• Beim Warten auf's Christkind meldete sich im Radio eine nette Moderatorin, die Feiertagsdienst schob und eine gute Geschichte zum Besten gab. Sie interpretierte den, ich weiß nicht mehr aus welcher Sprichwörter-Folklore stammenden Merksatz "Alles was Du auf Erden verschenkst, wird Dir im Himmel wiedergegeben". FlaschencachenezDas sei ungefähr wie das bekannte Nadelöhr-Kamel-Dilemma zu verstehen - daher müsse jeder, der durchs Himmelstor will, all die jemals anderen verehrten Geschenke mitschleppen, und bei der Eingangskontrolle dem lieben Gott oder gar Petrus selbst vorzeigen. Deshalb werde sie, die Moderatorin, in dieser Sendung nur ganz leichte Sachen verschenken, nämlich Musik. Allerdings war diese öffentlich-rechtliche Funkstunde von GEZ-Gebühren nicht ausgenommen. Wir schenken einander nichts in der Partnerschaft, wozu sich also zu Weihnachten was schenken, dachten wir dieses Jahr und da wir mit Weihnacht auch sonst nicht so viel am Hut haben, kriegen wir selten was geschenkt. Oder liegt es daran, dass ich kritischer Kritiker bin und das Berufslaster des Rezensierens auch an Feiertagen nur schwer abstreifen kann? Welche Nichte, die mit Selbstgebasteltem aufwartet unter dem Tannenbaum, will schon gern die Wahrheit hören: "Schlechtes Design, miserable Verarbeitung, deine Eltern sollten dich zur Adoption freigeben" - Geschmacksurteile, die mich, ließe ich sie laut werden, um den Weihnachtsbraten bringen würden. nochmal die taschenflascheAber selbst wenn ich's ausspräche, bewahrt es mich wohl nicht vor Präsenten. Denn just heute brachte der Briefträger zwei Postsendungen von den schrägen Schwestern meiner FrDie Flower Gebrauchsanweisungau. Und dazu wird ja wohl hier mal ein kritisches Wörtlein gestattet sein. Natürlich unter Beachtung der Datenschutz-Richtlinien, alle Namen von der Redaktion geändert! Das erste Päckchen, das wir öffneten, war eine seltsam geformte Tasche, mit einem Muster bedruckt, von dem ich Pickel auf die Augen kriege. Meine Angetraute wollte die Plastikfolie nicht beschädigen (Rück- oder Weitergabe an andere Beschenk-Opfer nicht ausgeschlossen), aber dann schlüpfte ihre Hand an der Unterseite hinein - war's ein Topflappen zum Überstreifen? gar eine modernisierte Form der Kaffeemütze? oder, wie ich vorschlug, ein cache-nez für eine Luger parabellum mit Schalldämpfer? (Herrjeh, wie lange hab ich keine Kaffeemützen mehr gesehen oder gar die Luger benutzt!) Der Name des Geschenks war a flower? (mit Fragezeichen, das war Bestandteil der Aufschrift). Mensch, jetzt hast du so viel DNA im Innern dieses Stoffdings