• Barfen auf Godot

    ...Dann geht er von neuem auf und ab, bleibt plötzlich stehen, faltet die Hände vor der Brust, wirft den Kopf zurück und beginnt, aus voller Brust zu singen.

    WLADIMIR: Ein Hund kam in...
    Da er zu tief einsetzt, hört er auf, hustet und fängt von neuem etwas höher an zu singen.
    Ein Hund kam in die Küche
    und stahl dem Koch ein Ei.
    Da nahm der Koch den Löffel
    und schlug den Hund zu Brei.
    Da kamen die anderen Hunde
    und gruben ihm ein Grab...
    Er hört auf, denkt nach und beginnt von neuem.
    Da kanmen die anderen Hunde
    und gruben ihm ein Grab.
    Und setzten ihm ein'n Grabstein
    worauf geschrieben stand:
    Ein Hund kam in die Küche
    und stahl dem Koch ein Ei.
    Da nahm der Koch den Löffel
    und schlug den Hund zu Brei.
    Da kamen die anderen Hunde
    und gruben ihm ein Grab...
    Er hört auf, denkt nach und beginnt wieder.
    Da kamen die anderen Hunde
    und gruben ihm ein Grab...
    Er hört auf, denkt nach und singt dann, etwas leiser, weiter.
    Und gruben ihm ein Grab...
    Er schweigt, bleibt einen Augenblick stehen, ohne sich zu bewegen, geht dann wieder in fieberhafter Eile auf der Bühne hin und her und auf und ab.

    Leider habe ich keine Zeit, täglich hier anzudocken. Jeden Tag ein neues Wort einstellen, das wär was! Kürzlich lernte ich das Wort barfen v. t. kennen. Heißt soviel wie "Hunde biologisch füttern" und wird abgeleitet von BARF, einer Abkürzung für "Biologisch artgerechte Roh-Fütterung", der Köter kriegt frische Leber, Niere und/oder Schlachthofabfälle durch den Wolf gedreht, dazu gemahlene Knochen und gekochte Möhren und dafür kein Diabetes mehr, wie (angeblich) der Prachtkerl dank Schappi. Heute schon bedarft, äh, gebarft? Im Internet gibt es entsprechende Foren, wo man diskutiert, ob Barfen auch auf dem Jakobspilgerweg oder beim Campingurlaub geht, und dass es heute auch nicht mehr so ein Abenteuer ist wie vor 12 Jahren, an Schlachthofabfälle zu kommen.

    Neulich im Theater, wir beeilten uns, weiter zu warten - und nun raten Sie mal, wer nicht kam? Genau. Erst kamen wir zu spät los, weil die Küche noch aufgeräumt werden müsse ("wegen der Aura"), dann rasten wir zur Bahn, statt auf den Bus 133 zu warten, der auch pünktlich ohne uns losfuhr, der andere, 131er, tat desgleichen und von der Linie 12 weit und breit nichts zu sehen: Tödlicher Unfall auf dem Höninger Weg, Ecke Gottesweg, da war ein 50jähriger Radfahrer in der Schienenrille festgeklemmt und gegen die anfahrende Bahn geprallt. Gut, dass mir das nicht passiert ist! Wir nahmen notgedrungen das Auto zum Schauspielhaus, fanden sogar eine kaputte Parkuhr und abends kamen wir mit dem Wagen nur über Umwege, nicht über den Hönigerweg zurück, denn die Spusi war noch um 22.30 am Werk, die Unfallstelle zu sichern bzw. den -hergang zu klären.

