• Ich kann ja nun hier schlecht verschweigen, dass ich kein Jungblogger mehr bin (nur ernstgemeinte Zuschriften, bitte) und oute mich dahingehend, dass ich mich bei den örtlichen Nahverkehrsbetrieben nach Ermäßigung umgesehen habe.Antrag Aktiv60plus Da lohnt sich aber nichts. Stadtfahrten kosten ab 1. Januar 2,80, Kurzstrecke (4 Stationen) 1, 90 EUR, in der Viererkarte 2,67 bzw. 1, 82. Ein KVB-kompatibles Handy, dass es 30 Cent billiger macht, habe ich nicht. Wie kriegen die das bloß in Berlin immer hin, daß man endlose Kilometer abreißen kann für den einigermaßen bezahlbaren Fahrschein? 55 EUR im Monat kostet das Greisenermäßigungs-Ticket, damit kann ich fahren soviel ich will, muß mich aber auf 12 Monate verpflichten (Abo), kann also nicht in den Ferien oder dgl. "aussteigen", im ersten Jahr sowieso nicht, tote_wildschweinesonst muß ich nachzahlen! Ich müßte mehr als 21 Fahrten Lang-Bio Kaiser-JagdwurstSinzig_Parole_gesprüht oder 31 Fahrten Kurzstrecke im Monat machen, damit sich das lohnt, da müßte ich Angestellter sein und jeden Werktag zum Job fahren. Aber mein Fahrrad tut's noch und ist, wenn ich das so sehe, auf Dauer gesünder als sich in den Bus zu quetschen, wo die Luft je nach Sauberkeit und Anzahl der Mitfahrer zum Ersticken ist (wie sehr bewahrheitet sich Arno Schmidts seniorale Sinnesorgane-Sentenz: "das Gesicht nimmt ab, der Geruch zu!"). Allerdings, ich darf Menschen mit größer-order-gleich-Alter, die ihren Perso dabei haben, meinen Fahrtausweis übertragen, ab 19.00 werktags und Sa/So rund um die Uhr kann ich im sog. erweiterten VRS-Netz fahren, ferner zu den gleichen Zeiten auch jemanden mitnehmen, zugleich auch mein Fahrrad, wenn ich will. Aber wie oft mach ich das, irgendwie taugt das noch nicht viel. Sooo viel bin ich dann auch nicht unterwegs, recht stadtnah kann ich auch zu Fuß fast alles erreichen, und ich bin seit fast sechs Jahrzehnten leidenschaftlicher Fußgänger. Beim Discounter habe ich kürzlich eine seltsame Wurst erstanden, eine Kaiser-Jagdwurst, die angeblich Bio sei, also eine "Bio-Kaiser-JagdBismarck_Denkmalwurst". Jagd, na gut, vielleicht ist da Wild drin, aber Fehlanzeige: nur Schwein und Nitritpökelsalz, jedenfalls kein Wildschwein. Jetzt stell ich mir vor, wie der Kaiser persönlich in einem Bio-Koben das Schwein jagt, um ihm den Garaus und daraus die entsprechende Jagdwurst zu machen! Aber das machte der Kaiser nicht selbst, dazu hatte er seinen Kanzler Otto von Bismarck, an dessen Stammsitz Schönhausen an der Elbe sich, wie man hört, immer häufiger Neonazis versammeln. Gegenveranstaltungen in Form von Straßenfesten sollen dem abhelfen,  unter dem Motto "Kunst für Demokratie" wird der Schloß-Anbau mit Kanonen von der Zeit, als es gegen Frankreich ging - Leipzig-Einundeipzig - in eine Freilichtausstellung mit Theater, Skulpturen unmobbing_zettel_ergaenztd Bildern verwandelt. Das haben die Kölner mit ihrem Hundenbirgdenkmal ganz ähnlich gemacht, da wurde ein linksradikaler Friedenspark zur Umzingelung angelegt - das festungsähnliche Gemäuer mit allerlei Parolen, Tags und surrealen Farbelementen besprüht - dazu ein Bauspielplatz, von Studentenbewegten "Baui" genannt, in dem man sich die Fichtenholzbretter gleich Dutzendweise vor den Kopf nageln kann. Hat ein bißchen gedauert, aber Nazis lassen sich dort jedenfalls nicht blicken. Das gäb auch eine schöne Keilerei der Fa-Glatzen mit schwarz vermummten "Antifas", nehme ich an. An Sylvester werde ich mich dort aber nicht hinbegeben, um der Knallerei zuzusehen. Mir reichen Wunderkerzen, vielleicht geh ich hier was in den Park und sehe mir die Atombombenpilze von oben an, auf einer