• aus dem NRW-Programm der Partei Die Piraten (wörtliche Zitate in Fettdruck wiedergegeben)plakate der "Partei" und der "Piraten"

    Eine von der sich zur Wahl stellenden NRW-Piratenpartei beabsichtigte Gesetzesreform...

    ...soll in der Hinsicht in das bestehende Urheberrecht eingreifen, als dass es sich dem digitalen Wandel nicht mehr verschließt, Missverständnisse und Missstände ausräumt und das in Schieflage geratene Gleichgewicht zwischen Urhebern, Rechteverwertern und der Allgemeinheit zugunsten der Kulturschaffenden und Verbrauchern wiederherstellt.

    Und eure Lektoren und Texter, werden die mit Legosteinen bezahlt? Ein Gleichgewicht "zugunsten der Verbrauchern" wiederherstellen, das klingt ja nach schönen Gedichten von Ernsten Jandln! Aber hören wir weiter! Es sollen auch...

    Für diese Reform sollen die im Urheberrecht verankerten Zugeständnisse an die Allgemeinheit, die Urheberrechtsschranken, deutlich ausgeweitet werden.

    Okay, Zeichensetzung ist auch nicht so Euers. Und stilistisch: Schranken ausweiten, ist das nicht wie Mehrwert vermindern? geht das nicht nach hinten los?

    Ferner soll die Geltungsdauer ... herabgesetzt werden. Die Dauer des Urheberrechts soll höchstens bis 10 Jahre nach dem Tod des Urhebers gelten.

    Ach so, nicht erst siebzig, sondern schon zehn Jahre nach dem Ableben einer Komponistin oder eines Schriftstellers werden deren Erben enteignet. Und wenn ich eine Fabrik gründe oder ein Stück Land rode, wird die oder das auch zehn Jahre nach meinem Tod zum Allgemeingut?

    Während früher der Freund eine Schallplatte auf Kassette überspielte und so die Musik einem Freund zugänglich machte, ist der damals zeitraubende Vorgang heute in Sekundenschnelle über das Internet möglich. Das Prinzip ist das gleiche.

    Schön und gut, aber der Klang von schicken teuren Schallplattenspielern war anders als das Geplärr aus dem Ghettoblastern. Und die Kassette war irgendwann abgenudelt oder der Salat quoll vorn aus dem Plastikgehäuseschlitz raus. Dann war Schluss mit der Gratisnutzung, und die inzwischen gereiften, nicht mehr vom Taschengeld, sondern vom Bafög oder vom ersten Gehalt gesegneten Halbwüchsigen kauften sich dann doch noch, nostalgisch gerührt vom Punk ihrer Jugend, die LP samt Cover und Beiheft. Während das geklaute Digitalgut sich nie abnutzt und perfekt kopiert (und ggf. ohne Qualitätsminderung als Piratenprodukt weiterverkauft) werden kann. Und die Hersteller der Kassettenrecorder zahlten, anders als die Hersteller internetfähiger PCs oder Applemacs, eine Pauschale an die GEMA, wie die Hersteller von Fotokopiergeräten an die VG Wort. Aus der wurden die Urheber der schönen, zeitverkürzenden und lebenserfreuenden Künste vergütet.

    Aber bevor ihr weiter Quatsch erzählt, liebe Mixtape-Börsianer, hier ein Tip: Der Urheberschutz eines Werkes, dessen Nutzungsrecht der Künstler zu Lebzeiten verkauft hat, erlischt nach siebzig Jahren, nicht das unveräußerliche und immerwährende "Urheberrecht". Die Oper Don Giovanni ist immer noch von Mozart, kapiert? und wer seinen eigenen Namen auf die Partitur schreibt (oder das eigene Bild mit dem Namen Picasso signiert), klaut (und lügt obendrein). In den heute gemeinfreien Seefahrerromanen waren Piraten nicht wirklich die Guten!

    Ein digital verfügbares Kulturgut wird durch kopieren oder Teilen niemandem genommen, es stellt vielmehr eine Bereicherung für andere Menschen dar.

