• Quer durch den Garten

    Zugegeben (seufz!), meinetwegen. Beim Zeus, ja, ich HABE Dir einen Rosengarten versprochen. Aber damals war ich noch naiv. Da wusste ich noch nichts von saprogenen Pilzen, Sternrußtau & Rosenrost, falschem und echtem Mehltau sowie Blattläusen. Auch nicht, dass man neue Triebe beschneiden, quertreibende Äste abhacken und tote Stängel ausholzen muss.

    Die Sache mit den Handschuhen, ohne die man sich höllisch die Haut ritzen kann, war mir klar, und dass es beim Baumarkt - ich gehe plötzlich mit ganz anderem Blick durch die Gartenabteilungen - Essenzen gibt, die gegen alles Mögliche wirken, ich sage nur: Saprol®, Provado® und Baymat® ...! Diese "systemischen Fungizide mit vorbeugenden Eigenschaften" schonen angeblich Laufkäfer, Siebenpunkt-Marienkäfer, Raubmilben und Wolfsspinnen, sind laut Aufdruck und winzig gesetzter Packungsbeilage bienenfreundlich und absolut pflanzenverträglich. Empfindlich reagieren können nur die Sorten Rock'n'Roll, Kleine Dortmunderin, City of London, Rosa Perle, Christel von der Post, Lilli Marleen, Rumba, Monica, Desiree, Montana und Konrad Adenauer.

    Dass Rosenhege mit fundamentalistischen Umweltschutz-Dogmen eher schwer in Einklang zu bringen ist, ahnte ich ebenfalls. Gegen die Blattläuse: Herzklopfen beim Umtopfeneine Mischung aus geraspelter und in Warmwasser aufgelöster Seifenreste und etwas Brennspiritus, das ging ökomäßig in Ordnung und hat funktioniert! Vor der Pilzbekämpfung mit dem genannten Teufelszeugs, das in der Nähe oberirdischer Gewässer oder Küstengewässer laut § 6 Absatz 2 PfSchG schon mal gar nicht zulässig ist (deshalb so wenige Rosenbeete zwischen Wogenrand und Nordseestrand, auch nicht parsley, sage, rosemary and thyme), zieht man am besten einen Taucheranzug mit Goldfischglashelm über und verdrückt sich für eine Woche per Space Shuttle auf die ISS, um die Wirkung zu beobachten. HAT man erst mal eins der Mittelchen versprüht (Mindestmenge in der üblichen Darreichungsform: 100 ml für 9,99 €, aber davon sind nur zwei Teelöffelchen nötig), muss man es zehn Tage später mit einer anderen, gleich teuren Flüssigkeit wiederholen, sonst bilden sich Resistenzen. Übrigens: Wer den angerührten Liter für den einen schimmligen Rosenstrauch nicht aufbrauchen sollte, darf die Anwendungsflüssigkeit und deren Reste, Mittel und dessen Reste, entleerte Behältnisse oder Packungen sowie Reinigungs- und Spülflüssigkeiten nicht in Gewässer gelangen lassen! "Dies gilt auch für indirekte Einträge über die Kanalisation, Hof-, und Straßenabläufe sowie Regen- und Abwässerkanäle." Sinnvollerweise füllt man die Reste in Castor-Behälter ab und schafft eine unterirdische Endlagerstätte in der Art des CERN-Teilchenbeschleunigers oder der Schachtanlage Asse II.

    Verzichtet man auf die Anwendung, kriegt die glattgrüne Echsenhaut der Rosenblätter erst quietschbunte orangefarbene Pusteln, die, wenn niemand was unternimmt, bald immer dichter auftreten, dann weiß und schließlich schwarz werden, bevor das gilbende Blatt knittrig welkt und vom Stängel herunterkrümelt wie eine überdimensionale abgestorbene Schuppenflechte. Das breitet sich dann nach und nach auf den ganzen Strauch aus. Sind die Blätter erst fleckig, lohnt sich das Giftsprühen nicht mehr; und wehe, man lässt die Blätter am Boden liegen, jedes muss einzeln aufgelesen und radikal vernichtet werden! Sonst verseucht es die gesunden, noch am Strauch befindlichen - denken Sie an Fußpilz. Oder besser noch, denken Sie an das Hüttendorf in Gorleben. Versetzen Sie sich in die Lage von einem dieser gepanzerten, waffenstarrenden GSG-9-Beamten, der es von versprengten Platzbesetzern räumen soll. Suchen Sie den ganzen Boden ab, drehen Sie Moospolster um, heben Sie Blättervorhänge. Irgendwo müssen die Kerle das verdammte Müsli doch versteckt haben....

