• Public viewing Cadaver

    Gestern beim Lidl in der Schlange flachste ein älterer Mann vor mir mit einer Hausfrau, die sich irgendeine Yellowpress-Publikation in den Drahtwagen legte: das wär doch alles gelogen, Messe auf dem Domplatzwas da drin stünde, Männer bevorzugen Tatsachenberichte (und griff selber zum Express-is verbis, dem hierorts gedruckten Blödzeitungs-Pendant, dessen Titelstory von dem Postzusteller handelte, der eine aus ungenannten Gründen vom 2. Stock-Balkon abhängende Frau in den Armen auffing). Und ob der Vorratskauf Fronleichnams-Baldachindenn überhaupt ausreiche, fragte der Mann die Frau vor ihm. Schließlich sei morgen Feiertag. Happy Kadaver! Das ging noch so eine Weile weiter, dann langte sich der Mann noch (außer dem Flachmann mit Korn und der Boulevardgazette) eine Stange Billig-Zigaretten, ich war versucht, ihn zu fragen, ob der Vorrat denn ausreiche über den Feiertag, hielt aber den Mund. Aber erst heute fiel mir ein, dass der korrekte Anglizismus für Fronleichnam  nicht "Happy", sondern "Public viewing Cadaver" wäre. Eucharistiefeiern gab es andernorts früher (in Lüttich), Prozessionen zu diesem Fest Public viewing Cadaverzuerst in Bayern, aber in dieser Stadt wurde erstmals 1276 eine Monstranz öffentlich zur Schau gestellt (vrône lîcham, Leib des Herrn - hoc est corpus mei - davon kommt auch das Wort Hokuspokus) und zur Erbauung durch die Menge getragen, Fronleichnamsprozession in Kölnwas sich in der Gegenreformation als wahrer Publikumsrenner durchsetzen sollte - gut, die Protestanten hatten den Katholiken die bessere Musik voraus, Paul Gerhardt, Bach & Co., aber nicht so ein Event. Noch besser, in der Vorstadt, wo ich praktisch am Rheinufer zur Welt gekommen bin, gab es die sog. Müllemer Gottestracht (von mittelhochdeutsch für "tragen"), die sich als Schiffsprozession darstellt. Auf dem Weg das Rheinufer entlang sahen wir heute früh die Wasserpolente, wie sie mit zwei Schiffen vor der Severinsbrücke postiert, sich jedem Containerkahn unter heidnischer Flagge in den Weg gestellt hätten, wäre da einer gekommen. Im Aufhalten Blumenschmuck am Allerheiligstenvon Schiffen hat diese Stadt Tradition, da wurden früher fette Stapelgebühren fällig.  Außerdem sahen wir Berufsfeuerwehrleute eine Seenotrettungsstation aufbauen (herrlich, solche Events, da sieht man hierorts immer schnauzbärtig Behelmte mit neongelb markierten Pseudo-Uniformen, von deren Karabinerhaken Walkie-Talkies herabbaumeln, deren Besitzer sich wichtig-wichtig in die Hände spucken, giftrote Schnur auswerfen, Seemannsgarnknoten schlingen oder sich wispernd über den Termin für den letzten Sicherheitscheck der Anlage einigen...)

    Aber der Finger Gottes war ja schon deshalb im Spiel, weil wir hiergeblieben sind, eigentlich hatten wir ein Hotel in Belgien an der Küste gebucht, uFronleichnamsprozessionnd wer hätte gedacht, dass  zwei Tage vorher jemand von diesem Internet-Reservierungsportal anruft und mitteilt, das Hotel sei abgebrannt, da sei kein Bett mehr, auf das wir das Haupt legen könnten usw. Okay, ich war sowieso schwer erkältet und andererseits ja auch froh, dass der Brand nicht etwa ausgebrochen ist, als wir schon drin waren in der Dachkammer - da wär' Feuerwehr willkommen gewesen... Wir haben das aber erst nicht glauben wollen und an einen Aprilscherz gedacht und zurücktelefoniert, aber es stimmte, und hier kann man sogar ein Foto von dem Brand sehen, es war nicht der mit dem kersenpitkussen, das unter zware rookontwikkeling ontvlamd war, weil het in een microgolfoven opgewarmd wurde in dem Warandehof in Gijverikhove, sondern das Bed & Breakfast mit dem verheißungsvollen Wort "plage" im Namen, der Strand war aber noch 1 Std. Radweg entfernt. Kersenpitkussen hatten wir hier auch schon mal fast geröstet, aber nicht in het microgolfoven obgeLeerer Kahnwarmd.Meisner auf der Prozession