    Durch "das Kopieren", ein substantiviertes Verbum wird zum Substantiv und daher auch nach neuer Schlechtschreibregel groß geschrieben, ist kommt viel Blödsinn unter die Leute. Mit Tinte auf Kalbshaut abschreiben hält länger! Wusstet ihr, dass weniger als ca. 10 % der antiken Literatur überliefert ist und nachgelesen werden kann? Klar, am Ende der Verwertungskette bereichern sich andere Menschen daran - beispielsweise Raubdrucker und andere Content-Geier, die per "Copy on demand and paste it for the money" das kostenlose pdf-Angebot an gemeinfreien Büchern des 19. Jhds. von google und Bayerischer Staatsbibliothek herunterladen, womöglich noch per OCR-Schrifterkennung einlesen und als angebliche Verleger (von miserablig zusammengepappten Ausdrucken in grauenhaft gestalteten Broschurklappen), zugleich als e-books auf den Markt werfen, in der Hoffnung, irgendwer vom Verband analphabetischer Blindschleichen hält das dann für eine seriöse, redaktionell betreute oder gar durch Kommentierung und Einleitung angereicherte Neuerscheinung.

    Wir streben die strikte juristische Trennung zwischen kommerzieller Verwertung und nicht kommerzieller Verwertung an. Dabei soll nicht kommerzielle Verwertung grundsätzlich frei von Urheberrechtsabgaben und den Folgen von Urheberrechtsverstößen erfolgen können.

    Ihr wißt schon, dass z. B. das Hochladen von Bildern aller Art auf Facebook der kommerziellen Anzeigenwerbung dient, oder?

    Von öffentlichen Geldern finanzierte oder mitfinanzierte Forschungsergebnisse, Kulturgüter oder andere dem Urheberrecht unterworfene Inhalte oder Produkte sollen der Öffentlichkeit kostenlos und unter freien Lizenzen zur Verfügung stehen.

    Dumm nur, dass die meisten Drittmittelfinanzierungen beispielsweise bei Ausstellungen so geregelt sind, dass Einnahmen aus dem Projekt (Eintrittsgelder) beim Beantragen einkalkuliert werden müssen.

    Die Panoramafreiheit ist zu gewährleisten. Um das weiterhin sicherzustellen, wollen wir uns auf allen Ebenen dafür einsetzen.

    Ach, das meinte Brecht mit den "Mühen der Ebenen"? Und was ist mit der Freiheit der Alpen, oder liegen die weiter an der Gebirgskette? - Sprich, jeder dämliche Ansichtskartenfabrikant darf ein Denkmal oder eine Skulptur, die der Künstler in der Regel für nullkommagarkein Honorar in den öffentlichen Raum stellt (wisst ihr, was so ein Bildhauer für Ateliermiete zahlt, was er für Materialkosten hat?), in alle Ewigkeit und grenzenlos vermarkten, dafür sorgt ihr ja. Schon mal was von diesem Künstler "Christo" gehört?

    Ferner setzen wir uns dafür ein, vorhandene Einschränkungen in Innenräumen, bei Texten und 3D Kunstwerken zu überprüfen und, wo sinnvoll, abzuschaffen.

    Bei Texten in Innenräumen kenn ich mich gut aus. Die Nutzung meiner in der Regel nicht honorierten wissenschaftlichen Texte als e-Book soll stets uneingeschränkt und auf Ewigkeit gelten, so steht es in den Verträgen, und selbst das kommerzielle Veräußern dieser Nutzungsrechte an Dritte soll ich für immer einräumen. Vom Werk heißt es dann immer gern "ganz oder in Teilen", sprich: ein Sammelband darf in einzelne Aufsätze verhackstückt und die Rechte zur e-Nutzung Dritten entgeltlich überlassen werden, d. h. auf Dauer stehen Aufsätze in ganz anderen Kontexten, angeboten von Bezahlportalen wie sie in den USA die Wissenchaftslandschaft allmählich dominieren. Immer, wenn einer den Text zum Herunterladen anklickt, klingelt bei Anbietern - die gern auch mal Werbung egalwelcher Art und für was auch immer in die Randleiste stellen - die Registrierkasse, während der Autor leer ausgeht. Kopierabgabe, VG-Wort Vergütung? Fehlanzeige! Wenn sie eine CD-Rom produzieren würden , könnte ich sie bei der VG Wort anmelden, ein e-book nicht. Danke, Piraten, für eure Offenheit, mit der ihr mir klarmacht, dass niemand euch wählen sollte, der zu Wohl oder Wehe von dem Verkauf der Nutzungsrechte an seinen Werken leben muss.