Schuttberg-Erhebung um die Gnade des Zufrühgeborenen flehend... Hier rechts noch ein Gruß der nettesten Nachbarn der Welt - wir haben das Herausstellen anderthalb Jahre allein gemacht, später mit einem Pärchen zusammen, das über uns wohnt, seit verschiedenen Vorkommnissen bin ich bereit, es alle 6 Wochen zu tun (52 Wochen geteilt durch 6 Mietparteien - eigentlich 7, ein Untermieter - macht eigentlich 7 1/2), und hab es Anfang Dez gemacht, um es Mitte Jan wieder zu tun. VERDAMMT, kaum hatte ich den Blogbeitrag fertiggeschrieben, als auch schon ein Update nötig wurde. Da hat noch jemand, der sonst alle Mitteilungen mit "Gez." unterzeichnet und daher hier bei uns nur Gez genannt wird (im städtischen Dienst an leitender Stelle mit Kindern tätig, die mir nur leid tun können), was dazugeschrieben, und zwar "Find ich super" und "Pech für die faulen Sparfüchse" und wohl so eine Art Smiley ohne Smile. Allerdings ist diese Beauftragung der Müllabfuhr mit dem Herausnehmen der Tonnne möglich, aber wenn das vom Mieter bezahlt werden soll, müssen sie uns wohl oder übel auch fragen. - Mit den Sparfüchsen sind vielleicht wir gemeint? das kann aber keinen Sinn ergeben, denn als hier das ganze Haus unterschrieb, um das Outsourcen der Treppenhausreinigung für 10-20 EUR im Monat zu verhindern, wurden wir gar nicht gefragt, haben das dann nachträglich, als die Hauswirtin damit ankam, des lieben Friedens wegen unterschrieben. Diese Unterschrift wollen wir eigentlich dann lieber zurückziehen, das wird einen schönen Aufschrei geben bei denen... vermutlich ziehen wir die eine Unterschrift zurück und leisten die andere, dann wird das alles mehr Geld kosten, wir können uns das leisten!

     


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  • Dass man des hundertsten Todestages von Joe Cocker, Sieger der Schlacht von Woodstock, eines Tages im Trubel der Klagenfurter Udo-Jürgens-Festspiele gedenken würde, hätte man auch nicht ahnen können. Hoffentlich geht sein Nachruhm darüber nicht unter wie der des Siegers von Waterloo, Herzog Wellington, dessen Nachkommen zum Dank dafür, dass er Europa vor dem Diktator rettete, bis vor kurzem noch eine Leibrente vom belgischen Staat bezogen haben. Doch dass in Wahrheit Napoleon als Sieger vom Platz ging, kann man allenthalben in den Andenkenläden sehen. Der Sieger von WaterlooAls Ansteckbutton, Kühlschrankmagnet, Aschenbecher und Briefbeschwerer, in Wachs nachgebildet (mitsamt seinem Pferd "Vizier"), kurz, wohin man schaut, Napoleon, Napoleon, Napoleon und nichts wie Napoleon. Von Wellington, na schön, da gibt es so eine Löwenfigur. Aber die Ostmächte konnten ja damals nicht einmal durchsetzen, das die Schlacht nach ihrem Bündnis, der "Belle Alliance" benannt wird. Blücher'n und Co. fühlten sich übel angepisst, wenn in ihrer Gegenwart jemand wagte, die Schlacht mit "Waterloo" zu etikettieren. (Wir vermeiden jetzt mal eine etymologische Tiefenerkundung danach, woher der Name Waterloo stammt...) Der Name, den Preußen bevorzugte, fristet im Kulturgedächtnis ein Schattendasein als Praxisadresse von Dr. Gottfried Benn, und die Belle-Alliance-Straße, wo er die Haut- und Geschlechtskrankheiten der Dadaisten kurierte, heißt heute Mehringdamm. Das Gedicht auf die Schlacht stammt auch nicht von Benn, oder? "Tag war's, doch trüb', in Strömen floß der Regen, / Des Himmels feindlich graues Wolkenheer / Zog geisterhaft auf langen, weiten Wegen / Und lagerte sich tief gewitterschwer. / Fast schien's, als sei für immerdar, umnachtet / Der Sonne Blick, nach dem das Leben trachtet." Nur die schiefe Heer-Metapher hätte nicht zu Benn gepasst - Minna von Strautz hieß die Autorin!

