• Trikotcolores

    Dunkeldeutschland geht sehr schlecht vorbereitet in die heutige Mondfinsternis, fürchte ich. Erst kürzlich hat Peter Altmaier das neue digitale Endzeitalter verkündet, man müsse die K. I. "zur Erfolgsgeschichte Deutschlands machen... für Wissenschaft, Anbieter, Anwender, Start-ups gleichermaßen....  Schlumpfmützen Egatilémaßgeblich für Wachstum im produzierenden Gewerbe... Bruttowertschöpfung um rund 32 Mrd. steigern..." Der Haken: die Intelligenz meinte er, und zwar nicht, wie ich erst dachte, Schlumpfmützen Libertédie Kritische, sondern die Künstliche will er ganz groß schreiben bzw. fördern. Rohstoffe, die naturgemäß nicht mehr nachwachsen in den ausgepowerten Hirnbrachen, muss man künstlich erzeugen, soviel ist klar. Zuerst brauchen wir mal so ein Samenkorn, aus dem herauswachsen soll, was sich später entfaltet, belaubt und Blüten oder gar Früchte treibt. Nach aller Erfahrung wächst die Intelligenz nicht aus rohen, unverarbeiteten Eindrücken hervor, die führen nur zu Mythos und Glaubenswahn, ich sage nur: Feuersbrunst als Erscheinung höherer Wesen, Trockenheit als Strafe für sündliches Begehren (wer sich auf eine nette Runde freut, kriegt eine lange Dürre), Allegorie der RevolutionMondfinsternisse als der Zorn des Allmächtigen. Und, ehrlich gestanden, wenn ich mich in der Welt so umsehe, habe ich auch den Eindruck. ohne künstliche Eingriffe in die Genstruktur geht da nichts mehr, die Verblödung liegt bleischwer auf dem Land und ist schon festbetoniert und kaum mit dem Preßlufthammer oder der Dampframme zu beseitigen. Nein, die Natur will be- oder verarbeitet sein, bevor sie produktiv wird, wie Marx schon irgendwo gesagt hat, "arbeiten wir uns an der Natur ab", sozusagen. Die Frage ist nur, wie wir dem zarten Keimling so lange einreden können, er wüchse nicht in einer Nährflüssigkeit heran wie in diesen von Robotern bewässerten Farmen, die ich mal in einem dieser Matrix-Filme sehen konnte, sondern in der Original-Hirnzelle eines Durchschnitts-Zeitgenossen, falls der überhaupt noch eine frei hat im Oberstübchen, wo entweder gähnende Leere herrscht oder der blanke Wahnsinn regiert. Haben wir die Wachstumsbedingungen einigermaßen hergestellt, brauchen wir nur hegen, pflegen und behutsam die tägliche Dosis Witzenergie zu steigern. Vielleicht soll man der Intelligenz,Freiheit schaut auf's Meer solange sie noch schutz- und wehrlos ist, gut zureden und kluge Sachen vorlesen? Ich z. B. rede immer mit meinen Tomaten, die sagen mir dann schon, wie oft sie gegossen werden oder zum Friseur wollen - paarmal schlichten, und sie treiben immer üppiger aus. Ich meine, das Jahr 1789 muss trotz allem Scheußlichen, was danach kam, so ein Moment gewesen sein, in dem die mühsam vorbereitete Erleuchtung der Aufklärer in die Politik durchschlug und immerhin dazu führte, dass die Stände sich nicht auseinanderdividieren ließen,Fraternité den Bajonetten nicht wichen und weiter parlamentierten und in einer langen Verhandlungsnacht die Vertreter des Adels vielleicht nicht freudig, aber freiwillig auf alle Privilegien verzichteten! Okay, dass der Egoismus wenig später fröhlich weiterging und die am Überseehandel beteiligten Mitglieder der Nationalversammlung in aller Brüderlichkeit dafür sorgten, dass Freiheit und Gleichheit nicht in den Himmel wachsen bzw. den Sklaven in den Kolonien nicht zukommen sollten, steht auf einem anderen Blatt, aber das macht den Ballhausschwur selbst ja nicht ungeschehen oder verdächtig. So wie auch Mirabeau eine begnadete rhetorische Revolutionslokomotive bleibt, auch wenn er hinterrücks mit dem König kungelte und für Geld alles tat. Zurück zu der denkwürdigen Zurücknahme der Adelsvorrechte: Diesen kostbaren Moment sollte man studieren und erforschen und herausfinden, wie aus diesem unvermutet aufkeimenden Intelligenz-Gen so etwas wie historisches Bewusstsein entwachsen konnte - z. B. die Erkenntnis, dass es ein davor und danach gibt und nichts auf ewig hält, bzw. nicht das Alte, nur weil es alt ist ("das haben wir schon immer so gemacht und es gibt nichts Besseres"), blütemonat maimehr Berechtigung hat als das Neue, auf die jeweilige Situation der Zeit zugeschneiderte ("doch, wir probieren mal aus, was verbessert werden kann"). Mir fielen neulich Briefköpfe aus jener glorreichen Ära in die Hand und ich stellte fest, dass man in bester barockener Tradition Bildelemente der Emblematik neu zusammenzufügen begann. Die Republik muss eine Frau sein, sie trägt ein Liktorenbündel (Vorsicht, Faschismus) und manchmal einen Speer, auf dem ein phrygischer Jakobinerhut sitzt (solange kein abgeschlagener Kopf unter dem Hut grinst, mag das ja noch angehen). Mitunter steht sie neben irgendwelchen schräg abgesägten Baumstämmen, die sich bei genauerer Betrachtung als Tempelsäulen entpuppen, und ein Trikotcoloreskrähender Hahn muss auch in der Nähe sein, während andere Tiere platt am Boden liegen. Das Verhaftungs-BulletinKanonen auf Spatzen(Da fällt mir grade ein, dass die Frau von Neo Rauch, der den Bayreuth-Bühnenprospekt für "Lohengrin" gemalt hat, Rosa Leu heißen soll, komisch, nicht?) Kanonenkugeln nicht vergessen, dazu die Bollerkugeln und jede Menge Zündstoff. Manchmal schwebt auch ein einzelnes Auge oben drüber in der Sonne, soll das jetzt doch ein bißchen Monotheismus sein, oder ist es das Allwissende Auge des Geheimdienstchefs Fouché, dem keine konterrevolutionären Umtriebe entgehen...? Merkwürdig auch, daß "Liberté" und "Fraternité" ebenfalls mit nach links ausgerichteten Schlumpfmützen aus der klassischen Antike repräsentiert sind, und dass der aus dem Liktorenbündel herausstehende Speer genau auf den Mittelpunkt zwischen Schlumpfmütze und (guillotiniertem) Totenkopf zeigt. Das soll dann wohl das juste milieu sein, auf das Altmaier mit seiner Künstlichen Intelligenz zielt, die Anwender und Anbieter gleichermaßen glücklich machen soll. Und das votiert bekanntlich nicht für Fraternité, Egalité oder gar Liberté, sondern für Merkelismus, Macronnerie und force de frappe. - Eigentlich wollte ich mich über Fußball und das Flirten der Gladiatoren mit den Machthabern in der Zirkusloge äußern in dieser Kolumne (siehe Titel), aber jetzt ist was ganz andres draus geworden, weshalb mein revolutionärer Elan gipfelt in der egalitären Forderung: Özil für alle!


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