• Antisemitismus ist Weltkulturerbe

    Mein Neustart als waffenlieferungsbegeisterter Kriegstreiber ist noch etwas unbeholfen. Aber die alarmistische Stimmung habe ich schon. Z. B. gestern meldete die F. A. Z. "Wohnungen von Russen beschlagnahmt" und dachte, wir hätten wieder 1945 in Görlitz. Aber nein, es war genau andersrum, es fehlt nur der komplizierte Genitiv - jetzt beschlagnahmen sie Russen denen ihre Wohnungen oder vielmehr, Wohnungen sollen nicht künftig Russen beherbergen, sondern solche, die denen gehören, werden beschlagnahmt. In der Internet-Ausgabe der Zeitung haben sie es durch die Ortsangabe ein wenig modizfiziert, aber sehr viel eindeutiger ist das auch noch nicht, es könnten ja welche in München einmarschiert sein, vielleicht als fünfte Kolonne von der letzten Wehrkundetagung, an der sie noch teilnehmen durften, übriggebliebene... Aber die zeitgemäße "Fünfte Kolonne" ist ja nach Meinung des Grafen Lambsdorff auf dem Ostermarsch unterwegs. Wieso eigentlich fünfte? Wurde die durchnumeriert, als man die dritte Welt erfunden hat? es hätte doch heute sechste heißen müssen.

    Apropos, die neue "Dritte Welt" heißt auch nicht die Vierte, sondern "der Süden", und wie ich erfahren habe sollte dieser Süden unter indonesischer Intendanz in Kassel "in Dialog treten mit dem Norden", und deshalb wurden keine israelischen Künstler eingeladen, dafür aus Rumänien welche. Aber einig war man sich darin, dass das Böse in der Welt am besten durch einen haifischgezahnten Menschen mit blutunterlaufenen Augen und Mackie-Messer-Hut, auf dem SS steht, dargestellt werden kann, durch Schläfenlocken war auch klar, welcher Religion dieser Bösewicht anhängt. Aber ist das, was ihm links aus dem Haifischmaul herausragt, die Thorarolle? Oder eher ein zusammengerollter Dollarschein?  oder eine ordinäre Zigarre? Als ich noch der Friedensbewegung angehörte, wurde der Frieden immer durch Tauben symbolisiert und allenfalls mal durch eine Nonne, die mit dem Regenschirm auf eine Bombe drarufhaut. Mir erschien das unpassend, der Umgang mit Sprengstoffen  ist riskant, und erfordert eine gewisse Achtsamkeit. drauhauen ist keine Lösung, so war doch die Parole der Pazifisten. Aus denselben linksgesinnten Kreisen kam der Kapitalist, der noch immer Zigarre rauchte und - Zylinderhut trug, und dunkelgestreifte Hosen! Oft mit weißem Schnurrbart. Ich hab mal einen Herausgeber so einer Alternativzeitschrift gefragt, ob er wirklich glaubt, dass heutige Kapitalisten noch Zylinderhüte tragen? Andererseits, Dagobert Duck hat auch einen, und immerzu Dollarzeichen in den Augen, als könnte man nicht auch durch Rubel, Zloty oder D-Mark reich werden.

    Aber mal konkret, was ist denn aus dem alten Friedensspruch "lieber rot als tot" geworden? Von Rot kann bei Putin keine Rede mehr sein, müsste umformuliert werden um den Putinverstehern zu gefallen. Lieber äh... lieber russifiziert als bombardiert?