    Überhaupt hätte, wenn wir von "Schlacht von Belle-Alliance" sprächen, dies ohnehin wieder nur an Napoleons Hauptquartier erinnert. Der hatte im Gasthaus Belle-Alliance sein Lager aufgeschlagen, welches angeblich seinen Namen schon nach der Ehe eines jungen Kerls mit einer alten Dame hatte. Ob in dem Gasthaus später Wellingtons Lieblingsspeise serviert wurde? Bereiten wir uns schon heute zünftig auf die kommende Zweihundertjahrfeier von Waterloo vor, und versuchen wir es zu Weihnachten mal nicht mit einer Gans, sondern mit Beef Wellington. Da ich ein Zufallskoch bin und eigentlich immer improvisiere, hatte ich nur die vage Erinnerung an einen Webcomic, über dessen Verlinkung ich auf den Film mit dem Londoner Sternekoch Gordon Ramsey gekommen bin. Klar, in dessen Landhausküche ist alles pingelig sauber (hat er da Geldscheine zum Trocknen auf der Wäschleine am Küchenbord?), nie versagt der Mixer beim Zerkleinern von Kastanien, niemals pappt die Lebensmittelfolie zusammen und die plötzlich auftauchende Bulldogge klaut nicht mal eben das Fleisch vom Teller. Also, wer das perfekt nachstellen will, verlasse diese Chaotenküche auf der Stelle und sehe sich bei Youtube um. Wir hatten, als wir uns gestern kurzerhand - nach vorgezogenem Heiligabend-Ladenschluss - zu Beef Wellington entschlossen, kein Rinderfilet, keinen Blätterteig und keine Kastanien ("Without chestnuts, it is not Christmas", meint der Sternekoch dazu). Dafür hatten wir aus der MHD-Ermäßigungskühlbox unseres Lieblingsdiscounters ein schönes Entrecôte, noch etwas Backhefe und Walnüsse (die wir durchaus nicht alle den Eichhörnchen geben). Man braucht außerdem rohen Schinken, Pilze, Nüsse und Kräuter, ein Ei, grobkörniges Salz und Senf. Das Fleisch herausnehmen, die Schachtelverpackung in den Papiercontainer, den signalroten 30 %-billiger-Kleber vorsichtig abpiddeln und getrennt entsorgen, damit ihn die Nachbarn nicht erspähen... und schon kann's losgehen!

