• Kein Automatenklo in Amazonien

     

    In unserem Hof parkt mitunter ein Firmen-Lieferwagen mit der Aufschrift "F****y". Der Fahrer des Wagens hat in einer der Garagen ein Motorrad zu stehen. Wie ich herausfand, handelt es sich bei dieser Firma um einen Vertrieb für Spielautomaten, wie sie in allen möglichen Kneipen aufgestellt sind. Das ist wie bei Zigarettenautomaten so eine Pacht- oder Leasingmasche, was weiß ich. In meinem Leben habe ich nur ein einziges Mal einen Glücksspielautomaten (Tischfußball und Flipper zähl ich nicht mit) bedient und prompt gewonnen. Das war in dem Pizza-Lädchen namens "Deborah" in Duisburg. Der Besitzer gab auf Befragen an, die Pizzeria (in der es eigentlich nur Thekenverkauf gab, aber ein Tisch mit zwei Stühlen stand für den Notfall auch zur Verfügung, vielleicht auch ein Klo, aber bei Imbißbuden ist das so eine Sache...) nach seiner Tochter benannt zu haben. Da hing auch ein Spielautomat, ob von F****y betrieben, weiß ich nicht. Eichhorn im TopfDie Pizza hat mir und meiner Liebsten dort immer geschmeckt, und wenn wir zu faul zum Kochen waren, besorgten wir zwei Kartons. Aber weil wir sie mitnahmen und zu Hause verzehrten, mussten wir natürlich im Lädchen eine Weile warten und die Zeit totschlagen. Dazu setzen wir uns an das Tischchen, aber aus purer Langeweile warf ich einst ein paar Münzen in den Automaten (der auch schon unvermittelt vor sich hin dudelte und zwischendurch rief: "He, ein kleines Spielchen gefällig", ich glaube, das gab es schon) und drückte nach dem Zufallsprinzip ein paar Knöpfe mit "stop" und "go", wenn ich mich recht erinnere. Auf den Laufbändern rasten Zahlen, Früchte, Glücksklee und dgl.  herunter, und plötzlich hatte ich drei Symbole, Ananas vielleicht oder Bananen, nebeneinander, die ruckelnd stehenblieben. Prompt drehte der Apparat voll auf und blinkte, summte und zeigte mir alle möglichen Freispiele an, die ich gewonnen hätte. Inzwischen war aber dummerweise die Pizza fertig und ich hatte die Wahl: Friß oder spiel! Natürlich kriege ich wahnsinnig gern was geschenkt, und was mir aufgrund des (bei mir sehr seltenen) Spielerglücks zuteil wird, suggeriert einem ja gradezu, man hätte es sozusagen "verdient", unsauberer Gast beim Vollzugaber kalte Pizza mag ich nun mal nicht, bin auch gar keine Spielernatur, verliere bei allen Wetten, Schnickschnackschnuck-Entscheidungen und Autographen-Auktionen. Kurz, ich wollte die Pizza grade mal zu Haus in den Ofen werfen und dann einigermaßen im Frischezustand genießen. Zufällig war ein junger Mann zugegen, was sag ich, ein Knabe, der mir schon die ganze Zeit über die Schulter gekiebitzt und mir gute Ratschläge erteilt hatte. "Sie haben die 'Goldene' - haben Sie keine Ahnung?", so in der Art kommentierte er ziemlich abschätzig das Geschehen, aber sein Gesicht hellte sich sofort auf, als ich ihm meine Glückssträhne überließ und er nun die 12-oder-was-Freispiele abessen konnte, während ich mich mit dem Hauptgewinn, der köstlichen, wenn auch kostenpflichtigen Pizza aus dem Staub machte. - Spielen kann man auch im Hof, und Nachbarn von uns haben dazu eigens einen Sandkasten aufgestellt. Das war der Tag, an dem zwei Säcke im Keller lagen und ich gleich dachte, da war doch dieses Sommerangebot im Baumarkt - ZWEI Sandsäcke und eine Plastikmuschel zumEichhorn_an_Primel Auffüllen, knallblau wie eine überdimensionale Seifenschale und gegen Regen und Muff (und Hundedreck, wie man angesichts der hiesigen Usancen leider erwähnen muss, allerdings trauen sich die Hundebesitzer das nicht im Hof, was ich gleich berichten muss, sondern nur im Vorgarten) auch mit dem oberen Muscheldeckel wiederverschließbar. Natürlich wurde der Sandkasten längst eingeweiht und hat schon mehr als das Einzelkind vom oberen Stock in seiner Muschelschale gesehen. Nun kollidieren mitunter die Nutzungsinteressen der Mieter an diesem Hofgrundstück - ich hatte, man erinnert sich, in den letzten Jahren ein Tomatenhaus, aber es gefiel mir dort nicht mehr wegen einer Affäre um das Abschließen und den Besitz eines Schlüssels. Seitdem hab ich kein Tomatenhaus mehr, muss aber auch nicht sein, ich hab hier Platz und Sonne genug auf der Südterrasse und im Hof hab ich auch kein Laub mehr gekehrt, die Garagenbesitzer tuns nicht, die schieben das Laub vors benachbarte Garagentor. Währenddem nutzen die Garagenleute die Fläche gern zum Auswechseln der Winterreifen, leider auch für Motorengeräuschtests, eine Zeitlang war auch eine regelrechte Werkstatt dort im Gang, ich vermute Schwarzarbeit, und manche haben wie gesagt ein Moderrad für schöne Stunden. Auch der Mann mit