    Den betreffenden Beitrag habe ich damals übrigens nicht geschrieben, weil eine Ausnahme von der e-Book-Vermarktung nicht möglich sei, Verhandlungen wurden mit mir als Autor gar nicht erst geführt. Das hatten die Sammelband-Herausgeber vorher schon vertraglich vereinbart und sei nun mal so, friss oder stirb, e-publish or perish.

     


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  • Die rote Linie überschritten ist auch so ein Quatsch. Ständig höre ich Anglizismen in den miserabligen Übersetzungen von Krimiserien. Und immer wieder wird ein Steak falsch serviert! Neulich hatte ich aus einem gedruckten Krimi das kulinarische Beispiel vom geschwungenen Fischfilet zum Steak gebracht. Vorige Woche kam in einer dieser T&V-Serien, ich glaube es war "Vera", eine mißlaunige Polizeikommissarin aus Großbritannien, die erfreulicherweise nicht viel redet, aber ihre Kommentare zum Geschehen mit so pessimistischen "Mhm" und "Hach"-Lauten erkennen läßt (meine Frau und ich haben uns das seitdem regelrecht angewöhnt!), also da kam vor, wie ein junger Mensch von einer Dame auf ein Steak eingeladen wird, "Ich mach Dir auch ein Steak", so in der Art und es folgte "...mit Nierchen!" Und nicht nur das, der Blödsinn wurde am Ende der Szene noch mal wieder aufgegriffen, wie 'ne rennende Pointe: "Und vergiß nicht das Steak!" strahlte er sie bedeutungsvoll und lüstern an. Blinki, blinki, Augenzwinki: "Mit Nierchen!" Lecker, wenn man ein Steak hat und dann auch noch Saure Nieren in Sahnesauce dazu bekommt, mit KarlToffel-Püree als segondi piatti vielleicht? Dabei waren die Innereien, die Leopod Bloom seiner Nora am nächsten 16. Juni zum Frühstück mitbringt, gar nicht gemeint. Sondern, wir mir mein Rückübersetzerprogramm im Gehirn vorschlägt, aller Wahrscheinlichkeit nach "Kidney"-Bohnen, die ganz vorzüglich zum Steak schmecken, aber dann sollte das Gericht gefälligst Steak mit Bohnen heißen ("schon wieder Bohnen", wie die Wildwestleute am Lagerfeuer stöhnen, wo sie Nacht für Nacht von lauter lebenden Steaks umgeben, die immergleichen Dosenbohnen kriegen, die Andy Warhol dann zum Pop-Kult gemacht hat).

    Wegweiser zum Pfad des amerikanischen FreundesZurück ins Glied, bzw. auf Linie. Früher gab das keine "rote Linie" zum Überschreiten in der deutschen Alltagssprache, da hieß das meiner Erinnerung nach Grenze. Oder? Oder, oder, oder. Okay, da gab es die Oder-Neiße-Linie, eine wahrhaft "rote" Linie (ich sage nur: Linie mit Vorhang, der aus Eisen ist gemeint) - eine graniza, die man ungern eine "Grenze" nennen wollte, weil die Ewiggestrigen noch nicht ahnten, daß Schlesien auf jeden Fall "unser" bleibt, unser Schlesien nämlich in der Erinnerung, dem schönsten Paradies ohne Vertreibung. (Hatte ich nicht schon mal vorgeschlagen, das ewige "und, und, und", mit dem man eine sinn- und endlose Folge von Aufzählungen abzukürzen vermeint, jedesmal mit "oder, oder, oder" zu substituieren, um den Schwachsinn gleich ins Extrem zu steigern und dadurch aufzuheben?)