    Das Fleisch, von dem meine Lieblingsköchin noch hier und da etwas Fett absäbelte, ließ sich gut in zwei Hälften zerlegen, weil man es ja nachher in den Teig rollen muss. Gordon's Filet hat schon diese passende Walzenform. Das Teil mit Senf einpinseln ("English mustard", so'n Blödsinn, wir haben welchen aus Dijon genommen und Rüsseldorfer Mövensenf täte es auch). Aus der ins Mehl (fünf Tassen davon waren nicht zuviel, da wir ja nun 2x Fleischkuchen hatten) gebröckelten Hefe, etwas Zucker und einem Klecks warmem Wasser den Vorteig anrühren, Handtuch auf die Schüssel, stehenlassen; nach 15 Min kann man mit noch einer Tasse Wasser und etwas Öl einen Hefeteig kneten. Der hat bei den folgenden Vorbereitungen auch Zeit genug zum Gehen: das allseitig gut gepfefferte und gesalzene Fleisch muss nämlich allround in sehr heißem Fett gebraten werden, nach Der Sieger von WaterlooGordon Pym Ramsey muss es mitunter an den Rand der geschrägten Pfanne geschubst werden, damit Unter- und Oberseite sich auch gut verschließen, alles klasse, wenn man auf dem Lagerfeuer brät, anstatt auf einem öden Elektroherd-Ceranfeld. Wie vermiss' ich meinen guten alten Russengas-Herd! Nun die "Füllung", eigentlich Quatsch, denn das Fleisch ist die Füllung und dieses Zeug sowie der Schinken- und Teigmantel bleiben außen: Champignons hatten wir nicht, nahmen also Dosenpilze und noch ein paar getrocknete, die wir immer vorrätig haben (sehr praktisch für die im Alltag so oft erforderliche spontane Nudelsoße), das kam alles mit den Walnüssen, Mandelsplittern und schon geriebener Haselnuss in den Mixer, Gordon schüttelt den nur kurz, bei mir war das ein endloses Gefrett, bis alles zerkleinert und herausgelöffelt war - weiß der Teufel, wie er das mit vorgekochten Kastanien macht, und ich finde, da wir sie sowieso nicht hatten, die schmecken auch gar nicht, weil sie nachher zu penetrant sind - , und mit dem "Zauberstab" musste ich später nachhelfen, dass so ein graubrauner Haufen Gebrösel daraus wurde. Das aus Pilzen und Nüssen gewonnene Geröllzeug kommt in eine fettlose Pfanne und soll darin vor allem trrrrocken werden, um das Trocknen geht's, nicht um's Gebratenwerden. Damit es auch nach Weihnachten schmeckt, haben wir Anis drangetan, ferner Rosmarin (Gordon nimmt Thymian) und noch den Rest einer italienischen Kräutermischung.

    Der Sieger von WaterlooJetzt rollen wir die Frischhaltefolie auf dem Tisch oder einem größeren Tablett aus, die auf Youtube ist riesig, wir haben sie daher rot-kreuz-förmig verlegt, auf die Folie schichten wir den Schinken - statt "parma ham" der Schicki-Micki-Gastronomen hatten wir ordinären Landschinken - nebeneinander breit genug, dass nachher das Fleisch draufpaßt. Auf diese Schinkenfläche - halt! vorher nochmal ordentlich pfeffern! - verteilen wir flach das erkaltete Pilz-Nußzeug aus der Pfanne, darauf kommt dann der Fleischbatzen. Und jetzt der Clou, wir rollen das jetzt von der Folie her, die nachher umgeschlagen wird, ganz eng zusammen wie den Bundeswehrschlafsack, damit der Spieß uns nicht anbellt, und zwirbeln die Folienhaut wurstartig an den Enden fest zu, man könnte es mit so Tiefkühltüten-Knipsern schließen, die fanden wir grade nicht, aber es ging auch so. Diese hübsche gutverpackte