• Strüßjer jeje Bützjer

    "Mer han jet ze beate" (nee, hat nichts mit Beate zu tun, sondern soll kölsch soviel heißen wie "wir haben was zu bieten", aber wie The Bietels geschrieben), diesen Spruch haben sich die Kölner für die diesjährige Karnevals-Session ausgedacht. In der Gegend, wo ich wohne, variierten die Anwohler der Schulze-Delitzsch-Straße den Spruch wie folgt: "wir unterbeaten alles!" und riefen den kleinsten Karnevalszug der Region aus, er ging wirklich nur die Schulze-Delitzsch-Straße entlang, aber mit eigenem Dreigestirn (wohnen alle im selben Haus). Hier das Plakat:

    Politik und Gesellschaft

    Leider war dieser Karnevalszug nebst Proklamation von Prinz, Bauer und Jungfrau im "Happy Happi"-Imbiss schon am Samstag um 13.00 gewesen, da waren wir in Heimersdorf bei Schwiegerelters zum Besichtigen der Gesamtfamilie und des Heimersdorfer Veedelszochs. Da fiel mir ein Wagen mit dem schönen Spruch Severinstorburg"Mir haben jet ze beate: Strüßjer jeje Bützjer" auf, leider waren die Damen, denen ich "Bützjer" im Tausch gegen die Erzeugnisse der Ein-Blumen-Floristik anbieten hätte können, gerade mit irgendwas anderem beschäftigt, und die Herren der Schöpfung waren auch wenig willens, Sträußchen herzugeben, wie mir schien. Sie klammerten geradezu an den Stengeln, und nur ein einziges Strüßje kriegte meine Frau von einer Bekannten ihrer Schwester. Angesichts unserer bildhübschen Neffen und Nichten regnete es allerdings Süßigkeiten, u. a. Billig-Schokoladetafeln, Bonbons, Isla-Irish-Moos-Sirup, Kekse, Mini-Rittersportschoggis, Schlüsselanhänger und 2 sixpacks mit Berliner Ballen.
    Beim Rosenmontagszug wird natürlich viel, viel mehr geworfen (auch wenn die Karnevalsvereine selbst da noch sparen, um noch genug für die Viertels-Umzüge am Dienstag zu haben),Bereitschaft im Kostümgeschäft aber wie immer ist einer von uns krank und das lange Herumstehen in der Kälte, bis d'r Zoch kütt, sowieso beschwerlich, es sei denn, man hat ein Fass Glühwein dabei (bei den meisten Wartenden am Straßenrand ist eher das "Pittermännchen" mit Kölsch im Kinderwagen versteckt). Wir haben auch dieses Jahr nur eine ganz winzige Stippvisite zur Bonner Straße machen können, wo der Zug aufgestellt wird, der dann (siehe oben) durch die Falltür der Severinstorburg Richtung Stadtarchiv-Loch (beinahe wär er vor 2 Jahren reingefallen) in Marsch gesetzt wird, um durch die Altstadt und über die Ringe zu mäandern. Dabei ist die halbe Stadt samt Umland beteiligt, mit Fußtruppen, Pferdestaffeln, Kutschen, Treckern und sämtlichen Einsatzwagen der Schokoladen-Bimmelbahn und natürlich auch der Müllabfuhr. Polizistin liegendEs wird getrommelt, gepfiffen, Blech geblasen und Samba getanzt, und wer Freude dran hat, darf hinter dem letzten Wagen herlaufen und eine originelle eigene Truppe bilden (als letztes kommen die orange kostümierten Asphaltpfleger), ansonsten ist das alles ziemlich vereinsmäßig organisiert (und Kornelia war wieder mal schwer von der Logistik beeindruckt). Es dauert ja auch eine ganze Weile, bis die LKWs mit ihren Bruttoregistertonnen von Süßkram und Blumengebinden ausgepacktLKW mit Blumen und das Wurfgut in die Prunkkarossen verladen worden sind. Da wissen alle, wo sie wann wie kostümiert und mit welcher Ausstattung erscheinen müssen, kriegen am Zielort ihre erste Erbsensuppe und ihr erstes Kölsch, die Blechbläser stellen ihre Tubas auf dem Bürgersteig ab, und dann wird erstmal stundenlang geschwafelt oder zwischendurch auch mal truppenübungsplatzmäßig "und nun alle ein dreifaches Kölle?" - "Alaaf!" gebrüllt. Die uniformierten Narren formieren sich und tanzen sich warm, zwischendurch platzt mal wieder eine Blaskapelle los oder ein wildes Getrommel setzt ein.Heinzelmännchen Denn wenn sich der Zug um 11.11 Uhr in Bewegung setzt, dauert es ja noch Stunden, bis aus allen (für den Normalverkehr gesperrten) Seitenstraßen die Karossen mit ihrer jeweiligen Entourage sich anschließen dürfen. Für den Verkehr gesperrt? Von wegen! Alle Naslang kommt ein Taxi oder eine schwere Limousine angefahren, und dem Beifahrersitz zwängen sich betagte Herrschaften in buntscheckigen Uniformen, das sind die Chefs und auch die Sponsoren der jeweiligen Vereine, die wollen bei ihren Mannschaften nach dem Rechten sehen und werden frenetisch begrüßt. Selbst die "Colombinen", eigentlich ein Damenverein, haben eine männliche Ehren-Colombine, wie wir heute lasen. Alles in allem dauert der Zug bis 17.00, wenn ich mich recht entsinne - früher endete er an der Severinstorburg, wo denn auch ein lustiges Schild hing mit der Aufforderung (deren letzter Satz zu meinen Lieblingssprichwörern gehört): Fußtruppen links - Wagen rechts. Werfen einstellen!
    Wir haben, wie gesagt, in diesem Jahr, wegen allfälliger Erkrankung von Teilnehmern, mal wieder nur ganz wenig vorab besichtigt, und dann fiel auch noch meine Kamera aus mangels Strom. Nicht immer ist der karnevaleske Witz mit gescheiter politischer Satire aufgeladen, oft genug bleibt es im Platten oder schlicht Dämlichen stecken, Böse Stundeund dass Lena bei dem Zug mitgeht, führte zu einer blödsinnigen Karikatur, wonach sie als Schneewitchen im Glassarg von uns Steffi (Raab) wachjeküss worde wär - kein Wort darüber, dass der Contest in diesem Jahr gar keiner war, weil sich außer Lena keine Schlagersternchen bewerben durfte; ich hätte dieses gesangliche Einwegprodukt als orientalische Alleinherrscherin dargestellt. Kölner MasochistenAber einige Wagen gefielen uns doch. Das "Böse" siegt in Gestalt von Josef Esch über den gleichnamigen Chef der Messegesellschaft Gerald Böse, der für die Kölner Messehallen überteuerte Mieten an den Esch-Fonds zahlt, wobei die EU die Rückabwicklung des mehr als fragwürdigen Verkaufs verlangt. - Die "Kölner Masochisten" bzw. Sportfans werden - mit einer diesmal ziemlich originellen Auslegung des diesjährigen Mottos - als sich selbst geißelnde Lederboys dargestellt, der Geißbock (Wappentier des Kölner Fußballvereins) wird zu Gyros und der Hai als Wappentier der Eishockey-Fraktion nicht zu Fischstäbchen verarbeitet, aber ins Goldfischglas gesteckt.
    Besonders hübsch war die Idee, die Intendantin des Stadttheaters, Karin Beier, als vorwärtsstürmende Freiheitsgöttin nach Delacroix "oben ohne", aber mit einem Transparent: Mut zur Kultur! über den darniederliegenden Bürgermeister trampeln zu lassen, von einem knienden Bärbelchen und einem pistolenschwingenden Hänneschen flankiert. Die Weltpolitik wirkt weniger originell. Kartenhaus des Nahen OstensDer Guttenberg-Wagen wurde in letzter Minute umgebaut und der Kopf des Ex-Ministers abgesägt, jetzt kriegt er die Kopiererklappe auf denselben und wird per Fußtritt in die Wüste katapultiert. Barak Obama schubst ein Kamel durch ein Nadelöhr, auf dem "Friedensprozess" steht - sicher ist diese zwechfellerschütternde Idee das Ergebnis endloser Entschärfungsdebatten, denn ungern möchten die Kölner an die Tradition antisemitischer Karnevalswagen in der Zeit von 33 bis 45 erinnern oder gar anknüpfen... Und als Ergebnis der Revolte fällt das Kartenhaus der Nahost-Diktaturen in sich zusammen, wenn kleine schnurrbärtige und braungesichtige Männlein aus einer palmenumrankten Stadt oberhalb eines Felsmassivs über die Brücke strömen und die Spielkarten, auf denen Mubarak, Ben Ali und Ghaddafi abgebildet sind, mit Spitzhacken und Schaufeln attackieren - vergleich' dich, Metapher, oder ich freß dich!

