• Der letzte Cowboy kommt aus Güters high & low...

    "....und sucht die Freiheit irgendwo - irgendwo". Der Schöpfer dieses irrsinnig schönen Liedes ist mir zwar einst auf die Nerven bussardgegangen, weil er bei einem Liedermacherfestival der jungen Gewerkschaften vor mir aufgetreten war, so unbekannt wie ich selbst (1976 war das), für seine Darbietung absolute Ruhe erheischte und gewährt bekam - und anschließend, als ich spielte, am Bühnenrand herumlümmelte (eine Kuchen und HoffnungGarderobe gab es nicht) und lautstark mit einem Kumpel quasselte, die Lautstärke seines gar nicht subtilen Sprechorgans erst recht aufdrehend, wenn ich in meinen anklägerischen Protestsongs lauter zu werden anhob. Aber egal, der Cowboy war gut, wurde mit Recht ein Hit und hat den Kollegen reich gemacht - und er paßt auch auch heute wieder, wo die Freiheit der Versammlung und des Knuddelns, die Gimme-five- und Klopfschulter-Freiheit und die Freiheit, mit feuchter Aussprache jeden vollzusabbeln, der nicht auf dem Absatz kehrt macht und davon läuft, wenn diese Freiheiten ab sofort nur jenseits der Kreisgrenze von Gütersloh zu finden sind. In Gütersloh und Borgholzhausen hatte ich mal Auftritte mit unplugged-Musik in den 1970er Jahren, in Schloß Stukenbrock hab ich mal ein Reisepäuschen eingelegt und, wie Pfarrer Albertz empfahl, Blumen mitgebracht, zum Stammlager, wo man einst russische Kriegsgegner (zwischen 15.000 und 70.000 sollen es gewesen sein) folterte und schmählichst verhungern ließ. Auch die Senne habe ich besucht, so eine Heidelandschaft mit Bundeswehr-Manöverplätzen, von Paderborn aus hingewandert und man brachte mir den Spruch Pizza-Taxi-Karton im NATO-Stilbei "Gott erschuf in seinem Zorn - die Senne zwischen Bielefeld und Paderborn". Jetzt haben wir also erneut einen ShuDer letzte Cowboy kommt aus Güters high & lowt down, der vor allem diejenigen trifft, die nichts dafür können, und die Minister schlachten andere Sündenböcke am Fließband - Bulgaren, Rumänen, Angestellte der Fleischfabrik, deren Eigentümer jede Menge CDU-Spenden zahlte, weshalb man ihn in Frieden und "werkseigene" Tests durchführen ließ, deren Ergebnisse niemand zu sehen bekam. Angeblich alle gesund noch vorige Woche? Wie man sieht, sind weder Tests noch Apps eine Lösung. Die Lage ändert sich stündlich; warten wir mal ab, was nach einer downgeloggten Woche (die WHO empfahl erst gestern sechs!) passiert. Als erstes werden alle, die noch Geld und Beine zum In-die-Hand-nehmen haben, in die Ferien enteilen. Fragt sich nur, ob man sie am Zielort willkommen heißt oder ob die Hoteliers und Ferienhauseigentümer nicht über der sprüh-koelsch-werbeparodieNachrichtenlage die Gastfreundschaft ein bißchen vernachlässigen - so geschehen mit einem Ehepaar aus Gütersloh in Usedom (inzwischen, am Abend des 23.6., sinds 14 Urlauber), wo ich ein paarmal war. Die machen die Grenzen dicht - wer weiß, ob bald für ganz NRW? Wenn sie's nicht tun, breitet sich alles noch schneller noch weiter aus und d'r Loggdaun drouhd!