Wurst, nach außen sieht man nur den Schinken, versteht sich, kommt mindestens 15 Min. in den Kühlschrank (müßig herumzuliegen ist eigentlich die wichtigste Aufgabe, die ein Stück Rindfleisch in dieser Phase der Zubereitung hat, und das kann nie schaden, im Ofen liegt's dann ja auch nur herum). Inzwischen wurde der Hefetieg nochmal durchgehauen und warmgestellt und endlich möglichst dünn ausgerollt, diese Fläche mit Handtuch zudecken und nochmal gehen lassen. Dann wiederholt sich die Prozedur mit der Frischhaltefolie, neue kreuzförmige Auslegung und auf die kommt nun aber der Teig mit viel Rand. Wir holen die Schinken-Pilznuss-Rindfleischwurst aus dem Kühlschrank, entfernen die olle Folie und legen das Teil auf die Teigfläche. Und nun erneut einrollen, immer an den Bundeswehr-Schlafsack denken, schön vom Folienrand her einrollen, nach hinten eng umschlagen, aufpassen, dass der Teig an den Seiten das Fleisch gut einschließt, notfalls anfeuchten und "flicken", und wieder ein pickepacke-kompaktes Päckchen daraus machen. Die Folie seitlich zwirbeln und als Wurst - je gleichmäßiger es liegt, sagt Gordon Ramsey, desto gleichmäßiger gart es nachher - erneut in den Kühlschrank. Ofen inzwischen auf 150 bis 180 Grad vorheizen, keine Umluft, das ist zuviel des Guten, und inzwischen vom Weiß getrenntes Eigelb verrühren, die Teigwurst nach 15 Min. wieder hervorholen und mit Eigelb einpinseln (Folie natürlich vorher abmachen, oder wollt ihr das Fleisch im Ofen mit Plastik gratinieren?). Dann soll man auf dem Teigling vorsichtig nur mit dem Messerrücken (ich hab's übertrieben, oben fiel später die Teighülle auseinander beim Aufschneiden) einen Längsstrich ziehen und in scheibenbreitem Abstand viele Querstriche. Wo nehmen wir jetzt  noch grobkörniges Salz her, verdammt! Aber wir hatten doch im Oktober diese Aufback-Brezeln mit einer Beipacktüte mit groben Salzkörnern, es waren zuviele, da bleiben immer welche übrig und das Tütchen hatten wir aus Geiz aufgehoben. Auf der mit Eigelb gepinselten Teighülle verteilen, und ab in den Ofen, etwa 45 bis 60 Minuten, wenn das Rindfleisch, sagen wir, säuglingsschenkeldick ist. (Die korrekte Zubereitung eines Säuglings hat Gottfried Keller mal in einem Brief an junge Eltern erläutert.)

    Hinterher ist das natürlich ein tolles Eventfuttern, wenn man die Rolle zu Feldsalat o. ä. serviert, mit Blätterteig sieht es sicher noch besser aus, aber unser Hefeteig hatte den Vorteil, nicht so durchzusuppen, er nimmt den Fleischsaft an, lässt ihn nicht raus und wird nicht hart, und die Scheiben, mit Minzsoße serviert (hält sich angebrochen ewig, wann hatten wir die letzte Lammkeule, das ist doch Monate her!), mir war die Senf-Preißelbeer-Marmelade nicht scharf genug. Wie man auf dem leider auch nicht grade scharfen Foto sieht (inzwischen durch Handybild meiner Liebsten ersetzt), war es sehr stimmungsvoll! Nächstes Weihnachten verlangt die Mitbewohnerin nach "Boeuf Stroganoff", damit auch andere Aliierte von Waterloo mal zum Zuge kommen - aber da hören wir uns natürlich vorher nochmal das von Friedrich Hollaender in Reime und Musik gebrachte Rezept an. Und zum Jahrestag der Schlacht am 18. Juni gibt's Teltower Rübchen, den Preußen zu Liebe, die alles ausbaden mussten.


