• Gtrabstein mit groß geschriebenem UndÜber Tote soll man nichts Schlechtes reden - aber auch nichts Falsches. An diesen wohl unwidersprochenen Grundsatz zu erinnern, dürfte in der Ende-Oktober-Zeit, vor Allerheiligen und Allerseelen, mal wieder angebracht sein. Nicht alle waren Heilige, aber alle waren Seelen von Mensch. OrthoepigraphieNatürlich kann sich - all things must change - auch die gute Meinung über einen Verstorbenen ändern. So mag der Ruhm einst vergötterter Künstler, wie die zur Zeit in Bonn ausgestellten Malerfürsten beweisen, wenige Jahrzehnte nach ihrem lorbeergekrönten Wandeln auf Erden unversehens verglimmen und erlöschen. Oder ein früher allseits geschätzter Zeitgenosse entpuppt sich nach dessen Abgang bei einer Neubewertung in gebührendem Abstand als übler Stinkstiefel. Aber nicht solch moralische Urteile oder Verurteilungen von Charakterfehlern sind hier gemeint. Ich möchte, kleinlich wie immer, auf die orthographischen Macken hinweisen, die sich, weil mit ehernem Griffel geschrieben, nicht so leicht korrigieren lassen. Es sieht doch irgendwie peinlich aus, wenn man am Grab eines Ehepaars steht Und auf dem Gedenkstein ist die Kopula zwischen Mann Und Frau - wie im anderen Beispiel (von demselben Friedhof) "ist" in einemGrabstein mit Schreibfehler "Tot" Bibelzitat - aus unerfindlichen Gründen großgeschrieben? OrthoepigraphieDas zweite Beispiel dazu gar noch mit großem J, und das darauffolgende kleine j in "ja" hat nicht mal einen j-Punkt? Ich wäre ganz geneigt zu glauben, dass damals, im Zeitalter der Dampfkraftmeierei, eine geheimnisvolle Schreibmaschine existierte, die - ähnlich wie die Linotype beim Bleisatz - den Marmor mit Schlegeln behämmerte, nach genau der Form, die der Steinmetz über eine Tastatur eingab. Nur dass dieser Tastatur, falls es stimmt, großes I gefehlt hat und beim kleinen j der Punkt ausgeschlagen war. Kann ja mal vorkommen, Schwamm drüber. Das würde allerdings noch nicht den Lapsus in dem Adjektiv "tot" erklären, das hier sinnstörend zum Substantiv geworden ist. Vielleicht hatten die HinterbliebenOrthoepigraphieen es sehr eilig mit der Bestellung und der Text wurde durchtelefoniert und sozusagen pris sur le vif eingemeißelt? Dass mir an einem Wasserkran auf dem Friedhof (einem anderen) beim Einfüllen der Gießkanne das Wort "totraumfrei" in die Augen sprang, hatte allerdings nichts mit dem Totenkult oder Grufti-Späßen zu tun. Das Wort ist der Klempner-Fachsprache entnommen und heißt einfach, das Wasser steht nicht irgendwo im toten Winkel herum und bildet Bakterien aus. Aber wenn es keine lebenden Bakterienkulturen enthält, müsste es nicht dann "lebendraumfrei" heißen? Und ist der Griff an dem Kran von dem Hahn nun rechts- oder linksherumdrehend? Der Hinweis bietet allerdings auch keine Garantie dafür, dass jenes Wasser nicht doch zuvor durch Totenräume (Gräber) geflossen ist - wie es angeblich im Elternhaus der Brontë-Sisters der Fall war, wie Arno Schmidt in Angria & Gondal: Der Traum der taubengrauen Schwestern behauptet: "Pfarrhaus & Friedhof beisammen; und das letztere 'höher gelegen'? totraumfreier WasserkranDas hör'ich arg gern; zumal in jener Zeit der Flachbrunnen mit Handpumpe: wäre da nicht gegen das Trinkwasser einiges Namhaftes einzuwenden gewesen?... Die hohe Sterblichkeit im Pfarrhause kann durchaus auch damit zusammengehangen haben - gesund ist es auf keinen Fall gewesen." Ein paar Seiten weiter wird Arno Schmidt deutlicher: "...die Morgensuppe angerührt: mit dem unrettbar verseuchten, aller sanitären Maßnahmen spottenden, Leichenwasser..." Dem ist aber aus meinem eigenen Erfahrungsschatz anzumerken, dass ich in jüngeren Jahren viel in Frankreich autostoppend und zu Fuß unterwegs war. Da will man auch mal Pause machen; außerhalb der Städte, an den Ausfallstraßen nach Süden oder Norden, befinden sich die Friedhöfe, unter Zypressen ist es schattig, Bänke laden zum Verweilen ein. Da ist gut Beine ausstrecken und Brotzeit verzehren, und Friedhöfe haben immer irgendwo ein Klo, wenn's mal pressiert, und sollte die Thermosflasche leer sein und man will Wasser nachfüllen, ist immer welches da. Geschadet hat mir der dem Friedhofsquell entnommene Labetrunk wohl nicht!

