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  • Nach verrenoviertem Herbst und umgezogener Vorweihnachtszeit wollten wir wenigstens einen Kurztrip lang Abstand gewinnen und verbrachten die ersten paar Januartage noch mal im Allgäu - genauer, in Oberschwaben und zwar in einem Kloster, wo ich - mit 18 Schriftstellerkollegen aus 91 Kandidaten auserwählt, alle mussten schon mal etwas veröffentlicht haben - an einem Autorentreffen teilnahm. Kloster Irsee von obenDas Tagungskloster ("schwäbisches Bildungs- und Begegnungszentrum") liegt in Irsee, 7 km von Kaufbeuren entfernt, dem Geburtsort der ersten deutschen Romanautorin, Sophie von La Roche, des Lyrikers Hans Magnus Enzensberger (seine beiden Neuerscheinungen, ein "weißes Album" über Sprachmaterial, und ein Buch über seine gesammelten Flops, liegen gerade als Weihnachtsgabe eines guten Freundes vor mir im Regal und werden ab und zu beblättert) und des Gewerkschafters und Ministers Walter Riester. Diesem Städtchen hatten wir wir schon im Sommer einen Besuch abgestattet; nun ließen wir uns per Bus nach Irsee weitertransportieren und verbrachten drei schöne Tage mit Tai Chi Qui Gong bzw. insgesamt achtzehn gut 20-30minütigen Literaturdiskussionen.Klostergarten in Irsee Es ist natürlich längst keine Benediktinerklause mehr, sondern - nach einer hundertzwanzigjährigen Zwischennutzung 1849-1972 als Irrenanstalt, auch mit Euthanasie in der NS-Zeit und entsprechender Gedenkstätte - heute ein schickes Hotel mit Rokoko-Ambiente; wir wohnten in gewölbeähnlichen Riesen-Doppelzimmern, aber wenig gemütlich (die Heizung wummerte im Erdgeschoss). Das Haus kann aber mit gutem Catering, einer Sauna, einer Kirche in unmittelbarer Nachbarschaft und einem "Komödienhaus" auftrumpfen, dem ältesten dieser Art in Bayern, wo die Klosterbrüder wohl wie in Ottobeuren mit Schülern fromme lateinische Dramen aufführten.Barocke Kloster-Deko
    Bei unseren Werkstattgesprächen musste der jeweilige Autor, während die lieben Kollegen seinen Text zerfaserten (dieser durfte nicht länger als 15 min lang sein), den Mund halten und durfte nur ein Schlusswort sprechen - die meisten bedankten sich überschwänglich und ließen sich keine Verärgerung über kritische Kommentare oder Fehldeutungen anmerken. Ich las etwas ohne Handlung, Sinn und Struktur vor, was nun wirklich niemandem gefallen konnte und wofür ich sogar noch am letzten Tag merkwürdig heftig angegriffen wurde; ein Text, dem einer der beiden Moderatoren (die ihre Sache sehr gut machen) seine Standardbemerkung für solche Fälle widmete: "Dieser Text geht ein Risiko ein... fordert uns etwas ab... nimmt keine falsche Rücksicht auf den Leser" usw., usf. Natürlich war damit kein Blumentopf zu gewinnen, das wusste ich gleich. Die Punkte wurden durch die Teilnehmer anonym vergeben, nur den Sonderpreis bestimmt die einladende Jury. Den Hauptpreis erhielt ein erotisch aufgeladener Text in (weiblicher) Ichform, bisschen sadomasojelinesk, doch blond und appetitlich vorgetragen;Konzert im Kapitelsaal Nebenpreise erhielten der Autor - im Hauptberuf Informatiker - eines packenden Antikriegstextes mit Afghanistantrauma und ein Lyriker, der sich kaum oder gar nicht an den Diskussionen beteiligt und somit niemandem auf die Füße getreten hatte. Schließlich gab es noch den Sonderpreis für jemanden, der englische und alemannische Brocken in die gesellschaftskritische Litanei einstreute ("Verbundenheit mit dem schwäbisch-alemannischen Raum" wird bei Auswahl der Einsendungen berücksichtigt) und in den letzten Zeilen gar noch jodelte (wörtlich aus dem Manuskript: "holdjo-di-rü / holdjo-a-ho", und das dreimal). Die Verleihung der Jodeldiplome wurde daher zu einem auch musikalischen Erlebnis, zumal ein tapferes Schülerorchester im illuminierten sog. Kapitelsaal vor schwindendem Tageslicht aufspielte (das Wort "Winterpalais" ging mir durch den Kopf): Streicher, haut bois, Querflöte und Cembalo.
    Bei all diesen Aktivitäten haben wir natürlich nicht viel von der Umgebung gesehen. Am letzten Abend nahmen wir - als einzige, die meisten waren abgereist - ab 20.00 Uhr die Sauna in Anspruch, und weil man zum Luftschöpfen in den Klostergarten hinausgehen konnte, Ausmalung der KlosterkircheKanzelschiffkühlten wir uns statt im Swimmingpool, den es nicht gab und der wohl auch, gäbe es ihn, allenfalls blockartig gefrorenes Wasser bieten würde, vor Gebrauch der Schwalldusche mit rieselndem Schnee ab. Zweitens besichtigten wir in einer Mittagspause die Klosterkirche mit ihrer tollen, wie ein Schiff geformten Kanzel - sie wird im Zusammenhang mit dem Ortsnamen "Ir(r)see" interpretiert, über den das Schiff des Glaubens führen soll - und mit Malereien, die Szenen aus dem Leben des Ordensheiligen darstellen. - Und schließlich nahmen wir einen sehr frühen Zug zurück, damit wir beim Umsteigen in Augsburg ein paar Stunden für eine kleine Stadtbesichtigung einplanen konnten. Ich war einst als Liedermacher hier gewesen, hatte aber gar keine Zeit gefunden, mir Augsburg näher anzusehen; außerdem habe ich mal jemanden historisch und orthographisch beraten, der 1985 ein "Augsburg-Spiel" zur 2000-Jahr-Feier herausgegeben hat.
    Als wir allerdings den sicheren Bahnsteig verließen und auf den Bahnhofsvorplatz kamen, konnten wir nur noch ganz, ganz vorsichtig auftreten, denn Regen plus Gefriertemperatur hatten sämtliche Bürgersteige mit einer transparenten und glasharten Eisfläche überzogen! Wie gut, dass wir diese Reise nicht mit dem Bus oder gar dem eigenen PKW machten, denn abends erfuhren wir aus den Nachrichten von den querstehenden LKWs und schrecklichen Unfällen auf der A 8 bei Augsburg.Straße in Augsburg Wir bewegten uns entsprechend vorsichtig zum Königsplatz und zum Rathaus, wo wir den Goldenen Saal besichtigten, eine prächtige Party-Location aus der Spätrenaissance, deren Besuch schon 2 € Eintritt kostet, ohne dass man dafür auch nur mal die Toilette benutzen dürfte ("Wir haben einen Schlüssel, dürfen ihn aber laut Ratsbeschluss von voriger Woche nicht hergeben, weil es Vandalismus gegeben hat...").Goldene Kammer in Augsburg Dabei soll sich vor den WCs auch der Defibrillator befinden, rückt ihr den Schlüssel denn heraus, wenn einer den Herzklabaster kriegt und man schon durch das Lesen der Gebrauchsanweisung wertvolle Sekunden verliert? Aber die hier ansässigen Fugger und Patrizier, die sich gewiss manchen Festtrunk eingeschenkt haben, durften vermutlich zwischendurch auch mal austreten, schon, um desto feierlicher wieder hereinschreiten zu können. Sie ließen in diesem Saal vor allem ihre Regierung verherrlichen: von Weisheit und Mäßigung wollten sie sich leiten lassen, der Gerechtigkeit und dem Gottvertrauen huldigen, alles personifiziert durch allegorische Gestalten, die in den Malereien auf der Kastendecke dagestellt sind bona fide in der Goldenen Kammer(die leider etwas verwackelte "bona fide" scheint einen Vasen- und Tuchhandel zu betreiben, während die Mäßigung eher an eine Gastwirtsfrau erinnert). Säulenheiliger im RatssaalDanach stellt sich die gute Regierung von Augsburg als eine Art Rosenmontagszug dar. Auf dem Triumphwagen, den Kleriker in bunter Tracht ziehen müssen, residiert die Weisheit, von lauter gelehrten und mächtigen Männern umzingelt, sieht man von drei Damen ab. Wird sie als Beute abgeschleppt? allegorische Regierung von AugsburgÜbrigens werden in Augsburg sämtliche Pöstchen zweimal besetzt, nicht geschlechter-paritätisch, sondern jeweils durch evangelische und katholische Kandidaten (eine der Moderatorinnen bei dem Schriftstellertreffen war bis vor kurzem Kultur-Bürgermeisterin in Augsburg gewesen und hatte vielleicht auch einen andersbekennenden Sidekick). Wonach allerdings der Schalksnarr mit dem umgedrehten Nürnberger Trichter auf dem Kopf in den drei Beuteln unter der Gürtellinie sucht (Kleingeld für die zwei Klofrauen, je ev. und kath.?), weiß ich nicht.