    Jetzt aber Trump, der dafür ja schließlich Präsident geworden ist, uns jedenTag mit neuen Lach- und Sachgeschichten zu überraschen. Törööö! Gestern soll er zu dem Giftgasmord des Massaker-Assads gesagt haben, es seien "mehrere rote Linien" überschritten worden, wie der SPON-Videokommentator höflichst übersetzte, ich hab es aber im Radio zuerst gehört, da blieb der O-Ton länger stehen, und es hieß doch wirklich und wahrhaftig "MANY, MANY LINES!"Ampelwunschknopf

    Dass wir die Scheißmetaphern aus dem amerikanischen Politikerspech eins zu eins übernehmen, schlimm genug, aber Trump hat echt nicht begriffen, wie die Metapher funktioniert. Also nochmal für Doofe. DA ist eine rote Linie -------------------------------------------------------------------

    und WEHE du überschreitest die, dann gibt's Kasalla, d.h. Boykott, internationaler Steckbrief, Einmarsch von Bodentruppen, Absetzung, Kriegsverbrecherprozess und notfalls den Strang oder bei zeitigem Abschied von eigenen Gnaden das gutdotierte Exil auf Sankt Helena oder am neutralen Genfer See.

    EINE rote Linie, wenn schon, denn schon. Nicht zwei, drei, oder vier. Man merkt es gleich, wenn man "Grenze" dazu sagt, dass es anders nicht funktioniert. Mit den vielen Linien, das war Chamberlain, das klappt nicht. Hier ist die Grenze, und jenseits davon ist Schluss.

     

    P. S. es war natürlich doch nicht Schluss. Keine zwei Wochen später kam ein Krimi mit Inspektor Banks, und was passiert kurz nach Beginn? Bilder von losdüsenden Blaulicht-Polizeiwagen, Lautsprecherdurchsage: "Achtung, an alle Einsatzkräfte: Leiche im Moorgebiet!" Ich denk schon, jetzt muss sich die Truppe aber mit Gummistiefeln ausrüsten und einen schlammverkrusteten Ertrunkenen im Bodybag bergen, aber nein, man spazierte trockenen Fußes durch... erika-überwucherte Heidelandschaft. Der Übersetzer kannte wohl den schönen Folksong von Planxty nicht,  "Heather on the moor, over the heather, over the moor and along the heather..."


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  • Das lebhafteste Vergnügen, das ein vernünftiger Mensch in der Welt haben kann, ist:
    neue Wahrheiten zu entdecken, das nächste nach diesem ist: alte Vorurteile loszuwerden.
    Friedrich der Große

     

    10.2.1821

    Der Fürst Sulkowski, erst bonapartistischer General, jetzt preußischer Pole, sagte neulich hier: "Man glaube nur nicht, daß wir Polen so sehr eine besondere Nation und durchaus Polen sein wollen, unsere Hauptforderung ist, daß wir Europäer sein wollen; denke man nur nicht, uns Landstände zu geben und uns in Polen berathen zu lassen, damit ist uns gar nicht gedient, aber Reichsstände wollen wir, und zu denen wollen wir nach Berlin unsere Deputirte schicken, und da sollen sie reden!"

    18.6.1821

    Der Kaiser Alexander hat in Warschau zu einer Gräfin, ich glaube Potocka, gesagt, der Kongreß von Laibach werde der letzte in dieser Art gewesen sein, da schon hier das allgemeine Einverständniß aller Staaten vermißt worden; es würde nun jeder Staat wieder auf das vorige System zurückkommen müssen, sein eigenes Interesse möglichst zu verfolgen.

    26.6.1821

    Man spricht hier mit Abscheu und Empörung von der Art, wie Oesterreich sich in der griechischen Sache benimmt; daß die Flüchtigen, die sich vor den Türken in's Oesterreichische retten wollen, wieder zurückgetrieben werden sollen, nennt man schändlich und erbärmlich. Selbst Personen, die nicht gern den Respekt vor den Regierungen vergessen, gebrauchen mit Heftigkeit jene Ausdrücke.

    (wird, wenn's mir so passt, fortgesetzt)

    27.7.1821

    Der russische Kaiser erklärt den Polen, da sie sich zur freien Verfassung und Selbstständigkeit so schlecht anließen, und ihm so vielen Verdruß machten, so werde er sie mit dem russischen Reiche vereinigen.

    2.11.1821

    Mit Unwille und Abscheu spricht man über das Benehmen der Mächte in Hinsicht der griechischen Sache; "Sie werden die Griechen untergehen lassen, und nachher doch zum Kriege gezwungen sein; die unmenschliche Grausamkeit, die in ihrem gleichgültigen Zusehen liegt, wird ihnen dann nichts geholfen haben, und die Schande wird ihnen bleiben ohne den Vortheil".