    Heute war's so weit und ich habe mir meinen neuen Perso abgeholt. Gestern ging es nicht, ich musste den Usedom hin und wegganzen Vormittag telefonieren, d. h. telefonieren eigentlich nicht, ich habe nur stumpfsinnig alle Viertelstunden eine Nummer gewählt uind hörte "LIEBER KUNDE! LEIDER HABEN WIR ZUR ZEIT EIN HOHES TELEFON-AUFKOMMEN. BITTE VERSUCHEN SIE ES ZU EINEM SPÄTEREN ZEITPUNKT." Haha, Kunde, als Kunde hätte ich längst die Firma gewechselt und mir einen benutzerfreundlicheren Anbieter gesucht.  Gegen Mittag, als die Endlosschleife des sog. "Bürgertelefons" des Bezirksamts Rodenkirchen endlich vom Netz genommen worden war, und sich tatsächlich ein Mensch am andern Ende meldete, erfuhr ich (neben anderen Nebengesprächen, die dringender waren als mein Anruf, da ging es um ein "Schadstoffmobil" - war ich zu spät dran, es sei schon Bratschluß, Ende der Amtszeit. Die geheime Nummer hatte mir bei der Antragstellung die Sachbearbeiterin augenzwinkernd-verschwörerisch hingeschoben, da dürfte ich anrufen, wenn ich noch am selben Tag kommen und abholen will. Na ja. bussard und elsterbussard putzt sichAlso heute. Und bingo, wieder musste ich mit der Security in Phantasie-Uniform kämpfen, die das Bürgeramt weiträumig umzäunt und besetzt hat. "Warten Sie dort", wurde ich angeherrscht, als der Truppenkommandant von meinem Begehr erfahren hatte. Usedom-Sandburg mit KaterNach einer Weile, während der ein nicht-bemundschutzter Jubelgreis speichelnd auf die Securitytypen einredete, forderte mich einer auf: "Geben Sie mir alten Personalausweis!" Dann begann ich erst richtig unruhig zu werden! Ich stand noch immer fünf Meter vor dem Gebäude, vor einer Absperrung, mit anderen Wartenden. Weg war der Typ, und weg war mein schöner Ausweis - keine Erklärung, keine Quittung, kein gar nichts. Was, wenn Kollege Schwarzjacke mein untadeliges, bis Oktober gültiges Personaldokument, das ich eigentlich nur Polizisten und meldebehördlich vereidigten Beamten aushändigen muss, meistbietend einreisewilligen Landsleuten verhökert? Eine Viertelstunde später tauchte er wieder auf, ohne Ausweis. Winkte mich zur Desinfektionsstelle und bellte "Schalter 2", das waren früher wohl Pförtnertheken, jetzt mit Plastikwänden versiegelte Sachbearbeiterstudios. Doch lag ein anderer scheckkartenförmiger Ausweis mit meinem Konterfei schon auf dem Konsölchen außerhalb der Spuckscheibe. Den hätte auBruecke in Wolgastch jeder, der sich reingedrängelt hätte, mal eben einstecken können. Seltsam, seltsam, ich dachte, den ziehen sie erst hervor, wenn sie mich mit dem Foto verglichen haben? (Ich hatte den Mundschutz anbehalten und blieb dabei.) Die Dame hinter dem Spuckschild fragte mich eindringlich, ob ich einen Brief der Bundesdruckerei mit der PIN-Nummer erhalten hätte (es stand ausdrücklich drin, ich soll den Brief nicht mitnehmen!), und ließ mich das Wegweiser in alle Welt von Usedom ausbestätigende JA auf einen Bildschirm ankreuzen und unterschreiben (meine neulich hinterlegte Signatur wird sie auf der anderen Seite verglichen haben), mit so einem Elektronikstift, wer mag den all schon angepackt haben, ich hatte MEINE Finger ja desinzifiert, aber auch meine Vorgänger an dieser Theke? Dann sollte ich ebenfalls durch so eine Bildschirmkrikelei bestätigen, dass alles korrekt ist auf meinem neuen Perso. Wie bitte? Da les ich, von meinem weit zurückliegenden Geburtsdatum abgesehen, lauter vielstellige Zahlen-Buchstaben-Kombinationen, von denen ich keine Ahnung habe - woher soll ich wissen ob die stimmen, wenn man mir nicht verrät, was die Codes bedeuten? Sind das Warnhinweise: "Kriegsdienstverweigerer", "potentiell gewalttätiger Polizistenhasser", oder "psychopathischer Lustmörder"? parodierte Master-CardOder führt dieser komische Scannercode zur beruhigenden Info: "Harmlos - kokst nicht, weil er seit der Erkältung von 1962 kein Nasenspray ausstehen kann, hat ein Bruttoeinkommen, das die  Werkhonorare osteuropäischer Schlachtereigehilfen weit unterbietet und wählte zuletzt 1998 eine radikale linke Gruppierung"? Am Ende hatte ich die unabdingbaren Unterschriften geleistet und sollte gehen. Was? Krieg ich nicht mal Durchschläge zum Abheften, was ich alles guten Glaubens mit meinem ehrlichen Namen besiegelt habe? Meine Güte, aus welchem Jahrhundert sind Sie denn... "Durchschlagpapier", ist das nicht dieses schwarze dünne Zeugs in sog. "Schreibmaschinen", gibt's doch nur noch in dem nachgebauten Großraumbüro im Freilichtmuseum Kommern... Stellen Sie sich nicht so an.... all das sagte die Sachbearbeiterin NICHT, denn ich kam nicht dazu, Fragen zu stellen (nur, ob sie meinen alten Ausweis nun hätte, nickte sie unwirsch ab), und ward hinauskomplimentiert, schnappte den Kreditkarten-Perso und riß mir, das Gebäude hinter mir lassend, endlich den Knebel vom Gesicht.


    Tags Tags : , , , , , ,
  • Commentaires

    1
    Mardi 23 Juin à 18:54

    Oups, da dachte ich doch, meine ID-Scheckkarte sei noch Jahrzehnte gültig und muss, nachdem deine Schilderung mich ins Grübeln brachte, feststellen, dass sie tatsächlich im November ausläuft. Da ich den Pass zur gleichen Zeit erneuert habe, ist der dann auch fällig. Du kannst auf deinem Karma-Konto verbuchen, dass du mich davor bewahrt hast, im Winter nicht mehr fliehen zu können, wenn hier die dritte Welle anrollt.

    2
    Mardi 23 Juin à 19:14

    Dann wünsch ich dir möglichst wenig Umstände beim Anleiern und Abholen!

    Suivre le flux RSS des commentaires


    Ajouter un commentaire

    Nom / Pseudo :

    E-mail (facultatif) :

    Site Web (facultatif) :

    Commentaire :