• Das lebhafteste Vergnügen, das ein vernünftiger Mensch in der Welt haben kann, ist:
    neue Wahrheiten zu entdecken, das nächste nach diesem ist: alte Vorurteile loszuwerden.
    Friedrich der Große

     

    10.2.1821

    Der Fürst Sulkowski, erst bonapartistischer General, jetzt preußischer Pole, sagte neulich hier: "Man glaube nur nicht, daß wir Polen so sehr eine besondere Nation und durchaus Polen sein wollen, unsere Hauptforderung ist, daß wir Europäer sein wollen; denke man nur nicht, uns Landstände zu geben und uns in Polen berathen zu lassen, damit ist uns gar nicht gedient, aber Reichsstände wollen wir, und zu denen wollen wir nach Berlin unsere Deputirte schicken, und da sollen sie reden!"

    18.6.1821

    Der Kaiser Alexander hat in Warschau zu einer Gräfin, ich glaube Potocka, gesagt, der Kongreß von Laibach werde der letzte in dieser Art gewesen sein, da schon hier das allgemeine Einverständniß aller Staaten vermißt worden; es würde nun jeder Staat wieder auf das vorige System zurückkommen müssen, sein eigenes Interesse möglichst zu verfolgen.

    26.6.1821

    Man spricht hier mit Abscheu und Empörung von der Art, wie Oesterreich sich in der griechischen Sache benimmt; daß die Flüchtigen, die sich vor den Türken in's Oesterreichische retten wollen, wieder zurückgetrieben werden sollen, nennt man schändlich und erbärmlich. Selbst Personen, die nicht gern den Respekt vor den Regierungen vergessen, gebrauchen mit Heftigkeit jene Ausdrücke.

    (wird, wenn's mir so passt, fortgesetzt)

    27.7.1821

    Der russische Kaiser erklärt den Polen, da sie sich zur freien Verfassung und Selbstständigkeit so schlecht anließen, und ihm so vielen Verdruß machten, so werde er sie mit dem russischen Reiche vereinigen.

    2.11.1821

    Mit Unwille und Abscheu spricht man über das Benehmen der Mächte in Hinsicht der griechischen Sache; "Sie werden die Griechen untergehen lassen, und nachher doch zum Kriege gezwungen sein; die unmenschliche Grausamkeit, die in ihrem gleichgültigen Zusehen liegt, wird ihnen dann nichts geholfen haben, und die Schande wird ihnen bleiben ohne den Vortheil".

     

    26. Juli 1845
    Anekdote, daß damals in Wien [1814] aus dem russischen Kabinet einige Landkarten dem preußischen mitgetheilt worden, zum Behuf untergeordneter Berichtigungen, daß aber darunter ein Blatt sich befinde, worauf Rußlands Gränzen bis zur Elbe ausgedehnt waren über welche der König sich dermaßen entsetzt habe, daß er lange eingeschlossen geblieben, nachher aber höchst ärgerlich die Karte dem Offizier, der sie ihm vorgelegt, mit den Worten zurückgegeben habe: „Dumme Kabinetsprahlerei, weiter nichts.“


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  • Rhenus als BachhusNun ist das Licht im Steigen,
    Es geht ins neue Jahr.
    Laß deinen Muth nicht neigen,
    Es bleibt nicht wie es war.
    So schwer zu seyn, ist eigen
    Dem Anfang immerdar,
    Am Ende wird sichs zeigen,
    Wozu das Ganze war.
    Nicht zage gleich den Feigen
    Und klag' in der Gefahr!
    Schwing auf zum Sonnenreigen

    Dich schweigend wie der Aar!
    Und wenn du kannst nicht schweigen,

    So klage schön und klar!

     

