• Vom Irsee des Lebens

    Nach verrenoviertem Herbst und umgezogener Vorweihnachtszeit wollten wir wenigstens einen Kurztrip lang Abstand gewinnen und verbrachten die ersten paar Januartage noch mal im Allgäu - genauer, in Oberschwaben und zwar in einem Kloster, wo ich - mit 18 Schriftstellerkollegen aus 91 Kandidaten auserwählt, alle mussten schon mal etwas veröffentlicht haben - an einem Autorentreffen teilnahm. Kloster Irsee von obenDas Tagungskloster ("schwäbisches Bildungs- und Begegnungszentrum") liegt in Irsee, 7 km von Kaufbeuren entfernt, dem Geburtsort der ersten deutschen Romanautorin, Sophie von La Roche, des Lyrikers Hans Magnus Enzensberger (seine beiden Neuerscheinungen, ein "weißes Album" über Sprachmaterial, und ein Buch über seine gesammelten Flops, liegen gerade als Weihnachtsgabe eines guten Freundes vor mir im Regal und werden ab und zu beblättert) und des Gewerkschafters und Ministers Walter Riester. Diesem Städtchen hatten wir wir schon im Sommer einen Besuch abgestattet; nun ließen wir uns per Bus nach Irsee weitertransportieren und verbrachten drei schöne Tage mit Tai Chi Qui Gong bzw. insgesamt achtzehn gut 20-30minütigen Literaturdiskussionen.Klostergarten in Irsee Es ist natürlich längst keine Benediktinerklause mehr, sondern - nach einer hundertzwanzigjährigen Zwischennutzung 1849-1972 als Irrenanstalt, auch mit Euthanasie in der NS-Zeit und entsprechender Gedenkstätte - heute ein schickes Hotel mit Rokoko-Ambiente; wir wohnten in gewölbeähnlichen Riesen-Doppelzimmern, aber wenig gemütlich (die Heizung wummerte im Erdgeschoss). Das Haus kann aber mit gutem Catering, einer Sauna, einer Kirche in unmittelbarer Nachbarschaft und einem "Komödienhaus" auftrumpfen, dem ältesten dieser Art in Bayern, wo die Klosterbrüder wohl wie in Ottobeuren mit Schülern fromme lateinische Dramen aufführten.Barocke Kloster-Deko
    Bei unseren Werkstattgesprächen musste der jeweilige Autor, während die lieben Kollegen seinen Text zerfaserten (dieser durfte nicht länger als 15 min lang sein), den Mund halten und durfte nur ein Schlusswort sprechen - die meisten bedankten sich überschwänglich und ließen sich keine Verärgerung über kritische Kommentare oder Fehldeutungen anmerken. Ich las etwas ohne Handlung, Sinn und Struktur vor, was nun wirklich niemandem gefallen konnte und wofür ich sogar noch am letzten Tag merkwürdig heftig angegriffen wurde; ein Text, dem einer der beiden Moderatoren (die ihre Sache sehr gut machen) seine Standardbemerkung für solche Fälle widmete: "Dieser Text geht ein Risiko ein... fordert uns etwas ab... nimmt keine falsche Rücksicht auf den Leser" usw., usf. Natürlich war damit kein Blumentopf zu gewinnen, das wusste ich gleich. Die Punkte wurden durch die Teilnehmer anonym vergeben, nur den Sonderpreis bestimmt die einladende Jury. Den Hauptpreis erhielt ein erotisch aufgeladener Text in (weiblicher) Ichform, bisschen sadomasojelinesk, doch blond und appetitlich vorgetragen;Konzert im Kapitelsaal Nebenpreise erhielten der Autor - im Hauptberuf Informatiker - eines packenden Antikriegstextes mit Afghanistantrauma und ein Lyriker, der sich kaum oder gar nicht an den Diskussionen beteiligt und somit niemandem auf die Füße getreten hatte. Schließlich gab es noch den Sonderpreis für jemanden, der englische und alemannische Brocken in die gesellschaftskritische Litanei einstreute ("Verbundenheit mit dem schwäbisch-alemannischen Raum" wird bei Auswahl der Einsendungen berücksichtigt) und in den letzten Zeilen gar noch jodelte (wörtlich aus dem Manuskript: "holdjo-di-rü / holdjo-a-ho", und das dreimal). Die Verleihung der Jodeldiplome wurde daher zu einem auch musikalischen Erlebnis, zumal ein tapferes Schülerorchester im illuminierten sog. Kapitelsaal vor schwindendem Tageslicht aufspielte (das Wort "Winterpalais" ging mir durch den Kopf): Streicher, haut bois, Querflöte und Cembalo.
