• Tageszeitung

    Szenen einer Ehe: Meine liebste (das Wort klingt immer wie "Pausensnack", aber trotzdem:) Lebensabschnittsgefährtin nimmt morgens die Tageszeitung gern in ihre ca. 5-6 Teile auseinander, faltet sie in der Mitte und legt sie aufeinander. Dann könne man, meint sie, die Beilagen besser finden, die man lesen möchte, z. B. "Technik und Motor", ihre Lieblingsrubrik. Ich hingegen würde die Zeitung nach dem Frühstück gern wieder zusammensetzen, in der Reihenfolge, in der sie aufgeschlagen wurde, damit sie unbenutzt und neu aussieht. - Jaja, ich hör schon die Vorwürfe, wie pingelig ich sei, aber der eigentliche Grund ist der, dass ich das Gelesene nach ein paar Stunden verdränge und vielleicht auf bessere Nachrichten hoffe, wenn ich die Zeitung erneut aufschlage.

    zeppelin, gepiekst von kirchturmIn der heutigen Tageszeitung fand ich den Neologismus des Tages. "Schlanklügen", es wurde verheißen, das Verteidigungsministerium werde inskünftig keine Rüstungsprojekte mehr "schlanklügen". Dabei - gerade fürs Schlanklügen bringt der Wähler bestimmt Verständnis auf, warum nicht den Etat der Bundeswehr schlanklügen, das machen wir doch - beim Einpacken der Sommer- und Auspacken der Winterklamotten - letztlich alle.

    Kohl ist der Held des Tages, weil er u. a. gesagt haben soll, Angela Merkel hätte mit Messer und Gabel nicht essen können bei Staatsbanketten. Man muss sich mal vorstellen, wie so ein Staatsbankett bei Kohl vorgegangen ist! Gab es da nicht immer wieder Pfälzischen Saumagen, von dem ich jetzt auf die Schnelle gar nicht wüsste, ob mit Messer, Gabel oder Löffel...? Und die Hummerzange immer schön in Griffbereitschaft. Aber die in der ehemaligen DDR, denen gab man keine Messer oder Gabel, schon damit sie sich nicht wehtun - oder anderen man weiß ja, wie die Bauernaufstände angefangen haben! Die Ossis haben doch höchstens mit dem Löffel aus der gemeinsamen Suppenschüssel geschlürft (ich hab noch so einen, im Knast geschnitzten Holzlöffel), oder benutzten, wie bei Asiaten üblich, Ess-Stäbchen oder solche Piekser wie die Kartoffelesser von Van Gogh! Ich hätte jedenfalls gewusst, was zu tun ist, wenn mir der Sitzriese Helmut Kohl damals im barschen Ton den Gebrauch von Messer und Gabel bei Tisch anbefohlen hätte... ich wäre aufgestanden, von hinten an ihn herangetreten und... nein, nicht was ihr jetzt denkt, ich hätte ihn mit der Gabel mal in die Wampe gepiekt, um zu prüfen, ob bei Perforierung die Luft aus diesem Ballon entweicht oder ob das massives Fett ist.

    Ferner las ich in der heutigen Tageszeitung die Rezension eines Buchs vom Leiter des Kölner Stadtmuseums Mario Kramp, Vom Traum zum Alptraum. Köln und der Beginn des Bombenkriegs in Europa, Greven-Verlag, 12,80 €. Der hat herausgefunden, dass das erste Bombardement einer städtischen Zivilbevölkerung von Köln ausging, hier startete am 5. August 1914 das Luftschiff Cöln (Z 6), das die ersten Bomben auf Lüttich abwarf. Hier ein Bericht aus der Innsbrucker Zeitung vom 30. August