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  • Wann hab ich zuletzt einem "Dialog der Früchte" gelauscht? Das muss schon etliche zwanzig Jährchen her sein. Ananas als BrillenhalterDiese Spezialität war wie ehedem "Waldorfsalat" oder "Toast Hawaii" noch zum Ende des vorigen Jahrhunderts der Inbegriff eines exquisiten Menügangs. In aller Regel war schon das Wort Dialog unscharf ("Hindurchfließen"),Weihnachtsbaum auf dem Balkon und selten handelte es sich um ein Zwiegespräch (Duolog), zB. zwischen Pfirsich Melba und Birne Helene, vielmehr um Tria-, Quadro- und sonstige -loge zwischen plaudernden Pflaumen, quatschenden Quitten, lispelnden Litschis und säuerlich grinsenden Zitronenscheiben. Mitunter schnitt ihnen noch eine vorlaute Kirsche das Wort ab, die mit ihrer Herkuft aus Maraska, Maraschino oder Armagnac auftrumpfen wollte, in Wahrheit aber als Gastarbeiterin aus dem Piemont eingewandert war. Der die bevorstehende Edelfresswelle begleitende Weinführer eines großen Discounters - derselbe, bei dem man auch 48 Sektgläser für 37,99 € bestellen kann - erinnerte mich jetzt wieder an jene wortgewaltigen Auseinandersetzungen zwischen Obst und Südfrüchten. Da wimmelt es von Beeren-, Veilchen- und Bananennoten, "frischen und fruchtigen Aromen von grünen Äpfeln und Quitten", "Rosen- und Akazienblüten" (wie riechen noch mal Akazienblüten?), neben denen man "pfeffrige, würzige und herbale Elemente" unterscheiden soll. "Nektarinen, Pfirsiche und grüne (!) Bananen runden das Bouquet ab", heißt es von einem Rivaner "mit cremigen und frischen Strukturen", und ein Trollinger wird wie folgt beschrieben: "Im Duft typische Noten wie Kirsche, Erdbeere und mit einer feinen Note von roten Johannisbeeren. Geschmacklich verwöhnt er mit Süßkirscharomen und leichten Pflaumennoten." Ich wußte schon immer, Inkognito-Millionäre versorgen sich bei Supermärkten, die auf -ny, -li, -di oder -to enden. Der Konkurrenz-Discounter hat auch so ein Heftchen aufgelegt, darin dominieren eher "Mandel und Vanille", Barrique- und Eichenholznoten (was sagt eigentlich die Stiftung Warentest über die Nutzungsdauer von Fässern, die offenbar nie gereinigt werden?) sowie Robert-Parker-Punkte. Entschuldigen Sie vielmals - hätten Sie möglicherweise einen Wein im Angebot, der nach Wein schmeckt? Na gut, zur Not nehme ich den mit den Strukturen, das kann nicht schaden, außer wenn zuviel Schmieröl im Beton war, der vorher in dem Tanklastzug transportiert wurde. - In solchen vorweihnachtlichen Prospekten blättere ich gar zu gern, wegen der populär formulierten Geschmacksurteile und sonstigen Erkenntnisse, denen die Basis als Fundament jeder Grundlage nicht abgeht: "Champagner ist ein außergewöhnliches Getränk, das hervorragend zu besonderen Anlässen serviert werden kann. BrotreklameIm Unterschied zu Sekt und anderen Schaumweinen hebt sich der Champagner vor allem durch seine Finesse, die typische Note und den besonderen Charakter ab." Fehlen nur noch das gewisse Etwas, der feine  Flair und das Schönneßäkà. Okay, diese Produkt-Empfehlungen in Weinkatalogen haben vor allem den Sinn, dass der Gastgeber später weiß, welche Sprüchlein er beim Einschenken aufsagen muss ("Dieser Wein hat Charakter, knackige Beerenaromen, eine angenehme Textur und einen appetitanregenden Abgang"), und wie man als Gast aOrtsschild in Lustbronnngemessen kontert ("Ich habe mal dem traditionellen Traubenstampfen nach einer Weinlese beigewohnt. Man sollte meinen, die Winzer wüschen sich vorher die Füße, aber...") Was sind "knackige Beerenaromen"? Welche Trockenleberauslese "präsentiert sich in einem leuchtenden Strohgelb mit Zitrusfrüchten in der Nase"? Wenn das so 'ne Art dionysischer Kostümball sein soll, dann her mit den Mänaden, bitteschön! Aber man ahnt schon: Gourmandise vom Discounter ist der neue Sex. Bekanntlich bieten alle diese Ladenketten ein Edelfress-Angebot in besonders designten Packungen an. Hier räkeln sich laszive ZanderfiletsCapunti im Discounter-Angebot ("Weißes, saftiges Fischfleisch, äußerst delikat") zwischen Kamm-Muscheln ("ohne Rogen, glasiert") und Garnelenkränzen ("teilgeschält, mit Schwanzsegment"). Da flutscht das Balsamico beim Entkorken der Flasche "durch seine cremige, reichhaltige Konsistenz aus, die bei den Italienern als 'Denso' bezeichnet wird", da entfaltet ein aus "Coralina, Ogliarola, Carolea und Ottobratica" gekeltertes Olivenöl "seine eher grünen Aromen" auf mit Bronzeformen genudelten Pastaspezialitäten wie "Capunti alla Puttanesca" (warum diese Soße so heißt, findet ihr hier) - wann ruft Alice Schwarzer zum Boykott dieser Filialen des Satans auf? Ahnt denn der Papst nichts davon? weiß die Französische Nationalversammlung, was hier für Sauereien üblich sind, an den Feiertagen der Jungfrauengeburt, der Heiligen Familie?