    Dass ich abelehrung durch mülltonnenllerdings in zunehmendem Alter immer häufiger mit murksoiden Texten umgeben bin, ist vielleicht auch eine Folge der Sensibilisierung durch Friedhofswasser. Dummerweise kann man diese Fehlschreibungen nicht mal rasch mit Filzstift übermalen so wie in dem Schild mit den ergänzten Naturschutzregeln aus dem Siebengebirge. Das sähe (auch wenn es mir in den Fingern juckt, roten Filzstift sollte man nehmen, den ganzen Friedhof durchkorrigieren und eine Note unter das missratene Diktat schreiben) nach Vandalismus und Störung der Totenruhe aus und brächte mir am Ende noch eine Geldstrafe ein, während der rechtschreibschwache Steinmetz sich ins schwielige Fäustchen lacht, falls er nicht längst Hammer und Meißel beiseite gelegt und selber das Zeitliche gesegnet hat. Aber er fand würdige Nachfolger in jenem Schildermaler, der einen Hinweis für Rechtsabbieger im Kölner Süden verbumfeit hat. Während der arme Autofahrer die komplizierte AnweisungOrthoepigraphie noch vergebens ausbuchstabieren will, ist ihm längst jemand reingefahren und die anderen Verkehrsteilnehmer stehen hupend und schläfenmühlchendrehend um ihn herum. Und was zum Teufel hat es zu bedeuten, wenn die Wortfolge WIR LEBEN EINRICHTEN, unabwischbar lackiert auf eine Straßenbahn, so ganz und gar nicht MIR WOLLEN EINLEUCHTEN? Ich nicht einrichten wollen auf lesen Dummdeutsch! Und an solchen SpraOrthoepigraphiech-Müll müssen wir uns, was die Zukunft angeht, wohl oder übel gewöhnen. Kein Wunder, wenn mit einem ähnlichen Spruch der hessische Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gymbel, dessen Zweitnamen ich grundsätzlich mit Ypsilanti schreibe, die nunmehr dritte Landtagswahl vergeigt hat. Natürlich kann man auch den text(il)freien Werbeauftritt suchen und seine Botschaften zunehmend entsprachlichen, wie jener Brillen- und Hörgeräteverkäufer in Bad Ems, der die Wiedereinführung der Hieroglyphenschrift auf dem Ladenschild vorangetrieben hat und den Punkt vom Treff als großen orangenen Ball ans Schildende pinselt.Augenoptiker-Ladenschild Ob Druck, ob Lack, ob in Granit geätzt oder auf Marmortafeln graviert, das alles wird vom Internet übertroffen, wo zwar der größte Blödsinn zu finden ist, immerhin aber alles mit einem Mausklick gelöscht oder notfalls korrigiert werden kann. Will man das dokumentieren, muss man schon auf Screenshot zurückgreifen wie bei der Programmankündigung neulich, mit welcher der einst "Rotfunk" genannte Westdeutsche Rundfunk den Genossen Holger Meins als einen der Botschaftsbesetzer in Stockholm bezichtigt hat. Zudem wär er nach 20jährigem Knastaufenthalt noch 10 Jahre in den Favelas von Rio für den "Weltfriedensdienst" tätig gewesen, komisch, mich erinnert das immer an die katholisch gewordenen SS-screenshot der WDR5 AnkuendigungLeute, die nach 1945 im Handumdrehen Gutes taten und sich für jüdisch-deutsche Begegnung oder Literaturgeschichte  stark gemacht haben, wie jener Professor Schschsch ...Schneider aus Aachen, der sich selbst totsagte und seine Frau neu heiratete und fortan "Schwerte" hieß wie Schwertlein im Faust (von dem Mephisto der lustigen Witwe sagt, "ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen!"). Sind so Bußauflagen, damit die Nachwelt sagt, der hat doch manches Gute bewirkt, ne?  Bundesverdienstkreuz musste der Prof. zurückgeben und verlor seine Bezüge, aber der hatte (sich) genug erspart, da musste die "Stille Hilfe" nicht helfen. Meins hat die Stockholmer Botschaft nie von innen gesehen, er starb 1974 wg. Hungerstreik und seine Aufbahrung als Gandhi-Guru in weiß mit langem Bart wurde Kultbild der RAFkes und ihrer Gutheißer. Von da an hieß das Kommando "Holger-" (unter dem Namen stürmten sie die Botschaft und ermordeten Zivilisten), und später, nach dem Abebben der Linksextremie und dem Aufleben der New Economy "Alles Meins!" Einem echten Sympathisanten wär das nicht passiert, insofern kann wg. "Rotfunk" beim WDR Entwarnung gegeben werden.


