• Neujahrs-Bestattung und wachsbleiche Zukunftsbilder

    Nicht viele von uns werden einst so ein Begräbnis haben wie das, dem ich heute leider beiwohnte. Ein Freund, oder besser der Mann einer guten Freundin von mir, die ich seit meiner Zivildienstzeit 1976 kenne, ist am 21.12., knapp vor Weihnachten gestorben. Wir hatten noch ahnungslos Jahreswechselgrüße hingeschickt. Klaus der Geiger und ein GitarristEr war Neurologe und das Paar war sehr engagiert; sie hatten es auch mit der Kölner Musikszene; bei einer Party meiner Bekannten hab ich zum ersten Mal die "Black Fööß" gehört (während ich Rio Reisers Röhren erstmals bei Imogen vernahm, damals chancenlose Bundestagskandidatin für die trotzkistische Partei: "Keene Macht vor niemand!") - die Kontakte waren, anders als bei den Trotzkisten, Maojüngern und Buddhisten, mit denen ich verkehrte, nie ganz eingeschlafen, und bei einer kleinen Ausstellung meiner Frau, die meine Zivildienst-Bekannte besuchte, lernten wir auch den Verstorbenen kennen, der uns Schokolade mitbrachte, und das damit begründete, er tue das immer, weil er als Nachkriegs-Kind (1937 geboren) mal von Nachbarn Schokolade geschenkt kriegte und ihn das zeitlebens nicht losgelassen hat. Klaus der G. auf der Trauerfeier für Klaus B.Nun ruhe er in Frieden. Vor der Kapelle auf Melaten versammelten sich die schon bejahrten Gestalten verschiedener engagierter Gruppen, meine arme Freundin weinte und weinte, es war herzzerreißend, aber sie freute sich doch über jeden, der bei dem Sauwetter gekommen war. Bei der Trauerfeier spielte Klaus der Geiger mit einem ausgezeichneten Gitarristen drei Sachen, darunter ein Lied "Das Leben ist schön" (bei schlechter Akustik kaum verständlich) und das neulich hier so oft zitierte Scarborough Fair - perfekt begleitet , eröffnet mit Flageolet-Tönen, eigentlich war der Geigenschmus drumherum, vom Straßenmusikanten ungewohnt,  fast unnötig, aber auch nicht störend. Die Predigt, besser Trauerrede (gespickt mit Intellektuellen-Zitaten von Umberto Eco, Barbara Tuchman, Jacques LeGoff, Statistitiken über Sternenferne und Anzahl der Hirnzellen geteilt durch neuronale Netze), hielt der eigentlich als linker Leutpriester beliebte Pfarrer Meurer, der zuvor eine Joseph-Beuys-Postkarte mit der Aufschrift Mensch verteilt hatte. Übrigens kommt dieser Meurer aus derselben Siedlung wie ich und hat so ein, zwei Jahre vor mir Abitur am selben Gymnasium gemacht, während sein Arbeitgeber, der Erzbischof mit dem Rilkesken Vornamen, ebenda aufgewachsen ist und am selben Gymnasium ein, zwei Jahre nach mir Abitur machte. Schade eigentlich, dass ich die Grundausbildung (Vaterunser auf Latein auswendig lernen) zum Ministranten bei dem etwas zudringlichen Kaplan abgebrochen habe, ich hätte es in der alleinseligmachenden Mutter Kirche womöglich noch weit bringen können! - Statt dessen wurde ich erfolgloser Dachbodendichter, und dichter Dauerregen setzte beerdigungsgerecht ein, als der Zug sich in Bewegung setzte und dem Sarg hinterherschlurfte bis zu dem unumgänglichen Erdloch, in welches vom Pfarrer Weihwasser, ein Schäufelchen Torferde und Blüten geworfen wurden, letzteres wiederholten die übrigen Trauergäste. Ich stand am Grubenrand so ziemlich als letzter, barhäuptig im Pladderregen, und entschloss mich dann, die Karte mit der Aufschrift Mensch hinterhersegeln zu lassen. Da lag sie, Vorderseite nach oben, ein schwarzes Viereck inmitten der Blumen. Denn als Kaminsims-Andenken an den lieben Bekannten ist mir die Kunstpostkarte dann doch zu artifiziell und um die Ecke gedacht (tut mir leid, liebe Crossposter), ich lege meine Andenken dafür hier nieder.