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  • Also, ich mag nun mal Käsekuchen, Zutaten zum Käsekuchenund selbst wenn ich den Kakao weglasse und den Kaffee mit entrahmter Milch trinke - meine Ernährungsberaterin bei der Blutspendezentrale rät mir dazu - , und mit Rücksicht auf Mitgenießer die laktosefreie Milch und den laktosefreien Quark und laktosefreie H-Sahne verwende, schmeckt der Käsekuchen, den ich selber backe, mir am besten. Das gilt auch für alle möglichen anderen Sorten von Torten - der Höhepunkt der Tortengrafik steht uns ja nächstes Wochenende am Wahltag bevor - aber mit "17 % Schwarzwälder, 32 % Himbeercreme und 6 % Käsesahne", die sich neulich in der FAZ Herr Schönenborn in der Greser & Lenz-Karikatur beim Konditor bestellte, komm ich geschmacklich zu sehr durcheinander. Hier befasse ich mich lieber mit der Frage: Was brauchen wir für einen erstklassigen Käsekuchen? Zunächst mal Quark oder besser noch Schichtkäse, feines Mehl (kann gar nicht fein genug sein), jede Menge Butter (auch laktosefrei zu haben), Zucker nicht zu vergessen, den Abrieb einer Bio-Zitrone, eine Schüssel zum Durchkneten, überhaupt einen Arbeitstisch und einen Backofen, in den man die eingefettete Springform stellt und der ziemlich low-temperature-mäßig möglichst langsam durchbacken sollte. Na klar, diesen Ofen hat jemand hergestellt, ich hab den Tisch nicht selber geschreinert, die Zitrone wurde vermutlich mit dem LKW aus südlicheren Gefilden hertransportiert, die Kuh gemolken und der Quark abgesahnt, das Mehl kommt aus der Mühle und war vorher Weizen auf dem Feld, das ich nicht bestellt habe, und so haben zahllreiche fleißige Hände mitgeholfen. All das geht auch irgendwie ein ins Rezept. Volker Pispers TortengrafikAber, in Gruppenarbeit Kuchenbacken, nein. Streusel in der SchüsselWenn andere mittun wollen, können sie ja ein anderes Kuchenprojekt realisieren, oder sich auf's Kaffeemachen stürzen: Bohnen mahlen, Wasser aufbrühen usw. Oder den Tisch decken! Aber Gruppenarbeit bei der Kuchenbäckerei lehne ich von innen heraus ab. Was man überhaupt nicht brauchen kann sind irgendwelche Kiebitze, die dabei fotographieren, während man etwa beim Teigkneten oder Streuselbröseln  unvorteilhafte Posen einnimmt, von der Mimik ganz zu schweigen. Wie ich überhaupt kein Fan von Gruppenarbeit und, aller Vereinsmeierei zum Trotz, überhaupt kein geselliger Mensch bin. Ich arbeite am liebsten möglichst allein, das war schon immer so. Habe mich auch gemäß Schopenhauers Philosophie der Lebensalter bzw. Aphorismen zur Lebensweisheit schon in meiner frühen Jugend, namentlich während des Studiums, daran gewöhnt, alleine vor mich hin zu frickeln. Dahin will ich wieder zurück! Denn natürlich verliert man mit dem Älterwerden, dem Wachsen der Ansprüche, und mit all dem Durcheinander das Eigentliche, was man am liebsten macht, aus den Augen. Wenn, in meinen Jünglingsjahren, es an meiner Tür schellte, wurde