    Bei all diesen Aktivitäten haben wir natürlich nicht viel von der Umgebung gesehen. Am letzten Abend nahmen wir - als einzige, die meisten waren abgereist - ab 20.00 Uhr die Sauna in Anspruch, und weil man zum Luftschöpfen in den Klostergarten hinausgehen konnte, Ausmalung der KlosterkircheKanzelschiffkühlten wir uns statt im Swimmingpool, den es nicht gab und der wohl auch, gäbe es ihn, allenfalls blockartig gefrorenes Wasser bieten würde, vor Gebrauch der Schwalldusche mit rieselndem Schnee ab. Zweitens besichtigten wir in einer Mittagspause die Klosterkirche mit ihrer tollen, wie ein Schiff geformten Kanzel - sie wird im Zusammenhang mit dem Ortsnamen "Ir(r)see" interpretiert, über den das Schiff des Glaubens führen soll - und mit Malereien, die Szenen aus dem Leben des Ordensheiligen darstellen. - Und schließlich nahmen wir einen sehr frühen Zug zurück, damit wir beim Umsteigen in Augsburg ein paar Stunden für eine kleine Stadtbesichtigung einplanen konnten. Ich war einst als Liedermacher hier gewesen, hatte aber gar keine Zeit gefunden, mir Augsburg näher anzusehen; außerdem habe ich mal jemanden historisch und orthographisch beraten, der 1985 ein "Augsburg-Spiel" zur 2000-Jahr-Feier herausgegeben hat.
    Als wir allerdings den sicheren Bahnsteig verließen und auf den Bahnhofsvorplatz kamen, konnten wir nur noch ganz, ganz vorsichtig auftreten, denn Regen plus Gefriertemperatur hatten sämtliche Bürgersteige mit einer transparenten und glasharten Eisfläche überzogen! Wie gut, dass wir diese Reise nicht mit dem Bus oder gar dem eigenen PKW machten, denn abends erfuhren wir aus den Nachrichten von den querstehenden LKWs und schrecklichen Unfällen auf der A 8 bei Augsburg.Straße in Augsburg Wir bewegten uns entsprechend vorsichtig zum Königsplatz und zum Rathaus, wo wir den Goldenen Saal besichtigten, eine prächtige Party-Location aus der Spätrenaissance, deren Besuch schon 2 € Eintritt kostet, ohne dass man dafür auch nur mal die Toilette benutzen dürfte ("Wir haben einen Schlüssel, dürfen ihn aber laut Ratsbeschluss von voriger Woche nicht hergeben, weil es Vandalismus gegeben hat...").Goldene Kammer in Augsburg Dabei soll sich vor den WCs auch der Defibrillator befinden, rückt ihr den Schlüssel denn heraus, wenn einer den Herzklabaster kriegt und man schon durch das Lesen der Gebrauchsanweisung wertvolle Sekunden verliert? Aber die hier ansässigen Fugger und Patrizier, die sich gewiss manchen Festtrunk eingeschenkt haben, durften vermutlich zwischendurch auch mal austreten, schon, um desto feierlicher wieder hereinschreiten zu können. Sie ließen in diesem Saal vor allem ihre Regierung verherrlichen: von Weisheit und Mäßigung wollten sie sich leiten lassen, der Gerechtigkeit und dem Gottvertrauen huldigen, alles personifiziert durch allegorische Gestalten, die in den Malereien auf der Kastendecke dagestellt sind bona fide in der Goldenen Kammer(die leider etwas verwackelte "bona fide" scheint einen Vasen- und Tuchhandel zu betreiben, während die Mäßigung eher an eine Gastwirtsfrau erinnert). Säulenheiliger im RatssaalDanach stellt sich die gute Regierung von Augsburg als eine Art Rosenmontagszug dar. Auf dem Triumphwagen, den Kleriker in bunter Tracht ziehen müssen, residiert die Weisheit, von lauter gelehrten und mächtigen Männern umzingelt, sieht man von drei Damen ab. Wird sie als Beute abgeschleppt? allegorische Regierung von AugsburgÜbrigens werden in Augsburg sämtliche Pöstchen zweimal besetzt, nicht geschlechter-paritätisch, sondern jeweils durch evangelische und katholische Kandidaten (eine der Moderatorinnen bei dem Schriftstellertreffen war bis vor kurzem Kultur-Bürgermeisterin in Augsburg gewesen und hatte vielleicht auch einen andersbekennenden Sidekick). Wonach allerdings der Schalksnarr mit dem umgedrehten Nürnberger Trichter auf dem Kopf in den drei Beuteln unter der Gürtellinie sucht (Kleingeld für die zwei Klofrauen, je ev. und kath.?), weiß ich nicht.