    votre commentaire
  • Recept gegen den Schwindel.

    Nimm: drei Drachmen wildaufflammenden Zorn,

    (frisch zu haben an Deutschlands Dichterborn).

    Dann: den Schmerzensschrei ganzer Nationen,

    Weltenschmerz und zerfahrnes Gemüth,

    Freiheitsträume, von Deutschthum durchglüht,

    von jedem, nach Gusto, drei starke Portionen.

    Adde: Katholicismus und Mönchswesen,

    herauf beschworen aus dunklem Schacht,

    längst verfloss’ner Jahrhunderte Nacht,

    wie es in allen Journalen zu lesen;

    dann: ein Drachma von Luther’s strahlendem Licht,

    ankämpfend gegen die feindlichen Geister –

    und (wenn es an gründlichem Wissen gebricht)

    zwölf Gran schöner Worte schwülstigen Kleister.

    Dies alles vermischt – nimm des Abends ein,

    bald wirst du gesund – – wie der Zeitgeist sein.

    Amalie Krafft in: Morgenblatt für gebildete Stände, Nr. 163, 21.8.1838, S. 651.

     

    Und hier noch was Älteres, auch nicht schlecht: Aus den Schlussworten einer Rezension, die Christian Konrad Wilhelm von Dohm einst schrieb (rezensiert wurde ein Buch namens Betrachtungen über den Zeitgeist in Deutschland in den letzten Decennien des vorigen Jahrhunderts)

    "...Charakteristisch und nachtheilig wirksam war die schnelle Verbreitung der Begebenheiten und Ideen des Tages durch Zeitungen, Journale und Flugschriften. Sie ward Quelle der Seichtigkeit, und Nahrung für die Unruhe.

    Das vervielfältigte Zeitungslesen vermehrte die politische Kannegießerey, diese schadete dem Wahrheitssinne. Man haschte nach Neuigkeiten ohne auf Wahrscheinlichkeit, ja physisch-geographische Möglichkeit zu achten.

