• ...ne tenait en son bec aucun fromage

    Kein Wunder, dass sich unser Besuchskaninchen schon länger nicht mehr blicken ließ. Heute war's soweit. Gut, dass ich ein Tomaten- und kein Hühnerhaus in den Garagenhof gestellt hatte! Und merkwürdigerweise bewahrheitet sich mal wieder der historische Kern, den die guten alten Fabeln doch immer bergen - hier eine deutsche und französische Version der Quelle bzw. der ("La") Fontaine. Denn wir saßen beim 6.00-Morgenkaffee am Küchenfenster, ich denk' noch, was ist denn mit den Raben los, dies Gekeife und Geschimpfe, das machen sie doch sonst nicht so früh am Morgen... Wir gucken raus und da steht er - schlank, hochbeinig, nicht ganz so groß wie ein Schäferhund (das Fell auch nicht viel anders, jedenfalls nicht zinnoberrot wie in meinen Kinderbüchern), aber doch immerhin ganz imposant - der Jungfuchs, den meine Frau schon auf dem Feld "schnüren" sah - und vor ihm breitbeinig-hartnäckig der Rabe: Verwünschungen keifend wie des Talibans Weib und in ebensolcher klerusschwarzer Ganzkörper-Burka, tanzte herum, machte allerlei Drohgebärden, kriegte sich gar nicht mehr ein. Ich tastete nach dem Fernglas, machte noch dummerweise die Balkontür auf und hastewaskannste, ist der Fuchs mit ein paar Hüpfern, den buschigen Schweif hinter sich herwedelnd, hinter dem Brombeerzaun verschwunden, während sich der Rabe triumphal in die Brust warf. La FontaineInteressant der Wagemut des Raben, ein zweiter schickte sich gerade an, heranzuflattern, während sich die Elstern, die sonst mit Robert-Mitchum-Halbstarkengang ("swaggering") über die Bliesheimerstraße patroullieren und jede Ratte und jeden toten Igel verbellen, in respektvoller Entfernung hielten. Noch interessanter, dass sich auch der Fuchs zunächst nicht stören ließ - Rabe und Fuchs im Dialog auf "Augenhöhe", möchte man wider besseres Wissen sagen, denn der Rabe war natürlich viel kleiner, (dafür lautstärker), und anders als bei La Fontaine saß er auch nicht auf einem grünen Zweig... Und ob sich der Rabe nun beklagt hat, dass ihm der Käse abhanden kam, ließ sich nicht mehr feststellen - auch nicht, um welchen Käse es ging, ob es z. B. der Brie von Melun war, wie die zuständige Confrérie mit guten Argumenten behauptet: erstens kannte La Fontaine Melun, zweitens hat der Brie von Melun im Gegensatz zu dem von Meaux (wo man die Fabel ebenfalls für den heimischen Käse reklamiert), eine wesentlich größere "Fernwirkung" und vermag, wie es im Gedicht heißt, Maître Renard durch den schieren Odeur anzulocken, außerdem ist der Brie von Meaux (1815 beim Wiener Kongreß, in einem von Talleyrand ausgerufenen Käsewettbewerb, zum "König aller Käse" deklariert) viel zu groß, um vom Raben im Schnabel gehalten zu werden. Drittens hat man bereits im 17. Jahrhundert Brie-Käse in Melun hergestellt, der - im Gegensatz etwa zum Camembert - auf eine 1000jährige Tradition zurückblicken könnte, wenn er Augen hätte. Ob der Fuchs mit Brie aus Melun oder Meaux auf das Brachfeld entschlüpft ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber hinterher beobachteten wir noch ein wenig den Buntspecht, der sich in waghalsigen akrobatischen Verrenkungen kopfüber, kopfunter durch das Gezweig der Tannen pickte, die rechts am Garagenhof beieinanderstehen und ein bißchen Waldlandschaft darstellen. Ich hab in die Lichtung übrigens noch eine Aldi-Brombeere reingepflanzt, die ich verbilligt gekriegt habe. Meine Basilikumzucht, die ich bei dem Pladderregen der letzten Tage ein wenig in den Schutz der Bäume geschoben hatte, wird wahrscheinlich doch von Schnecken verzehrt, die aber andererseits Basilikum nicht richtig mögen, denn sie lassen immer was übrig, knabbern mal die winzigen Keimlinge (dann ist da tabula rasa), mal dieses oder jene Blatt an, meist von innen ein Loch nagend... Vielleicht werden sie aber - von Amsel, Elster, Rabe oder Taube - selber verzehrt, bevor sie sich zum Rand durchbeißen oder den Teller resp. Blumentopf leermachen können? Eine schöne Portion Schnecken mit oder ohne Kräuterbutter macht ihnen der Fuchs bestimmt nicht streitig.

    Diese nette Variante der Geschichte, die ich einem französischen Diskussionsforum fand (wo man mal wieder über die Frage diskutierte, welcher Käse es gewesen sei), könnte auch in unseren Hof passen:

    Maître Corbeau sur un chêne mastard
    Tenait un from'ton dans le clapoir.
    Maître Renard reniflant qu'au balcon
    Quelque sombre zonard débouchait les flacons
    Lui dit: "Salut Corbac,
    c'est vous que je cherchais.
    A côté du costard que vous portez, mon cher,
    La robe du soir du Paon est une serpillière.
    De plus, quand vous chantez, il paraîtrait sans charre
    Que les merles du coin en ont tous des cauchemars."
    A ces mots le Corbeau plus fier que sa crémière,
    Ouvrit grand comme un four son piège à ver de terre.
    Et entonnant "Rigoletto" il laissa choir son calendo.
    Le Renard le lui pique et dit: "Apprends mon gars
    Que si tu ne veux point tomber dans la panade
    N'esgourde point celui qui te passe la pommade ..."

    Moralité:

    On doit reconnaître en tout cas
    Que grâce à Monsieur La Fontaine
    Très peu de chanteurs d'opéra
    Chantent aujourd'hui la bouche pleine.


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