    Der Augsburger Bertolt Brecht hat übrigens vor dem Drama Der kaukasische Kreidekreis bereits die Erzählung vom Augsburger Kreidekreis geschrieben und die entscheidende Gerichtsverhandlung hier im Goldenen Saal angesiedelt. Natürlich führte unser Rundgang auch zu Brecht, aber zuerst in die evangelische Barfüßerkirche, wo gerade eine Dreikönigsveranstaltung zu Ende ging und eine Dame kleine Lebkuchen in Form der (gotischen) Kirchensilhouette verteilte. Wir wurden ermuntert, ruhig mehr zu nehmen, sie hätte viel zu viel davon...Geburtshaus von Bert BrechtBrecht vor seinem Haus das diente dann später als Reiseproviant. Auch zum Gemeindekaffee wurden wir eingeladen, was wir aber mit Rücksicht auf das schmale Zeitbudget ausschlagen mussten. Es wäre bestimmt interessant gewesen, sich als Kölner einmal von Augsburger Protestanten die Konfession erklären zu lassen! Hier wurde der junge Knabe (damals noch mit h und d unterzeichnende) "Berthold" also konfimiert und hat wohl auch die Bibel so ernst genommen, dass er später seine Taschenpostille in einer Sonderausgabe auf Bibeldünndruckpapier, mit Versnumerierung im rot-schwarz-Druck veröffentlichte. - In seiner frühen Lyrik ist oft vom schwarzen Wasser die Rede, und tatsächlich ist der Lech-Kanal neben dem Geburtshaus von Bertolt Brecht ein Anblick, bei dem einem schwindlig werden kann: so schnell gleiten die Wellen dahin und so schwarz ist das Wasser. Kanal auf dem RainDas Haus war 1960 mit einer Gedenktafel versehen worden (immerhin zu einer Zeit, als das Inszenieren seiner Stücke oder ihre Thematisierung im Deutschunterricht im Westen noch verpönt bis verboten war); später wurde ein kleines Museum draus. Angeblich haben in dem winzigen Gebäude noch zwei weitere Familien gewohnt! 2006 hat die Stadt an vier brecht-bedeutsamen Orten rote lebensgroße Blechsilhouetten aufgestellt, auch hier. Es werden zwar nicht übermäßig viele Exponate gezeigt - vorwiegend Bücher - , aber dafür sehr originelle, so z. B. die neusachliche Vase aus dem Laden von Bona Fide Nachf., die der Jungdichter seiner Verlobten Paula "Bi" Banholzer verehrt hat (ihr Vater war gegen die Heirat; der gemeinsame Sohn kam unehelich zur Welt). Auch ein Ofen steht im Erdgeschoss, den Brecht in einem Exilgedicht unter dem Titel Zeit meines Reichtums geschildert hat, wegen des Bildmotivs: "Sieben Wochen meines Lebens war ich reich... Mächtige eiserne Öfen von zierlichster Gestalt trugen getriebene Bildnisse: arbeitende Bauern." Er hatte sich für die Tantiemen der Dreigroschenoper (viele, viele Groschen!) ein Landhaus kaufen können, das Brechts Geschenk an Bi Banholzernach seiner Flucht aus dem Hitlerreich im Frühjahr 1933 an Marianne Zoff fiel, Brechts erste Ehefrau und später die von Theo Lingen. Nachbesitzer dieses Hauses haben die Schmuckstücke dann wohl verkauft oder dem Museum angeboten. Die Öfen in dem Nebenraum zum Goldenen Saal des Rathauses (dem "kleinen Goldenen Saal") sind übrigens nicht aus Gußeisen, auch wenn sie so aussehen, sondern, wie es heißt, bemalte Keramik, vielleicht sogar deshalb teurer als popeliges Gußeisen?
    Nach unserer ausführlichen Besichtigung des Brechthauses schrieben wir noch ins Gästebuch und wandten uns sodann dem Dom Unserer Lieben Frau zu, der allerdings keine "Klappbänke" aufweist wie St. Anna, eine andere Augsburger Kirche, wo man auf der einen Seite dem katholischen, andersrum dem evangelischen Altar zugewandt sitzen kann. Im Dom gefiel mir besonders die Krippe, die sehr expressive Figuren zeigt, darunter einen Engel, der mit einer langen Kette vom Himmelsdach herunterhängt, sowie Ochs und Esel, die wohl aus Platzgründen nur mit dem Kopf aus einem Loch zugucken können, Domkrippe zu Augsburgwährend die Hirten hinter einem Gatter sackdudeln. Lange blieben wir nicht im Dom; aber mir ist noch die Heißluft in angenehmer Erinnerung, die durch die Lüftungsroste blies. Auch sehr schöne alte Kirchenfenster sind im Dom zu bewundern. Leider verpassten wir die Basilika St. Ulrich und Afra, die Märtyrerin Afra gilt seit alters her als Schutzheilige der gewerblichen Liebe, und auch den Dr. Luther berücksichtigten wir nicht genug und warfen nur im Vorbeigehen einen Blick auf das Haus, wo der Reformator gewohnt hat, als er 1518 durch den päpstlichen Gesandten Cajetan verhört werden sollte, seine Thesen nicht widerrief und fliehen musste (1530, als die Augsburger Confession geschrieben wurde, ließ er sich von Phillip Melanchthon vertreten). 