    Wie die Zahl stieg, so wurden die Zeitschriften seichter. Doch wurden sie Hauptlectüre, ja einzige, und zum großen Nachtheil wahrer Bildung, blieben wahrhaft classische Schriften des Alterthums und der neueren Zeit ungelesen. Es entstand eine Circulation nicht fruchtbringender Art. Oberflächlichkeit und Schalheit, wozu von den neueren Pädagogen der Grund gelegt war, ward noch mehr verbreitet."

    Quelle: Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung Nr. 204, 31.8.1808, Spalte 408.

     

     


    votre commentaire
  • Dunkeldeutschland geht sehr schlecht vorbereitet in die heutige Mondfinsternis, fürchte ich. Erst kürzlich hat Peter Altmaier das neue digitale Endzeitalter verkündet, man müsse die K. I. "zur Erfolgsgeschichte Deutschlands machen... für Wissenschaft, Anbieter, Anwender, Start-ups gleichermaßen....  Schlumpfmützen Egatilémaßgeblich für Wachstum im produzierenden Gewerbe... Bruttowertschöpfung um rund 32 Mrd. steigern..." Der Haken: die Intelligenz meinte er, und zwar nicht, wie ich erst dachte, Schlumpfmützen Libertédie Kritische, sondern die Künstliche will er ganz groß schreiben bzw. fördern. Rohstoffe, die naturgemäß nicht mehr nachwachsen in den ausgepowerten Hirnbrachen, muss man künstlich erzeugen, soviel ist klar. Zuerst brauchen wir mal so ein Samenkorn, aus dem herauswachsen soll, was sich später entfaltet, belaubt und Blüten oder gar Früchte treibt. Nach aller Erfahrung wächst die Intelligenz nicht aus rohen, unverarbeiteten Eindrücken hervor, die führen nur zu Mythos und Glaubenswahn, ich sage nur: Feuersbrunst als Erscheinung höherer Wesen, Trockenheit als Strafe für sündliches Begehren (wer sich auf eine nette Runde freut, kriegt eine lange Dürre), Allegorie der RevolutionMondfinsternisse als der Zorn des Allmächtigen. Und, ehrlich gestanden, wenn ich mich in der Welt so umsehe, habe ich auch den Eindruck. ohne künstliche Eingriffe in die Genstruktur geht da nichts mehr, die Verblödung liegt bleischwer auf dem Land und ist schon festbetoniert und kaum mit dem Preßlufthammer oder der Dampframme zu beseitigen. Nein, die Natur will be- oder verarbeitet sein, bevor sie produktiv wird, wie Marx schon irgendwo gesagt hat, "arbeiten wir uns an der Natur ab", sozusagen. Die Frage ist nur, wie wir dem zarten Keimling so lange einreden können, er wüchse nicht in einer Nährflüssigkeit heran wie in diesen von Robotern bewässerten Farmen, die ich mal in einem dieser Matrix-Filme sehen konnte, sondern in der Original-Hirnzelle eines Durchschnitts-Zeitgenossen, falls der überhaupt noch eine frei hat im Oberstübchen, wo entweder gähnende Leere herrscht oder der blanke Wahnsinn regiert. Haben wir die Wachstumsbedingungen einigermaßen hergestellt, brauchen wir nur hegen, pflegen und behutsam die tägliche Dosis Witzenergie zu steigern. Vielleicht soll man der Intelligenz,Freiheit schaut auf's Meer solange sie noch schutz- und wehrlos ist, gut zureden und kluge Sachen vorlesen? Ich z. B. rede immer mit meinen Tomaten, die sagen mir dann schon, wie oft sie gegossen werden oder zum Friseur wollen - paarmal schlichten, und sie treiben immer üppiger aus. Ich meine, das Jahr 1789 muss trotz allem Scheußlichen, was danach kam, so ein Moment gewesen sein, in dem die mühsam vorbereitete Erleuchtung der Aufklärer in die Politik durchschlug und immerhin dazu führte, dass die Stände sich nicht auseinanderdividieren ließen,Fraternité