    Auch die Kräuter, bei Rühlemann's in Bremen vor Monaten bestellt, trafen hier ein, als Paket mit grellrotem Warnkleber: "ACHTUNG! LEBENDE PFLANZEN", was wohl nicht nur mich an den kleinen Horrorladen mit seinem gefräßigen Wirsingkohl erinnerte. Und was es da alles gab! Aber auf After-eight-Pflanzen (Pfefferminze mit Schokoladearoma), kubanischen Origami und solche Scherze haben wir verzichtet. Etwas Schnittlauch, zweierlei Basilikum (dabei hatte ich schon ein ganzes Tablett voller Keimpflänzchen, die "pikiert" werden wollen), Liebstöckel, Estragon, Rosmarin und Salbei: Ein Teil kam in die Zinkwanne, ein Teil in den blechernen Eimer, Weiteres in den "Corona-Extra"-Sektkübel (Werbegeschenk). Japanisches Geißblatt und Zwerg-Hopfen (humulus lupulus), die wir auf Sichtschutz-Höhe klettern lassen wollen, wurzeln nun in einem veritablen Blumenfass vor den Balkon, so schwer, dass es keiner abschleppen kann. Drunten eingelegt: kinderfaustgroße Steine, zur Belüftung und Drainage, darüber ein Vliestuch, dann erst die mit Sand gemischte, weil sonst viel zu fette Balkonpflanzenerde, eingestreut etwas Hornspandünger, der wie lebendes Hornvieh riecht. Humus homini lupus - komisch, dass jedes Pflänzlein & Kräutlein seinen eigenen Namen hat, individueller als der Mensch, der als Gattung Mensch, als Einzelwesen immerzu verwechselbar Hänsel & Gretel, resp. heutzutage Jonas, Kevin, Nicole und Chantal heißt. Und manchen dieser Individuen würde man, höflich gesagt, in einer Bühnenaufführung von Hänsel & Gretel nicht die Rolle der Gretel geben... Wieso haben alle möglichen Promis, historische Gestalten, Haustiere etc. eigentlich facebook-Seiten, nicht aber Pflanzen? Aber vielleicht stellt sie ja doch jemand rein. Das müssen andere erforschen, ich hab mich von der Freunde-Vortäuschmaschine zurückgezogen; hat ganz schön Brust gekostet, bis so ziemlich alle meine Beiträge gelöscht waren. Meine "Gefällt-mir"-Freunde sind grün und einbeinig: Für 55 Cent eine Tomatenpflanze vom Toom-Markt, die mit Blättern und Trieben (!) prunkt, und selbst von den Aldi-Wattescheiben, die ich eigentlich schon aufgegeben hatte, gehen einige an - die vielfüßige Kresse sowieso, das war klar, aber das Warten auf Dill, Petersilie und Schnittlauch zehrt an den Nerven!

    Dann wäre da noch der Flieder, der uns wochenlang mit seinem romantischen, immer einen Tic zu aufdringlichen Parfum anwehte - lila, der letzte Versuch. Der verlangt ebenfalls besondere Zuwendung. Die krümeligen braunen Dolden, auch die in fünf Meter Höhe, wollen nach dem Verblühen abgeschnitten und weggeschafft werden. Das bedeutet einen elenden Tag auf der windschiefen, wackligen Leiter balancieren, von vorbeidefilierenden Viertelsnachbarn grinsend beäugt oder mit jovialen Witzchen bedacht. Zwischendurch kommt der Genossenschafts-Aufseher des Weges, an dem ein Fähnleinführer verlorengegangen ist - bestimmt führt er in der Freizeit christlich-sozialistische Zeltlager mit Jugendlichen durch - , und drückt einem jovial die Flosse: "Das sehen wir gerne! Eigeninitiative ist gefragt!" Man reckt sich und bückt sich und zieht die elastischen Zweige heran, um sie im unrechten Moment wieder losflitschen zu lassen - angeblich soll man die Dolden ganz leicht mit der Hand "herausdrehen", das kann ich nicht bestätigen, die Gartenschere muss immer im Anschlag sein. Handschuhe überstreifen, das Zeug ist klebrig wie Bierreste - und zack, kappt man an der Abzweigung und hofft, der befreit aufatmende Strauch lohnt es mit einer zweiten Blüte.