     

    26. Juli 1845
    Anekdote, daß damals in Wien [1814] aus dem russischen Kabinet einige Landkarten dem preußischen mitgetheilt worden, zum Behuf untergeordneter Berichtigungen, daß aber darunter ein Blatt sich befinde, worauf Rußlands Gränzen bis zur Elbe ausgedehnt waren über welche der König sich dermaßen entsetzt habe, daß er lange eingeschlossen geblieben, nachher aber höchst ärgerlich die Karte dem Offizier, der sie ihm vorgelegt, mit den Worten zurückgegeben habe: „Dumme Kabinetsprahlerei, weiter nichts.“


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  • Radolfzell Denkmal Krieg und GewaltherrschaftDie Richter in rotseidenen Kutten zieren heute fast alle Tageszeitungen, ist ja auch mindestens so photogen wie die Dumpfglatzen in Lederkluft und Stinkestiefeln, deren Recht zur Parteienbildung nach vierjähriger Prüfung endlich - seufz! - bestätigt wurde. Beim ersten Mal klappte es nicht so ganz, weil sich die NPD-Funktionärs-Ebene als weitgehend vom Verfassungsschutz lanciert und finanziert herausstellte. Schön lächerlich hat sich der Staat damals gemacht. Im Grunde waren das doch alles seine Leute! Was mögen die heute beruflich machen?

    So leid mir das tut für alle, deren Familien bedroht und deren Unterkünfte mit Segen dieser "Partei" abgefackelt wurden: Vaterländerei oder Universitätseingang?Dass die Täter, die solches verüben, unnachsichtig verfolgt und bestraft werden, ist vordringlich und richtig. Natürlich sollen militante Kameradschaften, Wehrsportgruppen etc. rücksichtslos unterdrückt werden. Der Zschäpe gönne ich auch ein paar Jahrzehnte gesiebte Luft.

    Wer in gewissen Kommunen im Oberbergischen noch immer Hitlers Geburtstag feiert, den Hitlergruß zeigt und / oder den Holocaust leugnet, soll gern ins Loch geworfen werden und hinter Gittern zur Besinnung kommen. Aber, und jetzt kommt ein vielleicht überraschendes ABER - ich war und bin gegen ein Parteiverbot der NPD und finde das Urteil auch dahingehend richtig, dass zumindest für diesmal die Verfassungsfeindlichkeit der NPD höchstrichterlich überprüft und ein für allemal festgestellt ist. Warum? Ein paar Gründe:

    0. Ich hätte diese Partei lieber nicht. Könnte die nicht mal kurzerhand geräuschlos platzen? Oder die Mitglieder fänden es plötzlich klasse, sagen wir, an Führers Geburtstag um 5.45, auf einen Gongschlag hin, in den Emsmooren, wo sie am tiefsten sind, kollektiv Selbstmord zu begehen? Wäre für spätere Archäologen ein hochinteressanter Fund! also, überlegt's euch, dann brauchte es das folgende nicht.

    Mahnmal der Schande1. Ich hab nun mal was gegen Verbote, die nicht unbedingt (wie Fahrverbote bei 0.9 Promille und so) sein MÜSSEN. Allerdings bin ich andererseits sehr für die Einhaltung und Durchsetzung von Ge-Boten. Wenn unsere Ordnungshüter dafür sorgen würden, dass das letztere mal richtig klappt, bräuchten wir das erstere gar nicht so zu strapazieren. Ansonsten denke ich, soll Denkfreiheit sein, von Denkverbot reden eh nur die, die erfolgreich seit Jahren ihrer Großhirnrinde das Denken verbieten. "Ich denke sowieso mit dem Knie." (Joseph Beuys)

