• Eisvogel und Entwerter

     

    Tja, als wir diesem Piepmatz begegneten, war das Wochenend-Glück noch ungetrübt; wir spazierten - inwendig noch voller Bildimpressionen von Monet über Van Gogh bis Vuillard und Sisley - den Rhein entlang und machten uns gar keine Gedanken. Erst als es ans Zahlen ging, in dem kleinen Traditionscafé dem Theater gegenüber, Rheintau mit Eisvogelstellte sich zu unserer Verblüffung heraus, daß die Börse fehlte! Daraus erkennt man wieder die tiefe Weisheit des Ausspruches, der sei am glücklichsten, der die schlechte Nachricht noch nicht weiß. Gut, von allen schlimmen Dingen, die der Janusmonat einem bescheren kann (aus unerfindlichen Gründen hege ich eine abergläubische Skepsis gegen das unbeschriebene Kalender-Blatt nach Neujahr, ein Unbehagen, das bis weit über die Monatsmitte hinaus reicht), von allem Schlimmen ist es das Schlimmste nicht (das ist anderen passiert), und wenn man nicht sehr arm ist und auf den Batzen Geld gern verzichtet hätte, wenn einem die Lauferei auf die Ämter erspart bliebe, kann man sich noch darüber wegtrösten! EisvogelDer Eisvogel hätte nur das Silbergeld genommen, und ein Gentleman wird sich vielleicht auch mit den Banknoten begnügen, aber die Ausweispapiere, Wochenkarte (gut, dass wir noch etwas Geld und Tickets für die Rückfahrt hatten, sonst hätten wir schwarzfahren müssen) usw. in irgendeinen transparenten Müllkorb werfen, damit sie im Fundbüro abgegeben werden. Als dasselbe vor anderthalb oder zwei Jahren passierte, kam kurz nachdem man alles zur Erneuerung der Papieridentität hat anlaufen lassen, jemand an unsere Tür und klingelte und brachte das vermißte Ausweisbündel, sogar inklusive Scheckkarten und einem ganzen Schwung ungestempelter Mehrfahrten-Tickets, denn Diebe zahlen offenbar auch in Bussen und Bahnen nicht die Fahrtkosten. EisvogelVermutlich war eine Unachtsamkeit in der Garderobe schuld, oder ein kleines Gedränge in der Bildpostkarten-Buchhandlung, wo wir uns höchstens 2 Minuten aufhielten, weil es natürlich gar keine der gesuchten Bildpostkarten aus der Ausstellung gab...! Jedenfalls werden die Bahnhöfe und -vorplätze im Rheinland nach den Sylvesterereignissen von Polizeipräsident Argus persönlich überwacht, weshalb sich die besser gekleideten Langfinger von Profession offenbar in die Kulturinstitutionen aufgemacht haben. Apropos Schwarzfahren, das muss ich noch erzählen, um dem Januskopf die ganze Porträtähnlichkeit zu geben, an dem Tag, an dem die TAZ was von steigender "Alterskriminalität" titelte, wollte ich es wissen und kehrte abends von einer Feierlichkeit im Bus zurück, wobei ich - jenseits der 60 - das Stempeln der Fahrkarte nicht etwa "vergaß", dafür fühl ich mich noch zu jung, aber man kann ja mal "versehentlich" den geknickten Streifen mit der falschen Seite zuoberst in den Entwerter schieben, oder? Eichhörnchen-StarfotoUnd das Unvermeidliche geschah, ein Kontrolletti, der mich wohl beobachtet hatte, kam. Und was tut der Mann (während meine Lebensgefährtin, die ich dazu laut aufforderte, die Wochenkarte hervornestelte), legt er mich in Ketten, nimmt er mir das erhöhte Beförderungsgeld ab oder zwingt er mich zur Angabe meiner Adresse? (Enzstraße 15, hätte ich dann gesagt, da gibt es nur Garagen), nein, er will wissen, ob ich die vorhin gestempelt hätte, ich empört: Aber ja! da vorne in dem Automaten, und er, da hätte ich wohl die Karte falsch rum gehalten, murmelt was von "ich hab nix gesehen" und krickelt eine Signatur (oder was soll das sonst sein?) auf das freigebliebene Feld als Ersatz für reguläre Entwertung. Mein Gott, wie soll die KVB all die Prozeßkosten um das abgestürzte Stadtarchiv begleichen, wenn man so einen wie mich noch befördert? wirke ich in der Öffentlichkeit schon derart verkalkt und vertrottelt, dass man mir zutraut, den Entwerter nicht absichtlich mit dem bereits gestempelten Abschnitt zu füttern? Meine Lebensgefährtin übrigens meint, ihr höchst konservativer, wunderbar kleidsamer Wintermantel sei die Ursache; wer eine Frau mit solchem Wintermantel in seiner Begleitung habe, dem könne gar nichts passieren, der wird an jeder Kontrollstelle durchgewunken. Na dann! Vertrottelt bin ich übrigens auch, denn erst jetzt, nach dem Bloghinweis von karinkornelia bin ich auf die Idee gekommen, ins Bücherregal zu gucken, und siehe da, ich habe auch eine Tournier-Signatur, vom selbigen Abend in Bonn, vom Autor auf das fatale Orwell'sche Schicksalsjahr datiert, so dass dieses Welträtsel nun auch gelöst ist! (Bei Claude Simon, der ebenfalls in Bonn las, hatte ich übrigens nichts zum Signieren dabei, was mir noch jetzt leid tut, zumal er den Nobelpreis kriegte.)


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  • Commentaires

    1
    Mardi 26 Janvier 2016 à 16:26

    Boh, wie gemein!!!

    1. Dass man euch schamlos beklaut, und dann auch noch in Ausübung eurer kulturellen Pflicht.

    2. Dass man dich für einen vertrottelten Frührentner hält und nicht für einen jugendlich-übermütigen Schwarzfahrer.

    3. Dass Tournier dir ein Datum reingeschrieben hat und mir nicht, dabei hatte ich die französische Ausgabe und bin überhaupt viel romanistischer. Und eine Frau. Gemein, gemein, gemein.

    2
    Mercredi 27 Janvier 2016 à 09:02

    Ein Tip, man muss sich ganz hinten in der Schlange anstellen und als möglichst vorvorvor-, vorvor-.o.ä. letzter signieren lassen, dann nimmt sich die Zielperson eh mehr Zeit, es wartet ja nur Gewäsch des Buchhändlers beim peinlichen Abendessen und ein leeres Hotelzimmer auf ihn und, tja, man muss unverschämt fordern und verlangen, wo sich andere bescheiden mit Rücksicht auf die Anstrengung des bedauernswerten Meisters begnügen!

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