• Steinbachmadonna: Energie- und Gnadenkraftwerk

    Zu guter Letzt gilt es noch, unserer persönlichen Maria-Himmel-Wallfahrt zu gedenken, die wir am Sonntagnachmittag gegen 17.00 unternahmen, allerdings nicht auf Knien oder per Pilgerstab, sondern - zugegeben - als Abstecher im Auto bei der Rückkehr von Memmingen. Man parkt vor dem mon blog retrouvé...Landgasthof zum Löwen und geht das kleine Hügelchen zu Fuß hoch. Maria Steinbach ist kein Personenname, sondern der durch seine Barockkirche an der Iller weithin sichtbare Weiler auf dem Illerbeuren gegenüberliegenden Ufer. Man kommt wirklich nur auf kleinen Nebenwegen dorthin. Bis zur Säkularisation gehörte er dem Kloster in Rot an der Rot (diesen bunten Ort konnten wir nicht mehr sehen), deren Prämonstratenser brachten - so auf der Webseite des Orts nachzulesen - 1728 ihre von Schwertern durchbohrte Schmerzensmadonna hier unter.Nach dem Crash... Zwei Jahre tat sich nichts, aber dann meldeten Besucher, das Gesicht der Statue habe sich verfärbt, sondere Tränen ab und bewege die Augen (dies erstmals am 2. Juni 1730) bzw. Augenlider. Natürlich zwinkert sie nur frommen Gotteskindern zu, die reinen Herzens sind; verkommenen Sündern, touristischen Gaffern, Fotoamateuren mit Stativ und gottesfernen Skeptikern bleiben  die Wunder dieser Wallfahrt verborgen. Unter der Madonna finden sich aber zwei weiße Engelchen, ein lachendes (oder singendes?) und ein weinendes, die allerliebst anzuschauen sind und die rechte Haltung lehren, die Christenmenschen vor diesem Zeugnis tiefer Volksfrömmigkeit einnehmen sollten. Eine andere Putte, die als Kerzenhalter dient, wird "Joh Georg Üblhör" zugeschrieben und auf 1763 datiert. Und natürlich entfaltet der oberschwäbische Barock seine ganze Pracht ("danach kann man süchtig werden", meint Kornelia): Mit fein abgestimmten Farbspielen und Kontrasten bilden die heisigen Kirchen geradezu Gesamtkunstwerke, mit ihren Deckengemälden und Stuckverzierungen, Schnitz-Skulpturen und Vergoldungen und, und, und... In der Kirche findet sich noch manches Eckchen (es gibt ein wunderkräftiges Christuskreuz, ein Partikel vom echten, von Konstantins Mutter (einer Stallmagd aus Britannien, die das Kind unehelich von einem Legionär kriegte) aufgefundenen Hl. Kreuz, das jeden Freitag ausgestellt wird (bestimmt ergeben alle auf der Welt zusammengenommen einen Wald) sowie eine Johannesstatue. Am dem Wänden hängen Votivtafeln, ganz oben (daher leider unleserlich) diejenigen, in denen für Errettung von einer Missernte oder die Heilung von krankem Vieh gedankt wird, danach solche, in denen es um die Heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft und das Überleben einer schweren Geburt geht, dann folgen modernere wie die Hilfe beim Examen, Errettung vom Fahrradunfall mit anschließendem Koma auf der Intensivstation, mit Tropf und Fieberkurve überm Bett wiedergegeben, alles Anlässe, bei denen "Maria geholfen" habe. Gnadenbild-Kopie in SteinbachAn dem Christusaltar wirft man wohl auch handgeschriebene Briefe hinter ein Gitter. Aus Sicherheitsgründen wurde draußen auf dem Hof ein eigener Opferstock aufgestellt, mit einer naiven (und damit wohl noch anziehenderen) Kopie des Gnadenbilds im Graffito-Stil, überdacht, wo man Kerzen aufstellen und anzünden darf (sie brennen massenhaft und verbreiten, als wir dort eintreten, wohlige Wärme in diesem frischen Sommer). Hier balanciert die Madonna ihre Krone prekär auf dem Haupt wie einen kürbis, und die Aufen wenden sich tatsächlich in eine andere Richtung, mehr schelmisch nach rechts oben, wie mir scheint. Dass auch dieser Raum wieder von Votivtäfelchen, Fotos, selbstgemalten Bildchen und handschriftlichen Fürbitt-Zetteln überquillt, bedarf keiner Erwähnung.

    Kornelia traute sich dann auf die Empore, über die Holztreppe, und machte Fotos von oben, die noch nicht entwickelt sind. Währenddessen kamen immer wieder Leute herein, Betende und Touristen, letztere an den Kameras erkennbar, und auch eine italienische Familie mit Schwägern und Kleinkind und Halbwüchsigem, nur für eine kurze Abendandacht, vielleicht anlässlich des allgäu-italienischen Weinfests zu Grönenbach hergekommen, um der Schmerzensmadonna einen Besuch abzustatten...

