• Unterm Pflaster der Strand, hinterm Loch die Endstation

    Die neue 17 kommt angefahrenHurra, ich kann jetzt mit der Bahn fast bis vor das Loch fahren, in dem Bauknechte und -herren, durchwinkende Genehmbeamte und größenwahnsinnige Verkehrsplaner ein nahezu tausendjähriges Stadtarchiv versenkt haben. Angeblich ist fast gar nichts passiert, 70 % des Archivgutes sei geborgen, allerdings "für immer unbenutzbar", kurz, Fasern im Schlamm. Und die U-Bahn-Bauten haben ja massenhaft neue Funde mit sich gebracht, Protestplakat gegen die Eröffung der UbahnAltertümchen, Römerscherben, Öllichter und so weiter, und so weiter. - Aber egal, die sogenannte "Nord-Süd-Trasse" mußte her, weil sei den Weg vom Zentrum in die Südstadt fünf Minuten verkürzt hätte. Jetzt wurde die Strecke mit viel Träterä und Hembahemba eröffnet, jammertönende Jungmannenbands kölschten über die Bühne, Tausende von straßenbahnwaggonförmigen Glitzerballons wurde ausgegeben, und auf den sage und schreibe vier neuen Stationen der neuen Linie 17 durften die Stadtbewohner einen Tag umsonst fahren - dafür lohnt es sich doch, die ollen Dokumente und Urkunden der kontinentüberspannenden, völkerverbindenden Hanse in die Tonne zu kloppen!Auffallenderweise nimmt die ästhetische Gestaltung der U-Bahn-Stationen zum Archivloch hin spürbar ab, die Rolltreppen gehen nur eingleisig, die Treppe wendelt drum herum und einmal unten, fühlt man sich in der Betonversion eines Nürnberger Trichters angekommen, allerdings am falschen Ende. An der Aufenhaltsfläche hat man wohl gespart, bin gespannt, wann hier die erste Oma vom Bahnsteig ins Gleis fällt! Aber laut Ermittlungen unseres Zeitungsmonopolisten sterben Senioren ja andauernd, weil die KVB-Fahrer vorschnell bremsen und ruckig anfahren, und voraussetzen,Hüpfburg auf der Severinstraße jeder Fahrgast ("Insasse" wäre angesichts der Irrenanstaltscharakters unserer Verkehrsbetriebe der bessere Ausdruck) würde sich mit zwei Händen festhalten. Dafür gibt es nicht mal Haltegriffe genug ("das ist kein Haltegriff in der U-Bahn", sagt Marlon Brando, wer weiß noch, in welchem Film und was gemeint ist?). Und wer den Krückstock vulgo Rollator mit der einen, den zu entwertenden Fahrschein in der anderen Hand hält, hat (Kraken ausgenommen) keine dritte und vierte, um sich festen Halt zu verschaffen. - Band beim Straßenfest SeverinsstraßeDafür soll am Chlodwigplatz jede Menge bestellte Graffito-Kunst am Bau zu sehen sein. Das haben wir uns aber gespart beim Bummel durch das "KVB-Bürgerfest" in der Severinstraße, da kommen wir noch ein andermal hin. Für Kioske, Copyshops, Nagelstudios und Tattoo-Brennereien, welche die seit Beginn des U-Bahn-Baus pleite gegangenen Traditionsgeschäfte zunehmend ersetzt haben, war das ein verkaufsoffener Sonntag. Als erstes sahen wir eine busförmige Hüpfburg mit Rüttelfunktion, in der Kinder schon Hüpfburg mit Comicfahrermal üben konnten, wie sie als Renter im Nahverkehr bremsbedingte erdbebenähnliche Schwankungen überstehen. An Kinder, die das schwindelfrei aushalten konnten, wurden zum Lohn Heliumballons ausgegeben, die zu Dutzenden aufflogen und jetzt vermutlich als verschrumpelte Alu-Plastik-Masse in den Straßen und auf den Wiesen der Grünanlagen liegen oder die Rinnsteine verstopfen. Nett war natürlich, wie mit großzügigen Anzeigetafeln und Informationsschildern Ubahnstation Severinstraße - gewöhnungsbedürftignolens volens immer wieder darauf hingewiesen wird, dass es wirklich nicht mehr als vier Stationen sind, zwar geht die neue Linie 17 dann noch drei Stationen bis Rodenkirchen weiter, aber das tut die 16 schon lange und zwar vom Chlodwigplatz aus ebenerdig, und wenn ich jetzt - sagen wir - von Rodenkirchen nach Höhenhaus will, kann ich zwischen zwei Stationen zum Umsteigen wählen. Denn diese Linie endet in einem Sackbahnhof, nicht mal eine Sackgasse ist das zu nennen. Beim Archivloch ist natürlich Schluß,Severinskirche und Luftballon ursprünglich sollte das zum Heumarkt weitergehen, wo die Busse, die hier sonst verkehren, zu Stoßzeiten tatsächlich immer viel zu  lange brauchen, bis sie mit der Zeitlupen-Blechlawine des Individualverkehrs das rettende Ufer der Haltestelle "Heumarkt" erreichen. Und bis zur Marktstraße fährt nichts, da ist die Haltestelle noch immer verwaist und man hat sogar die Anzeigentafeln abgebaut (obwohl ich vorgeschlagen hatte, hier statt dem stumpfsinnigen Außer Betrieb einen Countdown anzubringen: Bahn kommt in 2.459.654.921.195.203 Minuten)! Geplant ist hier bis 2023  eine Straßenbahnlinie, die an der Marktstraße aus dem Tunnel herauskommt und über die Bonnerstraße bis zum Autobahnverteiler fährt. Dort sollen motorisierte Köln-Besucher ihren fahrbaren Untersatz stehenlassen und mit dieser Bahn, wenn das Archivloch endlich mal vertunnelt ist (bzw. die jetzt dort vorhandenen gerichtsverordneten Baustellen zu verwertbaren Beweisen geführt haben) in die Einkaufsparadiese der Innenstadt düsen. Und natürlich dürfen die Rodenkirchener dasselbe tun auf der anderen Abzweigung, Unterm Pflaster der Strand, hinterm Loch die EndstationUnterm Pflaster der Strand, hinterm Loch die Endstationdie jetzt fertig ist. Aber die hatten wohl Recht mit ihrer Skepsis gegen die Eingemeindung, noch heute werden die gelben Ortsschilder "Köln" von Lokalpatrioten mit Freie-Stadt-Rodenkirchen-Schriftzug überklebt. Dafür müssen allerdings noch etliche Dutzend Bäume gefällt, die Bonnerstraße komplett neu gepflastert, in die künftige Fahrspur hineinragende Häuser abgerissen und ein Tennisplatz am Grüngürtel beseitigt werden (wo dann das Park & Ride-Parkhaus stehen soll), denn die Straßenbahn in der Mitte drängt die Autos zur Seite, die nur noch einspurig zur Autobahn kommen, was mit Sicherheit zu neuen Nadelöhr-Stauungen führen wird. Kurz, viel Baustellenkultur wird uns die nächsten Jahrzehnte hier begleiten, mal sehen, was noch versenkt oder, wer weiß, zu Tage gebracht wird!


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