    Karin Beier führt das Volk zur Kultur


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  • Commentaires

    1
    Kornelia
    Lundi 7 Mars 2011 à 15:49

    Es gibt keine schöneren Momente am Kölner Rosenmontagszug als die sich aufstellenden Gruppen und Wagen zu besuchen. Das rege Treiben der beladenen Wagen und der sich bereitstellenden Fußtruppen hat etwas knisterndes, fast meditatives. Alles ist auf das große Ereigniss eingestimmt, er herrscht konzentrierte Aufmerksamkeit und jeder ist sich der Bedeutung des Ereignisses bewußt. Es gibt neue Sicherheitsauflagen nach den schrecklichen Ereignissen von Duisburg, aber trotz der tausenden Menschen, die jetzt den Karnevalszug sehen, wird die professionelle Routine der Kölner/Mainzer/Düsseldorfer Unfälle in diesem Ausmaß verhindern. Es ist leicht zu feiern bei solcher Tradition.

    2
    Kornelia
    Lundi 7 Mars 2011 à 20:23

    Nachtrag: Den kölner Karnevalszug mit 12.136 Teilnehmer und ca 1 Million Zuschauer können die Kölner so organisieren das alles friedlich  fröhlich und entspannt geschieht. Heute bin ich wieder stolze Kölnerin.

    3
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Mardi 8 Mars 2011 à 16:02

    lL liberté de Cologne guidant le peuple!

    4
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Mardi 8 Mars 2011 à 16:03

    La liberté de Cologne guidant le peuple!


    5
    hdorn
    Mercredi 9 Mars 2011 à 12:47

     la marianne est très belle, effectivement !

    Und habt ihr euch auch verkleidet ?

    6
    Petit Larousse Profil de Petit Larousse
    Jeudi 10 Mars 2011 à 17:06

    Ich würde gern angeben und sagen, K. ging als guter Vorsatz vom letzten Jahr und ich als Gadda-Vieh mit rotem Palästinenstertuch vor den Hörnern - aber nein, schon wegen der Kälte hatte Kornelia einen Pelz und gelben Schal und ich ein dito gelbes T-Shirt überm Pulli - darüber aber wieder andere Lagen - sowie einen komischen Hut (um den normalen hatte mir mein Schwager am Samstag eine pralle lila Luftballon-Schlange geknotet).

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