    Ein längerer Spaziergang in der Umgebung der Kirche und zur Iller brachte noch einige schöne Beispiele für selbstgemalte Schilder im Allgäu ("Seíd nicht BÖSE" war z. B. mit Filzstift auf den Fahrplan an der Bushaltestelle geschrieben), und endlich schafften wir es auch endlich, mal ein Stück Ufer an der Iller zu betreten, jenes Flusses, dessen wild überbuschtes Ufer sich so merkwürdig keusch dem Vordringen von Spaziergängern (jedenfalls hier in der Gegend) entzieht. Die Illerfähre, die erst telefonisch vorbestellt werden muss, lag übrigens auf der anderen Seite vor Anker. Iller-AnlegeplatzDas Flüsschen sah wieder grün und harmlos aus und scheint doch tückisch angesichts der fehlenden Uferwege. Aber man darf ab hier lt. bayerischem Fischereigesetz bis zur Donau sogar den Hecht außerhalb der Schonzeit (1. Februar bis 30. April) angeln. Hier wurde 1938 ein Laufwasserkraftwerk errichtet, die "Illerstufe Maria Steinbach", und obwohl für den Fall von Überschwemmungen ein breiter Wiesenstreifen freigehalten ist bis zu den ersten Kuhweidegründen, hängen die Überlandleitungen doch verdammt tief, so dass man denkt, der Fluss könnte eines Tages so überquellen, dass die Stromkabel tangiert werden.

    Auf einem oberhalb des Kirchleins gelegenen Parkplatz gibt es übrigens interessante Propagandatafeln, die den in dieser Gegend grassierenden Ökotrend als urkatholisches Anliegen darstellt: "Im Bereich Energie zeigen sich Naturwissenschaft und Glaube ungewöhnlich nahe", heißt es dort: "Sowohl der Papst als auch Physikerinnen und Physiker bestätigen die ungeheuer starke Energie, die die Sonne zur Erde scheinen lässt. 15.000 mal mehr, als die Menschheit auf dem Blauen Planeten aus Atomkraft, Erdöl, Erdgas und Kohle bezieht (Referenzjahr 2000)." Kräuterboschen, frisch gesegnet, an KirchentürEine Biberfamilie soll in der Nähe auch eine Biberburg errichtet haben, die wir allerdings nicht zu Gesicht bekommen haben. Weiter heißt es speziell über Maria Steinbach: "Unterhalb der Rokoko-Wallfahrtskirche Maria Steinbach steht ebenfalls eine ehemalige Mühle. Auf Maria-Steinbacher Markung wirkt Wasserkraft noch heute. Weiter unten in der Iller befindet sich das Kraftwerk Steinbach - mit über 20 Millionen Kilowattstunden Jahresertrag. Von Maria Steinbach aus auf geteertem Weg gut erreichbar. (...) In dem barocken Wallfahrtsort selbst haben sich bäuerliche Familienbetriebe schon früh der Biogastechnik geöffnet." Das nahe gelegene Leutkirch hat sich gemeinsam mit Isny und Wangen (das ist allerdings Baden-Württemberg) seit 2001 einem kommunalen "Öko-Audit" unterzogen, in Legau gibt es die "Umweltstation Unterallgäu" mit allerlei Angeboten für Öko-Rallyes, die Firma Rapunzel veranstaltet ein Eine-Welt-Festival, ein Verein von Naturkostläden, Naturkost SüdWest e. V., fördert die Volksaufklärung und den Biowarenvertrieb - und so scheint die Region nicht nur ein gottgefälliges Kirchenleben zu führen, sondern auch zur nachhaltigen Schonung, Pflege, Bewahrung und Gesundbetung der Schöpfung beizutragen: ein Paradies der Müslis und Birkenstock-Besohlten. - Auf dem Rückweg an dem kleinen Bächlein entlang sahen wir noch ein frisch gebautes Haus, noch ohne Verputz innen und außen, das aber eben schon experimentell von einer gesunden, blonden und augenscheinlich finanzkräftigen Vollkornfamilie möbliert wurde, ein behelmter Dreijähriger erprobte bereits seine neuen Fahrradwege. Unterdessen sammelten wir für Kornelias Kräuterboschen, zum Schluss klaute ich noch im Vorgarten des Fischgeschäfts, das sowieso wegen Urlaub geschlossen war, eine der dort üppig blühenden Rosen, unabdingbar für den Marienkräuterstrauß. Kurz bevor der Starkregen wieder einsetzte, saßen wir schon wieder im Wagen und machten uns auf den Heimweg.


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