hinterlassen, das kannste keinem mehr weiterschenken! Dann fiel bei uns der Groschen: Es ist eine Art Kondom für Flaschen. Nicht um den Alkoholkonsum vor den Kollegen im Büro zu verbergen, oder den Gastgeber nicht gleich merken zu lassen, dass sein Wein nichts taugt und man sich bei der Party lieber durch Fremdware aus dem eigenen Keller versorgt. Auch nicht (analog zu den Zigaretten-Umverpackungen), um vor dem eigenen besserwisserisch schlechten Gewissen pädagogische Ekelbilder von grünlich siffigen, verpilzten Lebern zu überdecken, die sind komischerweise hierzulande unbekannt, ebenso wie die bitter nötigen Feststellungen des Bundessuchtministers: "Alkohol ist ein Nervengift und tötet jede Menge Gehirnzellen ab". Der Sinn von a flower? liegt darin, passende leergeguckte Bouteillen umstandslos in Blumenvasen zu verwandeln! Jessas, da muss einer erst drauf kommen. Besser wäre es, so ein Geschenk zusammen mit einem annehmbaren Getränk zu verschenken, am besten gleich mit Rosé, damit die Flasche auch getrunken und die Rose versorgt wird. Nächstes Fragezeichen: Sollen wir das weiterverschenken? Aber wem? Als erstes fiel uns Nadine ein, für die haben wir noch nichts. Wo die doch für Wein schwärmt und Skandinavistik studiert hat und heute diesen Strickladen mit nordischen Folklorepullis betreibt - ihr würde das Design (vielleicht) gefallen. Nee, lass mal, die beweist dir dann, dass die finno-ugrische Ornamentik nicht im Entferntesten derart Raffael-Engelgeschmacklos ist wie dieser computer-generierte Bastelquatsch. Okay, dann schenken wir es doch Heinz, dem lieben Gutmenschen und unverbesserlichen Ökologen. Der freut sich über jede neue Recycling-Idee - aber nein, für den sind Schnittblumen Mordopfer, und falls der jemals eine Vase benötigen sollte, kauft er sich was Handgetöpfertes aus nachhaltigen Materialien im Bioladen. Und so ging's weiter, X. hat zuviel Geschmack, es wäre eine Beleidigung, ihr solchen Krempel anzudrehen. Y. trinkt lieber gleich aus der Flasche, von der man ihn eher wegbringen sollte. Und Z. hat als Messie die Wohnung schon voll mit Krempel, dass es an Intensiv-Stallhaltung grenzen würde, noch sowas da abzuwerfen. Einer Krankenhauspatientin mitbringen geht gar nicht - "netter Versuch", wird die Nachtschwester grinsen und den Trick, die Pulle Schampus kaschiert einzuschmuggeln, sofort durchschauen. Was macht man mit dem Textilkondom? Am besten jemandem zum Umzug offerieren - wenn die Kisten noch nicht ausgepackt sind, als Willkommensdrink und Vase für den ersten Blumenschmuck. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich die nach der Pensionierung im Ruhrgebiet niederlassende Kollegin noch mal meldet, heben wir das auf statt es gleich in die Tonne zu kloppen! Aber da war noch was auszuwickeln, genauer gesagt, zwei Geschenke, auf dem eingewickelten Karton klebten raffaelitische Engelschen, die aus einem Buch herauswachsen. Ist das die Bibel? Na klar ist das die Bibel. Richtig lesen können die nicht, sie müssten sich ziemlich verrenken! Auf dem Raffael-Altar stützen sie sich auf den unteren Bilderrahmen vor dem aufgeschlagenen Buch, und wachsen nichtBuddha's eierlegender Wollmilchpebble wurmartig aus den Seiten heraus. Ich sehe meine angeheiratete Verwandtschaft auf dem Weihnachtsmarkt überlegen - "er interessiert sich doch für Bücher, das hier wird ihm bestimmt Freude bereiten, wenn nicht gar vergnügtes Schmunzeln hervorlocken!" - Äh: nein? - In der mit den zwei geflügelten Rotznasen dekorierten Packung war das Hauptgeschenk die gewiss nicht ganz billige Keramik. Sie hört auf den Namen Zen. Pebble Box und besteht aus einem Stopf-Ei. Man kann es in der Mitte aufmachen wie die Ü-Eier aus dem Kinderschokolade-Sortiment. Drinnen findet sich ... nichts. Kein Ohrring, keine Manschettenknöpfe, nicht einmal ein Rheinkiesel. Soll man "pebbles" reintun oder ist das Ei selber ein Pebble?? Sicher zwei bei tiefsinnigen Meditationen mit verschränkten Beinen zu erwägende Optionen. Das leere Innere glattpoliert und porzellanig (deswegen glaub ich, es war nicht ganz billig) wie diese blauweiß dekorierten Asien-Schalen mit eingelassenen transparenten Reiskörnern, die im Haushalt meiner Eltern herumstanden, mit einem dito gestalteten Löffel, der nie für irgendwas benutzt wurde. Aber hier war doch was im Innern, ein starker Spruch von Buddha himself, von dumpfer Schlichtheit, und zum besseren Einprägen auch auf der Eierschale in erhabenen Lettern wiederholt, voller Tiefenweisheit, dass wir an dem Abend keine Allgemeinplätzchen mehr auf dem bunten Teller brauchten. Wofür ist das gut? Na, da kannst du prima Nähnadeln drin sammeln oder beim Essen die Fischgräten oder Eierschalen (für Hühnerknochen zu klein). Oder als Balkon-Aschenbecher, wenn unsere rauchende Freundin Else kommt? Blöd nur, dass die Schalen des Ü-Eis nicht so ganz richtig aufeinanderpassen, und dann muss sie die stinkenden Eierschalen auch ausleeren, kann sie gleich den Aschbecher nehmen. Na prima, einmal alle heiligen Zeiten kriege ich Weihnachtspräsente und werde den Eindruck nicht los, die Schwägerinnen haben sie selber erwichtelt und suchten nur günstige Gelegenheit, das Zeug loszuwerden...