den Bajonetten nicht wichen und weiter parlamentierten und in einer langen Verhandlungsnacht die Vertreter des Adels vielleicht nicht freudig, aber freiwillig auf alle Privilegien verzichteten! Okay, dass der Egoismus wenig später fröhlich weiterging und die am Überseehandel beteiligten Mitglieder der Nationalversammlung in aller Brüderlichkeit dafür sorgten, dass Freiheit und Gleichheit nicht in den Himmel wachsen bzw. den Sklaven in den Kolonien nicht zukommen sollten, steht auf einem anderen Blatt, aber das macht den Ballhausschwur selbst ja nicht ungeschehen oder verdächtig. So wie auch Mirabeau eine begnadete rhetorische Revolutionslokomotive bleibt, auch wenn er hinterrücks mit dem König kungelte und für Geld alles tat. Zurück zu der denkwürdigen Zurücknahme der Adelsvorrechte: Diesen kostbaren Moment sollte man studieren und erforschen und herausfinden, wie aus diesem unvermutet aufkeimenden Intelligenz-Gen so etwas wie historisches Bewusstsein entwachsen konnte - z. B. die Erkenntnis, dass es ein davor und danach gibt und nichts auf ewig hält, bzw. nicht das Alte, nur weil es alt ist ("das haben wir schon immer so gemacht und es gibt nichts Besseres"), blütemonat maimehr Berechtigung hat als das Neue, auf die jeweilige Situation der Zeit zugeschneiderte ("doch, wir probieren mal aus, was verbessert werden kann"). Mir fielen neulich Briefköpfe aus jener glorreichen Ära in die Hand und ich stellte fest, dass man in bester barockener Tradition Bildelemente der Emblematik neu zusammenzufügen begann. Die Republik muss eine Frau sein, sie trägt ein Liktorenbündel (Vorsicht, Faschismus) und manchmal einen Speer, auf dem ein phrygischer Jakobinerhut sitzt (solange kein abgeschlagener Kopf unter dem Hut grinst, mag das ja noch angehen). Mitunter steht sie neben irgendwelchen schräg abgesägten Baumstämmen, die sich bei genauerer Betrachtung als Tempelsäulen entpuppen, und ein Trikotcoloreskrähender Hahn muss auch in der Nähe sein, während andere Tiere platt am Boden liegen. Das Verhaftungs-BulletinKanonen auf Spatzen(Da fällt mir grade ein, dass die Frau von Neo Rauch, der den Bayreuth-Bühnenprospekt für "Lohengrin" gemalt hat, Rosa Leu heißen soll, komisch, nicht?) Kanonenkugeln nicht vergessen, dazu die Bollerkugeln und jede Menge Zündstoff. Manchmal schwebt auch ein einzelnes Auge oben drüber in der Sonne, soll das jetzt doch ein bißchen Monotheismus sein, oder ist es das Allwissende Auge des Geheimdienstchefs Fouché, dem keine konterrevolutionären Umtriebe entgehen...? Merkwürdig auch, daß "Liberté" und "Fraternité" ebenfalls mit nach links ausgerichteten Schlumpfmützen aus der klassischen Antike repräsentiert sind, und dass der aus dem Liktorenbündel herausstehende Speer genau auf den Mittelpunkt zwischen Schlumpfmütze und (guillotiniertem) Totenkopf zeigt. Das soll dann wohl das juste milieu sein, auf das Altmaier mit seiner Künstlichen Intelligenz zielt, die Anwender und Anbieter gleichermaßen glücklich machen soll. Und das votiert bekanntlich nicht für Fraternité, Egalité oder gar Liberté, sondern für Merkelismus, Macronnerie und force de frappe. - Eigentlich wollte ich mich über Fußball und das Flirten der Gladiatoren mit den Machthabern in der Zirkusloge äußern in dieser Kolumne (siehe Titel), aber jetzt ist was ganz andres draus geworden, weshalb mein revolutionärer Elan gipfelt in der egalitären Forderung: Özil für alle!