    Der Augsburger Bertolt Brecht hat übrigens vor dem Drama Der kaukasische Kreidekreis bereits die Erzählung vom Augsburger Kreidekreis geschrieben und die entscheidende Gerichtsverhandlung hier im Goldenen Saal angesiedelt. Natürlich führte unser Rundgang auch zu Brecht, aber zuerst in die evangelische Barfüßerkirche, wo gerade eine Dreikönigsveranstaltung zu Ende ging und eine Dame kleine Lebkuchen in Form der (gotischen) Kirchensilhouette verteilte. Wir wurden ermuntert, ruhig mehr zu nehmen, sie hätte viel zu viel davon...Geburtshaus von Bert BrechtBrecht vor seinem Haus das diente dann später als Reiseproviant. Auch zum Gemeindekaffee wurden wir eingeladen, was wir aber mit Rücksicht auf das schmale Zeitbudget ausschlagen mussten. Es wäre bestimmt interessant gewesen, sich als Kölner einmal von Augsburger Protestanten die Konfession erklären zu lassen! Hier wurde der junge Knabe (damals noch mit h und d unterzeichnende) "Berthold" also konfimiert und hat wohl auch die Bibel so ernst genommen, dass er später seine Taschenpostille in einer Sonderausgabe auf Bibeldünndruckpapier, mit Versnumerierung im rot-schwarz-Druck veröffentlichte. - In seiner frühen Lyrik ist oft vom schwarzen Wasser die Rede, und tatsächlich ist der Lech-Kanal neben dem Geburtshaus von Bertolt Brecht ein Anblick, bei dem einem schwindlig werden kann: so schnell gleiten die Wellen dahin und so schwarz ist das Wasser. Kanal auf dem RainDas Haus war 1960 mit einer Gedenktafel versehen worden (immerhin zu einer Zeit, als das Inszenieren seiner Stücke oder ihre Thematisierung im Deutschunterricht im Westen noch verpönt bis verboten war); später wurde ein kleines Museum draus. Angeblich haben in dem winzigen Gebäude noch zwei weitere Familien gewohnt! 2006 hat die Stadt an vier brecht-bedeutsamen Orten rote lebensgroße Blechsilhouetten aufgestellt, auch hier. Es werden zwar nicht übermäßig viele Exponate gezeigt - vorwiegend Bücher - , aber dafür sehr originelle, so z. B. die neusachliche Vase aus dem Laden von Bona Fide Nachf., die der Jungdichter seiner Verlobten Paula "Bi" Banholzer verehrt hat (ihr Vater war gegen die Heirat; der gemeinsame Sohn kam unehelich zur Welt). Auch ein Ofen steht im Erdgeschoss, den Brecht in einem Exilgedicht unter dem Titel Zeit meines Reichtums geschildert hat, wegen des Bildmotivs: "Sieben Wochen meines Lebens war ich reich... Mächtige eiserne Öfen von zierlichster Gestalt trugen getriebene Bildnisse: arbeitende Bauern." Er hatte sich für die Tantiemen der Dreigroschenoper (viele, viele Groschen!) ein Landhaus kaufen können, das Brechts Geschenk an Bi Banholzernach seiner Flucht aus dem Hitlerreich im Frühjahr 1933 an Marianne Zoff fiel, Brechts erste Ehefrau und später die von Theo Lingen. Nachbesitzer dieses Hauses haben die Schmuckstücke dann wohl verkauft oder dem Museum angeboten. Die Öfen in dem Nebenraum zum Goldenen Saal des Rathauses (dem "kleinen Goldenen Saal") sind übrigens nicht aus Gußeisen, auch wenn sie so aussehen, sondern, wie es heißt, bemalte Keramik, vielleicht sogar deshalb teurer als popeliges Gußeisen?
    Nach unserer ausführlichen Besichtigung des Brechthauses schrieben wir noch ins Gästebuch und wandten uns sodann dem Dom Unserer Lieben Frau zu, der allerdings keine "Klappbänke" aufweist wie St. Anna, eine andere Augsburger Kirche, wo man auf der einen Seite dem katholischen, andersrum dem evangelischen Altar zugewandt sitzen kann. Im Dom gefiel mir besonders die Krippe, die sehr expressive Figuren zeigt, darunter einen Engel, der mit einer langen Kette vom Himmelsdach herunterhängt, sowie Ochs und Esel, die wohl aus Platzgründen nur mit dem Kopf aus einem Loch zugucken können, Domkrippe zu Augsburgwährend die Hirten hinter einem Gatter sackdudeln. Lange blieben wir nicht im Dom; aber mir ist noch die Heißluft in angenehmer Erinnerung, die durch die Lüftungsroste blies. Auch sehr schöne alte Kirchenfenster sind im Dom zu bewundern. Leider verpassten wir die Basilika St. Ulrich und Afra, die Märtyrerin Afra gilt seit alters her als Schutzheilige der gewerblichen Liebe, und auch den Dr. Luther berücksichtigten wir nicht genug und warfen nur im Vorbeigehen einen Blick auf das Haus, wo der Reformator gewohnt hat, als er 1518 durch den päpstlichen Gesandten Cajetan verhört werden sollte, seine Thesen nicht widerrief und fliehen musste (1530, als die Augsburger Confession geschrieben wurde, ließ er sich von Phillip Melanchthon vertreten). 
    Damit komme ich auf unser Literatentreffen zurück. Ich weiß nicht, ob Brecht je ein Gedicht ganz ohne Sinn, Ziel und Inhalt geschrieben hat oder das jemals wollte (das frühe Gedicht "Als ich im Finstern war, und das Licht kam nicht zu mir, schrie ich laut..." scheint mir am ehesten dem zu entsprechen). Ich kann nur sagen, dass es für mich ein merkwürdig triumphales Gefühl war, einen Text zu verfassen, der nichts erzählen, nichts bedeuten will (ein wenig wie die Abstrakten, deren Bilder nichts mehr zeigen wollen), in dem nicht einmal klar ist, wer spricht (und worüber; allerdings lässt das verwendete Sprachmaterial die Deutung zu, dass es sich um ein Coaching-Programm in der Arbeitsagentur oder im Sozialarbeitermilieu handeltOfen im Augsburger Brecht-Haus - deshalb wurde ich auch angegriffen, man mutmaßte, ich hätte was gegen Sozialarbeit, und der Anteil sozialarbeiterisch oder psychiatrisch oder bei der Betreuung von traumatisierten Soldaten tätigen Autoren war merkwürdig hoch). Ein Kriterium, ob ein Text gelungen ist, mag darin bestehen, ob man sich noch nach ein paar Tagen an ihn erinnert, und da fällt mir eine Zeile aus dem Zyklus des Lyriker-Nebenpreisträgers ein. Da geht es u. a. darum, dass das "lyrische Ich" morgens in ein Möbelhaus geht, um "frühzustücken", weil es dort billiger sei (im ersten Gedicht des Zyklusses mit dem Titel die liebe, der tod & und die mäuse heißt es "die Mäuse laufen immer vor mir weg"). Daran musste ich am Tag nach unserer Rückkehr denken, als wir durch mehrere Möbelhäuser der Umgebung von Köln streunten, auf der Suche Porta-Warnschildnach allem Möglichen, und erst abends fündig wurden - in Gestalt von Modulen eines projektierten Schreibtischs, für den wir eine Platte, aber keine Füße und keine Schubladenelemente besitzen. Um "frühzustücken" gehen alle möglichen Leute morgens ins Möbelhaus, und alle einschlägigen Möbelhäuser waren trotz des Werktags auch zur Mittagszeit noch brechend voll. In einer Bornheimer Porta-Filiale ist allerdings das Selbstbedienungsrestaurant unmittelbar neben den Kulissenküchen und den Wohnzimmereinrichtungen gelegen, und wer keinen Platz findet, wird logischerweise das Tablett ein paar Schritte weiter in den non-food-Bereich tragen und das ausgewählte Menü im vornehmen Mobiliar zu sich nehmen, in einem Ambiente, wo man "speisen" oder "tafeln" sagt, nicht bloß essen: "Zeit meines geborgten Reichtums", sozusagen. Leider ist auch die Geschäftsleitung schon auf diesen Trend ihrer Kundschaft aufmerksam geworden und versucht, mit entsprechenden Mahnhinweisen gegenzusteuern...