    Naja, und um angemessen für das Wunder zu danken, dass wir nicht in den Flammen erstickt sind,Weihrauchschwenker in der Prozession machten wir heute früh einen eigentlich zunächst ganz ergebnisoffenen Spaziergang zum Rhein, sahen uns die reichlichen Hochwasserfluten an und hatten Bücher an den Gratis-Bücherkasten gebracht und neue rausgeholt, darunFronleichnam-Gänsemarschter: Cartoons von Reiser (ausgerechnet im Kasten vor Alice Schwarzers Frauenturm), Gottfried von Straßburgs "Tristan" in mittelhochdeutsch-hochdeutsch in 2 Bänden, 2 Kochbücher und einen unzensierten "Havemann" von Florian Havemann, allerdings mit fehlendem Titelumschlag und abgerissener Titelei, vermutlich war das ein Widmungsexemplar, dessen Empfänger nicht genannt sein möchte. Nun wollten wir bloß ganz gemütlich noch einen Kaffee trinken, aber im Museum Ludwig war die Bedienung so tranig und das Dom-Hotel ist schon wegen Renovierung geschlossen und unversehens stolperten wir auf der Domplatte mitten in das fromme Fronleichnamsgeschehen, und just in dem Moment, wo wir uns irgendwo plaziert hatten, kam es zur Wandlung mit allerlei Klingelklangel und einem geistlichen Mädchenchor. Der Leib Christi wurde dann auch auf dem Platz ausgeteilt und wer ihn nicht haben wollte, etwa weil er sich von der KircPilgerfahnen an Fronleichnamhe entfernt habe oder geistig nicht recht vorbereitet für den Kommunionsempfang oder aus anderen Gründen unpässlich sei, der sollte die Hände auf die Schultern legen und denSchneiderinnung an Fronleichnam Segen des HErrn empfangen, das tat aber keiner, die Leute, die ja teilweise von weit her (Fahnen der Bruderschaft vom Niederrhein, altvertraute Ortsnamen darauf gestickt!) gekommen waren, stellten sich brav in die Schlange, unterhielten sich entspannt und heiter und - ich hab's genau sehen können - setzten in dem Moment den vorschriftsmäßig-frommernsten Gesichtsausdruck auf, wenn sie vor den Kapuzenträger mit dem Silberkelch traten, der ihnen das Oblatenplätzchen in die geöffnete Handschale fallen ließ. In meiner Jugend wurde das noch direkt auf die ausgestreckte Zunge serviert und eigentlich ein ziemliches Gewese gemacht, dass man es sofort runterschlucken und nicht irgendeinen Unfug damit anstellen soll. Jetzt, wenn die Leute das in der Hand halten, stecken sie es auch blitzschnell in den Mund nach dem Empfang, aber mich beschleicht immer der Verdacht, es könne einer die jute Jabe Jottes mitnehmen und zu finsteren RDelegationen in der Fronleichnamsprozessionitualzwecken, schwarzen Messen oder anderen Ekelübungen beim Café Reichardt, ToilettentürGothic-Festival oder dgl. missbrauchen, vor denen man mich als Kind immer gewarnt hat? - Die Fronleichnamspredigt des scheidenden Bischofs hatten wir gottlob verpasst! Dafür kam er später direkt an uns vorbei, die Monstranz tragend, aber nicht "trachtend" sondern wie immer ziemlich muffig dreinschauend angesichts der verstockten Gaffer am Wegrand, und Klempnerinnung an Fronleichnamnatürlich umgeben von einer Body guard aus schwarzweiß-pink behemdeten Klerikern - fröhlich wirkt der eigentlich nur, wenn er sich selber Witze erzählt und viel lieber wäre er sicher in ParHandwerker in der Fronleichnamsprozessionis bei der großen Homophoben-Hateparade gewesen. Bei seinen Kölner Landeskindern (er sieht das so patriarchalisch) weiß er ja auch nie recht, ob es nun "Hillige" (wie die hillije Knääch und Mägde, die wir später kostümiert vorbeidefilieren sahen) oder "hellige Pänz" (also eher kids from hell) sind. Wahrscheinlich beides!