    votre commentaire
  • "Die, die die, die die Dithyramben

    Einst erfunden und die Jamben,

    Nicht dem Namen nach gekannt,

    Mögen es beim Flacchus lesen,

    Daß es sei Archilochus gewesen,

    der aus Wuth den Jambus einst erfand.“

    A Münde in Der Gesellschafter, Jahrgang 1836, Mai

     Ich weiß, in der koprophilen Nachwende-, Titanic- und Heute-Show-Ära lachen alle nur über den Namen Archilochus und denken, ich hätte den erfunden. Er hatte den 9 Musen mal eine Kuh verkauft, und das führte dazu, dass er ziemlich ungläubig und unwillig unter die Dichter ging. Er erfand daraufhin das Schmähgedicht, das erst in diesem Jahr Eingang in den DUDEN fand, die stets über jeden aktuellen, in der neuesten Auflage zu verewigenden Sprach-Quatsch informierte Redaktion hatte offenbar nach verkaufssteigernden Aktualitäten gesucht und einer von denen hörte vom Fall Böhmermann, so kam es zu der Kenntnis und Auflistung. Bekannt sein dürfte, dass die Brieder Grümm ihr Wörterbuch in sehr viel langsameren Etappen veröffentlichten und nie "fertig" nannten - als Wilhelm Grimm starb, war grade der Band A bis Biermolke erschienen, und schon damals wußte kein Mensch mehr, was Biermolke eigentlich war, so eine Art Brottrunk -, und im Manuskript war Jakob Grimm grade mal bis "Frucht" gekommen, als er das Zeitliche segnete. Einzelne Lieferungen, das war die Erscheinungsweise, nicht immer wieder erneuernde Auflagen. Halt, bis G wurde auch noch eine neue Auflage in Anspruch genommen, dann aber von der Akademie der Wissenschaften unterlassen, weil die Finanzierung fehlte.

    (Der eigentliche Gag an dem Gedicht ist, dass es alles keine Jamben, sondern Trochäen sind, aber da habt ihr ja eh gemerkt, oder?)


