• Truppengurken und treue Tomaten

    "Schließlich gibt es neben dem Kino noch andere wichtige Dinge im Leben - die Familie
    zum Beispiel... Oder den Tod. Ja, der ist mir auch sehr wichtig: Ich wäre
    ziemlich sauer, wenn ich mein Leben beenden müsste, ohne tot zu sein!"

    Terry Gilliam, FAZ-Interview, 28.5.2011

    Eine Freundin hat mir grade am Telefon erzählt, dass die spanische Landwirtschaftsministerin in einer Videoaufnahme beim Verzehr einer Gurke zu sehen ist. Hat eigentlich jemand mal alles zusammengestellt, was Politiker stellvertretend für die von ihnen regierte Bevölkerung taten, nur um zu zeigen, wie ungefährlich es ist? Salat auf dem Bonner Markt kaufen, ein Glas schwarze Milch der Frühe im TV trinken oder im Rhein schwimmen... Wieso kauft Frau Süßmuths Nachfolger jetzt nicht mal einen Kopfsalat? Der Bundespräsident musste neulich im Kreml doch sogar einen Salat mit Regenwürmern essen, wie ein gut informiertes Nachrichtenmagazin berichtete (jaja, die Russen haben auch schon Adenauer & Ulbricht manche Kröte schlucken lassen). Mich, der ich das 20. Jahrhundert überlebt habe und den eigentlich nichts mehr wundern sollte, mich erstaunt die gegenwärtige Gemüsehysterie. Salate, bis vor kurzem noch fast teurer als Fleisch gehandelt, sind Schleuderware; bergeweise liegen Gurken beim Discounter herum und gehen auch für 15 Cent nicht mehr weg. Und obwohl sonst Fleisch mein Gemüse ist, kriege ich Lust auf was knackiges, rohkostartiges mit vielen leckeren Kräutern und, lechz, Tomaten! Meiner Tomate im (Blumen-)Topf geht's übrigens gut, allerdings hat der Fernsehonkel gestern gesagt, ich solle "ausgeizen" d. h. nach sogenannten "Geiztrieben" unter der Achselhöhle suchen und die abschneiden, weil sie keine Früchte bilden (nicht, dass ich mit viel Ersparnis rechne, falls sich ein oder zwei Paradiesäpfelchen an der Pflanze ernten lassen...) Und den Salat soll man vor dem Verzehr abkochen. In irgendeinem expressionistischen Drama - oder war's in Robert Neumanns Parodie auf Georg Kaiser? - findet sich der Ausruf: "Gekochter Salat? Igitt!" Früher nannte man einen Freund, der sich als nicht ganz zuverlässig entpuppte, "untreue Tomate" (das war aber eigentlich noch ganz nett gemeint, als Scherzwort). Verfeindete Parteien bezeichnen sich in letzter Zeit gern untereinander als "Gurkentruppe", ein Ausdruck, der bisher für minderklassige Sportmannschaften und militärische Einsatzkommandos ohne rechten Drill und Schliff reserviert war.

    Okay, selbst wenn ich den Dienst an der Waffe - damals in der Gustav-Heinemann-Ära, der grinste mich Klo für Klettermaxenlustig-listig an vom schwarz-weiß-Foto im Bergisch-Gladbacher Kreiswehrersatzamt - nicht verweigert hätte, wär mir der Gestellungsbefehl im kalten Krieg erspart geblieben. Aber der statt dessen drohende Atompilz am Fulda Gap oder der friedlich-giftgeschwängerte Himmel über Rhein und Ruhr waren auch nicht grade Stimmungs-Aufheller. Dann kamen Harrisburg, Jülich, (genau, das zwischen Köln und Aachen gelegene Jülich ist gemeint!), Tschernobyl, Fukushima... Als Schüler warfen wir mit vollmundigen Sprüche um uns wie "intensiv leben - früh sterben, aber vorher noch eine rauchen". Und wenn ich ehrlich bin, wenn's eine einigermaßen schmerzlose Macht's-gut-und-danke-für-den-Fisch-Pille gäbe, könnt ich mir manche stille Stunde vorstellen, in der ich sie einwerfe, sooo überzeugend finde ich mein Dasein nicht, dass ich dran kleben täte wie Kaugummi. Ich bin wahrscheinlich noch aus dem Jahrhundert des Erasmus von Rotterdam übriggeblieben und finde, ohne ein Frömmler oder Weltverneiner zu sein, ein bißchen Todesnähe sollte einen einigermaßen aufgeklärten Menschen nicht in Panik, sondern in heitere, verheißungsgewärtige Stimmung versetzen. Ist doch sowieso alles Schiet hier unten, vielleicht wird's oben bzw. anderswo besser? Allerdings: Θνάτοισι μὴ φυναι φέριστον (Der beste Grund zu feiern wär der Nichtgeburtstag gewesen).

    Gerade, wie ich dies schreibe, kommt die Nachricht: "Zahl der EHEC Fälle in Deutschland steigt weiter an..." Mindestens 470 Menschen seien erkrankt. - Tod im KirchenstuhlIch bin ja mathematisch völlig unbegabt und absolut kein Statistikfan. Was nutzt es mir, wenn soundsoviel Prozent der Leute jeden Weg zum Zigarettenautomaten mit dem Auto zurücklegen und Kernenergie völlig in Ordnung finden? Ein faules Ei verdirbt den ganzen Kuchen. Aber wenn man sich mal vorstellt, dass Deutschland rund 82 Mio. Einwohner hat... während sich schlappe 470 Leute mit EHEC-Viren infizierten, hatten im gleichen Zeitraum 43.393 Patienten die Grippe (nicht nur so ein bisschen Schnupfen und Husten, richtig fiese, möglicherweise tödlich ausgehende Grrrrrippe! - die heißt nicht umsonst so ähnlich wie Sklett... Kennt hier jemand The Stand von Stephen King oder wenigstens seine Kurzgeschichte Nächtliche Brandung?) und allein 5.134 haben sich an Salmonellen infiziert, auch kein Spaß! Es ist auch noch immer nicht belegt, ob die Nutzung von Mobiltelefonen Krebs auslösen kann, aber im abschließenden Bericht der WHO-Experten wurde festgestellt, dass ein Risiko nicht ganz ausgeschlossen werden kann und empfohlen, möglichst selten handyzutelefonieren und wenn überhaupt, dann mit Freisprechanlage. Und wer unter so einer Antennenanlage wohnt, kann sich beizeiten das Knochenmark numierieren... Ich finde das alles übertrieben (ein Handy hab ich nicht und zweifle, ob ich diese neueren Versionen mit ihren Applets und dergleichen überhaupt bedienen könnte), und es ist offenbar wieder mal an der Zeit, zu Defoes Tagebuch aus dem Pestjahr zu greifen. Oder zum Lob der Torheit. "Als überlegener Sieger wird der Geist den Körper aufzehren, und er wird es um so leichter tun, weil er den Körper im Leben schon längst auf diese Verwandlung hin geläutert hat, dann aber wird auch der Geist von jenem höchsten Geist auf wunderbare Weise aufgezehrt, da dieser ja unendlich mächtiger ist."

    Erasmus


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  • Commentaires

    1
    p.c.
    Mercredi 1er Juin 2011 à 15:31

    Wer hat denn da  Schwarze Milch der Frühe getrunken?

    2
    Petit Larousse Profil de Petit Larousse
    Mercredi 1er Juin 2011 à 18:02

    Ich glaub', das war nach Tschernobyl. Im Frühstücksfernsehen...

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