• Was servieren Sie Ihrem Leser, Fischfilet oder ein kleines Steak?

    Ich greife nur alle Schaltjahre mal zu einem Krimi, und dann sowas. Erst kürzlich hatte ich mir einen SF-Roman reingezogen von Isaac Asimov, derartige 50er-Jahre-Schmöker aus der schwarzrückigen Heyne-Serie habe ich mir früher seriell reingezogen, auch die gelben Goldmann-SF, der Roman war eine Zeitmaschinensache mit einer Turmgesellschaft von "Ewigen", die immer wieder Korrekturen am Geschichtsverlauf vornehmen, sich über unzeitgemäße Anzeigenwerbung in Hobbytechnikerzeitschriften Botschaften signalisieren, und durch minimale Eingriffe die Raumfahrt verhindern oder die Atombombe, einer verbandelt sich verbotenerweise mit einem Mädel aus dem 145. Jahrhundert, das im 241. versteckt wird, am Schluss aber selber wieder im Jahr 1954 irgendeiner Zeitmaschinen-Logik zum Durchbruch verhilft, na, egal. Da schürzte man auch dauernd die Lippen und zog die Stirn in Furchen, dass es eine Art hat. In dem gegenwärtigen Krimi, "Die Bildhauerin" von Minette Walters (Goldmann, München 1995), geht es eigentlich, ab und zu wird an der Unterlippe genagt oder der Daumennagel betrachtet, und die Übersetzerin Mechtild Sandberg-Ciletti hat bestimmt kein Spitzenhonorar erzielt. Aber wieso stoße ich auf S. 127 auf einen ehemaligen Polizeisergeanten, der jetzt ein Restaurant betreibt, wo nie Gäste sind, der zuvor auch schon mal ekelerregend nach Makrelen gestunken haben soll, und von der Ich-Erzählerin geschildert wird: Er verschränkte die Arme. Von der einen Hand baumelte ein Fischfilet herab. ("Gefilte fish mit varleygte hend", wie die Jiddischsprecher sagen würden?) S. 128 kommt es dann zu Folgendem: Er schwang das Fischfilet. "Ich mache grade Pfeffersteaks mit leicht gedünstetem Gemüse und Butterkartoffeln."

    Hä? wie kann ein Filet von der Hand baumeln, das naturgemäß weder Schwanz- noch Rückenflosse mehr zum Anpacken hat? Okay, auch dialogtechnisch ist das kein Geniestreich, ich kündige ja meine Menüs der liebenswerten Partnerin auch nicht an mit "schön, dass du kommst, ich mache grade leicht gedünstetes Gemüse", höchstens dass ich mal sage, wart mal einen Moment, muss noch das Gemüse dünsten... und wer kriegt jetzt das Fischfilet? Ist das so'n mediterranveganes Sondermenü, der eine Fisch, der andere Fleisch? Auf S. 129 ist angerichtet: Er legte die Steaks auf vorgewärmte Teller, umgab sie mit ganzen gebratenen Kartoffeln, gedünsteten Zuckererbsen und jungen Karotten und gab den Bratensaft aus der Pfanne dazu.  Vom Fisch keine Rede mehr! wo ist das Filet abgeblieben? Wenn ich früher sowas übersetzt habe, hab ich mir an solchen Stellen immer selber was gebrutzelt (wie ich auch alle die weniger leckeren Krankheiten in den von mir übersetzten Aids-Bekenntnisbüchern und "So besiegte ich die Rückenmarksdarre" und dergleichen bekam, man muss ja beim Übersetzen viel genauer in die Beschreibungen einer Sache hineinkriechen, als der Autor es nötig hat, da zieht man sich allerlei Beschwerden zu), aber was denn nun, Fisch oder Fleisch? "Ich hätte vielleicht bei einem Steak die Grenze gezogen", sagt der Sergeant auf die Frage der Ich-Erzählerin, ob er, wäre sie nicht aufgetaucht, alles allein verputzt hätte. Ein Steak hätte gereicht (vom Fisch ist immer noch nicht die Rede) - "I draw the line", steht vermutlich im Original, es gibt sicher schönere Redensart-Entsprechungen im Deutschen, bin zu faul zum Suchen; oder war der zweite Gang das Fischfilet, das der Restaurantkoch dann "baumelnd" von der Hand in die Pfanne "geschwungen" hat wie Verleihnix die Meeresfrüchte am Marktstand im kleinen gallischen Dorf? "fillet of fish", das wäre ein Fischfilet, aber googlelob konnte ich im Internet nachsehen, nach kurzer Suche fand ich die erste Stelle, wo was von der Hand baumelt, im Original steht - vom Kapitel "SIX" ist zumindest eine Seite abgebildet - He crossed his arms, a fish slice dangling from one hand, da hat die Übersetzerin sich gedacht: "eine Scheibe Fisch" kann's nicht sein, das wirkt bei verschränkten Armen seltsam, doch hätte sie besser einen Blick ins Lexikon riskiert: fish slice ist ein "Pfannenwender". Man kann nicht misstrauisch genug sein, ich will als Übersetzer doch wissen, was in dem Buch auf den Tisch kommt, schon weil ich mir das Steak respektive Fischfilet auch in die Pfanne hauen will nach getaner Arbeit.

    Sowas passiert (leider) immer wieder beim Lesen, ich werde schon wie mein seliger Großvater, pensionierter Gymnasiallehrer, der die Druckfehler in der Tageszeitung rot anzumerken pflegte, ob er die Exemplare in die Redaktion zurückschickte? Übrigens könnte, gäbe es diese von Isaac Asimov erdachte Gesellschaft der "Ewigen" und wäre das Ganze kein Roman, sondern gelebtes Leben, ein unzufriedener Leser aus dem 145. Jahrhundert mit einer Zeitmaschine ausgestattet, in die 1990er Jahre zurückreisen, dem Mann kurz vorher das Filet aus der Hand nehmen und gegen einen Bratenwender austauschen. Bzw. nach Asimov-Romanlogik mit irgendwelchen Öko-Manipulationen für einen Versorgungsengpaß bei Steaks sorgen, statt dessen ein Sonderangebot auf einem Fischmarktstand in England provozieren, dann stimmt die Geschichte wieder. - Na gut, ich höre schon Protestgeschrei: "oller Meckerfritze", "Bescheidwisser", "grammar Nazi"... Es ist ja auch kein nobelpreisverdächtiger Roman, "nur" ein Krimi. Ein Mitschüler von mir, Schachmeister in der Vororts-Liga Süd, hat übrigens mal in "Stiller" von Max Frisch einen Schachfehler entdeckt, er schrieb damals an Suhrkamp, und der Fehler wurde prompt korrigiert und das Lektorat schickte ihm ein vom Autor signiertes Exemplar zum Dank für den freundlichen Hinweis. - Adresse von Goldmann weiß ich nicht, ich lass es bei diesem Blogeintrag bewenden.


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