    Bei dem Kampfe um Lüttich spielte auch ein Zeppelin-Luftschiff eine Rolle. Die Tätigkeit des Luftschiffes wird von einem Oesterreicher, der in Lüttich von Belgiern gefangen genommen worden war, der „Grazer Tagespost" wie folgt geschildert: Es verging eine Schreckensnacht. Als die Sonne aufstieg, sah man 'im Osten ein Luftschiff, das die Deutschen an seinen Umrissen als einen „Zeppelin" erkannten. Alles schrie und weinte. Es herrschte eine große Panik in der Stadt. Während alle Bewegungen des Luftschiffes mit Furcht und Aufregung beobachtet wurden, sah man unter den Gondeln einen weißen Rauch aufsteigen. Es war eine Bombe, die aber versagt hat. Der „Zeppelin" war in einer Höhe von 600 Metern. Plötzlich senkte sich die Spitze des LuftschiffesRechnung mit 'Gottes Segen' und der „Zeppelin" ging auf etwa 300 Meter herab. In diesem Moment wurde aus den Forts auf das Luftschiff ein mörderisches Feuer eröffnet, in das sich das Gewehrfeuer der Infanterie mischte. Das Luftschiff warf Bombe auf Bombe herab, die unter donnerähnlichem Knall explodierten. Dann beschrieb das Luftschiff noch mehrere Schleifen über der Stadt und warf noch weitere 10 Bomben herab, die alle wirkten. Aus den Häusern, überall wurden die Gewehrläufe gegen das Luftschiff gerichtet, das aber unbeirrt seinen Lauf nahm. Plötzlich sprengte aus einer Straße ein Totenkopfhusar in vollem Galopp heran. Kaum sahen ihn die Leute, als sie auch schon das Feuer auf ihn eröffneten. Er riß sein Pferd herum und verschwand. Gleich darauf stürmte ein Infanterie-Offizier um die Ecke, in der Rechten seinen Degen, in der Linken die Pistole; hinter ihm eine Abteilung deutsche Infanterie. Die Furcht vor den „Sepplihns" Frankfurt, 25. Aug. Die hier untergebrachten französischen Gefangenen erzählen von der ungeheuren Furcht der Franzosen vor den Zeppelinluftschiffen. Die Furcht der Franzosen vor diesen Luftschiffen sei gar nicht zu beschrei­ben. Man fürchtet in den Nächten des Neumondes unvermutete Angriffe. Der „Sepplihns" ist der Kinderschreck der französischen Jugend, die Angst der Erwachsenen und die Furcht der Soldaten bis in die Generalität.

    Auch Antwerpen wurde per Zeppelin bombardiert - eine der Bomben traf die Gasanstalt, und bei Explosion des Gaskessels lag die ganze Sadt im Dunkeln. Am Bodensee produziert, mit Maybach-Motoren ausgestattet, an Bord sechs Maschinengewehre, Vorrichtungen zum Bombenabwurf, Torpedo-Raketenwerfer, das war das eine richtige Vollfett-Rüstung, die keineswegs schlankgelogen wurde! Im Frühjahr 1916 weitete man die Zeppelinflüge und Bombenangriffe auf England aus. Das hätte man vor dreißig, vierzig Jahren wissen sollen, wenn einem die alten Kölner in ihrer Larmoyanz vorgreinten, dass Großbritannien noch immer nicht die "Menschenrechtsverletzung" der Flächenbombardements ächten wollten und dem Kommandanten, genannt Bomber-Harris, sogar ein Denkmal setzten. Der OB musste eigens nach London reisen und protestieren, was aber nichts half. In der 1000-Bomber-Nacht vom 30./31. März 1942 hatten die Briten aus Köln das gemacht, was Brecht "eine Radierung von Churchill nach einer Idee Hitlers" nannte. Die Opfer - vielmehr was von ihnen übrig war, - wurden auf dem Zollstocker Friedhof unter seriell produzierten Betonkreuzen beerdigt. NS-Ehrenhain der Kölner BombenopferEiner, der das als Schüler mitmachen musste, berichtete, dass man nicht viel Wesens darum machte, ob die Identitäten alle stimmten, in manchen Fällen wurden Phantasienamen auf die Kreuze geschrieben. Aber - "you asked for it and you got it!" - das erste derartige Bombardement, dem die Zivilbevölkerung eines noch am Krieg ganz unschuldigen, von Deutschland ohne Kriegserklärung überfallenen Landes ausgesetzt war, ging von Köln aus, der Zeppelin, der Lüttich bombardierte, startete in Köln. Bei der Rückkehr havarierte das Luftschiff über Walberberg, die Besatzung konnte mit knapper Not das Leben retten, aber davon stand nichts in der Kölnischen Volkszeitung - hier wurde dreist ein zukunftsloses Rüstungsprojekt (oder übergewichtige Generäle in der fliegenden Zigarre?) schlankgelogen:

    Berlin, 10. August. Mit Genehmigung der Militärbehörde gibt das „Berliner Tageblatt" die Schilderung der „Kölnischen Volkszeitung" über das hervorragende Eingreifen des „Zeppelin VI" bei Lüttich wieder. Aus 600 Meter Höhe wurde die erste Bombe geworfen, die versagte. Das Luftschiff ging dann auf 300 Meter herunter und schleuderte weitere zwölf Bomben, die sämtlich explodierten. Infolgedessen brannte die Stadt an mehreren Stellen. Sämtliche Bomben warf ein Unteroffizier der Besatzung aus der hinteren Gondel. Er war nach der Landung Gegenstand begeisterter Ovationen.



  • Commentaires

    1
    Mardi 14 Octobre 2014 à 01:53

    Da zahlt man doch gern. Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.



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