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  • Im Allgäu fiel mir auf, wie oft Hinweisschilder mit der Hand gemalt sind (zum Vergrößern einfach draufklicken).

    Holz lagern verbotenKeine Durchfahrt50 km Radar

    Man beachte den Sinn für Farbgebung und Design, z. B. die Unterpünktelung rechts oben!

    Mir wollen diese Warn- und Hinweisschilder aber auch wirksamer (alarmierender) erscheinen, als wenn es sich um ein behördliches, in Blech gestanztes Verbot handeln würde. Und "Radar" schreckt mehr vom Gasgeben ab als "Kinder"! Allgäuer scheinen seit alters her gern schriftlich mit ihrer Umgebung zu kommunizieren, wie diese im Schwäbischen Landwirtschaftsmuseum zu Illerbeuren gezeigten Haus-Inschriften nahelegen.

    Hausinschrift Illerbeurenlinks: "wer allen Leiten recht thun wil und kan der lösh mich aus und shreib sich selber an"; unten: "wan einer will bauen an weg und Strassen der muß die Herren reden und die Narren dadlen lassen".

    Hausinschrift Illerbeuren 2Ich muß noch herausfinden,
    was das Wort "Dadlen" bedeutet. Grimm-Wörterbuch: Fehlanzeige. Vermutlich "Tadeln"...

    ZiegenstallWelcomeBesonders hat mich ergriffen, an der Tür zu einer Bauernkate aus dem 18. oder 19. Jahrhundert das Schild "Welcome" zu lesen - damals schon Denglisch? Aber die Umwidmung eines offenbar aufgegebenen Gasthofs zum Rathaus geschah auch ganz unkompliziert, mit einem draufgepinselten Titel (wo Dings draufsteht, ist auch Dings drin)...