    Schwer genug gerungen
     Haben Dämmerungen.
     Mit dem Licht, dem jungen
     Durch das alte Jahr;
     An des Haders Stelle
     Soll des Friedens Hellein Worten: Zweitausend und sieben und zehn
     An des Neuen Schwelle
     Jetzt aufleuchten siegreich klar.Ruckert-
    Wer ist dumpf beklommen?
     Einen Stern entglommen
     Seh' ich, uns zum Frommen,
     Mitten aus der Nacht.
     Daß die starren Krämpfe
     Seine Milde dämpfe,
     Die verworr'nen Kämpfe
     Friedlich schlichte seine Macht!
    Dieses Sternes Funkeln
     Bitt' ich, daß im DunkelnDen
     So es lass' entfunkeln
     Seiner Strahlen Kraft,
     Daß, wo Frost noch lauern
     Mag mit alten Schauern
     Hinter Herzensmauern
     Ganz er werd' hinausgeschafft!
    Die verstockt in Grimmen
     Selber sich verstimmen,
     Die in Flammen glimmen
     Trüb unlautern Scheins;in Worten: Zweitausend und sieben und zehn
     Daß sie klärend alle
     Himmelslicht durchwalle,
     Daß empor mit Schalle
     Jubel steig' und schall' in Eins!
    Vor des Sternes Blinken
     Wie vor Zauberwinken
     Soll die Maske sinken
     Jedem, der sie trägt,
     So der Groß' als Kleine,
     Daß, wie er es meine,
     Vor der Welt erscheine,
     Jedem sei sein Recht gewägt.
    Daß sich Schlechtes schäme,
     Rechtes nicht sich lähme,
     Gutes selbst sich zähme,
     Alles wachse frei!
     Daß kein wildes Schwärmen,
     Und kein lautes Lärmen,
     Und kein stilles Härmen
     Unter uns in Zukunft sei!

     


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  • Die ZeitUhr aus Birnau

    Von Franz Enzensberger.

    (Beiblatt der Deutschen Roman-Zeitung Jg. 43.1, Nr. 13, 23.12.1905, S. 466)

    Eben schlug die Turmuhr. Dreimal fielen ihre Schläge in das tiefe Schweigen, wie Gottes Donnerworte am jüngsten Tage an die Grüfte dröhnen werden. Durchdringlich, machtvoll, erschütternd. die drei Töne klangen wie gellender Schwerterschlag in die Totenruhe. Und die Dohlen flatterten heraus aus dem beschneiten Turm, umflogen ängstlich krächzend die Pfeiler und Krabben, die Gesimse und Nischen, die Steingitter und Wasserspeier und grauen Tierbilder, das ganze eherne Skelett des riesenhaften, mittelalterlichen Gottesgedankens. Wie ein Totengerippe lag es da - versteint; - übermächtig ragte es heraus aus dem Gewirr der kleinen erbärmlichen Häuschen, hob seinen breiten Rückebn über deren Dächer, und sein Kopf, der Turm, starrte in die Höhe, wie in einem gräßlichen Aufschrei zum Himmel, der lastend grau darüber lag.Clemens_August_Jagdsymbole

    Und wie ich ergriffen war von dem Uhrenschlag, da hörte ich ein feines Sausen und Schnurren. Es klang immer stärker und näher und lauter und lauter, und auf einmal, da donnerte und knackte und schwirrte und schmetterte und stampfte es, daß mir fast die Sinne schwanden.

    tod_aus_bruehlIch war dort, wo die Zeit geboren wird, und ging, ein winziger Zwerg, zitternd zwischen ungeheuren Maschinen, gigantischen Rädern, riesigen, sausenden Kolben und hörte die fliehende Zeit. Blitzschnell schoß sie dahin wie des Webers Schifflein und knüpfte Geschicke und zog die Fäden der Weltgeschichte. Dort brach einer und fiel hinab, da schossen neue herüber zu Tausenden und es war ein Binden und Lösen, ein Biegen, Schlingen und Brechen, daß mir die Augen überliefen und ich nichts mehr sah. Doch um so lauter hörte ich es schwirren und rauschen und surren und knirschen und es war mir, als wären Menschenstimmen darinnen; da ein Schrei, ein abgerissener, entsetzlicher Todesschrei, nun ein Seufzen, hinzitternd mit der fliehenden Seele, jetzt ein Gellen voll übermenschlich seliger Lust, wie wenn einem Liebendbrunnen_bruehl_ernstfigurenen die tote Braut rosig mit leuchtendem Leben entgegenspringt, dann ein Wimmern, daß mich ein Schauer durchrann, so unsäglich trostlos und grausam, und plötzlich, ganz nahe bei mir, ein gräßliches Röcheln, das mir den krampfenden Körper, zitternd und bebend, die verzerrten, zuckenden Züge, die überquellenden glasigen, irren Augen und die die Luft zerkrallenden Hände des Sterbenden zeigte.

    Da auf einmal ein schriller, langgezogener Pfiff, hinsinkend in Schweigen, und alles war vorbei. Totenstille lag rings und darin wieder das Steinskelett. Die Dohlen saßen in langen Reihen wie schwarze Traumgespenster an den Gesimsen, die Pfeiler starrten tot in die graue Luft, die Krabben hockten wie schlafend an den Giebeln reihenweise, eine über der anderen, immer kleiner und kleiner erscheinend, hoch hinauf bis zur Spitze, wo die Giebelblume in die Wolken sah und ihre Blätter zum Unendlichen aufhob.