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  • Gtrabstein mit groß geschriebenem UndÜber Tote soll man nichts Schlechtes reden - aber auch nichts Falsches. An diesen wohl unwidersprochenen Grundsatz zu erinnern, dürfte in der Ende-Oktober-Zeit, vor Allerheiligen und Allerseelen, mal wieder angebracht sein. Nicht alle waren Heilige, aber alle waren Seelen von Mensch. OrthoepigraphieNatürlich kann sich - all things must change - auch die gute Meinung über einen Verstorbenen ändern. So mag der Ruhm einst vergötterter Künstler, wie die zur Zeit in Bonn ausgestellten Malerfürsten beweisen, wenige Jahrzehnte nach ihrem lorbeergekrönten Wandeln auf Erden unversehens verglimmen und erlöschen. Oder ein früher allseits geschätzter Zeitgenosse entpuppt sich nach dessen Abgang bei einer Neubewertung in gebührendem Abstand als übler Stinkstiefel. Aber nicht solch moralische Urteile oder Verurteilungen von Charakterfehlern sind hier gemeint. Ich möchte, kleinlich wie immer, auf die orthographischen Macken hinweisen, die sich, weil mit ehernem Griffel geschrieben, nicht so leicht korrigieren lassen. Es sieht doch irgendwie peinlich aus, wenn man am Grab eines Ehepaars steht Und auf dem Gedenkstein ist die Kopula zwischen Mann Und Frau - wie im anderen Beispiel (von demselben Friedhof) "ist" in einemGrabstein mit Schreibfehler "Tot" Bibelzitat - aus unerfindlichen Gründen großgeschrieben? OrthoepigraphieDas zweite Beispiel dazu gar noch mit großem J, und das darauffolgende kleine j in "ja" hat nicht mal einen j-Punkt? Ich wäre ganz geneigt zu glauben, dass damals, im Zeitalter der Dampfkraftmeierei, eine geheimnisvolle Schreibmaschine existierte, die - ähnlich wie die Linotype beim Bleisatz - den Marmor mit Schlegeln behämmerte, nach genau der Form, die der Steinmetz über eine Tastatur eingab. Nur dass dieser Tastatur, falls es stimmt, großes I gefehlt hat und beim kleinen j der Punkt ausgeschlagen war. Kann ja mal vorkommen, Schwamm drüber. Das würde allerdings noch nicht den Lapsus in dem Adjektiv "tot" erklären, das hier sinnstörend zum Substantiv geworden ist. Vielleicht hatten die HinterbliebenOrthoepigraphieen es sehr eilig mit der Bestellung und der Text wurde durchtelefoniert und sozusagen pris sur le vif eingemeißelt? Dass mir an einem Wasserkran auf dem Friedhof (einem anderen) beim Einfüllen der Gießkanne das Wort "totraumfrei" in die Augen sprang, hatte allerdings nichts mit dem Totenkult oder Grufti-Späßen zu tun. Das Wort ist der Klempner-Fachsprache entnommen und heißt einfach, das Wasser steht nicht irgendwo im toten Winkel herum und bildet Bakterien aus. Aber wenn es keine lebenden Bakterienkulturen enthält, müsste es nicht dann "lebendraumfrei" heißen? Und ist der Griff an dem Kran von dem Hahn nun rechts- oder linksherumdrehend? Der Hinweis bietet allerdings auch keine Garantie dafür, dass jenes Wasser nicht doch zuvor durch Totenräume (Gräber) geflossen ist - wie es angeblich im Elternhaus der Brontë-Sisters der Fall war, wie Arno Schmidt in Angria & Gondal: Der Traum der taubengrauen Schwestern behauptet: "Pfarrhaus & Friedhof beisammen; und das letztere 'höher gelegen'? totraumfreier WasserkranDas hör'ich arg gern; zumal in jener Zeit der Flachbrunnen mit Handpumpe: wäre da nicht gegen das Trinkwasser einiges Namhaftes einzuwenden gewesen?... Die hohe Sterblichkeit im Pfarrhause kann durchaus auch damit zusammengehangen haben - gesund ist es auf keinen Fall gewesen." Ein paar Seiten weiter wird Arno Schmidt deutlicher: "...die Morgensuppe angerührt: mit dem unrettbar verseuchten, aller sanitären Maßnahmen spottenden, Leichenwasser..." Dem ist aber aus meinem eigenen Erfahrungsschatz anzumerken, dass ich in jüngeren Jahren viel in Frankreich autostoppend und zu Fuß unterwegs war. Da will man auch mal Pause machen; außerhalb der Städte, an den Ausfallstraßen nach Süden oder Norden, befinden sich die Friedhöfe, unter Zypressen ist es schattig, Bänke laden zum Verweilen ein. Da ist gut Beine ausstrecken und Brotzeit verzehren, und Friedhöfe haben immer irgendwo ein Klo, wenn's mal pressiert, und sollte die Thermosflasche leer sein und man will Wasser nachfüllen, ist immer welches da. Geschadet hat mir der dem Friedhofsquell entnommene Labetrunk wohl nicht!