    WelcomeIn Bad Grönenbach, wo es noch Gasthöfe gibt, hat man den Rauchern das draußen vor der Tür gelegene Rauchereckchen mit einem Wandbild verschönern wollen. Aber
    das HB-Männchen gleich mit zwei Zigaretten
    auszustatten, ist übertrieben, oder?Raucherecke                   

    Das Rathaus fanden wir übrigens in Maria Steinbach. Auch den Hexenhof, gleich neben der Wallfahrtskirche aus dem 17. Jahrhundert gelegen, inzwischen hat man die Hexe wohl ausquartiert und renoviert das Anwesen, und sie wird in der Tagesklinik der Galerie glatt + verdreht in Lindau betreut...HexenhofGalerie glatt und verdrehtMusketierquartierIn einem Turm der Stadtmauer in Memmingen haben die Musketiere, die sicher keine Memmen sind, ihr Hauptquartier - wenn alle paar Jahre wieder Wallenstein einreitet.

    Der handschriftliche Hinweis kann über Enttäuschungen - wenn man zB. kilometerlange Umwege zur Überfahrt über den Fluss auf sich nahm, um zu erfahren, dass die Fähre nur nach telefonischer Voranmeldung kommt und "schwere Räder" nicht transportierbar sind -, hinwegtrösten. Aber auch politischer Protest artikuliert sich im Allgäu gern mit entsprechenden Spruchbändern wie diesem. Zittert, ihr Molkereimagnaten: der Bauer stund auf im Lande!

    mon blog retrouvé...Mueller Milch ProtestWassermann

     

    Und dann gab es noch geheimnisvolle Mitteilungen anderer Art. Im Wald hatte offenbar jemand eine Schnitzeljagd organisiert oder bestimmte, namentlich genannte  Leute ins Abseits locken wollen. Vielleicht in die Schaschlikhölle?schaschlikhölle

    WalterAnnelieses Weg

    Zum Schluss noch das Verbot, die Burgmauer zu betreten (an das sich seit der Zeit der Musketiere niemand gehalten hat, die ehemalige Burg war ein Trümmerfeld, und der Müll hätte gut und gern vier Abfallkörbe gefüllt), und zwei seltsame Mahnungen: "Seid nicht böse!" und (richtet sich das an den Pflasterer?) "Wo hast du vier Jahre gelernt!"

    burgmauer nicht betretenvier Jahre gelerntseid nicht böse

     


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  • Irgendwann war es soweit, dass wir Abschied nehmen mussten - jedes Finale geht unweigerlich am Schluss zu Ende. Nachdem ich am Montag ein letztes Mal direkt hinterm Haus in den Wald gelaufen und meine Pantomimen-Gymnastik absolviert hatte, hieß es: zusammenpacken, Räder einfalten und die Beine in die Hand bzw., weil das nur bildlich gilt, die Autobahn unter die Sommerreifen nehmen.das "Laufende Logo" der book-crossing-Gemeinde Unsere Gastgeberin im Book Crossing Point von Bad Grönenbach war bereits von ihrem Ausflug nach Österreich zurückgekehrt und wollte natürlich wissen, wie's uns geht, vor allem, wie wir mit dem doch oft wetterwendischen Klima zurechtgekommen sind. Book Crosser gehen von dem Gedanken der Literatur als einem partizipativen Volksvermögen aus; als Autor wäre mir lieber, sie würden sich "Wolkenland" kaufen, deshalb war ich strikt dagegen, die Anthologie umstandslos hier zu hinterlassen - es hat ja nicht mal annähernd antiquarisches Alter - aber da ich selber jede Menge Bücher zuviel habe und auf dem Flohmarkt nicht mehr loswerden kann, wäre es keine schlechte Idee, beizutreten und die alten Schätzchen mit entsprechenden Identifikationsnummern auszustatten. Man legt sie an einem der vielen crossing points ab und erfährt, wenn es jemand mitnimmt und die ID-Nummer im Internet eingibt, gelegentlich von ihrem ferneren Schicksal. Übrigens waren die hier in den Billy-Regalen reichlich aufgereihten Bücher kein Flohmarkt-Prüll, sondern bestens erhalten und großenteils auch aktuell - für mich zu aktuell, denn "richtige" Literatur war nur in Ausnahmefällen darunter und der Tagesquatsch von Rosamunde Pilcher bis Vampirella-Literatur interessiert mich nicht. Immerhin hatte ich eine Lübbe-Taschenbuch-Ausgabe von Anatole France: Die Götter dürsten entdeckt, was ich endlich mal lesen wollte (kam aber über die ersten zehn Kapitel nicht hinaus); Jean-Paul Sarte: Der Ekel, das ich schon lange nicht mehr angefasst hatte, las ich nochmal ganz, zwischendurch amüsierte ich mich trotz meiner Abneigung gegen Illustriertenkram über Axel Hacke und sein biedermeierliches, stockkonservatives Deutschland-Album, dazu passte Kornelias mitgebrachte Lektüre haargenau, der ebenso stockkonservative und biedermeierliche Martin Mosebach (Der Mond und das Mädchen) und Irene Disches oberflächliche, zum Roman geblähte Obama-Wahlkampf-Reportagenserie. Tägliche Lieferungen des Memminger Anzeigers, diverser Museumsprospekte und Reiseführer und das Einsetzen des trockenen Wetters führten dazu, dass ich keine Zeit fand, mein mitgebrachtes Pensum auch nur anzublättern. Das Gefühl, in einer (fremden) Bibliothek zu wohnen, kannte ich bereits aus dem Übersetzerkollegium in Straelen, freilich mit dem Unterschied, dass man dort einerseits immer mit Kollegenbesuch rechnen muss, andererseits die Bücher nicht einfach nach Hause mitnehmen darf, was hier (theoretisch) möglich gewesen wäre. Übrigens treffen sich die deutschen Anhänger der book crossing community vom 22. bis 24. Oktober in Essen, im "Unperfekthaus", an das mich die Ferienwohnung - obwohl sie außer einer äußerst störrischen Kaffeemaschine gar nichts unperfektes an sich hatte - auch erinnert. Andererseits ist das book crossing so eine Wohlfühlgemeinde wie facebook oder Wikipedia - in der Teilnehmerliste finden sich merkwürdige Namen wie "Katzenfresser", "BunteAmsel", "Schneestern" oder "Frodo3216"'; die Crosserin, bei der wir wohnten, hat wohl einen indischen oder vedischen Nicknamen, ist aber nicht angemeldet.