    Es taute und die Tropfen fielen herab von Zacke zu Zacke, von Zinne zu Zinne, rollten über das Dach, tropften von der Rinne, schneller und schneller fallend, herab in stehende Wasserlachen.


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  • Ich greife nur alle Schaltjahre mal zu einem Krimi, und dann sowas. Erst kürzlich hatte ich mir einen SF-Roman reingezogen von Isaac Asimov, derartige 50er-Jahre-Schmöker aus der schwarzrückigen Heyne-Serie habe ich mir früher seriell reingezogen, auch die gelben Goldmann-SF, der Roman war eine Zeitmaschinensache mit einer Turmgesellschaft von "Ewigen", die immer wieder Korrekturen am Geschichtsverlauf vornehmen, sich über unzeitgemäße Anzeigenwerbung in Hobbytechnikerzeitschriften Botschaften signalisieren, und durch minimale Eingriffe die Raumfahrt verhindern oder die Atombombe, einer verbandelt sich verbotenerweise mit einem Mädel aus dem 145. Jahrhundert, das im 241. versteckt wird, am Schluss aber selber wieder im Jahr 1954 irgendeiner Zeitmaschinen-Logik zum Durchbruch verhilft, na, egal. Da schürzte man auch dauernd die Lippen und zog die Stirn in Furchen, dass es eine Art hat. In dem gegenwärtigen Krimi, "Die Bildhauerin" von Minette Walters (Goldmann, München 1995), geht es eigentlich, ab und zu wird an der Unterlippe genagt oder der Daumennagel betrachtet, und die Übersetzerin Mechtild Sandberg-Ciletti hat bestimmt kein Spitzenhonorar erzielt. Aber wieso stoße ich auf S. 127 auf einen ehemaligen Polizeisergeanten, der jetzt ein Restaurant betreibt, wo nie Gäste sind, der zuvor auch schon mal ekelerregend nach Makrelen gestunken haben soll, und von der Ich-Erzählerin geschildert wird: Er verschränkte die Arme. Von der einen Hand baumelte ein Fischfilet herab. ("Gefilte fish mit farleygte hend", wie die Jiddischsprecher sagen würden?) S. 128 kommt es dann zu Folgendem: Er schwang das Fischfilet. "Ich mache grade Pfeffersteaks mit leicht gedünstetem Gemüse und Butterkartoffeln."

    Hä? wie kann ein Filet von der Hand baumeln, das naturgemäß weder Schwanz- noch Rückenflosse mehr zum Anpacken hat? Okay, auch dialogtechnisch ist das kein Geniestreich, ich kündige ja meine Menüs der liebenswerten Partnerin auch nicht an mit "schön, dass du kommst, ich mache grade leicht gedünstetes Gemüse", höchstens dass ich mal sage, wart mal einen Moment, muss noch das Gemüse dünsten... und wer kriegt jetzt das Fischfilet? Ist das so'n mediterranveganes Sondermenü, der eine Fisch, der andere Fleisch? Auf S. 129 ist angerichtet: Er legte die Steaks auf vorgewärmte Teller, umgab sie mit ganzen gebratenen Kartoffeln, gedünsteten Zuckererbsen und jungen Karotten und gab den Bratensaft aus der Pfanne dazu.  Vom Fisch keine Rede mehr! wo ist das Filet abgeblieben? Wenn ich früher sowas übersetzt habe, hab ich mir an solchen Stellen immer selber was gebrutzelt (wie ich auch alle die weniger leckeren Krankheiten in den von mir übersetzten Aids-Bekenntnisbüchern und "So besiegte ich die Rückenmarksdarre" und dergleichen bekam, man muss ja beim Übersetzen viel genauer in die Beschreibungen einer Sache hineinkriechen, als der Autor es nötig hat, da zieht man sich allerlei Beschwerden zu), aber was denn nun, Fisch oder Fleisch? "Ich hätte vielleicht bei einem Steak die Grenze gezogen", sagt der Sergeant auf die Frage der Ich-Erzählerin, ob er, wäre sie nicht aufgetaucht, alles allein verputzt hätte. Ein Steak hätte gereicht (vom Fisch ist immer noch nicht die Rede) - "I draw the line", steht vermutlich im Original, es gibt sicher schönere Redensart-Entsprechungen im Deutschen, bin zu faul zum Suchen; oder war der zweite Gang das Fischfilet, das der Restaurantkoch dann "baumelnd" von der Hand in die Pfanne "geschwungen" hat wie Verleihnix die Meeresfrüchte am Marktstand im kleinen gallischen Dorf? "fillet of fish", das wäre ein Fischfilet, aber googlelob konnte ich im Internet nachsehen, nach kurzer Suche fand ich die erste Stelle, wo was von der Hand baumelt, im Original steht - vom Kapitel "SIX" ist zumindest eine Seite abgebildet - He crossed his arms, a fish slice dangling from one hand, da hat die Übersetzerin sich gedacht: "eine Scheibe Fisch" kann's nicht sein, das wirkt bei verschränkten Armen seltsam, doch hätte sie besser einen Blick ins Lexikon riskiert: fish slice ist ein "Pfannenwender". Man kann nicht misstrauisch genug sein, ich will als Übersetzer doch wissen, was in dem Buch auf den Tisch kommt, schon weil ich mir das Steak respektive Fischfilet auch in die Pfanne hauen will nach getaner Arbeit.

