• Türchen #7: ausschleichen

    Das Wort fiel gestern im Tatort, und ich habe es auch schon mal von befreundeter Seite gehört. Sonderbar ist die Verwendungsweise. Ärzte bezeichnen damit den Vorgang, ein Medikament abzusetzen, das jemand lange genug genommen hat, um im Organismus eine Art Abhängigkeit zu verursachen. Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel, Weckamine, Antidepressiva. Das soll dann so stickum mit immer kleineren Gaben geschehen. Überhaupt Medikamenten-"gaben", das klingt ja fast adventlich, nach strahlenden Gesichtern unterm Weihnachtsbaum... Die Medizin steckt voller Euphemismen! Der Organismus soll es gar nicht recht merken, wie die Dosis immer kleiner wird. Tja, ha ha, der dumme Körper - mein alter Adam und seine Blödheit, läßt sich von so 'ner uralten Masche hinters Licht führen. Auf die gleiche Weise hat er sich vor etlichen Jahrzehnten immer die Weinbrandbohnen aus der elterlichen Pralinenschachtel geholt, immer grade so wenig, damit's nicht "leer" aussah und keinem auffiel. Dafür mußte man sich zu stiller Stunde ins Wohnzimmer "einschleichen", was ja wohl das Gegenteil des Ausschleichungsvorgangs meint. Aber mal ehrlich, meine Erziehungsberechtigten und ihre cognacschwenkenden Tratschtanten aus dem Kaffeekränzchen hätten Blindschleichen sein müssen, um nicht wahrzunehmen, wie die Weinbrandbohnen nach und nach weniger wurden. Mein Entzug ging ohne Ausschleichmanöver über die Bühne. Weinbrandbohnen sind sooo Fünfziger Jahre und gar nicht mehr mein Fall, es kamen dann die "Edlen Tropfen in Nuß" auf, und seit die Toffifee mit ihren sieben Fruchtzwergen zu meiner Hochzeit erschien, beschlichen mich allenfalls noch düstere Ahnungen. Aber das Wort ausschleichen merke ich mir, gibt ja viele Gelegenheiten, wo man sich entfernen möchte, ohne allzu große Lücken zu hinterlassen. Aus drei bis vier großen Verbänden bin ich in den letzten Jahren ausgetreten, und habe manche Freundschaft gar nicht kündigen müssen, die Kontakte schliefen ein, Auseinanderleben hat sich von selbst ergeben. Ab und zu ne Weihnachtskarte, damit es nicht gar zu abrupt aussieht, dann hat man länger nichts mehr voneinander gehört, vergißt die neue Telefonnummer oder e-Mail-Adresse rumzugeben, danach ist Funkstille bis zum Auseinandersterben. Der Organismus merkt das gar nicht, der ganze Kram geht auch ohne uns weiter. Dieser Blogbeitrag kann der erste von den letzten sein!


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