• Zur Feier von Andreas Staier

    Andreas Staier beim Musizieren zuzusehen, ist ein Vergnügen, für das man manches andere, vermeintlich vordringliche Pflichten aufschieben sollte. Gestern in der Kölner Philharmonie war es mal wieder so weit. Alles an dem Auftritt signalisiert in stiller Helvetica auf grauem Grund: Nur keinen Rummel um meine Person. Erst einmal sieht man überhaupt nur Staiers Instrument, ein wohltemperiertes Hammerklavier. schmetterling auf der mainauEigentlich kenne ich den Künstler ja vom Cembalo her, dessen hartklöppelndes Gepingel im Musikinstrumentemuseum er bei einer Preisverleihung, der ich (freilich von einer anderen Jury) beiwohnte, so wunderbar schmelzen ließ, dass ich eine doppelsaitige Laute oder die Tischgitarre von John Renbourn zu hören glaubte. Jetzt steht also diese klassizistische Kiste mit dorischen Säulenbeinchen auf der Bühne, die eigentlich ein kreisrunder ebener Platz und sonst völlig kahl ist: keine Blumenarrangements, keine WDR-Mikrophone, kein sonstiger Schnickschnack, übrigens auch keine glutäugige Notenumwenderin, und überhaupt: NOTEN, zusammencollagierte Hefte auf dem Ständer - d. h. also ernsthafte Arbeit am Text bzw. der Partitur, kein "kann ich auswendig"-Virtuosenzirkus (knallhart wie im Brutalo-Western, wie? ein Mann allein und sein Klavier, beim Köln-typischen Zugabewettklatschen am Schluss kriegte er natürlich den obligaten Strauß mit Mädchengemüse und wußte gar nicht, wohin damit, vermutlich kriegt ihn die Garderobiere). Dann kommt er auf die Bühne, grau gekleidet (erinnert an Laborkittel) und straffen Schritts, leicht gebeugten Nackens, Brille Marke Kassengestell, und nicht mal eine Locke könnte er der still aufseufzenden Klavierschülerinnenschar im Parterre zum Andenken zuwerfen. Dann legt er los - Bach mit Schumann abwechselnd, dessen Abegg-Variationen und Fantasiestücke mit jenes Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier. Cool wie einst Paco de Lucia arbeitet er das Programm ab, schaut beim Applausnehmen sachlich-schüchtern hoch, vergisst auch die andere Seite der Rotunde in seinem Rücken nicht schmetterling auf der mainau, gelb(wir hatten einen erstklassigen Blick, besseres Schussfeld auf den Pianisten als der liberale Bundesminister des Inneren a. D., der mit seiner Ehefrau eine Reihe vor uns, aber am östlichen Ende saß), verbeugt sich knapp und geht energisch ab. Eine (1) Zugabe, noch einmal Bach, weil sich Schumann eben verschiedentlich auf das Wohltemperierte Klavier bezogen habe, deshalb überhaupt die ganze Zusammenstellung, und jetzt die Fuge in f-Moll, das sind die einzigen Worte, die man an diesem Abend von ihm hört. Er zieht nicht die Töne mit magischen Fingern aus dem Elfenbein, grabbelt sich auch nicht genießerisch hinein in die Unterwäsche der Tastatur, sondern hat einen knappen, handwerklichen Anschlag. Andreas Staier zuzuhören, das ist kein Gefühlskitsch-Getändel, das ist wie eine Vivisektion am lebenden Objekt, wir Wohltemperenzler sehen dem Forscher bei der Untersuchung der Schumann- bzw. Bachschen Kompositionen zu, die er fachmännisch in Einzelteile zerlegt und aufs perfekteste neu zusammensetzt, aber so, dass es fraglich wird, ob man sie je gehört hat,peter_lenk_brunnen egal wie vertraut sie einem sind. Gut, er leistet sich auch mal einen amüsant-parodistischen Ausritt wie im Schlussteil der Abegg-Variationen, es fängt schon mit Jahrmarktsklavier an (das ist bei