    Das wären einige erste Beispiele für mein derzeitiges Wirken. Wer mehr wissen will, lese von Karel Čapek und Josef Máder, Das Jahr des Gärtners von 1929 ("Das kleine drollige Buch macht sich über die Gärtnerei lustig", murrte Hermann 'Erdbrenner' Hesse), mit Zeichnungen von Josef Čapek. Auch hier kann passieren, dass aus diesen Mitteilungen eine Serie wird - aber ich lasse vorerst die eingeklammerte römische Eins hinter dem Titel weg.


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  • Commentaires

    1
    beata gardenia
    Jeudi 12 Mai 2011 à 19:43

    Mein Garten verfällt in Wildnis, manchmal entferne ich doch Brennnesseln (oh drei n?) , der Efeu erstickt zum Kummer unseres Nachbarn die Hecke und die Gänseblümchen wetteifern mit dem Löwenzahn. Optimistisch beobachte ich dennoch das Wachstum meines Hibiskus(ses), auch drei Erdbeerpflanzen habe ich vor einem Jahr gepflanzt - mal sehen, ob sie noch da sind ...

    Nur Mut, courage, du scheinst dich schon richtig eingearbeitet zu haben, weiter so!

     

    2
    Kornelia
    Jeudi 12 Mai 2011 à 20:05

    Wildnis gehört zum Garten und das finde ich besonders schön. Um uns herum ist auch noch ganz viel wuchernde Natur. Eigentlich gehört es sich auch zum Gärtnern zugucken zu können - nur derzeit ist viel zu tuen.

     

    3
    Kornelia
    Vendredi 13 Mai 2011 à 08:19

    Das Gartenthema ist toll um kluge Sprüche zitieren zu können.

    Mir gefällt gerade dieser gut:

    "Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat."

    Friedrich Nietzsche  
    (1844 - 1900), deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller
    4
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Vendredi 13 Mai 2011 à 16:01

    Meine Rosenphilosophie: Wer Blattläuse oder Schimmelpilze kriegt und die nicht von allein wieder loswird, kommt in die Mülltonne. Billig und ökologisch. Mit diesen Mittelchen zu Apothekenpreisen fange ich gar nicht erst an, die Pflanze ist selbst ist ja meist billiger als die Phiole und bleibt anfällig. Und wenn ich Rosen bei Aldi kaufe, was man echt lassen sollte, aber für einen Euro eben nicht lassen kann, muss man den Schwund hinnehmen. Schön, dass ihr das Landleben so genießt!

    5
    Petit Larousse Profil de Petit Larousse
    Vendredi 13 Mai 2011 à 16:13

    Mag für selbstgewählte Aldiana richtig sein, aber unseren Rosenstock haben wir ja übernommen, wie er ist - ihn ohne Rettungsversuch in die Tonne zu kloppen, könnte mein durch Schneeschippen und Fliederkur gewonnenes Ansehen in der Hausgemeinschaft trüben (Rasen sprengen und Mülltonnen 24 Std. vorher rausstellen, diese Jobs sind schon vergeben). Dem Rosendoktor wird wenigstens kein Plagiat nachgewiesen...

    6
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Samedi 14 Mai 2011 à 12:34

    Ja nein, das geht natürlich nicht. Übrigens sind auch nicht alle meine Rosen von Aldi, aber ein paar haben es doch geschafft, nur insgesamt muss ich vom Pflanzenkauf bei Aldi abraten. Und was ganz gefählich ist, ich sag es, bevor ihr damit vielleicht die Rose tötet: Rosendünger. Echt, damit habe ich zwei meiner schönsten Rosen kaputtgemacht, die anderen haben sich irgendwann erholt. Dabei glaube ich, mich an die Anleitung zur Verdünnung und Verabreichung gehälten zu haben. Nie wieder!

    7
    Petit Larousse Profil de Petit Larousse
    Samedi 14 Mai 2011 à 14:55

    Danke für den Tip, aber - machen wir nicht. Sollte ich neue anschaffen, täte ich ein etwas Hornraspelmehl ("das Beste vom Einhorn - für meine Rose grade gut genug") in das Pflanzloch. Wenn die Blumenerde die Spaghetti Bolognese sind, ist Dünger die Tabasco-Soße... Das würd ich aber auch in Bocholt nicht machen, da sind die Böden auf Jahrzehnte hinaus überdüngt, oder?

    8
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Samedi 14 Mai 2011 à 17:24

    Hornraspelmehl ist gut. Du brauchst dir nur die Zehnägel über der Rose zu schneiden, das hat sie gern. Aber natürlich nicht vorher lackieren.

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