• Papier ist eine Messe wert, oder: d'Alemberts Ziege in Humboldt

    Zwar war ich in diesem Jahr mal wieder nicht auf der Buchmesse, mein letztes übersetztes Buch liegt ja auch über fünf Jahre zurück, aber zum bescheidenen Ersatz bin ich am Sonntag mit meiner persönlichen Art-Directorin ins Rechtsrheinische auf die Buchbindermesse gefahren. Im letzten Jahr war sie wegen des Umzugs leider nicht hingekommen. Daß es paper addicts gibt, weiß ich von mir selber, aber so einen Trubel rund ums Material, aus dem die Träume sind, hab ich mich nicht vorstellen können!Gremberger Bahndamm Es fing damit an, dass man in dieser (verhältnismäßig öden) Gegend, in die ein Alexander-von-Humboldt-begeisterter Industrieller eine Arbeitersiedlung setzte (im Geist der Humanität und Volksbildung, natürlich nach Feierabend und ohne vollen Lohnausgleich) und nach dem Namen seines Lieblingsschriftstellers benannt hat, nicht mal einen Parkplatz bekam. Köln gemeindete diese Gegend 1888 ein und ist damit die einzige mir bekannte Stadt mit einem Viertel namens Humboldt (Städte, die so heißen, gibt's in Südamerika, USA und Australien genug, und "zahlreiche Gewerkschaften...erhielten Benennungen nach Humboldt", heißt es in dem Werk "Werk und Weltgeltung", aber damit sind bergrechtliche Kapitalgesellschaften gemeint). Da aber die Fabrik unter dem alten Namen (Klöckner Humboldt Deutz) Papiermesse in Kölnein Milliardengrab geworden ist und inzwischen nur noch Deutz AG heißt, nennt man das Viertel heute Humboldt-Gremberg. Uns fielen jedenfalls am Bahndamm der Lüderichstraße (Lüderich = Bergbaugebiet im Bergischen) die merkwürdigen Kacheln mit Adlern und kölner Wappen auf, Messehalle für Buchbinderoffensichtlich aus Keramik und irgendwann restauriert, aber ihr Geheimnis habe ich noch nicht lüften können, Google weiß auch nicht alles!
    Alles, was über Buchbinderei, Papier, Linnen und Leder Bescheid weiß, hatte sich aber in der winzigen Grundschule versammelt, in der man schon 2,50 Eintritt zahlen musste, um auch nur die heiligen Hallen betreten zu dürfen. Einen Sitzplatz in der Caféteria konnte man damit nicht erkaufen, die war knüppelvoll und blieb es, und die Schulkorridore und Klassenräume wimmelten vor Bücherwürmern. MelkpakboekjeDie Schöpfung aus PapierJeder durfte mal versuchenDiese Buchbinder-Messe ist merkwürdigerweise eine Erfindung der Niederländer und findet jährlich, aber nicht bei denen (klar, die wollen ihr Zeug anderswohin verscherbeln), sondern in Sint Niklaas (Belgien) und eben in Keulen statt. Kaum hatten wir die Kasse passiert, da kriegte meine Begleiterin auch schon so ein merkwürdiges Funkeln in den Augen (wie die Fensterscheiben brennender Irrenhäuser, hätte Arno Schmidt gesagt), und nun wurden Ballen & Auslegeware angefasst und umgelegt und Farbe, Riffelung, Laufrichtung und Einschlüsse begutachtet. Wasserzeichen selber setzenAngeblich hat man in China schon um 1000 v. Chr. Papyrusblätter zu einem Fasergeflecht verarbeitet, 60 v. Chr. gab es dort bereits Papier, und erst 800 Jahre später verrieten chinesische Gefangene das Geheimnis der Herstellung den Arabern. Bis dahin schrieb man jedenfalls im Mittelalter noch auf Kalbeshaut (die gab es hier auch, im ersten Stock). Wie alle Kölner erstmal nur auf Schnäppchen aus, hatten wir Glück: Schon im ersten Stockwerk verscherbelte einer "Restpapier" für 1,- € den Bogen, genau das erwünschte, "rough" und knitterig, mit unordentlichen Einschlüssen und Maserungen. Sonst konnte man hier gut und gerne fünf bis zehn Euro für gute anderthalb Quadratmeter Feinstpapier von köstlichster Glätte - bzw., für Erotomanen, mehr oder minder sanft gerillt, gerauht oder genoppt - ausgeben. Umweltpapier gab es auch, aber nur ganz vereinzelt in einer Ecke, denn die Fabrikation von farbigem oder auch weißem Papier, den Ökos sei's gestanden, ist eine wenig umweltfreundliche Angelegenheit, hat viel mit Chemie und Sauerei zu tun, weil man den Grundstoff (Lumpen, Altpapier) erstmal auflösen und zerstören muss.Anbietung: Kuhmagen! An den Marmorierungen konnte man sich allerdings kaum sattsehen! Die mit dem teuersten Papier, wo wir gern ein Blatt erstanden hätten, war hinterher nicht da, ihr Vertreter wußte nicht Bescheid und der Bogen, den wir wollten, war nur halb so groß, weshalb wir auch nur die Hälfte blechen wollten - da es nicht aufzuklären war, haEnzyklopädisten-Lederben wir Verzicht getan, selber schuld. Wir kauften 2 hübsche Blätter bei Franzosen aus Burgund. Natürlich wurde auch Papier hergestellt (eine ziemlich nasse Angelegenheit). Dass es anderersRochenhäute auf der Buchbindermesseeits Recycling von Müll und insofern doch nicht ohne Öko-Aspekte ist, sah man am nächsten