    Dass ich abelehrung durch mülltonnenllerdings in zunehmendem Alter immer häufiger mit murksoiden Texten umgeben bin, ist vielleicht auch eine Folge der Sensibilisierung durch Friedhofswasser. Dummerweise kann man diese Fehlschreibungen nicht mal rasch mit Filzstift übermalen so wie in dem Schild mit den ergänzten Naturschutzregeln aus dem Siebengebirge. Das sähe (auch wenn es mir in den Fingern juckt, roten Filzstift sollte man nehmen, den ganzen Friedhof durchkorrigieren und eine Note unter das missratene Diktat schreiben) nach Vandalismus und Störung der Totenruhe aus und brächte mir am Ende noch eine Geldstrafe ein, während der rechtschreibschwache Steinmetz sich ins schwielige Fäustchen lacht, falls er nicht längst Hammer und Meißel beiseite gelegt und selber das Zeitliche gesegnet hat. Aber er fand würdige Nachfolger in jenem Schildermaler, der einen Hinweis für Rechtsabbieger im Kölner Süden verbumfeit hat. Während der arme Autofahrer die komplizierte AnweisungOrthoepigraphie noch vergebens ausbuchstabieren will, ist ihm längst jemand reingefahren und die anderen Verkehrsteilnehmer stehen hupend und schläfenmühlchendrehend um ihn herum. Und was zum Teufel hat es zu bedeuten, wenn die Wortfolge WIR LEBEN EINRICHTEN, unabwischbar lackiert auf eine Straßenbahn, so ganz und gar nicht MIR WOLLEN EINLEUCHTEN? Ich nicht einrichten wollen auf lesen Dummdeutsch! Und an solchen SpraOrthoepigraphiech-Müll müssen wir uns, was die Zukunft angeht, wohl oder übel gewöhnen. Kein Wunder, wenn mit einem ähnlichen Spruch der hessische Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gymbel, dessen Zweitnamen ich grundsätzlich mit Ypsilanti schreibe, die nunmehr dritte Landtagswahl vergeigt hat. Natürlich kann man auch den text(il)freien Werbeauftritt suchen und seine Botschaften zunehmend entsprachlichen, wie jener Brillen- und Hörgeräteverkäufer in Bad Ems, der die Wiedereinführung der Hieroglyphenschrift auf dem Ladenschild vorangetrieben hat und den Punkt vom Treff als großen orangenen Ball ans Schildende pinselt.Augenoptiker-Ladenschild Ob Druck, ob Lack, ob in Granit geätzt oder auf Marmortafeln graviert, das alles wird vom Internet übertroffen, wo zwar der größte Blödsinn zu finden ist, immerhin aber alles mit einem Mausklick gelöscht oder notfalls korrigiert werden kann. Will man das dokumentieren, muss man schon auf Screenshot zurückgreifen wie bei der Programmankündigung neulich, mit welcher der einst "Rotfunk" genannte Westdeutsche Rundfunk den Genossen Holger Meins als einen der Botschaftsbesetzer in Stockholm bezichtigt hat. Zudem wär er nach 20jährigem Knastaufenthalt noch 10 Jahre in den Favelas von Rio für den "Weltfriedensdienst" tätig gewesen, komisch, mich erinnert das immer an die katholisch gewordenen SS-screenshot der WDR5 AnkuendigungLeute, die nach 1945 im Handumdrehen Gutes taten und sich für jüdisch-deutsche Begegnung oder Literaturgeschichte  stark gemacht haben, wie jener Professor Schschsch ...Schneider aus Aachen, der sich selbst totsagte und seine Frau neu heiratete und fortan "Schwerte" hieß wie Schwertlein im Faust (von dem Mephisto der lustigen Witwe sagt, "ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen!"). Sind so Bußauflagen, damit die Nachwelt sagt, der hat doch manches Gute bewirkt, ne?  Bundesverdienstkreuz musste der Prof. zurückgeben und verlor seine Bezüge, aber der hatte (sich) genug erspart, da musste die "Stille Hilfe" nicht helfen. Meins hat die Stockholmer Botschaft nie von innen gesehen, er starb 1974 wg. Hungerstreik und seine Aufbahrung als Gandhi-Guru in weiß mit langem Bart wurde Kultbild der RAFkes und ihrer Gutheißer. Von da an hieß das Kommando "Holger-" (unter dem Namen stürmten sie die Botschaft und ermordeten Zivilisten), und später, nach dem Abebben der Linksextremie und dem Aufleben der New Economy "Alles Meins!" Einem echten Sympathisanten wär das nicht passiert, insofern kann wg. "Rotfunk" beim WDR Entwarnung gegeben werden.