    Schließlich machten wir kehrt, um Didi und Gogo nicht allzu lange warten zu lassen. Die Kölner Inszenierung hat gewaltige Emotionen ausgelöst. "Godot kommt nicht, auch nicht in Köln", stellte der Deutschlandfunk fest; "ergreifend bedrückend", schrieb eine Zuschauerin in den Blog der Bühnen der Stadt Köln. Das Bühnenbild sei eine "Metapher der Aufführung, die sich die Grube zum Stolpern selbst gräbt", frohlockte der Kritiker Andreas Wilink. Und doch: Mich mutet das Bühnengeschehen etwas seltsam an.
    Erstens: Dass ein großes Haus das macht, mit Kronleuchter und allem Klingklanggloria; früher war das ein Kammerspielstück für Studentenbühnen (ich hab es zuerst in einem alten Frachtkahn auf der Rhône gesehen, beim Theaterfestival in Avignon, dargestellt vom Ensemble "la péniche"). Zweitens, mir war einfach zu viel los auf der Bühne, da wurde ständig gemacht und getan, gerannt und gestikuliert und gefuchtelt, um die Langeweile totzuschlagen, die eigentlich das Hauptmerkmal einer zeitgenössischen Inszenierung des Antistücks sein könnte. Und warum nicht auch mal Langeweile, z. B. gegen die ständige Reizüberflutung "der" Medien an-inszenieren. Drittens, und das ist mein gewichtigster Einwand gegen die (sonst gelungene, verdienstvolle, darstellerisch brillante usw.) Aufführung: All die dick unterstrichenen Anspielungen zu KZ und Holocaust waren derart aufdringlich-einseitig, dass es schon wieder störte und wie ein allzu schlichter Schlüssel für's Ganze daherkam. Ich weiß oder habe gelesen, dass Beckett sich durch zwei Juden, die in der Vaucluse auf Papiere zur Weiterreise warteten, zu Wladimir und Estragon anregen ließ. Und es gibt Hinweise genug im Stück selbst: Gogo, der seine Hochzeitsreise nach Palästina machen wollte, "wir haben unsere Rechte verschleudert" und so weiter. Und Köln? Da wird aus dem Fingerzeig ein Ellbogenstemmen und das Ganze noch dicker aufgetragen, schließlich sind wir im Schauspielhaus. Da wühlen sie permanent in Bergen von Altklamotten, wie sie bei der Befreiung der KZs vorgefunden wurden, tragen selbst rutschige OP-Hemdchen, das Herr&Knecht-Nebenpaar Lucky & Pozzo glitter-farbene Zebrakostüme, pardon, Sträflingskleidung, SS-Peitsche darf auch nicht fehlen, fernes Grollen deutet die Artillerie der nahenden Ostfront an, und natürlich dürfen auch jede Menge gestischer Anspielungen nicht fehlen: Zu Beginn des zweiten Akts hebt Wladimir zu singen an, "da kamen alle Hunde und gruben ihm ein Grab", um sich gleich drei- bis viermal mit "piffpaff" in die ausgehobene Sterbegrube (wo er weich landet, unten liegen ja die Altklamotten, die immer wieder per Hydraulik nachgeliefert und hochgehievt werden) fallen zu lassen.
    Gleichzeitig übernahm man aber auch die Mahnung vom Altmeisters Beckett, wonach das Stück komisch zu verstehen sei. Ganz so zirzensisch, wie er es in seiner eigenen Inszenierung im Winter 1974/75 am Schillertheater in Berlin. Er habe das Theater "und besonders Godot leid und satt" schrieb er einem befreundeten Filmregisseur: „Tag um Tag diese Worte hören zu müssen ist zur Tortur geworden." 