    1 commentaire
  • Jetzt haben wir schon wieder Februar und große Dinge kündigen sich an - zufällig waren wir in dieser und der letzten Woche im Konzert und gehen bald wieder hin. Briefkästen zugesperrt wegen KarnevalDadurch hatte ich unvermutet einen Eindruck von den Vorbereitungen zu den Bacchanalien, die Köln als Event-Metropole in diesem wie in (gähn) allen andern Jahren ausrichtet. Urinal für den Kölner KarnevalEs ist schon irre, dass ausgerechnet ich, der ich am liebsten in mönchischer Abgeschiedenheit der Ruhe pflege und meiner philologischen Lieblingsbeschäftigung nachgehe, in einer angesagten Freiluftkneipe leben muss. Von dem Köln, wie ich das noch kannte und wo allenfalls mal am Weiberfastnacht morgens die ersten konstümierten Mädels auftauchten und am Aschermittwoch auch wirklich alles vorbei war, ist nicht mehr viel übrig. Bezechte Mitreisende in Bussen und Bahnen sind seit 11.11.2017 die Regel, und abends verwandelt sich die Altstadt in eine Hemba-Hemba-Zone, noch bevor die Stadtschlüssel an das närrische Prinzbauerjungfrau-Regime übergeben worden wären. Briefe einwerfen, die man lieben Bekannten schicken will? auf dem Heumarkt Fehlanzeige, schon letzte Woche und bis übernächste sind die Briefkästen zugesperrt, damit niemand Stimmungsbomben darin deponiert. Und die Brunnen,Vor der Flut Denkmäler etc. sind hinter hohen Brettern versteckt. Als ich vor einigen Monaten einer polnischen Studentin die Stadt zeigen wollte, das gleiche Bild, der Friedrich Wilhelm III. ist inzwischen nur noch selten ohne graffittifreundliche Holzkiste drumrum zu sehen, und ein nahes Herankommen unmöglich: Altstadtfeste, Soli-Konzerte für jeden mehr oder minder guten Zweck, Demos für und gegen alles mögliche, Schlittschuhbahn, Weihnachtsmärkte, Weinfestbuden, Kölschfestbuden, Jahrmarkt, was du willst, jedesmal wird alles verpackt wie von Christo und Jeanne-Claude persönlich. Diese Selbstbeauftragte für Denkmalschutz, die man in Zeitung, Film, Funk und Fernsehen andauernd den Zustand der Kölner Baudenkmäler beklagen hört (ich glaube, sie hat den sprechenden jagiello Chmielak-BierNachnamen "Schock") sollte mal ausrechnen, an wievielen Tagen von rund 365 im Jahr Friedrich Wilhelms III. Reiterstandbild überhaupt frei zugänglich ist. D. h. das Pferd kann man noch fast erkennen, nicht aber die interessanteren Seitentafeln mit den liberalen Musikern, darunter Mendelssohn und Meyerbeer, Dichtern, Historikern, Ingenieuren, Arbeitern und Wissenschaftlern. Dafür haben wir jetzt Mahnmäler anderer Art. Dass im Karneval eine gelbe, leicht schaumige Flüssigkeit in Hektoliterströmen rinnt, ist allgemein bekannt, aber ausnahmsweise ist jetzt mal nicht das Kölsch gemeint. Damit die schönen teuren Pflaster (Millionenmillarden hat eine Rheinspazierstraße gekostet) nicht verätzt und ausgegilbt werden, möbliert die Karnevalsverwaltung die schönsten Plätze mit Klo-Wagen und blauen Dixiesärgen. Aber halt, was ist dies? eine neue Art Brunnen, wo die alten doch versiegt und eingekistet sind? Offenbar handelt es sich um ein zum Längenvergleich anregendes Urinal, das man zu viert (!) gleichzeitig bdixiklos vor der Philharmonieenutzen kann, na, wenn das nicht abführt! - Mach in Köln eine Eisdiele, ein Schnellrestaurant mit Sitzgelegenheit (und nicht nur so eine nach oben offene Dönerbude wie der Lukas Podolski, die mit endlosen Warteschlangen von der ungebrochenen Beliebtheit des ehemaligen FC-Balltreters zeugt) oder eine Galerie mit Teestube auf, egal, es kommt das Ordnungsamt und misst nach - nicht deinen Zapfhahn als Gastwirt, bewahre, aber den Abstand zwischen den Pissrinnen im Keramiktrakt, und wehe das sind unter soundsoviel komma soundsoviel Zentimeter. Dann muss die Eröffnung verschoben werden, und nicht nur die des Hosenstalls! Dann machen sie dir die Bude dicht! Nicht so diese Urinale, die haben ja nicht mal diskrete Sichtblenden an den Seiten, und zum Händewaschen ist weit und breit nichts zu finden, also vorsicht, lieber keine "Kamellen" annehmen,podolskis dönerbude die von fremden Händen ausgewickelt wurden. Grundsätzlich waren aber die Konzerte sehr gut, auch