    2. Völkisch-nationale Rassisten gab es "schon immer", also lange, lange vor 1933, und im ZugeTransparente Beschriftung in Radolfzell der Gründung der Bundesrepublik blühten sie erst richtig auf. Etliche von ihnen waren auch im Bundestag vertreten. Deutscher Block, Trampelnde SoldatenDeutsche Partei, DRP, von den SS-Kameradschatsabenden, Vertriebenenverbänden usw. zu schweigen. Es würde geradezu an ein Wunder grenzen und wäre absolut undeutsch, wenn dieser so liebevoll gehegte braune Ungeist nach 1945 einfach verduftet wäre. Und ein Parteienverbot bringt ihn auch nicht in die Flasche zurück. Bliebe er drin, würde er nicht die Luft so sehr verpesten. Aber ist es nicht besser, die Schadstoffemission ist optisch und olfaktorisch erkennbar? dann können wir nämlich was dagegen tun, und die Verursacher zur Rechenschaft ziehen, ohne dies irgendwelchen Richtern oder an die Polente zu delegieren. Also zeigt mal schön Flagge, ihr Nazis, wenn auch nicht Reichskriegsflagge, die haben die Alliierten verboten. Aber ich weiß noch, wie ein gewisser Martin Mussgnug brauner Spitzenkandidat war und die gesamte Deutzer Brücke mit NSDAP NPD-Wimpeln beflaggt war. Weiße Symbole, roter Hintergrund, da kamen alllerlei Erinnerungen hoch. Aber statt über die Reling zu kotzen, haben ich und Freunde die Wimpelchen eins nach dem anderen - ritschratsch abgerissen. Mit dem Erfolg, dass die Reichskölner heute ihre sog. pro(st)-Köln-Plakate sieben bis zehn Meter hoch hängen müssen, damit das nicht wieder vorkommt. Und da oben kann sie keiner lesen, hähä.

    3. Ein Parteienverbot führt unsere Demokratie ad absurdum. Wo sollen die Meinungen der Ewiggestrigen hin? die kommen unbemerkt in etablierten Parteien unter, wo ich sie auch nicht gern sehe. Wäre die NPD am vergangenen Dienstag verboten worden, hätte die AfD auf Anhieb ein paar tausend Wähler mehr. (Desgleichen Herr Seehofers CSU, wenn die AfD in Bayern nicht antreten dürfte.)

    4. Dass sich in den 1950er-Jahren Altnazis in Medien wie ZEIT und SPIEGEL tummelten, bei BND und Verfassungsschutz, im Auswärtigen Amt und auf jeder denkbaren Verwaltungsebene, ist kein Geheimnis. Kindisch wäre die Vorstellung, wir verbieten dieses Völkchen und dann ist es "weg" - bevor sie sich in ihre Splittergrüppchen verkriechen, sehe ich lieber zu, was sie programmatisch vorzubringen haben.Braunschweig im Jahre 33

    5. Denn eine Partei zu bilden heißt, auch anzutreten und sich zu offenbaren. Die Wahl selber findet im Büdchen statt, aber der Kandidat muss vom freien Rederecht auch Gebrauch machen. Der kriegt keine Stimmen, wenn er zuhause bleibt. Da Karlsruhe mit schöner Eindeutigkeit formuliert hat, dass die NPD verfassungsfeindlich ist, weiß man, was man von den Kandidaten zu halten hat. Raus mit ihnen aus Polizei, Beamtenjobs, Schulen und Co.

    6. Bestes Beispiel: Björn Höcke, die laberselige fleischgewordene Deutsche Volkheit. Ich kenn den Mann nicht persönlich, aber die Bilder, die von ihm veröffentlicht sind, und dieses Youtubevideo vom Ballhaus Watzke (what a name!), wo er so vor jedem Wort vier Zögerpunkte macht.... Liebe.... Mitstreiten.... Patrioten.... nah und fern...." und so weiter und so wirr, wie sich der Pöbel schon gröhlend bepisst, weil er behauptet "überglücklich" zu sein, oder den Namen "Merkel" fallen lässt - da bricht alles in Sprechchöre aus und klascht frenetisch, incl. Vorstandspodium, damit Hans J. Volk auch merkt, wann er mit den Geblöke aufhören soll. Beim Ballhaus-Schwur des Stubenhöcker riecht man den gesammelten Mundgeruch und Fußschweiß dieser Deutschländerwürstchen. Gut, altersgreise Wirrköpfe mit allen Anzeichen verhetzten Spaltungsirreseins beim Herumbrüllen sind nicht jedermanns Geschmack, aber das bleibt auf Sendung, ich will das jetzt sehen. Das darf nicht so einfach ausgeschaltet, verboten und hinterm Waffenschrank des SS-Großonkels versteckt werden.

