vorher für eine psychiatrische Jugendhilfeeinrichtung in Bonn ein Benefiz-Konzert gegeben hatte, zum Besten dieser Teestube. Ich erinnere mich, mit einem Lied von Ralf Huwendiek bei einem Pärchen sehr gut angekommen zu sein, das Lied behandelte einen Flipperspieler, und der Junge von dem Pärchen war irgendwie spielsüchtig. Nun ergoogele ich, dass AOR Jüssen selbst gesungen hat, und zwar im Männerchor von Metternich-Weilerswist, und für die 50jährige Mitgliedschaft 2011 sogar eine Ehrung bekam. Vielleicht hat er sich deshalb für mein künstlerisches alter ego interessiert, von dem ich mich doch grade ein wenig verabschieden wollte, um "erwachsen" und ein toller Student zu werden, heißemagister, heißedoktorgar!, einer, der nächtelang in verrauchten Bibliothekszimmern herumsitzt (das Rauchen war, glaubt es oder nicht, noch ganz lange in der Germanistischen Seminarbibliothek erlaubt!) und versucht, "die anderen Intellektuellen auszuintellektualisieren" (Fritz the Cat). Ich hab es dann redlich versucht die nächsten Jahre, und gelernt und gelesen und geschrieben was das Zeug hält, die Gitarre ist eher untätig geblieben, aber manchmal hab ich sie doch noch herausgeholt und dies und jenes Konzert gegeben. Aber ein gescheiter Beruf wurde weder aus der einen, noch aus der anderen Tätigkeit, ich musste mich mit allem möglichen durchmogeln und das ist mir (Stichwort praktische Philosophie / Ethik) ja auf Silhouette von Bloßfeld, Gitarrenprügelei einigermaßen legale und nach meinen Begriffen geistig unkorrumpierte Weise gelungen, bisher. Andere sind Professor, Pfarrer, Bischof geworden, aber Jüssen hat sich mit dem Lehren beschieden. Morgen werden in Metternich-Weilerswist die "Rosenkranz-Exequien" gebetet (habe ich schon gesagt, dass das Philosophische Seminar B so eine katholische Sonderabspaltung infolge der preußischen Gründung der Universität Bonn war, um auch katholisch gesonnene Einheimische zu guten preußischen Verwaltungsbeamten auszubilden? die machen viel mit Thomas von Aquin und Co., von dem Gabriel Jüssen auch einige Disputationes übersetzt hat: " Ist das Lehren eine Tätigkeit des praktischen oder kontemplativen Lebens?" - Vita activa, natürlich, nach thomistischer Einsicht, auch wenn man es noch bei nachlassenden Körperkräften ausüben kann). Übermorgen wird er beerdigt. Immer wieder mal hatte ich an ihn gedacht, den netten, an meinem Liedermachergedöns so freundlich interessierten Dozenten.


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