• Der Droste später Wechselbalg

    Merkwürdigerweise vergleichen ihn jetzt, wo er weg ist, alle mit Tucholsky, u. a. weil er - merkwürdige Begründung - "Sprache als Waffe" benutzt habe. Was hätten denn die mäßig zwerchfellanregenden Späßchen des Linksalterlunaticclowns W. D. mit Kurt Tucholsky gemein? Schon der Name "Wiglaf", bombastisch wie ein interessant machen wollendes Pseudonym, während jener sich mit Peter oder Theobald begnügte! Und ob die Wiege des Drosten nun in Bielefeld oder Herford stand, erscheint mir ebenso unerheblich wie seine Satireproduktion. Wohlgemerkt, nix gegen Comedy, auf Kleinkunstbühnen dargeboten oder hart an der Grenze im Radio, TV schalt' ich schon immer vorher nicht an, und meide sog. "Witzecken" (Humor in Uniform), an denen D. - bei reichlicher Fäkalmetaphorik - im linken Boulevardblättchen täglich seine Notdurft verrichtete. Pegida, AFD, "die" Nazis und ähnlich unscharf konturierte Phänomene (je riesiger die Zielscheibe, desto leichter trifft auch mal ein Fehlschütz das Schwarze) bekriegte er auch, aber die schärfste Munition verballerte er doch in Richtung der vergleichsweise arg- und harmlosen, auch vom Unbedarftesten leicht zu karikierenden Szenerie der Veganer, Lichterkettler und Friedensökos. Und ist deshalb auch immer mit diesem (seinem!) schelmischen "siehste"-Augenaufschlag von jenen facebook-geteilt worden, mit denen er  sich ungern am Kneipentisch gezeigt hätte. Wo, bitteschön, wäre ihm auch nur ein Gegner erstanden wie jene, gegen die Kurt Tucholsky angeschrieben hat? Und auf gedruckten Buchseiten zu lesen (was sag' ich, durchzusehen und wegzublättern), erscheinen mir die Thersitestiraden der Theatertriaden öde und vergessenswert. Falls das mit dem Tucholskyvergleich mit Drostes politischer Tiefrotfärbung begründet sein soll, verweise ich auf seinen phrasend komisch trauernden Freundeskreis, der sich jetzt von Welt kompakt über junge Welt und achgut bis Zeit und Tagesspiegel an versoffene Stunden mit der liebenswerten Mimose erinnert. Die Taz, die ihn dreimal rausgeworfen haben soll (u.a., weil er zum Weltfrauentag das Foto einer mit Banane verstopften Vagina veröffentlichte, weshalb ich ihn nicht so recht als Märtyrer der Meinungsfreiheit anbeten mag), sendet ihm gleich zwei Nachrufe hinterher. Einer schreibt gar, ihm habe "Orson Welles" die Hand gedrückt; stimmt schon, physiognomisch hat er den imitieren wollen, aber herausgekommen ist doch nur eine unglückliche Kreuzung von Reptiloid und Phacochoerus, argwöhnischem Glubschblick und vorwurfsvoll verkniffenem Tantenmun, mit der heiteren Grazie eines Jürgen von der Lippe und dem Wohllaut der Singstimme von Karl Dall. Ein posthum veröffentlichter (vielleicht wollte er das gar nicht?) Fragebogen enthüllt, dass er jeden, der nicht Piercing noch Tattoo sein eigen nennt und nicht "schwitzend schwatzen" will, gern in seiner Sauna willkommen hieß, wo Droste "Aufgüsse, die richtig prickeln", liebte. Gemeinsam (!) mit Kathrin Passig und Gerhard Henschel hat er Bob Dylans Blowin' in the Wind in Migrantensprech übersetzt ("Müsse pfeife in de Wind") und u. a. dafür den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe bekommen. Ob die First Lady ländlicher Lyrik an den Scherzen dieses späten Wechselbalgs Vergnügen gefunden hätte? Eher nicht, aber der Preis wird ohne ihr Zutun an Menschen vergeben, die mit der "Region" verbunden sind und irgendwas mit Kunst, Medien oder Literatur machen - solche sind dünn gesät im Land zwischen Ems und Lenne. Kurz, hier eine Grabschrift auf den "singenden Hammerhai" (Harry Rowohlt), den ich eher als "unwirschen Froschlurch" im Gedächtnis behalte:

    Gegen Phrasenschrott wie "Alles gut!"

    schrieb er'n Gedicht im letzten Spurt.

    Die ihn betrauern, hätten Tucho nachgebuht,

    drum meld' im Gegenteil ich "Alles gurrt!".


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