• Wer zahlt, Schavan

    Hier unter dem Link steht zur Zeit ein richtig guter Kommentar von Jügen Kaube aus der F. A. Z. von gestern zu dem neuen Plagiatsfall, diesmal geht es um die Doktorarbeit von einer Forschungsministerin. Komisch, dass sich beim Talkshowminister von und zu Guttenberg noch alle Welt aufregte, "Vroniplag" noch wegen des lustigen Namens zur Kenntnis genommen wurde, während die Braunschweiger (und Potsdamer!) Karl-Henning Seemann, Skulptur in WeikersheimHonorarprofessorin und Willy-Brandt-Intima aus Bonn, Margarita Mathiopoulos, Karl-Henning Seemann, Skulptur in Weikersheimund EU-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin mit ihren akademischen Machwerken schon kaum noch Aufreger waren. Die beiden Damen haben übrigens bislang vergeblich gegen den Entzug ihrer Doktortitel geklagt. Zeit & Muße, die Gerichte zu beschäftigen, findet man an ihren Fakultäten offenbar genug: Das Verwaltungsgericht Köln gab am 6. 12. 2012 der Uni Bonn recht, im Fall Koch-Mehrin steht eine Entscheidung des VG Karlsruhe noch aus, Mathiopoulos geht nun in Berufung, weil die Sache verjährt und sie damit offenbar für immer und ewig im deutschen Doktorenakademikertum einzementiert sei („Es geht hier um Fußnoten und nicht um Mord. Außer Mord verjährt im deutschen Recht alles!"). Ich gebe mich ab sofort als Polizist aus und wenn ich mit der Karnevalsuniform durchkomme und zehn Jahre Geduld habe, ist die Amtsanmaßung verjährt und ich setze mir ein Hauptwachtmeister auf die Visitenkarte. Überhaupt, gleich so hoch gegriffen - "Mord" - das erinnert an den beliebten Tatort-Satz, mit dem der nach allen Indizien und Motiven meistbelastete Hauptverdächtige, der es schon aus Gründen der Drehbuch-Retardierung nicht gewesen sein darf, plötzlich wieder zu den Guten wechselt: "Mag alles sein, aber ich bin kein Mörder!" - "Halten Sie ihn für einen Mörder?" usw. Da haben wir sie wieder, die beliebte Täter-Opfer-Rochade, wie sie Klaus Bittermann bei Jakob Augstein so gut aufgezeigt hat. Das Spitz-pass-auf-Prinzip ("Laut ertönt sein Wehgeschrei, denn er fühlt sich schuldenfrei"). Und abgesehen von Mord ist jede Sauerei erlaubt? Wenn der Antisemitismusvorwurf missbraucht würde, wäre Augstein ein Missbrauchsopfer.
    Das Vroniplag-Wiki weist übrigens inzwischen 40 Statistiken über mehr oder minder zusammengeklaute Doktorarbeiten auf. Und jetzt, wo es die Bundesministerin für Wissenschaft und Forschung ist, hört man kaum noch Protest, im Gegenteil, ein Wolfgang Frühwald, ehemals DFG-Präsident, eigentlich Romantik-Spezialist und damit Fachkollege! tut die ganzen Vorwürfe im Deutschlandradio noch als übertrieben ab, und Ernst-Ludwig Winnacker, ebenfalls Ex-Präsident der DFG, soll nach Jürgen Kaube ins Eichhörnchen auf dem Balkongleiche Horn tuten, die Süddeutsche (hoffentlich stimmt's) zitiert ihn so: "Die Zitierweise in Paraphrasierungen könne kein Fehlverhalten sein, sie sei eine Ermessensfrage." Ein Jurist W. Löwer, "Ombudsmann" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (wer hat den denn bestellt?), hat gar eine zehnjährige Verjährungsfrist für wissenschaftliches Fehlverhalten in Promotionen vorgeschlagen. Darf man das dann gleich auf das "neue" Urheberrecht, das von der FDP bis zur Piratenpartei alle fordern, übertragen? Wir wissen ja spätestens