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  • Soviel ich weiß, hat Eulenspiegel mal für einen Bäcker gearbeitet und statt der Brote oder Lebkuchen oder was immer er da backen sollte, Eulen und Meerkatzen gebacken. Der Grund war, dass der Bäcker auf die Frage, was er denn backen solle, etwas unwirsch geantwortet haben soll, Eulen und Meerkatzen halt. So eine Redensart wie Äppelschalen, was anderes können sie nicht rausgeben und "nachts ist es kälter als draußen, dann holen wir eben das Haus rein". Und im Wörtlichnehmen von Redensarten erschöpft sich eigentlich das gesamte komische Repertoire von Eulenspiegel, wenn man die Furzwitze und die koprophilen Geschichten mal beiseite lässt.

    Eulen und Meerkatzen

    Nun fand ich aber überraschenderweise eine Annonce, die am 16. Oktober 1861 in der Berliner National-Zeitung erschienen ist. Da vermisst einer seine Meerkatze, die ein "schlechtes Gesicht", "graue Augen" und "hübsche Füße" habe - Eigenschaften, die, von den Füßen mal abgesehen (die eigentlich wie am unpassenden Ort angeschraubte Hände aussehen), auf das gleichnamige Wikipedia-Tier zutreffen könnten.Animal forms; a second book of zoology (1902) (17574129674) Aber wie soll ich das verstehen? Hat da jemand seinen Privatzoo gehalten, mitten in Berlin? Natürlich ist in Adelskreisen, die bevorzugt plattgefahrene Raubvögel und backenblasende Leuen in ihrem Wappen führen, mit allem Möglichen zu rechnen. Immerhin gab es in Berlin ja auch einen Bärenzwinger und eine Pfaueninsel. Also gut, nehmen wir an, dem ist wirklich die Meerkatze entlaufen und das ist kein eindeutig-zweideutiges Angebot wie manches, das in der Curiosa-Abteilung eines Zeitungskonvoluts eines mir wohlbekannten Sammlers zu finden ist. Diese curiosa werde ich voraussichtlich zum Adventskalender machen, es sind so viele, dass es sich lohnt, die besten rauszusuchen.


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  • Recept gegen den Schwindel.

    Nimm: drei Drachmen wildaufflammenden Zorn,

    (frisch zu haben an Deutschlands Dichterborn).

    Dann: den Schmerzensschrei ganzer Nationen,

    Weltenschmerz und zerfahrnes Gemüth,

    Freiheitsträume, von Deutschthum durchglüht,

    von jedem, nach Gusto, drei starke Portionen.

    Adde: Katholicismus und Mönchswesen,

    herauf beschworen aus dunklem Schacht,

    längst verfloss’ner Jahrhunderte Nacht,

    wie es in allen Journalen zu lesen;

    dann: ein Drachma von Luther’s strahlendem Licht,

    ankämpfend gegen die feindlichen Geister –

    und (wenn es an gründlichem Wissen gebricht)

    zwölf Gran schöner Worte schwülstigen Kleister.

    Dies alles vermischt – nimm des Abends ein,

    bald wirst du gesund – – wie der Zeitgeist sein.

    Amalie Krafft in: Morgenblatt für gebildete Stände, Nr. 163, 21.8.1838, S. 651.

     

    Und hier noch was Älteres, auch nicht schlecht: Aus den Schlussworten einer Rezension, die Christian Konrad Wilhelm von Dohm einst schrieb (rezensiert wurde ein Buch namens Betrachtungen über den Zeitgeist in Deutschland in den letzten Decennien des vorigen Jahrhunderts)

    "...Charakteristisch und nachtheilig wirksam war die schnelle Verbreitung der Begebenheiten und Ideen des Tages durch Zeitungen, Journale und Flugschriften. Sie ward Quelle der Seichtigkeit, und Nahrung für die Unruhe.

    Das vervielfältigte Zeitungslesen vermehrte die politische Kannegießerey, diese schadete dem Wahrheitssinne. Man haschte nach Neuigkeiten ohne auf Wahrscheinlichkeit, ja physisch-geographische Möglichkeit zu achten.

    Wie die Zahl stieg, so wurden die Zeitschriften seichter. Doch wurden sie Hauptlectüre, ja einzige, und zum großen Nachtheil wahrer Bildung, blieben wahrhaft classische Schriften des Alterthums und der neueren Zeit ungelesen. Es entstand eine Circulation nicht fruchtbringender Art. Oberflächlichkeit und Schalheit, wozu von den neueren Pädagogen der Grund gelegt war, ward noch mehr verbreitet."

