• Gute alte Medien - von anno damals: die Kleinanzeige

    Man glaubt's ja eigentlich nicht, dass man auch schon vor 150, 200 Jahren in aller Offenheit die Kleinanzeige als Medium benutzte, wenn es um um Liebesangelegenheiten ging, oder um Probleme, die eigentlich höchste Diskretion erfordert hätten. Gute alte Medien - heute: die KleinanzeigeDas Publikum wird Bescheid gewusst haben, wo es bestimmte Auskünfte sucht und findet. Das, worüber man nicht öffentlich reden konnte, ist in den Zeitungen mit ihrem Kleinanzeigenteil gar nicht so unauffindbar versteckt, dass nicht alle orientiert gewesen wären.... Gut, Ärzte für Haut- und Geschlechtskrankheiten haben ihre staatlichen Konzessionierungen und führen eine Praxis und nennen in der Regel auch öffentliche Sprechstunden, und Dr. Eduard Meyer in der Krausenstraße 62 suchte sich schon das richtige werbliche Umfeld für seine Kleinanzeige. Apropos, wusstet ihr, dass auch ganz normale Zeitgenossen im Adressbuch ihre "Sprechstunden" veröffentlichen konnten? Gute alte Medien - heute: die KleinanzeigeÄußerst merkwürdig, aber so war's, es gab damals noch Menschen, die sich über Besuch freuten und dann eben Mittwochs von 9 bis 12 zu Hause waren, falls man sie ansprechen wollte, z. B. den "Schriftsteller, Concipient und Commissionair E. Forsberg" im Berliner Adressbuch von 1875, der war 8-10 h Abends zu sprechen, oder "C. Forster, Publizist" (ganz unten, mittlere Spalte), den konnte man von neun bis halb zwölf in der Leipzigerstr. 24, II. Etage antreffen - nicht so den in der Kolumne links daneben stehenden Schriftsteller Th. Fontane, Potsdamer Str. 134 c., der hatte keine festen Sprechstunden. Zwar bediente man sich auch damals schon in manchen Fällen der Chiffren-Anzeige über eine Redaktion, aber wenn selbst das nicht opportun war, hat man eben Briefanfragen "poste restante" erbeten wie dem obigen Beispiel aus der National-Zeitung vom 30.10.1861. Das Haarefärben ist auch noch einigermaßen okay, das kann man unter Adressen wie der "neuen Grünstraße" anbieten (ob die Haare dann so sind?). Natürlich ist auch nicht immer sicher, wer eine bestimmte Anzeige aufgegeben und womöglich seinen Intimfeind damit gefoppt hat, und ob auf Forderungen in entsprechenden Dementi-Annoncen reagiert wurde (wie hier am 12.11.1861, National-Zeitung), wer weiß? Bloße Namensverwechslung ist eigentlich ausgeschlossen, weil der Mädchenname der Frau in der offenbar Falsches behauptenden Geburtsanzeige steht.Gute alte Medien - von anno damals: die KleinanzeigeGute alte Medien - von anno damals: die Kleinanzeige

    Wer allerdings die größte Diskretion walten lassen wollte, erbat eine Zuschrift an Deckadresse. Die oben rechts vorfindliche Sammlung amüsanter Anzeigen ist vom August 1858, vermutlich aus der Vossischen Zeitung, stammt nämlich von dem Sammler, dessen Zeitungsausschnitte mir vorliegen (die späteren von 1861 habe ich mir selbst ausgesucht aus dem Digipress-Katalog, dem Wegweiser der Bayrischen Staatsbibliothek ins 19. Jahrhundert). Allerdings, für andere mitunter unwillkommene Folgen eines Geschlechtsverkehrs, die nicht unter dem Rubrum "Krankheit" zu fassen sind, gab es keine Abhilfe, die man so offen anbieten konnte. Manche Werbung, selbst wenn's nur die Info über Sprechstunde sei, ist ja auch noch heute verboten!


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  • Commentaires

    1
    Dimanche 28 Octobre à 19:58

    Da muss ich doch direkt an die Zeitungsannonce der Marquise von O. denken.

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