    Heute, eine Woche später, haben wir uns abschließend die Vor- und Nachteile eines Allgäu-(K)urlaubs vor Augen gehalten, ich stelle hier für alle, die erwägen, mal dorthin zu fahren, eine Doppelliste der Argumente für und wider zusammen. An's Werk!

    Wegweiser (18. Jhd.) im Illerbeurener Umlandcontra:
    Wetter: Im Museum von Illerbeuren erfuhren wir, dass im Allgäu mit ergiebigem Niederschlag in allen Monaten zu rechnen ist (außer Dezember und Februar, wo er etwas spärlicher ausfällt). Dauerregen war zwar nicht oft, meist beschränken sich die Launen des Wettergottes auf einen Kneippschen Ganzkörper-Kaltguss, dem Sonnenschein zum Abtrocknen folgt. Hat es sich einmal eingeregnet, kann man sich abschminken, wandern zu gehen, es ist dann weniger angenehm, wenn Illerbeuren noch eine halbe Stunde Wegs entfernt liegt (wie auf nebenstehendem Wegweiser mitgeteilt wird).
    Entfernung: für uns war's schon eine ziemliche Wegstrecke, immerhin rund 7 Std. Fahrzeit (übrigens angenehmer über Würzburg als Stuttgart zu fahren, was ein Internet-Routenplaner empfahl). Da kann man auch noch eine Stunde Schlafpause in Mâcon und zwei Fahrtstunden auf der Autoroute de Soleil drauflegen und nach Uzès fahren - und hat dafür eine (einigermaßen verlässliche, wenn auch nicht immer) Sonnengarantie. Allerdings ist es auch teurer...
    Wandern: Zu loben sind gute und detailliert beschilderte Wege im Weichbild von Grönenbach (außerhalb werden Wegweiser merklich seltener). Auf den sog. "Weitwanderwegen" gilt: Mütze, Tee & Proviant nicht vergessen, nirgends locken, vom Waldcafé bei jener Alpen-Ausblick-Stelle abgesehen, Gasthäuser zum Einkehren (an der obigen Obeliskbasis steht übrigens: "Gib uns heute unser tägliches Brot"). Den Anblick der Landschaft bezeichnete Kornelia als "Grünkur für die Augen". Aber: Felder und Wälder sind intensiv bewirtschaftet; bei Holzeinschlag werden manche Wege gesperrt; hat der Regen mal aufgehört, wird stinkende Gülle auf die Felder gebracht; die Iller ist kaum zugänglich und scheint auch zum Baden ungeeignet; nach wilden, wenig betretenen Pfaden, wie wir sie von Wanderungen in der Provence, im Roussillon oder im Hérault kennen, sucht man meist vergebens und läuft vielmehr, einmal aus dem Gehölz herausgekommen, weite Strecken über Asphalt (auf wenig befahrenen Landstraßen). Alles im Umkreis von 5 km um Bad Grönenbach ist gut und leicht zu wandern - von manchmal beschwerlichen Steigungen abgesehen -, aber auch ein bisschen bieder und kurpatienten-kompatibel. Kornelia meint allerdings, unsere Gastgeberin habe am allerletzten Tag von tollen Wanderwegen in Himmelsrichtungen erzählt, die wir nicht probiert haben; die Gegend ist noch nicht "ausgewandert". Radausflüge könnten in interessantere Gegenden führen, sind aber im Hinblick auf das Auf und Ab der Hügelchen wieder anstrengender.
    Infrastruktur: Ein "Netto", ein "Rewe" und der Dorfladen (ein etwas unordentlich bestückter "Edeka", bietet als Sonderangebot angeschimmelte Bananen feil) sind die zentralen Versorgungsstationen in Bad Grönenbach, wo seltsamerweise kaum Bauernhofverkauf ausgeschildert ist. Daneben exisitiert noch die dem "Schlecker" angestückte Nebenerwerbspost. Briefkastenleerung 1x täglich; es gibt auch die private "Allgäu-Post" mit eigenen, roten Kästen (ich habe probehalber Fritz Reutemann eine Karte geschickt), Briefmarken kriegt man in der Patschouli-Tee-Yoga-Andenkengalerie. Mit diesen Läden, zu denen noch 1 Metzger, 2 Bäcker, 1 Fahrradhändler plus Apotheke kommen, ist der Ort geradezu die shopping mall der Umgebung und wird nur von Memmingen übertroffen. Dorthin verkehrt ein Bus, aber außer zu Pendlertageszeiten nur sehr sporadisch. Mit dem Rad ist man in rund 10 min. am "Bahnhof Bad Grönenbach", zu Fuß 30 min (einheimische Jugendliche trampen), mindestens, aber das architektonisch vom einstigen Kurgäste-Zustrom zeugende Gebäude beherbergt nur noch Bänke und einen stummen Fahrkartenautomaten und eine Fahrplan-Vitrine. Angeblich lohnen sich Tagesausflüge von hier mit dem Rad an den Bodensee, man muss aber jeweils umsteigen und kommt erst mittags dort an. Immerhin soll es einen "Allgäu-Express" geben, der vom Ruhrgebiet direkt nach Bad Grönenbach fährt (ich finde ihn unter bahn.de nicht). Wer ihn nimmt, sollte Rad oder Rollschuhe mitnehmen z.B. für längere Wegstrecken mit Einkaufsgut. Uncharmant sind die aleatorischen Öffnungszeiten von Museen im Umland ("jeden 2. Sonntag im Monat 14-16 Uhr"), außer im schwäbischen Landwirtschaftsmuseum und im Klostermuseum Ottobeuren, beide von höherer Stelle finanziert. Gemeinden, investiert mehr in Personalkosten! Was nützen die schönsten Renaissancehäuser und -klöster, wenn Tagestouristen vormittags eintreffen... Das Haus des Kurgastes hab ich nie von innen gesehen. Als ich mal Einlass begehrte, hatte grade der Bürgermeister 50. Geburtstag und ein Schild wies ins Rathaus, wo ich aber nicht stören wollte - er hätte von mir ein paar Vorschläge zur Verbesserung der Verkehrsführung geschenkt bekommen.
    Kurortqualität: Als Kurort ist Bad Grönenbach noch ausbaufähig; die Kriterien scheint man in der bayerischen Bäderverwaltung ziemlich locker zu nehmen. Eigentlich ist hier außer einem kurzzeitigen Studienaufenthalt des jungen Sebastian Kneipp gar nichts, was Heilung verspricht: keine heiße Quelle, kein Sauerbrunnen, keine Radon-Höhle etc. Die milde Luft, gepflegte Kneipp- und Sportanlagen und der Badeteich machen das aber wett. Der "Kurpark" mit Kurmuschel, Kneipp-Armbad und CSU-Denkstein der deutschen Einheit wirkt verwahrlost. Ständige Bautätigkeit im Viertel ringsum macht den Aufenthalt nicht erholsamer. Bei unserer Ankunft wurden eben ein Traditionsgasthof abgerissen und einige Meter von der Ferienwohnung weg neu gebaut (die Feierabend- und Sonntagsschwarzarbeit hielt sich aber in Grenzen und wir blieben akustisch unbelästigt). Der Kraftfahrzeugverkehr könnte außer mit 30-km-Zonen und "Bitte Schritt fahren!"-Schildern (an die sich keiner hält), wirksamer mit Straßensperren (die ja Ausnahmen für Liefer- und Anwohnerverkehr nicht ausschließen) eingedämmt werden. Und wo sind die Hupen-verboten-Schilder? Des Bayern sensibelstes Organ ist nun mal das Protz-Auto, und wer ein solches fährt, dünkt sich popeligen Fußgängern und weniger gangstarken Radlern gegenüber in der Vorfahrt. Motorräder sind nicht gern gesehen (dürfen nach Sonnenuntergang in der Stadt nicht herumbrettern) und die neueste Unsitte der vierrädrigen "Squads" hielt sich in Grenzen, haben wir vielleicht ein-, zweimal in Kempten gesehen. Aus Kurorten bin ich allerdings gewohnt, dass Motorengeräusch auf ein Minimum reduziert oder ganz unterbunden wird! und das sollte auf dem Marktplatz vor dem "Haus des Gastes" auch geschehen, anstatt selbst diesen noch zur Drehscheibe des innerstädtischen Kfz-Gebrauchs zu machen. Die Glocke der Stiftskirche Philippus und Jacobus, gegen deren Lärmimissionen wir Ohrstöpsel ans Bett gelegt bekamen, hat dagegen gar nicht gestört.