    Da Beckett selbst Deutsch beherrschte, griff er damals an vielen Stellen in die Übersetzung von Elmar Tophoven ein, z. B. die Beschimpfungen der beiden Hauptprotagonisten: "Schurke! - Würstchen! - Saftsack! - Giftzwerg! - Rotzlöffel - Rindsknochen!" in "Streithammel! - Querulant! - Stinkstiefel! - Giftnickel! - Brechmittel! - Pestbeule!". Vielleicht hatte Beckett aufgdie Schnelle noch Recherchen in Kreuzberger Hinter- oder S-Bahnhöfen angestellt? Bei Wladimir gipfelte der Beschimpfungsduett in "Mistbiene!" (Tophoven). Beckett änderte in "Scheißkerl" und strich das wieder, um "Parasit" drüberzuschreiben. Diese ironisch-kabarettistische Manier wird auch in Köln genugsam herausgestrichen und begleitet die Holocaust-Grundstimmung: Suchscheinwerfer des Amüsementbetriebs im finsteren Sumpf der Geschichtsmelancholie. Irgendwie peinlich, unpassend, und damit meine ich nicht etwa political incorrect, ganz im Gegenteil, für die gegenwärtige Lage in Nachkriegseuropa total correct, immer mal etwas Holocaustmahnmal und dann wieder ein paar Takte comedy (statt irgendwelcher Musikeinlagen): Hach, wie sind wir doch locker & flexibel, wenn's um Moralismus und Bewältigungsvergangenheit geht. Die Auschwitzkeule als Jonglier-Diabolo.
    Okay, als ich das Stück zum ersten Mal las, reizte es mich zum Lachen. Meine Mitschüler, denen ich es auslieh, auch. Um den Witz zu verstehen, haben wir sogar die dreisprachige Version verglichen und nach weiteren Pointen abgeklopft. Wir haben uns beömmelt, wie man damals sagte, und konnten uns zu 100 % mit dem Stück ("...sie gebären rittlings über den Gräbern...") und der Deutung durch Theodor W. Adorno identifizieren. Das war wenig Jahre vor der Beckett-Inszenierung in Berlin. Wir lasen das Stück in der Schule, unter der Bank! wie man betonen muss, wie Comics oder Lassiter-Heftchen. Mein altsprachlich-humanistisches Gymnasium war so konservativ, dass man um Dramen, in denen Wörter wie "Mistbiene" oder "Saftsack" vorkommen, eher einen Bogen machte, von Schillers Räubern einmal abgesehen, der war ja Klassiker, da mochte das noch angehen. Ja, dieses Stück ohne Handlung, der brutalstmögliche Stillstand entsprach ganz unserer Weltwahrnehmung in der Vor-Punk-Ära. Das hatte natürlich auch was mit pubertärem Unerfülltsein zu tun. Uns gefielen ja auch Led Zeppelin und Yoko Ono. Wäre es durchgenommen worden, hätten wir uns lustlos damit herumgeödet. Wir eigneten uns den Stoff, der nie drangekommen wäre, in der Untersekunda an (später kam wohl Arno Schmidt und dergleichen auf), und meinen Lektüre-Empfehlungen folgte die Clique, deren intellektueller Stichwortgeber ich, der unsportliche, führerscheinlose und technologisch völlig unbedarfte Außenseiter, weiß der Teufel wie, damals geworden war.