    Quelle: Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung Nr. 204, 31.8.1808, Spalte 408.

     

     


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  • Dunkeldeutschland geht sehr schlecht vorbereitet in die heutige Mondfinsternis, fürchte ich. Erst kürzlich hat Peter Altmaier das neue digitale Endzeitalter verkündet, man müsse die K. I. "zur Erfolgsgeschichte Deutschlands machen... für Wissenschaft, Anbieter, Anwender, Start-ups gleichermaßen....  Schlumpfmützen Egatilémaßgeblich für Wachstum im produzierenden Gewerbe... Bruttowertschöpfung um rund 32 Mrd. steigern..." Der Haken: die Intelligenz meinte er, und zwar nicht, wie ich erst dachte, Schlumpfmützen Libertédie Kritische, sondern die Künstliche will er ganz groß schreiben bzw. fördern. Rohstoffe, die naturgemäß nicht mehr nachwachsen in den ausgepowerten Hirnbrachen, muss man künstlich erzeugen, soviel ist klar. Zuerst brauchen wir mal so ein Samenkorn, aus dem herauswachsen soll, was sich später entfaltet, belaubt und Blüten oder gar Früchte treibt. Nach aller Erfahrung wächst die Intelligenz nicht aus rohen, unverarbeiteten Eindrücken hervor, die führen nur zu Mythos und Glaubenswahn, ich sage nur: Feuersbrunst als Erscheinung höherer Wesen, Trockenheit als Strafe für sündliches Begehren (wer sich auf eine nette Runde freut, kriegt eine lange Dürre), Allegorie der RevolutionMondfinsternisse als der Zorn des Allmächtigen. Und, ehrlich gestanden, wenn ich mich in der Welt so umsehe, habe ich auch den Eindruck. ohne künstliche Eingriffe in die Genstruktur geht da nichts mehr, die Verblödung liegt bleischwer auf dem Land und ist schon festbetoniert und kaum mit dem Preßlufthammer oder der Dampframme zu beseitigen. Nein, die Natur will be- oder verarbeitet sein, bevor sie produktiv wird, wie Marx schon irgendwo gesagt hat, "arbeiten wir uns an der Natur ab", sozusagen. Die Frage ist nur, wie wir dem zarten Keimling so lange einreden können, er wüchse nicht in einer Nährflüssigkeit heran wie in diesen von Robotern bewässerten Farmen, die ich mal in einem dieser Matrix-Filme sehen konnte, sondern in der Original-Hirnzelle eines Durchschnitts-Zeitgenossen, falls der überhaupt noch eine frei hat im Oberstübchen, wo entweder gähnende Leere herrscht oder der blanke Wahnsinn regiert. Haben wir die Wachstumsbedingungen einigermaßen hergestellt, brauchen wir nur hegen, pflegen und behutsam die tägliche Dosis Witzenergie zu steigern. Vielleicht soll man der Intelligenz,Freiheit schaut auf's Meer solange sie noch schutz- und wehrlos ist, gut zureden und kluge Sachen vorlesen? Ich z. B. rede immer mit meinen Tomaten, die sagen mir dann schon, wie oft sie gegossen werden oder zum Friseur wollen - paarmal schlichten, und sie treiben immer üppiger aus. Ich meine, das Jahr 1789 muss trotz allem Scheußlichen, was danach kam, so ein Moment gewesen sein, in dem die mühsam vorbereitete Erleuchtung der Aufklärer in die Politik durchschlug und immerhin dazu führte, dass die Stände sich nicht auseinanderdividieren ließen,Fraternité den Bajonetten nicht wichen und weiter parlamentierten und in einer langen Verhandlungsnacht die Vertreter des Adels vielleicht nicht freudig, aber freiwillig auf alle Privilegien verzichteten! Okay, dass