    Damit komme ich auf unser Literatentreffen zurück. Ich weiß nicht, ob Brecht je ein Gedicht ganz ohne Sinn, Ziel und Inhalt geschrieben hat oder das jemals wollte (das frühe Gedicht "Als ich im Finstern war, und das Licht kam nicht zu mir, schrie ich laut..." scheint mir am ehesten dem zu entsprechen). Ich kann nur sagen, dass es für mich ein merkwürdig triumphales Gefühl war, einen Text zu verfassen, der nichts erzählen, nichts bedeuten will (ein wenig wie die Abstrakten, deren Bilder nichts mehr zeigen wollen), in dem nicht einmal klar ist, wer spricht (und worüber; allerdings lässt das verwendete Sprachmaterial die Deutung zu, dass es sich um ein Coaching-Programm in der Arbeitsagentur oder im Sozialarbeitermilieu handeltOfen im Augsburger Brecht-Haus - deshalb wurde ich auch angegriffen, man mutmaßte, ich hätte was gegen Sozialarbeit, und der Anteil sozialarbeiterisch oder psychiatrisch oder bei der Betreuung von traumatisierten Soldaten tätigen Autoren war merkwürdig hoch). Ein Kriterium, ob ein Text gelungen ist, mag darin bestehen, ob man sich noch nach ein paar Tagen an ihn erinnert, und da fällt mir eine Zeile aus dem Zyklus des Lyriker-Nebenpreisträgers ein. Da geht es u. a. darum, dass das "lyrische Ich" morgens in ein Möbelhaus geht, um "frühzustücken", weil es dort billiger sei (im ersten Gedicht des Zyklusses mit dem Titel die liebe, der tod & und die mäuse heißt es "die Mäuse laufen immer vor mir weg"). Daran musste ich am Tag nach unserer Rückkehr denken, als wir durch mehrere Möbelhäuser der Umgebung von Köln streunten, auf der Suche Porta-Warnschildnach allem Möglichen, und erst abends fündig wurden - in Gestalt von Modulen eines projektierten Schreibtischs, für den wir eine Platte, aber keine Füße und keine Schubladenelemente besitzen. Um "frühzustücken" gehen alle möglichen Leute morgens ins Möbelhaus, und alle einschlägigen Möbelhäuser waren trotz des Werktags auch zur Mittagszeit noch brechend voll. In einer Bornheimer Porta-Filiale ist allerdings das Selbstbedienungsrestaurant unmittelbar neben den Kulissenküchen und den Wohnzimmereinrichtungen gelegen, und wer keinen Platz findet, wird logischerweise das Tablett ein paar Schritte weiter in den non-food-Bereich tragen und das ausgewählte Menü im vornehmen Mobiliar zu sich nehmen, in einem Ambiente, wo man "speisen" oder "tafeln" sagt, nicht bloß essen: "Zeit meines geborgten Reichtums", sozusagen. Leider ist auch die Geschäftsleitung schon auf diesen Trend ihrer Kundschaft aufmerksam geworden und versucht, mit entsprechenden Mahnhinweisen gegenzusteuern...


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  • Commentaires

    1
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Mardi 11 Janvier 2011 à 23:35

    Tolle Fotos!!

    2
    hdorn
    Mercredi 12 Janvier 2011 à 09:22

    dein Artikel hâlt mich mal wieder von der Arbeit ab, und ich stelle mir die Frage, ob ich auch blonde und appetitliche Literatur mag, lese ... ich lese eigentlich alles, habe  - ach - nur leider wenig Zeit und bleibe dann bei Donna Leons Bruschetti hängen

    Der Augsburger Kreidekreis ist eine gute Idee für meine AbiBac-Schüler, werde ich vormerken und für sie bearbeiten.

    danke für die detailgeschmückte Erzâhlung eures Aufenthaltes!

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