seit dem Streit des DFG mit dem Initiator des Heidelberger Appells, Roland Reuss, was die verbeamtete Wissenschaft vom Eigen-Sinn der Hahn im Tierpark MergentheimUrheber hält. Was sie fördert, muss kostenlos ins Internet gebracht werden, auf die Brust die Pistole: sonst keine Kohle! Und von da an gilt das Cut-and-Paste-Wiederaufbereitungsprinzip. Wie wär's wenn wir den Urheberschutz auch mal locker auf 10 Jahre begrenzen? Bedient euch, Leute, 10 Jahre nach Erscheinen könnt ihr die alt-Dissertation unter eurem Namen reprinten. Vorteil: die ewigen Umbrüche, das Neuinterpretieren, all diese ungemütlichen 'Paradigmenwechsel' hören endlich auf...
    Aber weitere hochmögende, ihrerseits auf Staatsnähe existentiell angewiesene Institute springen der Ministerin in ihrem Kampf gegen die unbotmäßige Düsseldorfer Uni und den Schavaniatsvorwurf bei: Der Vorsitzende der Helmholtz-Gemeinschaft, der Vorsitzende der Humboldt-Stiftung und der jetzige DFG-Präsident. Freiheit und Unabhängigkeit  der Wissenschaft? dass ich nicht lache! Das riecht dann doch sehr nach "Wes' (Gnaden-)Brot ich ess, dess' (Lob-)Lied ich sing" bzw. "Wer zahlt, schafft an." Dazu wird Merkel spätestens nach der Doktor-Aberkennung sagen, sie hätte ja eine tolle Forschungsministerin gesucht und keine promovierte Akademikerin, so in der Art. Doktorhut? brauch ich nicht, Doktoren stehen genug auf der Karrierestraße herum, die kauf ich mir von der Stange. Kaube ist nur in einem Punkt nicht ganz zuzustimmen, wenn er gegen das Gefasel von "Kontext berücksichtigen" und "man müsse das aus der Zeit bzw. damaligen 'Zitierkultur' heraus verstehen", einwendet, Annette Schavan hätte ja Lichtenbergs Denkmalbuchnicht im 16. Jhd. promoviert. Stimmt schon, aber 1. hätte man eine Frau gar nicht promovieren lassen, das Frauenstudium, früher heimlich betrieben und/oder Privatangelegenheit, führte erst 1762 bei Dorothea Erxleben zur Promotion an einer Universität, und 2. hätten die Universitätsreformer gerade im 16. Jahrhundert diese Arbeit erst recht zurückgewiesen - das waren lauter Humanisten, die im Geiste des hochangesehenen Latein- und Griechischkenners Erasmus von Rotterdam immerzu "ad fontes" riefen, wenn ein Doofie wagte, die Bibel oder gar Aristoteles aus irgendwelchen Sekundärwerken der Kirchenväter zu zitieren.

    Die hübschen Skulpturen auf dieser Seite hat übrigens der phänomenale Bildhauer Karl-Henning Seemann in Bronze gegossen und in Weikersheim aufgestellt, wo ich sie im letzten Jahr ganz ohne Plagiat fotografieren durfte, nur das unterste Bild ist aus Göttingen, vom Lichtenbergdenkmal, wo es eine liebe Freundin von mir fotografiert hat.


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  • Commentaires

    1
    Kornelia
    Vendredi 25 Janvier 2013 à 21:31

     - geschwind und geschickt zusammengefaßt und wunderbar tiefsinnig illustriert - das Lesen macht nicht nur Laune sondern auch hellsichtig.

    2
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Vendredi 25 Janvier 2013 à 23:07

    Wie sagte schon der große Jacques Prévert? "Quand vous citez un texte con, n'oubliez pas le contexte."

    3
    Mardi 5 Mars 2013 à 22:02

    Also der bunte Schawan im Bild rechts scheint mir nicht wirklich in Bronze gegossen zu sein.

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