    Wachsbild vom SylvesterwachsgießenUm aber zum Jahresauftakt so trübe nicht zu enden, hier noch ein Wahrsagerätsel aus der Sylvesternacht. Bleigießen, so musste ich mich belehren lassen, ist igittibäh, giftig und outdated. Wachsbild vom SylvesterwachsgießenDie umweltverträgliche Alternative der Klimawandelära ist: Wachsgießen. Kein Wunder, dass bei meiner Frau eine echt künstlerische Form (links) herausgekommen ist, während ich nur Hudel zustande kriege. Man soll ja angeblich die Zukunft aus dem im Wasserbad erkalteten Schmelzklumpen lesen, bei mir (rechts) kann ich da allenfalls auf ein Männlein mit Stiefeln tippen, einen leicht angegammelten Ötzi mit verlorengegangenem Kriegshackebeilchen. Das von meiner Frau identifizierten wir anfangs als "Baum", schön in Blumenkohlmanier gemalt, jetzt denke ich immer mehr, es ist das 19. Jahrhundert-Medaillon einer Frau mit Lockenkranz (Dutt?) von hinten. Jedenfalls bezaubernd schön, mysteriös, phantasiestiftend, und giftiges Blei liegt jetzt nicht mehr bröselnd herum, dafür klebriges Wachs.


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  • Commentaires

    1
    Jeudi 4 Janvier à 20:11

    Ich finde, Kornelias Wachsgebilde sieht wie eine Rose aus. Da kann man jetzt die Weltliteratur und sein Poesiealbum befragen, was das soll. Le roman de la rose. Der Name der Rose. Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken...
    Deines ist tatsächlich ein Männchen, vielleicht ein Weckmännchen, ein Nikoläuschen, aber durch die eckigen Formen hat es doch auch etwas von einem Roboter. Künstliche Intelligenz, die an deine vermutlich nicht heranreicht. Aber trägt es nicht ein Smartphone in der Hand? So einfach ist das, kauf dir endlich ein Smartphone!

    Was die traurige Beerdigung angeht, musste ich unwillkürlich an die letzte Beerdigung denken, an der ich teilgenommen habe. Also hier für die Nachwelt: Bitte auf meiner Beerdigung keine Kirchenlieder, ich will Brassens, Brel, Lennon, Gainsbourg, Simon and Garfunkel, die nötigen CDs findet ihr bei mir zu Hause. Und falls es mich früher trifft als dich, könntest du vielleicht die Totenrede halten? Sprich dich mit Hildegard ab, die weiß alles über mich, aber die kommt nie auf den Punkt. Man will ja nicht, dass die Leiche anfängt zu müffeln.

     

    2
    Vendredi 5 Janvier à 06:23

    Der liest ein Buch, wie der Feldprediger Schmelzle im Gehen, Smartphones sind lächerlich klein dagegen. Das andere: Ich denk nicht dran, du lebst bitte länger als ich!

    3
    Vendredi 5 Janvier à 15:46

    Man tut was man kann, na ja, ok, eher nicht, Wasser, Gemüse und Sport statt Rotwein, Schokolade und Bloggen würden vielleicht helfen.

    4
    Trauerrandhalter
    Vendredi 5 Janvier à 17:51

    Wenn ich wie das Männlein oben lesend in einen Abgrund spaziere (siehe den rechten Fuß), mach ich es sowieso nicht so lang wie Klaus der Geiger und muß vielmehr Dich um den Gegendienst bitten! Und bei meiner Beerdigung bitte wahlweise die "Pavane" von Gabriel Fauré oder "Pavane pour une infante défunté" von Ravel oder "L'après-midi d'un faune" von Debussy oder wenn das alles nicht klappt, sollen die Versammelten "Auf einem Baum ein Kuckuck Simsalabim usw." singen!

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