Hammerklavieren so: "Vor allem die originalen Hammerflügel sind häufig in keinem optimalen Zustand", sagte Staier 1992 der Zeitschrift concerto, "was die Spielbarkeit angeht. Die Filze und das Leder sind im Laufe der Zeit verschlissen, und das Holz hat gearbeitet, so daß die Mechanik nicht immer zuverlässig funktioniert. Wenn man auf einem solchen Instrument spielen muß, kann man während eines Konzerts eigentlich nur hoffen, daß alles so klappt, wie man es sich vorstellt"). Dann kommt aber plötzlich so ein synkopischer Jazzrhythmus hinein, den keiner dem Komponisten der Rheinischen zugetraut hätte, vielleicht ist das eine Staier-Zutat, man denkt an Scott Joplin, und am Ende hört man gar noch Honkytonk und Saloon heraus, man sieht beinah im Hintergrund die Lassos schnellen und die rauchenden Colts. Meine Begleiterin meinte, Schumanns Lebenszeit wäre ja tatsächlich die Epoche des Großen Trecks nach Westen gewesen, und dem staunenden Publikum hinterließ der Komponist auch eine wahre Calamity Jane in Gestalt der Virtuosin Klara, kann man das nicht mal verfilmen, z. B. als "Bring me the head of Johannes Brahms" - oder besser noch: "Die rechte und die linke Hand des Teufels"? (Brahms' Nachfahrin Helma Sanders hat das wohl schon beinah so gebracht.) Denn es ist schon ganz erstaunlich, wie unterschiedlich die Bewegungen und Pirouetten der jeweiligen Finger ausfallen, wenn man die gegenläufigen Verzweigungen der Fugen ineinanderfließen hört und schon glaubt, im Klavierbauch säße ein ganzes Orchester, das ins angeschlagene Thema einfällt. Im zweiten Teil, vor allem bei den Fantasiestücken, kommt dann die Magie der leisen Töne bzw. das stufenlose Dimmen am Wärmeregler, was nur dieser Meister der alten Musik aus dem schwierigen Instrument herauskitzeln kann.passionswerkzeugblume Die Bechstein-Diven haben damit keine Probleme, im Inneren ihrer Flügel in der Ferne die Geigen anschwellen oder die Flöten im Wind verhallen zu lassen, mach das mal mit einem Hammerklavier (wie der Name schon sagt - mit so einer Tastatur unter der Hand wird die ganze Welt zum Nagel). Wenn ich überhaupt etwas auszusetzen habe an dem Abend, ist es das Tempo. Der "wissenschaftliche" Ansatz der Spielweise verführt Staier mitunter dazu, dann doch die Fugenkunst rascher durchzunehmen und sich nicht auf Einzelnes, Merkhörenswürdiges, dem der Laie lieber etwas ruhiger und gern auch romantischer nachgelauscht hätte, einzulassen. Für den Wissenschaftler ist die Hauptsache, das Problem zu erkunden, festzustellen und - experimentell - einen Lösungsvorschlag zu unterbreiten, klappt das, ist der Fall erledigt. Für überwältigende Stimmungsschwankungen, mit denen die Diven operieren, fehlt dem Interpreten der Sinn. Er weiß ja, wie der Hase läuft, sieht's in der Partitur vor sich. Etwas wehmayerig weniger prestißißimo wäre an manchen Stellen wünschenswert gewesen. Sonst war es ein großer Abend, vom leicht nervenden Sitznachbarn abgesehen, der erst superknapp vor Beginn in die Reihe drängelte und hinterher gar nicht mehr aufstehen wollte.


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  • Commentaires

    1
    Jeudi 30 Octobre 2014 à 15:28

    Wo sind denn die versprochenen Eichhörnchen?

    2
    Vendredi 31 Octobre 2014 à 12:01

    Zur Verkürzung der Wartezeit klickt unter meinem Namen...

    3
    Vendredi 31 Octobre 2014 à 23:55

    Süüüüüüüüüüß

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