    pro:
    Freundlichkeit: Die Allgäuer, wie wir sie kennengelernt haben, sind überhaupt nicht grantlig oder verschlossen, sondern wahnsinnig freundlich, zuvor- und entgegenkommend. Nicht nur unsere Gastgeberin, auch die Kellner, Kassiererinnen, unterwegs die Bauern, wenn man welchen begegnet, alle. Nie hat man das Gefühl, angeranzt zu werden oder ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Wir waren ja schon ganz erschüttert, dass es keine Bayern sind, sondern Schwaben, die allerdings fast alle perfekt hochdeutsch reden. Man grüßt sich, und zwar unverkrampft und kommunikativ, ununterbrochen - auf der Straße, beim Schwimmen oder Einkaufen oder Frühsport, überhaupt in jeder Lebenslage. Außerdem sind alle sichtlich erfreut, Fremde zu sehen, welche im Vorübergehen den Nordic-Walking-, den 4fCircle-Trainings- und den Fußreflexzonen-Parcours nutzen - man fühlt sich hier fast überall willkommen, vielleicht auch, weil es (noch) so wenige von uns gibt...
    Wenig überlaufen: Die Hauptqualität des Orts ist, dass er als Geheimtip gelten darf. Die Miete war preiswert, es gibt keinen Massenandrang bei Kneipp-Tretanlagen (die auch nicht als Babybadebecken missbraucht werden) oder anderen Stätten der Ertüchtigung. Wanderern oder Walkern begegnete man mitunter, aber nur sporadisch und nie in größeren Gruppen oder gar busladungsweise. Hier kann man sich entspannen, ohne sein Glück oder sein Strandbadetuch mit Tausenden anderen teilen zu müssen. Beispielsweise stellt einen der Besuch des Naturfreibades den Klinikgästen des Sanatoriums Bad Clevers völlig gleich, der Komfort ist übersichtlich, aber alles ist sauber und kostete nichts (die Kurkarte hätte halbe Preise ermöglicht, aber wegen des ungewissen Wetters wurde ganz auf Eintritt verzichtet). Man sieht auch nicht dauernd Versehrte oder Kranke, was nicht schlimm wäre, aber das Bild dieser Kurstadt wird wirklich eher durch Sporttreibende geprägt. Und zwar nicht von braungebrannten, durchtrainierten Sonnyboys, die mit ihrer Ausrüstung oder ihrem Muskeltonus prahlen, sondern von ganz normalen, durchschnittlichen Mitmenschen, die sich an den "low-performance"-Geräten des nagelneuen, erstklassig ausgestatteten Trimm-dich-Angebots mit viel Vergnügen und ohne Leistungsdruck zu schaffen machen.
    Kulturangebote: Die Umgebung weist für Schlechtwettertage eine Fülle von Kulturangeboten auf, den Musikfestivals von Uzès und Montaren, dem Carré d'Art von Nîmes usw. durchaus vergleichbar - um es zu nutzen, muss man allerdings ebenso wie dort motorisiert sein und vorher im Haus des Gastes oder im Internet nach Öffnungszeiten und Programmen recherchieren. Kaufbeuren mit seinen Museen und literarischen Gedenkstätten, Ottobeuren und seine künstlerisch gestalteten Säle, wo ständig Konzerte stattfinden, Kempten und Mindelheim und Memmingen, das sind großartige Ausflugsziele. Und dabei haben wir vieles noch gar nicht gesehen, die Schnitzaltäre von Buxheim, das Wieland-Museum in Biberach, die Orgelrezitationen in Ottobeuren, die Museen in Wangen und Mindelheim, für all das hatten wir keine Zeit oder wir kamen zur Unzeit dorthin.
    Stille, frische Luft, Grün und Blumen: Wo wir wohnten, war der Wald direkt hinterm Haus, drei Minuten den "Vogelsang" hoch. Grüne Treppe zum Hohen SchlossDie Luft in dem Kneipp-Kurort war frisch und rein, die Stille war wunderbar, sobald man sich etwas von der Straße entfernt hatte. Das meditative Glockenklingklang der Kühe ist keine Störung. Auf den Wanderwegen war es auch stets ruhig und es herrschte in der Regel wenig Verkehr, selbst auf asphaltierten Nebenstrecken. Eine üppig-bunte Blumenfülle in den Gärten der Umgebung beweist, dass die Landfrauen viel Sinn für florale Schönheit haben, den ich bei manchen Höfen in der Eifel oder im Bergischen vermisse. Straßenränder, Wiesen, Wälder sind sauber, niemand verteilt seinen Verpackungsmüll in der Landschaft. Und an jeder Ecke, selbst tief im Wald, sofern er noch zur Gemarkung Grönenbach gehört, hängen Kästen mit Hundeklo-Plastiktüten, die von den hiesigen (wenigen) Hundebesitzern genutzt werden, um die "Trümmerl" (wie der Wiener sagt) ihrer Lieblinge diskret zu entfernen. Es muss allerdings einen besonders auf gesüßten Eistee erpichten Mitmenschen, vielleicht Kurpatienten, in Bad Grönenbach geben - dessen Hinterlassenschaften (leere Trinkkartons) fallen um so mehr ins Auge, als sonst nichts herumliegt...
    Milch und Käse: Die hierorts wachsenden Kräuter, von glücklich dreinschauenden Kühen in friedlicher und harmonischer Umgebung gemampft, sorgen anscheinend für den Wohlgeschmack der Milch und für eine reichliche Auswahl interessanter Weich- und Hartkäse. Auch Buttermilch, Quark und Yoghurt schmecken im Allgäu deutlich besser als anderswo in Deutschland. Kässpätzle haben wir nicht probiert, Weiß- und andere Würstchen sind lobenswert, Wurstsalat muss man nicht draus machen. Aber das Kulinarische haben wir allenfalls in der eigenen Ferienküche erprobt. In Bad Grönenbach gibt es sogar ein Weinrestaurant mit einem Michelin-Stern, das wir zu Kornelias Leidwesen nicht besucht haben, ebensowenig wie die Konkurrenz im Kurcafé mit dem exquisiten "Lehrlingsmenü" des dort an der Kochmütze Auszubildenden oder die Schaukäserei in Altusried, wo die Iller romantischer und zugänglicher sein soll als am Rothenstein. Das Kurvorhaben brachte es mit sich, dass wir statt der kulinarischen die sportiven Angebote weidlich in Anspruch nahmen; einen Wein nebst Brezel-Imbiss auf der Terrasse des Rauchkuchls haben wir aber nicht verschmäht. Am schönsten war das Chillen an der Kneipp-Tretanlage, bei Tee aus Thermoskannen, und anschließend der grüne, aus ausrangierten Eisenbahnschwellen gezimmerte Aufstieg zum Schloss (mit Abstecher zu Sebastian Kneipps Kräutergarten, Lehrbienenstock und Lorbers Lauben oder Panoramablick in den Abendhimmel über Stadt und Umland, von der Mauerbrüstung des Schlossgartens), und von dort die Rückkehr zur wenige Schritte entfernten Ferienwohnung.