    Sowas passiert (leider) immer wieder beim Lesen, ich werde schon wie mein seliger Großvater, pensionierter Gymnasiallehrer, der die Druckfehler in der Tageszeitung rot anzumerken pflegte, ob er die Exemplare in die Redaktion zurückschickte? Übrigens könnte, gäbe es diese von Isaac Asimov erdachte Gesellschaft der "Ewigen" und wäre das Ganze kein Roman, sondern gelebtes Leben, ein unzufriedener Leser aus dem 145. Jahrhundert mit einer Zeitmaschine ausgestattet, in die 1990er Jahre zurückreisen, dem Mann kurz vorher das Filet aus der Hand nehmen und gegen einen Bratenwender austauschen. Bzw. nach Asimov-Romanlogik mit irgendwelchen Öko-Manipulationen für einen Versorgungsengpaß bei Steaks sorgen, statt dessen ein Sonderangebot auf einem Fischmarktstand in England provozieren, dann stimmt die Geschichte wieder. - Na gut, ich höre schon Protestgeschrei: "oller Meckerfritze", "Bescheidwisser", "grammar Nazi"... Es ist ja auch kein nobelpreisverdächtiger Roman, "nur" ein Krimi. Ein Mitschüler von mir, Schachmeister in der Vororts-Liga Süd, hat übrigens mal in "Stiller" von Max Frisch einen Schachfehler entdeckt, er schrieb damals an Suhrkamp, und der Fehler wurde prompt korrigiert und das Lektorat schickte ihm ein vom Autor signiertes Exemplar zum Dank für den freundlichen Hinweis. - Adresse von Goldmann weiß ich nicht, ich lass es bei diesem Blogeintrag bewenden.