    Die Pause, die nach dem Abzug der Fußtruppen einsetzte, nutzten wir für ein zweites (Rührei-)Frühstück im Café Reichardt, mit der anerkannt besten Domaussicht, der Inhaber hat den ganzen Platz weiträumig möbliert und alle Tische oder Sitze domseitig ausgerichtet. Der Cafégast kommt gar nicht dazu, anderswohin, z. B. nach der anderen großen Spiritualvisions-, Predigt- und Erlösungszentrale Kölns, dem WDR, oder nach dem Bischofspalais nebst Park im Marienjartenjässchen zu blicken. Aber dann, wenn der zugegeben lobenswerte und starke Kaffee (nur Kännchen!) seine Wirkung tut, erweist sich das Thema "Monstranz'" bzw. public viewing noch auf ganz andere Weise virulent, und das nicht nur virtuell. Die Toiletten des Etablissements haben durchsichtige Türen! Ich hatte das schon aus Erzählungen vernommen, wenn Public viewing Cadaveretwa Besucher aus technisch nicht ganz so avantgardistischen Drittweltländern völlig verzweifelt reagieren und nicht wissen, ob das jetzt womöglich sein müsse, weil sie meinen, es handle sich um die neueste Modetorheit der überkandidelten, sexuell-libertären Wohlstandsdemokratien - dass man sich, wie weiland im alten Rom, beim Klogang gesellig zeigt und auch den Sichtkontakt nicht verlieren möchte, kann ja aus geriatrischer Sicht ganz praktisch sein, vielleicht sogar aus hygienischer, denn bei durchsichtigen Scheiben traut sich doch auch der größte Schmutzfink nicht, sein Papier daneben zu werfen (oder gar daneben zu...). Kurz, Fronleichnamsmesse, Roncalliplatzman betritt die Klos, die auch sonst hochmodern sind (Naturgrotten-Deko, kugelige Elefantensitze, oder die Waschbecken, da zuppelt man an so einer Art Draht, bis auf den Granit ein dünner Plätscherfaden rieselt) und ist erstaunt, transparente Kabinettstüren zu sehen. Hat man abgeschlossen, verdunkelt sich die magische Tür beidseitig, von außen, wurde mir versichert, sei eine Art japanische Geisha, auf Herren: Samurai zu sehen, von innen (nee, nicht: die mimisch mit sich ringenden Gesichter der anderen klobesuchenden Gäste an der Pinkelrinne) einfach irgendwie matt wie von einem Dunstfilm überzogen. Aber das kann man ja vorher nicht ahnen, weshalb vielleicht so mancher das Bedürfnis eher wieder unterdrückt und nachher für fünf Mark das Shitness-Center im Hauptbahnhof benutzt. Fronleichnamsmesse, RoncalliplatzEin Fall für die Installateurs-Innung, die anschließend auf dem Vorplatz des Domforums (in Köln, wo Geld- und Gottesnot immer ganz nah beieinander sind, steht da auch ein Geldautomat der Pax-Bank), mit den anderen radikalen Minderheiten im pompa triumphalis mitging. Denn man geht hier durchaus in "Trachten" d. h. nicht nur Gottestracht, sondern als Schornsteinfeger mit Zylinderhut, als katholischer Verbindungsstudent in vollem Wichs (Füchse mit einer Fuchspelzmütze), als Karnevalier in einfacher Ausgeh-Uniform. Eine Pilgerfahne hatte QR-Code aufgedruckt, darunter stand "Markus 7, 31-33", die Legende vom Taubstummen, der sehend wird. Vielleicht durch Fronleichnamsprozession in KölnHandy-app?