    Das Buch liegt vor mir, ziemlich abgeliebt, aus der Reihe Suhrkamp Taschenbuch (von der ich damals mehreren Nummern gratis abgreifen konnte, das hing mit einem Rezensenten-Bücherschrank zusammen, in dem nur noch die Taschenbücher waren, Erstausgaben hatten schon andere abgegriffen), Bd. 1. Besonders amüsierte uns beispielsweie diese Passage, wir haben dies und anderes mehrmals in Gespräche eingeflochten:

    ESTRAGON mit todschwacher Stimme: Meine linke Lunge ist sehr schwach. Er hüstelt. Mit Donnerstimme. Aber meine rechte Lunge ist kerngesund!

    oder die hier:

    POZZO: Was habe ich bloß mit meiner Bruyère gemacht?
    ESTRAGON: Ist ja toll! Er hat seinen Rotzkocher verloren! Er lacht schallend.
    WLADIMIR: Ich komme gleich wieder! Er geht auf die Kulisse zu.
    ESTRAGON: Am Ende des Ganges links.
    WLADIMIR: Halt mir den Platz frei. Ab.

    Darauf hieß die Pfeife, die ich damals zu rauchen pflegte, auf ewig so, aber auch der übrige Dialog wurde stehende Redewendung. - Der Übersetzer des Stücks und anderer Werke Becketts, Elmar Tophoven (1923-1989), stammte übrigens aus Straelen am Niederrhein, wo er eine ererbte Hofanlage besaß, die er mit Büchern und Nachschlagewerken und Kollegen füllte und die dann mit Landesmitteln per Stiftung zum Europäischen Übersetzer-Kolleg ausgebaut wurde. Ich war verschiedentlich dort zu Gast (auf den rotwein- und schokoladeintensiven Seminaren des VdÜ) und habe mich sehr wohl gefühlt. Das Tolle, dort kann man - als Übersetzer - auf Anmeldung zeitweise wohnen (gegen geringfügiges Entgelt für den Verbrauch von Strom, Wasser und Kaffee) und vor allem arbeiten, wenn zuhause Kindergeschrei oder der genervte Hausmann (literarisches Übersetzen ist ein Frauenberuf) stören oder eine Baugrube vor dem Fenster zum Arbeitszimmer lärmt. Die Übersetzer leben in den Zimmern der Bibliothek, ich war z.B. in der russischen Abteilung untergebracht. Natürlich klopfen bisweilen Kollegen, die den einen oder anderen Band benötigen. Inzwischen ist aber auch dort der Computer eingezogen; die allgemein zugänglichen internetfähigen Laptops summen und glühen in der Nacht in dem schönen Innenhof, wo man notfalls die ganze Nacht surfen kann. In einer vergleichsweise kleinen Küche kommt man zu den Mahlzeiten, die hier meist individuell genommen werden, mit Kollegen zusammen, vielen Ausländern, die hier stipendienhalber wohnen, um den einen oder anderen deutschen Autor in die jeweilige Landessprache zu übertragen.

    Vom Barfen der Hunde zur ökologisch korrekten Humanoid-Ernährung: Vorgestern verlas eine Sprecherin im Rundfunk die Schlagzeile "Ehekrise führt zu Kompetenzstreitigkeiten bei der Lebensmittel-Kontrolle." Originalzitat! Wörtlich wiedergegeben!


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  • Commentaires

    1
    hdor Profil de hdor
    Vendredi 10 Juin 2011 à 20:16

    Wie heißt denn Ein Hund kam in die Küche ... auf Englisch ?

    ich habe das Buch, das in einem Raum in meinem Mädchen-Gymnasium Sankt Ursula lag, mit elf oder zwölf entdeckt, mitgehen lassen und leider nie im Unterricht gelesen . Wo es jetzt steckt?  No lo so!

    Aber Beckett hat meinen Kindern mit "oh les beaux jours" ein Frösteln eingejagt ...

    Sacré Beckett!  Normalement , ils n'ont pas froid aux yeux ...

    2
    Petit Larousse Profil de Petit Larousse
    Vendredi 10 Juin 2011 à 20:25

    A dog came in the kitchen / And stole a crust of bread. / Then cook up with a ladle / And beat him till he was dead. / Then all the dogs came running / And dug the dog a tomb / And wrote upon the tombstone / For the eyes of dogs to come...

    Un chien vint dans l'office / Et pris une andouillette. / Alors à coups de louche / Le chef le mit en miettes. / Les autres chiens ce voyant / Vite vite l'ensevelirent / Au pied d'une croix en bois blanc / Ou le passant pouvait lire:... 

    3
    Samedi 11 Juin 2011 à 23:15

    Hunde haben es schon gut, bekommen Grabsteine, Holzkreuze und biologisches Futter. Wogegen die Katze, die mich besucht, den gleichen Müll bekommt, den ich auch esse. Sie scheint es zu mögen, hat sich im Laufe von zwei Tagen die halbe Dose Sprühsahne reingezogen.

    4
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Dimanche 12 Juin 2011 à 11:02

    @ St. Hildegard: WELCHES Buch hast du St. Ursula geklaut? Warten auf Godot? Ist das nicht eine unchristliche Lektüre? Gut, dass du es den jungen Seelen entzogen hast.

    5
    hdor Profil de hdor
    Dimanche 12 Juin 2011 à 12:37

    auf dem damaligen Programm standen u.a. : Faust 1 und 2, 

    Homo faber , The Merchant of Venice, Les mouches,

    und  Küng und  Ludwig Feuerbach im Religionsunterricht , héhé 

    6
    Jasomirgottseibeiuns
    Dimanche 12 Juin 2011 à 17:52

    Ludwig Feuerbach in "Religions"-Unterricht? Da soll doch der Hl. David Strauss dreinschlagen!

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