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  • klotzbuecherbrauerei"Ein klotziger Brocken bleibt das Buch dennoch, vielleicht auch ein Kotzbrocken" - mit diesen ermunternden Worten im Schlussabsatz einer Rezension in der Zeit vom 11. Dezember 2010 resümiert Friedhelm Rathjen Zettel's Traum. Diesen klugen, abwägenden Artikel möchte ich allen empfehlen, die sich im Kielwasser des hundertjährigen Geburtstags mit Schmidt beschäftigen. Eine freundliche und didaktisch strukturierte Einführung in den Gesamtkomplex und in einzelne Werke bietet auch Peer Schaefer auf seiner Webseite incl. Kommentarstellen zu Leviathan oder Die beste der Welten. Einen biographischen Abriss bietet Marius Fränzel auf seiner Musagetes-Webseite, dessen Lesehinweise-Blog zu Zettel's Traum über S. 1 noch nicht hinaus ist. Rathjen, Autor einer Chronik zu Leben und Werk (Bargfelder Bote, 3fach-Nummer), weiß zwischen Kritik und Bewunderung die Waage zu halten. Er resümiert, was Schmidt beschäftigte, als er das Werk niederschrieb, und hält es für den Abschluss seiner Ausflüge ins freudianische Analysierwesen. Der Dän in Zettel's Traum, den man unschwer mit Schmidt identifiziert (obwohl das wahrlich nicht immer naheliegt, William T. Kolderup aus der Schule der Atheisten ist beispielsweise Friedensrichter, aus begüterter Dänischer Familie und früher mal zur See gefahren) ist der letzte Ich-Erzähler, allerdings selbst auch nur ein Charakter aus den dramatis personae. Denn die entscheidende Klippe des Leser-Narrenschiffs ist: Früh-, Mittel- oder Spätwerk? wer das erste liebt, schätzt (oft) das letztere nicht - gut, es ist auch eine Geldfrage, und natürlich muss man für die ab Zettel's Traum geläufigen Riesentyposkripte Platz im Bücherschrank freiräumen. Und wer im Spätwerk zu Hause ist und sich auf die versponnene, grandios-einseitige "Etymtheorie" beruft, dem werden vielleicht die doch recht biederen, geradezu innere-Emigration-haften Juvenilia peinlich sein. Apropos: was könnte uns eigentlich sonst von der Lektüre Arno Schmidts abhalten? Hier zehn potentielle Bremsklötze zum Wegräumen:
    Arno-Schmidt-Lektüre: Hürden, die uns hindern würden...# 1 Satzzeichen: Ganz so schlimm ist es doch gar nicht, wenn man sich den Code mit z. B. <eckigen Klammern> und Doppel=Trenn=Strichen draufschafft. Wildwuchs an Ausrufe- und Fragezeichen, Beistrichen, Doppelpunkten ist gar nicht so schlimm, wenn man Comics lesen kann. Da ersetzt ja auch ein Ausrufe- oder Fragezeichen über dem Kopf die Denkblase, die den Erkenntnisweg erst nachzeichnet. Im Comic sind mit z. T. kombinierten Frage- und Ausrufezeichen - manchmal verdoppelt und verdreifacht - Gefühle wie Verwunderung, Verblüffung, Staunen suggeriert bzw. wiedergegeben. Die Reaktion des Lesers auf die Deixis eines isoliertes Zeichens wird bei AS vorab einkalkuliert. Auch als erzählerisches Element werden Satzzeichen benutzt, beispielsweise vorangestellte Kunstpausen-Doppelpunkte : ? Da werden Reden (oder Gesten, oder gar Mimik wie bei den heute allerorts benutzten Chatzeichen) abgekürzt. Einmal, ich weiß nicht mehr in welchem Roman, geht der Held aufs Klo und das Ausrufezeichengetümmel in der Parenthesengirlande lässt nicht grade auf flutschige Entleerung schließen. Eine ähnliche Überschrift „,;.–:!–:!!“  zierte ja auch die Spiegel-Titelstory von 1959 über den Schriftsteller (deren Druck auch das Ammenmärchen von der Unbekanntheit des Arno in der BRD-Literatur entkräftet) - die Zeile war ein Zitat; an der Stelle, von der es stammt, wurde der fragende Ich-Erzähler auf eine Lokalität hingewiesen, Komma und Semikolon deuten ein Zögern, vielleicht ein "äh" an, der erste Gedankenstrich vielleicht die Aussage oder den ausgestreckten Zeigefinger, dann folgt der Doppelpunkt  als eine Art deiktische Einleitung zu !, der schlechthinnig-emphatischen Exklamation, die man gar nicht mit einem Laut (z.B. "da") substituieren muss, um sie zu verstehen - und, weil die Erklärung noch präzisiert wird, folgt nochmal - Zeigefinger - Deixis - und jetzt zwei Ausrufezeichen, jetzt kapiert? unmissverständlich, da geht's lang, worauf im Text ein Ah, Danke schön... erwidert wird.
    # 2 Präpotentes Geniegehabe: Arno kennt, klar, niemanden, der so oft recht hätte wie Arno, und da das unbezweifelbar feststeht (ganz harter OKW-Stil: Wer etwas anderes behauptet, lügt!), lässt er's auch jeden wissen, der es nicht hören will. Andererseits begab er sich freiwillig selbst auf das schlüpfrige Feld der Freud-(wenn auch nur Text-)Analysen. Die Helden von Schwarze Spiegel, Brand's Haide und Faun wollen sogar retrospektiv alles besser gewusst haben, was Ihnen aber wenig half... Doch lässt sich AS nicht 1:1 kongruent mit den Ich-Erzählern austauschen (es sind eher Wunschprojektionen, die anteilmäßig auch bei Nebendarstellern zu finden sind), man darf ihn schon gar nicht mit dem Kultus ("Muhammad Arno Ali"', wie Andersch dichtete) der Fangemeinde verwechseln. Warum soll man sich provozieren lassen? Nicht er hat recht, ich habe recht, u.a. an Sonn- und Werktagen.