    So sahen wir denn den Baldachin, zu dem meine Lebensgefährtin anfangs "Baldrian" sagte - das war wie im Klein-Erna-kann-Fremdwörter-noch-nicht-Witz, hatte aber seine eigene Logik: Religion ist Baldrian fürs Volk, die Rezeptur hatte Apotheker Dr. Karl Marx noch zu stark angesetzt - , umgeben von einer geradezu höllischen Rauchbombenentwicklung, wieder auf uns zuschwanken. Schon über den ganzen Vormittag hatte der liebe Gott für starke Wolkenbildung gesorgt, damit er auch das seine zur Kulisse beitrüge. Aber es blieb vorerst trocken und die heiligen Gerätschaften nebst Kerzenleuchtern und Lautsprechern von Domradio Köln (Slogan: "Der direkte Draht nach oben", als wär die wireless-Digitalfrequenz noch nicht erfunden), aus denen das fromme Geplärr lange nicht so süß scholl wie von den Lippen der Engelchenchöre vorhin, wackelte in die weit geöffnete Pforte der Kathedrale zurück. Leider sah man unter den vielen Gruppen, die da beteiligt waren, den Marianern, Kolpingianern, polnischen oder ungarischen Missionsgruppen, die ihre jeweiligen Landsleute behelligen, Katholischen Arbeitnehmern (ver.di in ecclesia, schön wär's), Deutschordensrittern von der Ballei "Bilderstöckchen" (so heißt hier ein Vorort, wir wohnen eher in Zollstöckchen), unter allen diesen sah ich manches pfäffische Gesicht, Fronleichnamsprozession in Kölnwie aus Kinderzeiten, diese Mischung zwischHandwerker im Fronleichnamszugen Gotthabseligkeit und Argwohn aus geschlitzten Raubtieraugen, die unaufhörlich nach links und rechts wandern,  ob die nebenan wohl auch frFronleichnam in Köln vor dem Domomm genug sind und das "richtige" glauben, also die unangenehme Seite des Katholizismus, die ich auch in Lourdes bei einer Kreuzwegpilgerschaft der "deutschen Gruppe" gesehen habe.... arrrgh! Aber es gibt auch die andere, sympathische Seite: Neben uns war ein stark schwankender älterer Kölner aufgetaucht, an dem hatte der Heilige Weingeist schon das Seine gewirkt, mit arg zerschlissenem blassblauen Pilgerrucksack vom Weltjugendtag, ein echter Köln-Bohemien, der ziemlich kehlig mitbetete und dann leider auch zu singen anhob, in einer Tonart, die dermaßen schlingernd-melismenartig wohl noch nicht von Josquin Desprez oder Orlando-wirf's-Lasso vorgesehen war, dieser sonst originelle Mensch also ließ sich denn auch noch vor dem Allerheiligsten auf die Knie fallen, das wär noch angegangen, aber er kam anschließend kaum wieder hochgerappelt und warf sich den Umstehenden beim ersten Versuch fast in die Arme, so verzückt schien er von seiner eigenen, sicher von einer sehr katholischen Mama einst beförderten Volksfrömmigkeit. Aber ein Lazarus war er deshalb noch nicht, er stand dann wieder leicht schwankend auf den zwei Beinen, die ihn noch lange über Gottes Erdenrund tragen mögen. Und wir machten uns dann auch langsam auf den Heimweg, und ich sann über das Lied nach, das von all dem Christentümlichen am ehesten, abgesehen vom Wort "ewig" für das ich hier "ungewiss" einsetze,  bei mir Rückhall findet: Wir sind nur Gast auf Erden, und wandern ohne Ruh' mit mancherlei Beschwerden einer noch ungewissen Heimat zu.


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  • Commentaires

    1
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Samedi 8 Juin 2013 à 12:06

    Ah ha, daher kam also das unheilige Buch, das du mir so nett mit der Post geschickt hast. Auch ich habe durch göttliche Fügung ein paar Bücher bekommen, sogar noch eingeschweißt, es sind drei Exemplare der gleichen Art. Heines Briefwechsel mit Campe, u.a. herausgegeben von Christian. Hast du vermutlich von diesem selbst schon bekommen, sonst sende ich dir sehr gern ein Gegengeschenk.

    Fronleichnam war früher mein Lieblingskirchenfest. Auf dem Dorf sammelten die Kinder vorher Blumenköpfe und brachten sie zur Kirche. Daraus wurde dann der Schmuck für die Freiluftaltare gestaltet. Und die Kinder durften in der Prozession ihre Kommunionkleider tragen. Das eigentliche Ziel war aber, möglichst außergewöhnliche Blumen zu finden und im Namen der Herrn zu köpfen, um sie dann auf den Altaren wiederzufinden. Ach, die gute alte Zeit, als die Felder noch voller Kornblumen waren.

    2
    Samedi 8 Juin 2013 à 13:15

    Heine- Campe habe ich, lieben Dank dafür!

    Die katholische Blumenteppichguillotine wird hier im Bergischen, Marialind, auch stark beansprucht, auch im letzeburgischen Echternach ist das eine Hauptattraktion meines Wissens.

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