der Egoismus wenig später fröhlich weiterging und die am Überseehandel beteiligten Mitglieder der Nationalversammlung in aller Brüderlichkeit dafür sorgten, dass Freiheit und Gleichheit nicht in den Himmel wachsen bzw. den Sklaven in den Kolonien nicht zukommen sollten, steht auf einem anderen Blatt, aber das macht den Ballhausschwur selbst ja nicht ungeschehen oder verdächtig. So wie auch Mirabeau eine begnadete rhetorische Revolutionslokomotive bleibt, auch wenn er hinterrücks mit dem König kungelte und für Geld alles tat. Zurück zu der denkwürdigen Zurücknahme der Adelsvorrechte: Diesen kostbaren Moment sollte man studieren und erforschen und herausfinden, wie aus diesem unvermutet aufkeimenden Intelligenz-Gen so etwas wie historisches Bewusstsein entwachsen konnte - z. B. die Erkenntnis, dass es ein davor und danach gibt und nichts auf ewig hält, bzw. nicht das Alte, nur weil es alt ist ("das haben wir schon immer so gemacht und es gibt nichts Besseres"), blütemonat maimehr Berechtigung hat als das Neue, auf die jeweilige Situation der Zeit zugeschneiderte ("doch, wir probieren mal aus, was verbessert werden kann"). Mir fielen neulich Briefköpfe aus jener glorreichen Ära in die Hand und ich stellte fest, dass man in bester barockener Tradition Bildelemente der Emblematik neu zusammenzufügen begann. Die Republik muss eine Frau sein, sie trägt ein Liktorenbündel (Vorsicht, Faschismus) und manchmal einen Speer, auf dem ein phrygischer Jakobinerhut sitzt (solange kein abgeschlagener Kopf unter dem Hut grinst, mag das ja noch angehen). Mitunter steht sie neben irgendwelchen schräg abgesägten Baumstämmen, die sich bei genauerer Betrachtung als Tempelsäulen entpuppen, und ein Trikotcoloreskrähender Hahn muss auch in der Nähe sein, während andere Tiere platt am Boden liegen. Das Verhaftungs-BulletinKanonen auf Spatzen(Da fällt mir grade ein, dass die Frau von Neo Rauch, der den Bayreuth-Bühnenprospekt für "Lohengrin" gemalt hat, Rosa Leu heißen soll, komisch, nicht?) Kanonenkugeln nicht vergessen, dazu die Bollerkugeln und jede Menge Zündstoff. Manchmal schwebt auch ein einzelnes Auge oben drüber in der Sonne, soll das jetzt doch ein bißchen Monotheismus sein, oder ist es das Allwissende Auge des Geheimdienstchefs Fouché, dem keine konterrevolutionären Umtriebe entgehen...? Merkwürdig auch, daß "Liberté" und "Fraternité" ebenfalls mit nach links ausgerichteten Schlumpfmützen aus der klassischen Antike repräsentiert sind, und dass der aus dem Liktorenbündel herausstehende Speer genau auf den Mittelpunkt zwischen Schlumpfmütze und (guillotiniertem) Totenkopf zeigt. Das soll dann wohl das juste milieu sein, auf das Altmaier mit seiner Künstlichen Intelligenz zielt, die Anwender und Anbieter gleichermaßen glücklich machen soll. Und das votiert bekanntlich nicht für Fraternité, Egalité oder gar Liberté, sondern für Merkelismus, Macronnerie und force de frappe. - Eigentlich wollte ich mich über Fußball und das Flirten der Gladiatoren mit den Machthabern in der Zirkusloge äußern in dieser Kolumne (siehe Titel), aber jetzt ist was ganz andres draus geworden, weshalb mein revolutionärer Elan gipfelt in der egalitären Forderung: Özil für alle!


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