dem Lieferwagen von F****y, den ich heute wieder sah, allerdings in eine Beschäftigung versunken, die dann doch peinlich für ihn war (auch wenn er mich nicht bemerkte).Tomatenhaus von 2010 Sagen wir mal so, ich kann mir die Bedrängnis in der Situation lebhaft vorstellen, würde der Not aber doch nur außer Sicht, in angemessener Entfernung vom bewohnten Gebiet nachgeben, also etwa auf dem unbebauten Grundstück ganz hier in der Nähe oder in Gottesnamen in einem nahegelegenen Park (3 Minuten), der sowieso für Vierbeiner als Freilauffläche gedacht ist, während die fauleren Hundehalter lieber unsere Vorgärten bepinkeln lassen, als dorthin zu laufen. Ich bin nicht ganz sicher, ob der Fahrer des Wagens auch der Chef des Vertriebs ist, die Ähnlichkeit ist frappierend, aber der F****y-Boss hunsauberer Gast auf dem Rückwegat vor kurzem in einer sächsischen Handelsstadt eine bedeutende politisch korrekte Auszeichnung entgegengenommen, weil er sich als Schutzengel für Kinder gebärdete. Klar, dass man in dieser Branche immer wieder an Kinder denkt, vor allem solche, die auf die schiefe Bahn gekommen oder kurz davor sind. Letztendlich hatte ich ja auch so einen jungen Mann von der Straße geholt, indem ich ihm meine Freispiele schenkte. Wie lange er in der Imbissbude blieb und ob seine letzten müden Kröten in den Apparat wanderten, nachdem mein Bonus aufgebraucht war, weiß ich nicht. Vielleicht hat er ja auch seine erste Million in Kupfermünzen nach Haus gebracht, heiratete Deborah, investierte in eine Automaten-Aufsteller-Kette und verdankt MIR all seinen Reichtum?! Egal, im Internet fand ich folgenden Bericht über den Empfänger des Schutzengelpreises: "der L**** des Monats Juli/August geht an den sozial engagierten Automatenunternehmer Urias Wartenkann (Name von der Redaktion geändert).  In X. unterstützt der engagierte Kaufmann einen Erlebnistag der Aktion Ein Schutzengel für Kinder. Kein Automatenklo in AmazonienKurzerhand wurden 32 Kinder, die aus problematischen Verhältnissen kommen und daher nicht bei den Eltern aufwachsen können, mit ihren Erziehern in die ***bar des Automatenkaufmanns und L***n-Club-Mitglieds eingeladen. Zuvor besuchten sie die Amazonien-Ausstellung im X.er Panometer. Urkunde und Preis wurden durch den L***n-Gebietsverkaufsleiter Franz Kunz (Name von der Redaktion geändert) übergeben." Tja, ich weiß nicht, ob die lieben Kleinen in der Automaten-Betreiber-Kneipe vor dem Daddelautomaten etwas zu trinken bekamen (alkoholfrei, hoffe ich doch), und wo sie es gelassen haben, ich kann nur sagen, wir haben im waldreichen Graffito am Poller RheinuferAmazonas von Raderthal (ehemaliger Rheinarm) Besucher, die sich hygienisch einwandfrei verhalten - ich sage nur: Eichhörnchen!, die Vögel lassen wir mal aus dem Spiel -, und nicht grade erwischen lassen, wie sie sich an einem Spiel(sand)kasten erleichtern,weil dieser saisonbedingt zur Zeit wenig frequentiert wird. Gerade als Aufsteller von Gastro-Automaten kommt man doch an die Orte, wo man jederzeit, geradezu mit Rückhalt des Gesetzgebers, Zutritt hat, um das zu tun, was der Mann hier im Hof abmacht ("Nichtgäste 50 Cent", das Schild sollte ich vielleicht aufstellen). Ich habe natürlich geschwankt, ob ich dem Besucher nicht ein "herzlich willkommen hier oben in der Wohnung" zurufen sollte, denn tatsächlich wär's mir lieber, und für ihn ja auch bequemer (die verdammten Reißverschlüsse an diesen Schutzengel-Kampfanzügen!), er würde das, was er da macht, bei mir im Sanitärbereich abmachen, am dafür vorgesehenen Becken, versteht sich, und nicht etwa in der Tomatenplantage, die wir in der Duschtasse angelegt haben. Jedenfalls soll ein antiker Römer gesagt haben, "pecunia non olet", er verdiente, glaube ich, sein Geld mit der Kloaken-Entsorgung in der lieblichen Hauptstadt Italiens. Ich aber werde, wenn ich noch einmal im Leben einen Cent in einen Spielautomaten stecken sollte, nicht mehr nur an Deborah und die leckere Pizza ihres italienischen Vaters denken, sondern an den F****y-Boss (oder -Mitarbeiter, aber vermutlich doch Boss), wie er neben dem Sandkasten steht und vehement am Reißverschluß zippt.


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  • Commentaires

    1
    Samedi 11 Janvier 2014 à 12:34

    Also nicht nur die Eichhörnchen lassen sich dort in zweideutigen Posen fotografieren.

    Ich bin aber verwirrt, die Pizza holt ihr in Duisburg und bringt sie heil und heiß nach Köln?

    2
    Samedi 11 Janvier 2014 à 12:44

    Ist ja schon eine Weile (30 Jahre?) her; inzwischen ist sie bestimmt kalt.

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