ich vergnügt: denn ich dachte, nun käme es. Aber in spätern Jahren hatte meine Empfindung, bei demselben Anlaß, vielmehr etwas dem Schrecken Verwandtes: ich dachte: "da kommt's". (Schopenhauer) Mein großes Vorbild ist der von dem Weseler Maler Derik Baegert dargestellte Evangelist Lukas, das Jesuskind porträtierend, findet man im Westfälischen Landesmuseum in Münster. Ich hatte es immer über meinem Schreibtisch hängen, als ich an einer gewaltigen Bibliographie arbeitete, die mir ungefähr den letzten Rest meiner Nervenkraft raubte. Mit gefiel schon immer, wie der Lukas da so bräsig in dem Stuhl sitzt und nur Augen für die Valeurs und Schatten hat und hinten muss der kleine Engel die Farben reiben (soviel Gruppenarbeit, dass man einen Praktikanten beschäftigt, muss denn doch sein) und der Hl. Joseph sitzt und liest in einem Buch, bis das Porträt fertig ist. Ein paar optisch interessante Spielereien: die perspektivische Verkürzung in Escher-Manier, die Glaslupe am Fenster, die Fliege auf der Kirsche (in der kleinen Wiedergabe wohl nicht zu sehen, da sitzt eine Fliege mitten in der Kirschenschüssel als Erinnerung an die antike Legende von dem Obst, das so realistisch gemalt ist, dass sich die Fliegen auf das Obst setzen, und an die Fliegen, die so realistisch wiedergegeben werden, dass der Betrachter versucht, sie von der Bildfläche mit dem gemalten Obst zu verscheuchen) - dann das Fliesenmosaik am Boden, überhaupt die sonderbare Farbgebung, der in der Mitte "unterbrochene" Schwan auf dem Kanal hinter der Säule vor (?) dem Fensterbogen lassen dieses Altarbild als eine Musterkarte erscheinen, mit der Baegert seinen Kunden zeigen wollte, was er so alles kann.Altarbild mit Pferden Natürlich hat sich der Maler auch verschiedentlich selber in dem Bild verewigt, z. B. steht sein Name auf dem Steingut-Krug am Fenster. Ich weiß, viele Altarbilder des Mittelalters sollen in Werkstätten entstanden sein, das sieht man daran, dass der eine Mitarbeiter ordentliche Füße für die Engel und der andere ihre Flügel besser malen konnte, der eine kann feinstziselierte Blumenranken und ein anderer die bergigen, im blauen Neben verschwimmenden Landschaften, und derjenige, der die Pferde gut malt, hatte an dem Tag wohl früher freigenommen - so denkt man oft im Angesicht unterschiedlicher Altarbilder (in Münster gab es dazu ca. 1980 eine tolle Ausstellung mit gotischer Malerei aus dem "Fundus", das waren die mißratenen Bilder, davon konnte man viel mehr lernen als von den Spitzenwerken!). Aber was das Tafelbild "Lukas malt die Madonna" (um1490) betrifft, bleibe ich dabei. Das hat der schöpferische Genius allein gemalt, ganz für sich und in den Gegenstand vertieft wie der Lukas im Bilde, der mit einiger Sicherheit ein Selbstporträt von Derik Baegert sein dürfte.Einige Briefe Goethes an Varnhagen, Literarischer Zodiakus 1835, Bd. II

     


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