    Joseph M. von Babo: Arno. Ein militärisches Drama in zween Aufzügen (1776), aufgeführt in Mannheim, München und Wien: Als der Vorhang aufgeht, schaut der Held auf sein "Degengehänge"... was hätte die Etymtheorie daraus gemacht? "Babo" ist übrigens Jugendwort des Jahres 2013, heißt soviel wie Chef!
    Arno-Schmidt-Lektüre: Hürden, die uns hindern würden...
     # 3 Patriarchalischer Besserwisser: Ich war lange mit mir einig, dass Schmidt, wie ich ihn zu kennen glaubte, eine Art Vaterersatz ist (keiner, nach dem sich Waisenknaben wie ich geradezu sehnen).  Diese seltsam persönliche Verstrickung vieler Schmidt-Fans mit dem Objekt ihrer Bewunderung wäre wiederum eine eigene Psychoanalyse wert. Jedenfalls verkörperte er viele Eigenschaften, die im väterlichen Image der 1950er angelegt waren: Kriegserfahren, physisch stark, praktisch begabt, kennt die Natur wie ein Waldläufer, politisch ein Durchblicker, allerdings keine Ahnung von den "Beatles" oder den Segnungen der sog. Hippie-Gegenkultur, der er (stets einen Lesetipp bei der Hand) Döblin empfahl statt Hesse, intelligent und gebildet, SPD, aber linkslastig, immer auf der Seite der Schwächeren, natürlich gab es weit und breit keinen solchen Vater! Der Hader über die Enttäuschungen, die Schmidt später mit eher rabiat konservativen Thesen bereitete, dazu das immer weniger publikumsfreundliche Spätwerk, war der Rücksturz zur Erde nach dem Höhenflug kultisch übertriebener Selbstadoption. Wie man seinen Vater ödipal abmurkst, polemisierten von da an viele gegen den ollen Haide-Klotzkopf.
    # 4 Fehlurteile: Balzac, Balzac: kein Dichter; kein Verhältnis zur Natur (das wichtigste Kriterium!). Nur alle 20 Seiten einmal etwas wirklich Gutes, eine präzise Formulierung, ein suggestives Bild, eine Initialzündung der Fantasie. Wie lächerlich z. B. seine ewigen, 2 unbeholfene Druckseiten langen, Beschreibungen von den Boudoirs der Haute Volée! : vermag einer die Scherben solch unsinnigen Puzzle-Spiels zusammenzusetzen? Und so oft Gestalten, Motive, Situationen wiederholt, wie nur je ein Vielschreiber. Männer gelingen ihm nie; nur Incroyables, Geizhälse, Journalisten, giftmischende Portiers [...]. Seine Frauen: Kurtisanen oder Mauerblümchen. Psychologie?? : o mei!! : den einzigen 'Anton Reiser' geb ich nicht für Balzac und Zola zusammen! Wohlgemerkt, der so urteilt, heißt Heinrich Düring (der Faun in Aus dem Leben eines Fauns), der ihn so urteilen heißt, heißt Schmidt, allerdings. In einem ständig zwischen Essay, Erzählung und Lyrismen changierenden Werk stehen natürlich auch mal Klöpse dieser Art. Lustigerweise könnte das Fazit auf den Autor zurückweisen: seine Frauen? Kurtisanen oder Mauerblümchen; überzeugend gestaltete er Incroyables & Geizhälse; Psychologie: o mei!

    Arno-Schmidt-Lektüre: Hürden, die uns hindern würden...

    # 5 Wiederholungen: Dabei will ich ja gar nicht Balzac verteidigen müssen, wo ich selbst spät erst entdeckte, wie die Scherben solch unsinnigen Puzzle-Spiels, um es zu genießen, zusammengesetzt sein müssen. Sagen wir's ganz platt, Balzac führt aus meinetwegen sonderbaren Einzelschicksalen nach und nach das komplexe Soziotop des Seconde Empire herauf, ein untereinander vielfältig vernetzter Personenreigen. Ein einzelner Roman mag (je nach Übersetzung) nicht reichen, man muss da durch, das Ganze vornehmen, wo der Mikrokosmos jedes AS-Romans den ganzen Schmidt, im Grunde auch den späten Schmidt schon enthält. Es ist mit selbstähnlichem Personal die immergleiche story, die fort und fort gesponnen wird. Ein meinungsstarkes Wunderkind, ständig an der Doofheit der Mitmenschen verzweifelnd, wird erst innerer Widerständler, der doch angepasst-trotzig seinen Job macht, an Feierabenden Wieland liest, Fouqués Biographie oder das Königreich Hannover erforscht; als geschundener Kriegsteilnehmer und Ostflüchtling, der alles verloren hat, in bitterster Armut eine freiberufliche Einöd-Existenz errichtet, die Bretter zu seiner Hütte mit einem proletarischen Freund zersägt, das dumpfe Bauernvolk hasst, ab und zu Besuch bekommt von biederen Ehepaaren mit Teenie-Töchtern (halbwüchsigen Kurtisanen oder Mauerblümchen); und dann wird auf langen Spaziergängen durch die Haide über unbekannte Autoren und die Etyms bei Poe & Co. geredet, geredet, geredet...
    # 6 Etymtheorie: Irgendwann über der Lektüre von Karl May muss Arno die "präembryonale Tantenliebe" (R. Neumann) aufgegangen sein. Und dass seit Freud ("das feste Ja muss als ein dringendes Nein gedeutet werden") von allem das Gegenteil stimmt. Jedes Wort birgt einen Sex-Kalauer (Etym). Nicht, dass sich der Autor je einer Psychoanalyse unterzogen hätte, wie's jeder redliche Seelenklempner tun muss, nein, er dilettierte munter drauflos und entdeckte so in Sitara und der Weg dorthin, was es mit Winnetous "küßlichem Haar" und mit waldigen Doppelhügelkuppen auf sich hat, zwischen denen tief im Tal Wasserlöcher sind. Und: Von Sam Hawkins bis Halef Omar Peniden, alles Peniden! Eine ubw-Methode, die nur Carroll, Joyce - und Arno Schmidt bewußt anwandten.