    Unser Fazit: die Vorteile überwiegen, ihre Einschränkungen sind unerheblich. Gerade die weniger spektakuläre Landschaft an den "foothills" der Alpen ermöglicht ruhige, angenehme Ferien, ähnlich wie Aufenthalte nicht direkt am Mittelmeer, sondern im Hinterland. Kurz: wir kommen wahrscheinlich wieder!

     


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  • Zu guter Letzt gilt es noch, unserer persönlichen Maria-Himmel-Wallfahrt zu gedenken, die wir am Sonntagnachmittag gegen 17.00 unternahmen, allerdings nicht auf Knien oder per Pilgerstab, sondern - zugegeben - als Abstecher im Auto bei der Rückkehr von Memmingen. Man parkt vor dem mon blog retrouvé...Landgasthof zum Löwen und geht das kleine Hügelchen zu Fuß hoch. Maria Steinbach ist kein Personenname, sondern der durch seine Barockkirche an der Iller weithin sichtbare Weiler auf dem Illerbeuren gegenüberliegenden Ufer. Man kommt wirklich nur auf kleinen Nebenwegen dorthin. Bis zur Säkularisation gehörte er dem Kloster in Rot an der Rot (diesen bunten Ort konnten wir nicht mehr sehen), deren Prämonstratenser brachten - so auf der Webseite des Orts nachzulesen - 1728 ihre von Schwertern durchbohrte Schmerzensmadonna hier unter.Nach dem Crash... Zwei Jahre tat sich nichts, aber dann meldeten Besucher, das Gesicht der Statue habe sich verfärbt, sondere Tränen ab und bewege die Augen (dies erstmals am 2. Juni 1730) bzw. Augenlider. Natürlich zwinkert sie nur frommen Gotteskindern zu, die reinen Herzens sind; verkommenen Sündern, touristischen Gaffern, Fotoamateuren mit Stativ und gottesfernen Skeptikern bleiben  die Wunder dieser Wallfahrt verborgen. Unter der Madonna finden sich aber zwei weiße Engelchen, ein lachendes (oder singendes?) und ein weinendes, die allerliebst anzuschauen sind und die rechte Haltung lehren, die Christenmenschen vor diesem Zeugnis tiefer Volksfrömmigkeit einnehmen sollten. Eine andere Putte, die als Kerzenhalter dient, wird "Joh Georg Üblhör" zugeschrieben und auf 1763 datiert. Und natürlich entfaltet der oberschwäbische Barock seine ganze Pracht ("danach kann man süchtig werden", meint Kornelia): Mit fein abgestimmten Farbspielen und Kontrasten bilden die heisigen Kirchen geradezu Gesamtkunstwerke, mit ihren Deckengemälden und Stuckverzierungen, Schnitz-Skulpturen und Vergoldungen und, und, und... In der Kirche findet sich noch manches Eckchen (es gibt ein wunderkräftiges Christuskreuz, ein Partikel vom echten, von Konstantins Mutter (einer Stallmagd aus Britannien, die das Kind unehelich von einem Legionär kriegte) aufgefundenen Hl. Kreuz, das jeden Freitag ausgestellt wird (bestimmt ergeben alle auf der Welt zusammengenommen einen Wald) sowie eine Johannesstatue. Am dem Wänden hängen Votivtafeln, ganz oben (daher leider unleserlich) diejenigen, in denen für Errettung von einer Missernte oder die Heilung von krankem Vieh gedankt wird, danach solche, in denen es um die Heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft und das Überleben einer schweren Geburt geht, dann folgen modernere wie die Hilfe beim Examen, Errettung vom Fahrradunfall mit anschließendem Koma auf der Intensivstation, mit Tropf und Fieberkurve überm Bett wiedergegeben, alles Anlässe, bei denen "Maria geholfen" habe. Gnadenbild-Kopie in SteinbachAn dem Christusaltar wirft man wohl auch handgeschriebene Briefe hinter ein Gitter. Aus Sicherheitsgründen wurde draußen auf dem Hof ein eigener Opferstock aufgestellt, mit einer naiven (und damit wohl noch anziehenderen) Kopie des Gnadenbilds im Graffito-Stil, überdacht, wo man Kerzen aufstellen und anzünden darf (sie brennen massenhaft und verbreiten, als wir dort eintreten, wohlige Wärme in diesem frischen Sommer). Hier balanciert die Madonna ihre Krone prekär auf dem Haupt wie einen kürbis, und die Aufen wenden sich tatsächlich in eine andere Richtung, mehr schelmisch nach rechts oben, wie mir scheint. Dass auch dieser Raum wieder von Votivtäfelchen, Fotos, selbstgemalten Bildchen und handschriftlichen Fürbitt-Zetteln überquillt, bedarf keiner Erwähnung.