    Was die Documenta in Kassel betrifft, las ich jetzt, die Indonesischen Kollektive seien traurig, weil wir nicht einsehen wollten, dass das gar keine Minderheiten-Verunglimpfung sei, Soldat mit Schweinsgesicht und "Mossad" auf dem Helm usw. oder Schläfenlocken-Mackie Messer. Das sei nun mal in Indonesien die Bildsprache, um den Kapitalismus zu geißeln. Ich finde das falsch, ebenso wie das Schamdeckchen über dem Wimmelbild - hatte nicht dieser Papst, Nachfolger von Hadrian? im vatikanischen Museum nackte Antikenfiguren mit Feigenblättern versehen, und was macht Kassel? das Bild wird jetzt ganz abgebaut, hört man - wenn's nach mir geht, sollte man es in einer Art Tournee durch die europäischen Kulturhauptstädte schicken, schließlich ist der Antisemitismus eine der wenigen völkerverbindenden Geisteshaltungen - darin, wer schuld an all dem Unglück dieser Welt ist, sind sich am Ende die meisten einig, vom Fels zum Meer, vom Nord- bis zum Südpol, von Bagdad nach Stambul, sogar mit Putin und Lawrow, der kürzlich sogar Hitler als Juden bezeichnet hat. Und dass die UNESCO ihn noch nicht auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt hat, kann nur so verstanden werden: Antisemitismus lebt - und er riecht nicht mal komisch - er ist vitaler und kräftiger als, sagen wir, das deutsche Volkslied. Antisemitismus braucht nicht wiederbelebt, gesponsort oder geschützt zu werden, er ist so fest verwurzelt und so allgemein verbreitet, nicht mal ein Tag des Antisemitismus ist nötig, um sich für ihn einzusetzen. Dieser Schlager nutzt sich auch nicht ab, wie gewisse Wahlkampfparolen. Und er passt auch prima in die Zeitenwende: Gestern kam Lars Klingbeil mit einer Erklärung heraus, die sich verdächtig anhörte nach WIR SIND WIEDER WER, haben einen Anspruch die Führungsmacht zu sein und so. Im Zusammenhang mit Weltkrieg ist uns das schon zweimal nicht gut bekommen, zum Auftakt 1914 hat die SPD dem "Sondervermögen", das der Kaiser wollte, mit der gleichen Begeisterung zugestimmt... Willy Brandt hatte noch gekniet in Warschau, damit überhaupt einer mit uns redet im Ostblock. Und dann kam bekanntlich der Wandel durch Handel, und, was spätere SPD-Vorsitzende und Wichtigmenschen betrifft, Verbandel durch Handel. Andererseits hat Brandt auch diesen Nord-Süd-Dialog ins Werk gesetzt, mit dem Erfolg, dass die voraufgeklärten Zeiten durch Exotenkunst wiederauferstehen. Eigentlich sind sie ja verboten, aber - wir verschweigen und tarnen unsere einträglichen Waffenlieferungen ins Krisengebiet nicht mehr schamvoll, sondern setzen täglich aktualisierte Listen ins Internet. Was haben wir denn da... 23.000 Gefechtshelme... 15 Paletten Bekleidung.... 10 Tonnen AdBlue... aber auch 500 Stinger-Raketen, 16 Millionen Schuss Handwaffenmunition,  100.000 Handgranaten, 5300 Sprengladungen, Bumsti! Lustigerweise nennen sie es einleitend "deutsche letale und nicht-letale militärische Unterstützungsleistungen", klingt ja auch netter als Massentötungswerkzeug. Schließlich haben wir lange genug in der zweiten Reihe gestanden, Platz an der Sonne undsoweiter (und das von der Sozialdemokratie, auch kein Wunder nach Schröder, der noch jede Menge Zigarren und gestreifte Hosen verbrauchte) und zu diesem neuen Selbstbewusstsein passt ein gediegener, in der Wolle gefärbter Antisemitismus. Könnte man nicht auch eine Verlustliste dazusetzen, also wieviele Russenflugzeuge von der Haubitze getroffen werden? Hier ein Auszug aus Auf der Russenfährte, die Erzählung des alten Jagdgenossen von Dreckwitz: "Auf leisen Sohlen heranpirschend, hatten wir bereits die Vorposten getötet. Peng, fällt ein Schuß, peng, peng, zweiter, dritter! Und dann ging eine maßlose Knallerei los! Rumbums! spricht unsere Kanone; kladderadoms! die Handgranaten, die die albernen Russen aus den Fenstern zu schmeißen für gut befanden", so  Dreckwitz in der 14. Szene des II. Akts von Karl Kraus, die letzten Tage der Menschheit, - ich glaube, der Wohlklang der preußischen Kommandostimme des von Dreckwitz fehlt in der Lesung von Helmut Qualtinger.


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