    Arno-Schmidt-Lektüre: Hürden, die uns hindern würden...

    # 7 Sexismus: Na schön, man hätte gern statt einer Zeitmaschine ein Zeit-Megaphon, mit dem der junge Schmidt dem alten Schmidt zurufen könnte, dass es auch noch andere Assoziationen gibt als solche, die mit Arsch, Poe & Titt'n zu tun haben. Aber mal ehrlich, es schärft die Beobachtungsgabe ungemein, obwohl man den Zweck der Übung nicht recht erkennt. Was interessiert es den Leser, ob May schwul und Poe koprophil gewesen sei. Hat nicht Schmidt für sich verlangt, man soll mit dem Werk vorlieb nehmen und den schäbigen Rest des zermürbten Stachanowpoeten gar nicht ignorieren? bzw. in Ruhe lassen? Gut, in den 50er Jahren galt ein strenges Jugendschutzgesetz, heute wird Dirk Kurbjeweits Novelle Zweier ohne als schulische Prüfungslektüre von kleri- bzw. evangelikalen Schwaben bekämpft. Damals war das mit Katz und Maus nicht anders, und es war sicher ein Heidenspaß, wenn Robert Neumann denselben prüden Sittenwächtern, die Seelandschaft mit Pocahontas verbieten wollten, Karl May als jugendgefährdend anzuzeigen versuchte. Dass Schmidt knapp an einer Gotteslästerungs- und Pornographieverurteilung vorbeigeschrammt ist, macht den Tick erklärlich. Ansonsten hat er recht anmutige Geschlechtsverkehre geschildert, wobei Frauen stets auf Augenhöhe beteiligt sind, außer beim schmatzenden Französisch mit einer, äh, Zentaurin in der Gelehrtenrepublik...
    # 8 Atheismus: Das wuchtige Pamphlet Atheist? Allerdings! wurde vor Jahren bei Haffmanns als Flugblatt gedruckt, und zwar weiß auf schwarz in rotem Rand und mit hässlichster Fraktur. Wollte man andeuten, wes Geistes Kind dieser rabiate, sich andauernd erklären müssende Gottesleugner ist? Dem manifest theoretisierenden Atheismus wohnt der Widerspruch inne, dass er mit Schaum vor dem Mund gegen etwas predigt, was ohnehin nicht existiert. Atheisten erlebe ich als fromm und gläubig, während mich Zynismus der Pfaffen aller Religionen mehr ankotzt als 'Gott' & Schöpfung.
    # 9 Politik: Was mich zu dem Schluss bringt, weshalb ich diesen Blogtext angefangen habe. Schmidt als Bildungsstreber, 100-Prozentler, Antimodernist, Gewerkschaftsfeind, Misanthrop, unerträglicher Geili und Wortwitzler, hindert mich all das, seine Bücher gut zu finden? Nein. Man will gar nicht ständig einer Meinung sein, schon gar nicht mit dem, was man liest, das wäre fad!
    # 10 Humorlos: Als Arno Schmidt starb, notierte Elias Canetti: "aus Trotz", und Hans Magnus Enzensberger dichtete den Schüttelreim:
    Der Welt hat er auf Schritt und Tritt geschmollt
    und mürrisch hat sich Arno Schmidt getrollt.
    Es gibt ja sogar ein Suhrkamp-Insel-Buch Arno Schmidt für Boshafte, wie ich kürzlich festgestellt habe, wobei man fragen darf, brauchen wir das und wozu eigentlich die den? Das ist wohl der Grund, weshalb die Arno-Schmidt-Stiftung in den letzten Jahren immer öfter auf den komischen, humorigen, spaßigen Schmidt pocht. Selbst Reemtsma behauptete in einer arte-Sendung, welch ein "sehr freundlicher, zugewandter und höflicher Mensch" Schmidt gewesen sei, wo er selber noch 1986 bekannte, er sei nicht der Typ gewesen, mit man gern in Urlaub führe, und es gebe "einfachere Lebenswege in der Welt als den, die Frau Arno Schmidts zu