    Kornelia traute sich dann auf die Empore, über die Holztreppe, und machte Fotos von oben, die noch nicht entwickelt sind. Währenddessen kamen immer wieder Leute herein, Betende und Touristen, letztere an den Kameras erkennbar, und auch eine italienische Familie mit Schwägern und Kleinkind und Halbwüchsigem, nur für eine kurze Abendandacht, vielleicht anlässlich des allgäu-italienischen Weinfests zu Grönenbach hergekommen, um der Schmerzensmadonna einen Besuch abzustatten...

    Ein längerer Spaziergang in der Umgebung der Kirche und zur Iller brachte noch einige schöne Beispiele für selbstgemalte Schilder im Allgäu ("Seíd nicht BÖSE" war z. B. mit Filzstift auf den Fahrplan an der Bushaltestelle geschrieben), und endlich schafften wir es auch endlich, mal ein Stück Ufer an der Iller zu betreten, jenes Flusses, dessen wild überbuschtes Ufer sich so merkwürdig keusch dem Vordringen von Spaziergängern (jedenfalls hier in der Gegend) entzieht. Die Illerfähre, die erst telefonisch vorbestellt werden muss, lag übrigens auf der anderen Seite vor Anker. Iller-AnlegeplatzDas Flüsschen sah wieder grün und harmlos aus und scheint doch tückisch angesichts der fehlenden Uferwege. Aber man darf ab hier lt. bayerischem Fischereigesetz bis zur Donau sogar den Hecht außerhalb der Schonzeit (1. Februar bis 30. April) angeln. Hier wurde 1938 ein Laufwasserkraftwerk errichtet, die "Illerstufe Maria Steinbach", und obwohl für den Fall von Überschwemmungen ein breiter Wiesenstreifen freigehalten ist bis zu den ersten Kuhweidegründen, hängen die Überlandleitungen doch verdammt tief, so dass man denkt, der Fluss könnte eines Tages so überquellen, dass die Stromkabel tangiert werden.

    Auf einem oberhalb des Kirchleins gelegenen Parkplatz gibt es übrigens interessante Propagandatafeln, die den in dieser Gegend grassierenden Ökotrend als urkatholisches Anliegen darstellt: "Im Bereich Energie zeigen sich Naturwissenschaft und Glaube ungewöhnlich nahe", heißt es dort: "Sowohl der Papst als auch Physikerinnen und Physiker bestätigen die ungeheuer starke Energie, die die Sonne zur Erde scheinen lässt. 15.000 mal mehr, als die Menschheit auf dem Blauen Planeten aus Atomkraft, Erdöl, Erdgas und Kohle bezieht (Referenzjahr 2000)." Kräuterboschen, frisch gesegnet, an KirchentürEine Biberfamilie soll in der Nähe auch eine Biberburg errichtet haben, die wir allerdings nicht zu Gesicht bekommen haben. Weiter heißt es speziell über Maria Steinbach: "Unterhalb der Rokoko-Wallfahrtskirche Maria Steinbach steht ebenfalls eine ehemalige Mühle. Auf Maria-Steinbacher Markung wirkt Wasserkraft noch heute. Weiter unten in der Iller befindet sich das Kraftwerk Steinbach - mit über 20 Millionen Kilowattstunden Jahresertrag. Von Maria Steinbach aus auf geteertem Weg gut erreichbar. (...) In dem barocken Wallfahrtsort selbst haben sich bäuerliche Familienbetriebe schon früh der Biogastechnik geöffnet." Das nahe gelegene Leutkirch hat sich gemeinsam mit Isny und Wangen (das ist allerdings Baden-Württemberg) seit 2001 einem kommunalen "Öko-Audit" unterzogen, in Legau gibt es die "Umweltstation Unterallgäu" mit allerlei Angeboten für Öko-Rallyes, die Firma Rapunzel veranstaltet ein Eine-Welt-Festival, ein Verein von Naturkostläden, Naturkost SüdWest e. V., fördert die Volksaufklärung und den Biowarenvertrieb - und so scheint die Region nicht nur ein gottgefälliges Kirchenleben zu führen, sondern auch zur nachhaltigen Schonung, Pflege, Bewahrung und Gesundbetung der Schöpfung beizutragen: ein Paradies der Müslis und Birkenstock-Besohlten. - Auf dem Rückweg an dem kleinen Bächlein entlang sahen wir noch ein frisch gebautes Haus, noch ohne Verputz innen und außen, das aber eben schon experimentell von einer gesunden, blonden und augenscheinlich finanzkräftigen Vollkornfamilie möbliert wurde, ein behelmter Dreijähriger erprobte bereits seine neuen Fahrradwege. Unterdessen sammelten wir für Kornelias Kräuterboschen, zum Schluss klaute ich noch im Vorgarten des Fischgeschäfts, das sowieso wegen Urlaub geschlossen war, eine der dort üppig blühenden Rosen, unabdingbar für den Marienkräuterstrauß. Kurz bevor der Starkregen wieder einsetzte, saßen wir schon wieder im Wagen und machten uns auf den Heimweg.


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