• Rate mal, wer nach Essen kommt!

    Gut, früher war alles besser, da hielt ich das für eine Latrinenparole - ein eiserner Vorhang klemmte den Ostblock zu, und gemeinsam waren wir der Keil zwischen dem Land des gottgefälligen Weißbrots und von Reader's Digest und jener noch weiter östlich angesiedelten "gelben Gefahr", die von ganz hinten langsam emporkroch. Nicht, dass wir keine weltumspannenden Krisen gehabt hätten all die Jahre. So kann ich mich noch gut an die Kuba-Krise erinnern, als der Zucker ausverkauft war, wegen der mit Atomraketen beladenen Kriegsschffe, die Rußland nach Mittelamerika schickte. Als würde der Zucker nicht aus Rübenkraut gemacht und dieses wiederum aus der ordinären, quälend langsam mit Bauerntreckern über Landstraße transportierten Zuckerrüben. Auch der Spruch "Denke dran, schaff' Vorrat an!" ist mir noch geläufig. Wir hatten im Keller so ein Vorrats-Kabuff, in dem ich in unbeobachteten Momenten herumstöberte: Makrelen und Ölsardinen gab es da, und die eine oder andere Schlackwurst. Messinggoldene etikettlose KonvservenKohlenklau an schiefer Bahn mit Aufdruck, die fette Erbsensuppe enthielten, aus Bundeswehrbeständen, die meine Brüder mitgehen ließen und nach Hause brachten. Butter in Alutuben, sehr merkwürdig. Dosen (!) mit unschmackhaftem Vollkornbrot und bittere "Panzerschokolade" mit Koffein in Behältern, die wie Schuhkremdosen an einer Stelle eingedellt waren und aufploppten, wenn man draufdrückte. In meiner Jugend führten sowieso alle Wege nach Moskaui (und kein einziger nach Rom, damit hatten es meine Eltern nicht so). Aber ich wäre doch nie auf die Idee gekommen, selber auf dieser Kegelbahn zu den bösen Augen des Kohlenklau mit der Schirmmütze zu rutschen. Ich hatte gar nicht kapiert, die Russen kommendass das die abschüssige Bahn ist, mit der wir auf Hammersichels Gesicht landen (um ihm auf der Nase rumzutanzen?). Irgendwie dachte ich als Kind eher, diese schrägen Streifen wären Strahlen, die von den wachsamen Augen des Bolschewisten ausgehen und eher das Panorama hinter mir als mich selber beobachten. Wahrscheinlich fühlte ich mich deshalb eher weniger eingeladen. Wir hatten Verwandtschaft "drüben", befremdend die Ortsnamen, die auf -a endeten, wie "Gotha" und "Glaucha", "Langensalza" "Burgtonna", das klang seltsam. Nicht auszudenken, wie es mich angewidert hätte, wenn die Verwandtschaft in der Uckermark gewohnt und die Ortsnamen in den Absendern auf -ow, -öbel und -itz geendet hätten. Leider sammelten mein ältere Bruder und daher auch ich Briefmarken und schnibbelten mitleidlos an den Postkarten und Umschlägen herum, er vielleicht etwas ungehemmter als ich, von den Briefen ist nox übrig, die Postkarten wurden entstellt. Jedenfalls hat mich die dann doch später gehabte Erfahrung mit dem Osten gelehrt, nä nä, das hat kein Gedeihen, egal wie schön der Sozialismus ausgemalt wird. Meine DKP-Freundinnen versicherten sternäugig strahlend, wie toll es am Scharmützelsee sei und dass mein Verweigern des Wehrdienstes hier, in der Beh-Err-Deh eine gute Sache wär, aber im Vaterland der Werktätigen ging da nicht an, da müsse der Faschismus bekämpft und die Arbeiter- und Bauernmacht verteidigt werden. Die kriegen alle Bafög und studierten auf Lehramt, senkten die Stimmen am Telefon, wenn es ernst wurde, wegen Aktion EichhörnchenAbhören und Berufsverbot. Was aus ihnen wurde? ganz patente Frauen, Vergessens-Denkmaleine ging nach Italien (Eurokommunismus!!), heiratete schlussendlich einen Olivenhainbesitzer, die andere bekam vom sehr farbigen Marrokaner ein farbiges Kind (wurde von ihrer Familie verstoßen!) der - als ich ihn kennenlernte - auf Ingenieur studierte, um in seinem Heimatdorf Brunnen zu bauen. Er werde auf jeden Fall zurückkehren,schwor er feierlich! hat er's gemacht? Der war natürlich auch für Sozialismus. die glorreiche UdSSR, scharf gegen Israel. Andere sahen ihr Heil im Maoismus. zeigten mir Glanzfotos wunderschöner Hochhaussiedlungen mit roter China-Sonne dahinter und Goldaufdruck. Alles für die arbeitenden Massen gebaut!, während ich mein bourgeoises Dasein im Wohlstand leer und inhaltslos verjuxen würde. Und noch eine Gruppe, GIM, ich war mal bei Imogen, der Spitzenkandidatin für den Bundestag eingeladen, die bei ihren Feten auf Ton-Steine-Scherben abtanzte und ganz liebenswert war, Ernest Mandel bewunderte. Aber ich sah Imogen nie wieder. Die GIM-Leute mussten sich für Jahre bei Opel in Rüsselsheim verdingen und am Band arbeiten, um die Arbeiterklasse kennenzulernen. Einer hieß irgendwie Wurzel oder Knust oder so mit Spitznamen, der entsagte aller intellektuellen Spinnerei und wurde Fahrer beim ÖPNV - die Nachricht schlug damals wie eine Bombe ein! Der einzige, den ich später traf, ich fuhr bisweilen auf seiner Linie mit, er machte lustige Durchsagen -  stand die Bahn im Stau und war knüppelvoll und es regnete Bindfäden, knarzte "nur Fliegen ist schöner" durch den Lautsprecher und alles lachte.


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  • Commentaires

    1
    Roodey
    Lundi 29 Août à 03:04

    war mal bei Imogen,

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