wenn das Dixi-Sperrgut an der Philharmonie besonders dicht aufgestellt ist. Vorige Woche war das WDR-Sinfonieorchester, dirigiert von Marek Janowski, mit der Alpensinfonie von Richard Strauss dran, die mir aber zu dick aufgetragen war, Hörnertröten und Sonnenaufgang und Gewittersturm (inklusive künstlichem Theaterdonner wie von Franz Hohler), was mir nicht imponiert, wenn schon Tonmalerei, gefällt mir mehr Also sprach Zarathustra vom selben Komponisten, von dem alle immer nur das Pam-pam-pam kennen wegen Stanley Kubrick und 2001 - Odyssee im Weltraum, aber das geht noch weiter und die Fortsetzung ist viel besser. WC-Wagen in der AltstadtrJetzt war also der Abend mit B, B und B, nämlich Sinfoniekonzerte von Boulez, Beethoven und Bartók, und das letztere war ein tolles fünfsätziges Werk, das der in ärmlichen Verhältnissen im US-Exil lebende Béla Vor der FlutBartók vom Bostoner Sinfonieorchester 1944 uraufführen ließ, kurz bevor er an Leukämie verstarb. Der zweite Satz ist ein Scherzando, der dritte eine elegische Trauermusik, die wirklich ergreift, und zwischendurch schlägt der eine von den Trommlern den Kriegstakt vor und man ahnt schon, das geht nicht gut. - Aber auch Beethoven, Konzert Nr. 2 für Klavier und Orchester, das wie die Dauerwurst in zwei Brötchenhälften gebettet lag (damit keiner vor der Pause wegläuft, wie man sich denken kann) ließ sich hören. Das Gürzenichorchester, der Gürzenich ist ja bei uns so eine Art Volkskammer oder Palast der Republik, die Kölner nennen es ihre "gute Stube", hier hat sich der erste Arbeiterverein im Frühjahr 1848 gegründet usw. und vor diesem Parlament trat jetzt Son Altesse Roi François Xavier I., der mit dem Bleistift dirigiert, und als Flügeladjutant sein Governor Grosvenor auf, der beherzt in die Klaviatur griff, nicht übel, hat uns gefallen. Seine Zugabe hat ihm allerdings geschadet, das war so der publikumsübliche Kitsch, vorher ließ er die Töne viel klarer und einzeln erkennbar herunterrieseln, das Zugabending dagegen "schmelzend" wie von Geigen geschluchzt, nein danke. Normalerweise breche ich schon beim zweiten Applaus auf, damit ich nicht den schönen Eindruck im Ohr verdorben habe durch Zugabe nach dem dritten. und die Kölner sind sowieso klatschgeil und woillen eine Zugabe nach der andern erbetteln, noch schlimmer wenn der WDR überträgt, dann brüllen und grölen sie noch, damit sie im Radio späteJan-und_Grief_Brunnenr stolz sagen können, hörst du, das war ich! (echt wahr, das hat uns mal ein entfernter Verwandter gesagt, er gehe grade deshalb nur in Konzerte des Radiosinfonieorchesters!) Das Gürzenich-Orchester spielt am Sonntag den 18.2. wieder, wenn Gastdirigent Nicholas Collon meine Lieblingsstücke in Szene setzt, und zwar auf der Hitliste Platz drei ist Prélude à l'après-midi d'un faune von Debussy, Flöte solo, hab ich mal mühsam einstudiert - allerdings dann doch bar jeden Erfolges auf der Querflöte ("zum Teufel erst das Instrument, zum Teufel hinterdrein den Sänger"), dann Platz zwei, Reiterdenkmalvon Györgi Ligeti Atmosphères (1961), das ebenfalls aus Stanley Kubrick's 2001 bekannt ist - die Szene wo der Computer HAL schon durchgedreht ist und der Astronaut am Schluss so eine Art Vision seines  rückwärts abgespulten Lebens hat, bis er wieder zum Embryo vor der Weltkugel mutiert, und  schließlich und alles überragend Platz 1, tusch!, Maurice Ravels Daphnis et Chloé, das erste Klassik-Werk, von dem ich per Radio hörte u. vollkommen verzückt war (mit zehn oder elf, ich bekam die LP mit Ernest Ansermet und Orchestre de la Suisse romande). Sie spielen hier nur die 2. Suite und ohne Ballett, aber das macht nichts, ist auch konzertant schön. Außerdem noch das Liebestod-Dingens von Isolde-Tristan, Wagner, und nochmal Bartók, kann nicht schaden, aber das alles ist gottlob erst nach Karneval und bis dahin, hoffe ich, sind die Urinale wieder weitgehend zurückgebaut und die Stadt - von Baustellen abgesehen - nicht mehr das mit Brettern vernagelte Ende der Welt.


    votre commentaire


    Suivre le flux RSS des articles de cette rubrique
    Suivre le flux RSS des commentaires de cette rubrique