• Türchen # 6: versömmern

    In einem alten Tagebuch las ich das interessante Wort, dessen metaphorische Anwendung mir nicht ganz klar ist. Das Tagebuch einer Dame aus dem Jahr 1829 berichtet vom Wiedersehen mit einer Jugendfreundin, die sich vom Schneidern ernährt und deren Mutter noch immer bei ihr lebt. "Sie ist ein armes Wesen, dessen Erziehung vernachlässigt und dessen Leben durch die eigne Mutter versömmert worden ist." Jetzt such ich den verdammten Ausdruck bei Google, werde aber durch eine der zahlreich aufpoppenden Klickzwangskacheln vergrämt, da soll ich mein Einverständnis mit den Datenverwertungsgeneralerlaubnis dieser Suchmaschinenkrake durch ja, ja und ja bestätigen. Es gibt nicht mal die Option "Danke, jetzt nicht!" Also gehe ich zu Ixquick, wo mene persönlichen Irrwege durchs Netz nicht aufgezeichnet und dämlichen Server-Popanzen in USA übermittelt werden. Finde von dort in ein digitalisiertes altes Pflanzenbuch: Die Erziehung der Pflanzen aus Samen. Ein Handbuch für Gartenfreunde, Gärtner, und Samenhändler von H. Jäger, Großherzoglicher Hof-Garteninspector in Eisenach. Toller Fund! das kommt in meine Lesezeichen. Im full text finde ich diese Stelle, die mir aber nicht zu passen scheint.

    XVIII. Das Verstopfen oder Pikiren der Sämlinge. 
    
    35. Verstopfen (Versömmern, Pikiren) heisst ein Verpflan- 
    zen der Sämlinge im jugendlichsten Zustande, wenn sie noch so 
    klein sind, dass sie weder sofort in das freie Land, noch auch 
    einzeln in die zur Weitercultur bestimmten Töpfe etc. gepflanzt 
    werden können. 


    Ich bin ganz begeistert, denn das mache ich auch immer mit den Tomaten, Prunkwicken und dem anderen Zeug, das ich teilweise gar nicht identifizieren kann und das sich dann beim Aufwachseln als Sonnenblume oder Nelke oder Dill entpuppt. Aber irgendwie paßt es nicht zu der Tagebuchstelle. Ich versuch's bei Yahoo, dort finde ich Hinweise auf das Wort "versömmern" als landwirtschaftlichen Ausdruck, der "1. sonnen; 2a. (das Vieh) auf die Sommerweide …2b. (vom Vieh) im Sommer" bedeuten soll. Gibt irgendwie auch keinen Sinn. In einem Artikel über den bodenseekreis, wo ich schon mal in Urlaub war, wird ein Interviewpartner zitiert. "Das Sömmern, das heißt das Trockenlegen eines Teiches über den Sommer, haben wir schon immer gemacht..." - Bon, vertrocknen, das gibt möglicherweise einen Sinn. Ich kehre zu meiner Quelle zurück und schau sie mir noch mal an. Bis es mir wie ein Scheuklapp aus den Haaren fällt, das Wort heißt gar nicht versömmern, sondern "verkümmern", au weia. Hätte ich mir gleich denken können. Sage mir, was du denkst, und ich denke mir, was da steht!


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