Stand: Ein Asiate bot nicht nur Notizbüchlein & Portemonnaies aus gebrauchten Milchtüten an, der machte auch Papier aus allerlei Müllkram, sehr pittoresk anzuschauen. Erst wusch er die Milchkartons mit Seifenlauge und rubbelte dran, bis das Plastik abging. Dann kam der Papieranteil der Tüten in einen ordinären Mixer, um "Pulpe" zu erzeugen. Die wurde auf so eine Box mit Gitterfenster gelegt (er verkaufte die Kästen nebst Anleitung), nach einer Weile durchgeseiht und "gegautscht", d. h. was oben blieb, auf billigen Spültüchern getrocknet, er legte das Ergebnis dann auch noch in die Mikrowelle (die Holländerin, die dasselbe im Erdgeschoss unter Hinzufügung von Wasserzeichen unternahm, hatte eine Bügel-Plättpresse), um es zur Mitnehmreife zu trocknen. Natürlich wurde auch anderer Stadien der Buchherstellung gedacht - nur das Schreiben war etwas unterrepräsentiertMeßbuchbeschläge mit einem einzigen Kalligraphie-Stand - , beispielsweise gab es einen Experten für Beschläge, wie man sie von alten Meßbüchern kennt (er machte auch Familienwappen und Stammbäume). Es ist wirklich ein besonderer Menschenschlag, der sich hierher verirrt. Es scheint vor allem ein Frauen-Hobby zu sein (obwohl auch der eine oder andere bejahrte Papiermann oder Buchbinder hinter seiner Presse stand und aufpasste, den Graubart nicht einzuklemmen). Ich hörte junge Punkerinnen begeistert über Holzgehalt dieses oder jenes Bogens, über Flexibilität und Leimstärken reden. Bei einem Stand redete ich selbst drauflos und erklärte dem Pfälzer, der da "Beutelbücher" feilbot (wie sie auf mittelalterlichen Altarbildern die Pilger häufig tragen) die Sache mit den Bücherflüchen, dass man früher den "Kettenbüchern" in den Klosterbibliotheken auch gern mal eine Verwünschung einschrieb desjenigen BöseTierhautwichts, der das Buch trotz aller Verbote klaut, statt vor Ort zu lesen. Allerdings ist derjenige mehr zu fürchten, der brav bezahlt, aber das Geld auf verbrecherische Weise erwirbt - cave Magister Tinius! Alles lauschte aufmerksam, ich hatte sofort ein Publikum.
    Die Abteilung "Leder" war so recht etwas für Bucherotomanen, und ich freute mich, daß es nach Diderot benanntes Maroquain und Ziegenleder nach Art von d'Alembert gibt: peau de chagrin des encyclopédistes, das hätte mancher Kleriker des 18. Jahrhunderts gern mal angefasst! Schließlich gab es noch einen Stand, der eine "Anbietung" (nee, nicht "Anbetung der Hirten") vom Kuhmagen und  abgezogenes "Leder" vom Rochen feilbot. BuntbindfädenLetzteres eigne sich nicht so gut zum Buchbinden, belehrte mich eine junge Dame, weil die winzigen irisierenden Schuppen abplatzen, aber ihre Freundin, Goldschmiedin aus Düsseldorf, versicherte, man fertige der treue Hund des Lesebändchenflechtersbrauchbare Armbänder aus diesem Material. Ein paar Stände weiter saß übrigens ein Hund ganz brav unter dem Tisch eines Mannes, der Seidenbänder verkaufte (vielleicht sollen das Lesebändchen werden?), wie mancher Branchenkollege wird schon begehrliche Blicke auf das wirklich schöne Fell des Tiers - im Bild leider etwas verwackelt - geworfen haben. Nach ein, zBuchbindermesse, Workshopangebotwei Stunden verließen wir die Messe mit rollenweise Rohstoff unterm Arm, für Scherenschnitte, versteht sich. Ich habe mir aber auch für 3 € marmorierte Restpapierchen gekauft, die bei entsprechend großem Format für Bucheinbände alter Art geeignet gewesen wären, durch deren tintiges Gewölke ich bisweilen ins Lampenlicht schaue, und die gepünktelten sehen sommersprossig am ganzen Leibe aus, wie Schleien! Vielleicht kann man mal einen Brief auf die Rückseiten schreiben, oder das berühmte Gedicht von Gerhart Hauptmann in Schönschrift: "Ich bin Papier - du bist Papier. Papier - ist zwischen dir und mir. Papier - der Himmel über dir. Die Erde unter dir - Papier. Willst du zu mir und ich zu dir: Hoch ist die Mauer aus Papier! Doch endlich bist du dann bei mir, drückst dein Papier an mein Papier, so ruhen Herz an Herzen wir! Denn auch die Liebe ist Papier, und unser Haß ist auch Papier. Und zweimal zwei ist nicht mehr vier: Ich schwöre dir, es ist Papier!"


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  • Commentaires

    1
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Mardi 25 Octobre 2011 à 14:58

    Ach, da hätten wir mit Hildegard auch unsere Freude gehabt. Papier ist wirklich ein Suchtstoff, und bei Diderot und d'Alembert ist mir auch der bedruckte Teil lieber als der lederne Einband.

    2
    hdor Profil de hdor
    Dimanche 30 Octobre 2011 à 15:26

    Ich werde Hauptmanns Gedicht auf eine Postkarte schreiben, in Schönschrift!

    Promis!

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