     Platz der NS-Opfer in München7. Außerdem zwingt es die Parteien, mal über den Selbstbedienungsladen nachzudenken, den sie sich in der Kohlära geschaffen haben. Inzwischen wird selbst für nicht abgegebene Wählerstimmen ein Betrag ausgezahlt und regenschauerartig über den Parteien verteilt. Ohne diese Kohle würde die NPD ja auch längst eingegangen sein, trotz großzügiger steuermindernder Spenden aus der Miller-Mülch-Spesenkasse. Die Parteien halten sich für unverzichtbar. Dabei heißt es doch, die Parteien sollen nur "mitwirken" am Prozeß der politischen Willensbildung. Der findet nach meiner Meinung besser anderswo statt. Und wie steht es mit der innerparteilichen Demokratie? Da sollten die etablierten Parteien sich mal an die eigenen Versäumnisse erinnern. Wenn der Populismus überall Tr(i)ump(he) feiert, hat das wohl auch damit zu tun, dass die Mehrheiten sich für unantastbar halten und nicht mehr auf die Minderheiten hören, statt deren Argumente einzubeziehen in das politische Handeln, ihre Opposition für die eigene Meinungsbildung zu nutzen. Die Große Koalition hat ja schon dafür gesorgt, dass das Rederecht ihrer Gegner auf Minuten verkürzt wurde. Sorgt für mehr Demokratie in allen Lebensbereichen, und lasst alle mitreden, statt euch durch Verbotsmaßnahmen abzuschotten.

    8. Wo bitte hat es dieser Abschaum geschafft, in nennenswerter Zahl die Landtage zu erobern? Nun muss g'nug sein! - (m)eine UrteilsbegründungWenn überhaupt drin, haben sich ihre Fraktionen umgehend im Pöstchenkampf selber zerlegt. Ein Spitzenkandidat im Osten konnte mal gar nicht erst antreten, weil er sich im Titanic-Telefoninterview hat reinlegen lassen und ausplauderte, wo sein Hund, den er getötet hat, begraben ist. Bisher kandidieren keine ernstzunehmenden Intelligenzler für deren Sache: Verschwörungstheoretiker, arbeitslose Journalisten, randständige Juristen sind das Namhafteste, was sie an Land ziehen. Und was die von sich geben, füllt nicht nur Unwörterbücher, sondern ist auch schlichteren Gemütern als Hirnriss leicht erkennbar. Angesichts der Mickerprozente der Protestparteien hat sich die Wählerschaft bisher gescheit verhalten.

    9. Kurz, ich vertrete, was in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte, Meinungsfreiheit für alle, selbst für die Ewiggestrigen. Die geben sich doch paranoisch gern als Märtyrer einer eingebildeten Lügenpresse aus, die ihre Vernunftgründe nicht zur Kenntnis nehmen will. Dabei ist die PEGIDA ein reines Presseerzeugnis, ohne breite Resonanz in den Schlagzeilen wären auch diese Montagsdemos folgenlos geblieben wie die Stuttgart-21-Mahnwachen. Lasst also die Rechten ihre Rechte heben ausüben, wie alle anderen auch, solange sie friedlich bleiben und nur verbal herumprovozieren - falls sie sich nicht an die zivile Ordnung halten, Handschellen dran und abführen, die ekligen Miesnickel.


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  • Gegen 9.30 ging der Lärm des Baustofftransports wieder los. Unsere fürsorglich ausgelegte Dämmstoff-Jute hat keinerlei Interesse gefunden, ebenso wenig halb geknackte Walnüsse und Nusskerne. Statt dessen wird unermüdlich abgeknabbert, rausgerupft und nach oben abgeschleppt, keine Ahnung, wo das Projekt realisiert werden soll. Wir gehen nachher mal ums Haus, vielleicht kann man das Nest von außen sehen, an der Regenrinne oder so, vermute ich, oder unter den Dachziegeln? In den Speicher sind sie nicht vorgedrungen, bisher.

    Eichhorn beisst den Faden ab


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