sein" (Wu Hi? Arno Schmidt in Görlitz Lauban Greiffenberg, S. 237). Danke nein, ich brauch keinen Spaßgenerator im Bücherschrank, ich lache lieber über die Stiftung, denn Reemtsma ist von allen Schmidt-Mäzenen der am ärgsten Gelackmeierte. Das Geld (350.000 DM) gab er als Vorschuss hin für den Roman Lilienthal, von dem Schmidt ihm einredete, der solle sein Hauptwerk werden! (also doller noch als Zettel's Traum), daraus wurde nichts, am Ende blieb nach seinem Tod nur Julia, oder über die Gemälde - nett, aber nur ein Fragment. Auch den zusammengekehrten, jahrzehntealten Lilienthal-Schurrmurr mussten die Stiftungsknechte zu einem Buch zusammenleimen, und wer darin blättert, weiß Bescheid. Schmidt wird sich ins Fäustchen gelacht haben über den money man und hätte ihn früher oder später abserviert wie seine Förderer Michels, Schlotter & Co. Andererseits, wo sollte die Witwe hin mit dem Haus und den Büchern, direkte Erben gab's keine und wer wissen will, wie Arno Schmidts Neffe in USA aussieht und was er so treibt im Leben, hier klicken (Ken heißt er)! Das hat Jan Philipp Reemtsma jetzt davon, ätsch, jetzt ist er Arno Schmidts Frau, es gibt einfachere Lebenswege in der Welt! Seine Stiftung hockt seit Jahren auf all den Rechten, ob man bis 2049, wenn AS gemeinfrei wird, die 350.000 wieder einspielt? Ich fürchte, das war kein lukrativer Deal. Denn der Bildungshintergrund, den man doch mitbringen müsste zur Lektüre, wird immer fadenscheiniger; Suhrkamp ist insolvent, von S. Fischer, der einen interessanteren Klassiker-Kontext hatte, trennte man sich im Streit (in der sog. Suhrkamp-Kultur geht Schmidt neben Hesse, Brecht, Weiss & Co. unter, in Gesellschaft von Freud, Kafka, Döblin, Thomas Mann, selbst Christof Ransmayer und Florian Illies sähe er auf jeden Fall besser aus). Autorenkorrespondenz mit Andersch u.a. liegt längst vor, Familienbriefe, seit Jahren angekündigt, scheinen undruckbar zu sein, vermutlich zu banal; allenfalls von dem Wollschläger-Briefwechsel sind noch neue Aufschlüsse zu erwarten. Wollschläger war auch so ein armes Schwein, nach jahrzehntelanger Verehrung hat er als "Statthalter der deutschen Sprache seit dem Tod Arno Schmidts" (wörtlich so!) kein nennenswertes eigenes Werk hervorgebracht. Die Tagebücher der Witwe sind amüsant, ergeben aber keinen Cosima-Effekt, man liest sie nicht um ihrer selbst willen. Ein Steppenwolf oder ein Siddharta wie bei Hermann Hesse, der sich seit 100 Jahren immer neu als Kultautor vermarkten lässt (ob das je bei AS so wird?), springen aus diesem Nachlass beim besten Willen nicht mehr raus. Und um Gelehrtenrepublik oder Schule der Atheisten als Fantasy verfilmen oder als Comic zeichnen zu lassen, dafür fehlt der Fa. Schmidts Erben der Humor. Dass Schmidt selber das Lachen oft verbeißen musste, ist späten Fotos anmerken, z. B. dem, wo er Belege von Zettel's Traum kriegt und mit seiner Frühstücksmilch winkt (aber das täuscht, nach Erinnerungen der Haushälterin soll er anschließend Gläser randvoll mit Racke Rauchzart rumgereicht haben). Kurz, der war gar nicht so. Er beißt nicht, will nur spielen; glaubt mir, das Grantlertum bei Kraus, Bernhard oder Achternbusch ist auf Dauer viel, viel nervtötender.


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