• Türchen dreizehn

    Am Barbarossaplatz hat der erste vegane Supermarkt eröffnet. Also nicht mal in der Südstadt oder im Studentenviertel, sondern an einem Umsteige-Verkehrsknotenpunkt unweit der Innenstadt, mitten im Büroviertel. Betritt ein Carnivore den Laden nach Feierabend mit Aktentasche, Gürtel am Hosenbund oder Halblederschuhen, dann hebt die Verkäuferin (sie hat Plastiktreter aus chinesischen Folterkindergärten oder Elfenstiefel aus Bast und Orchideenblättern an den Schweißmauken) schon die Brauen. Andererseits ist es der einzige Laden, wo man laktosefreie Adventskalender kaufen kann! Jetzt erheben sich schon kritische Fragen: Hä? Laktosefrei ist doch praktisch jeder Kalender, der vorliegende auch? Schon recht, aber richtige, dreidimensionale, hinterrücks mit Süßkram gefüllte sind gemeint, die Füllung kann Spuren von Schokolade, Nüssen, Mandeln, Sesam, und leider auch von Milch enthalten. Eine englische Firma schafft Abhilfe, aber die einzigen zwei Modelle, die sie anbietet, zeigen vorn einen knubbelnasigen Weihnachtsmann, der wahlweise Martinsgänse peta-mäßig aus dem Stall befreit (nicht der Fuchs, sondern eine Art Dachs hält die martialische Metallschere gegen die vorhängschlossbewehrte Kette) oder seinen Rentieren unterm Weihnachtsbaum vorliest, vermutlich zwei Abschnitte aus dem vierten Buch von Döblins Berlin Alexanderplatz über den Berliner Schlachthof. Macht man, wie es sich gehört, eine nach der andern die 24 Türen auf, so findet sich dahinter keineswegs Schokolade aus laktosefreier Milch, sondern je ein quadratisches, aus Sojaextrakt mit Chemie zusammengepapptes Icon, dessen allmorgendliche Errätselung ein bisschen wie Bleigießen zu Sylvester ist...

    Türchen dreizehn

    Neulich war's beispielsweise das obenstehende Symbolbild, es lag genau in dieser Anordnung hinter dem elften Türchen. Hin und her haben wir überlegt, ob das jetzt ein Wasserkran sein soll (mein Vorschlag) oder das kugelige Haupt eines Schneemanns mit Zylinder und Schal (meine Lebensabschnittsgefährtin - nein, der Fleck in der Mitte der Kugel ist kein Monokel, da gab es etwas Abrieb auf der Scanner-Glasfläche, als ich den Deckel zu dynamisch daraufwarf) - , aber wieso sollte man in christlicher Vorfeiertagslaune ans Händewaschen denken, Katholiken haben was gegen übertriebenen Körperkult, oder als Atheist einen Schneemann auf die Guillotine schicken, zum Ausmerzen der Konterrevolution muss man doch nur das sozialistische Tauwetter abwarten? Bei Drehen des Quadrats um 90° nach rechts erschien das Dargestellte als Kurbel am Leierkasten (schon jetzt wirkt es wie die Kurbel an der Kaffemühle), bei 90° nach links ließ sich mit knapper Not ein Ungeheuer identifizieren, das gerade an der Wasseroberfläche von Loch Ness aufgetaucht ist und den Hals reckt. Wenn einem meine Kommentare hier auf den Seiten unverständlich vorkommen, muss man genauso vorgehen. Ganz wie in der mittelalterlichen Theologie, Interpretation im vierfachen Schriftsinn: Wörtlich, typologisch, tropologisch, anagogisch - kippt einfach den Bildschirm links, kopfüber, konsequent alles um 360° - dann kapiert man's gleich besser!


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