• SS! Günni halt's Maul

    Am 22. August wird es 70 Jahre her sein, dass die ersten 1078 Stuttgarter Juden vom Sammellager KillesbergSiegener Bunker nach Theresienstadt deportiert wurden. Die Fahrt kostete 50 Reichsmark, außerdem nahm man ihnen 5 Mark für ein Essenspaket ab, das allerdings nie ausgehändigt wurde. Am Bahnhof Bauschowitz angekommen, mussten die vorwiegend alten und gebrechlichen Menschen unter Schlägen tschechischer Miliz 3 km zu Fuß ins Lager gehen, wo sie kein Altersruhesitz, Gedenktafel für die Siegener Judenden man ihnen versprochen hatte - und für den sie viel Geld an die SS gezahlt hatten - , sondern die völlige Ausplünderung (man nahm ihnen u.a. alle mitgeführten Medikamente weg), Wassermangel, der Hunger, zum Schlafen der Steinfußboden einer Kaserne erwarteten. Erst am folgenden Morgen wurde etwas zu Trinken ausgeteilt, an diejenigen, die nicht zu schwach waren, in der Schlange zu stehen. (Diese Information entnehme ich dem Buch von Margot Weiß: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post..." Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart, Barbara Staudacher Verlag, Horb 2012; darin ein präziser historischer Überblick von Dieter Kuhn. Über Theresienstadt kann man sich in dem Standardwerk von H. G. Adler, Tübingen 1955, informieren.) Während der ersten sechs Wochen starben 247 dieser Stuttgarter, 312 wurden weiter nach Treblinka zur "Vergasung" deportiert. Bis 1945 sind von diesem Transport 551 in Theresienstadt, 473 in Vernichtungslagern umgekommen. Überlebt haben 49 aus diesem ersten Transport (dem ersten von vielen aus Stuttgart und zahlreichen anderen Städten des Deutschen Reichs und der Tschechoslowakei), und selbst von diesen wenigen erlagen manche nach der Befreiung einer Typhusepidemie oder starben an Entkräftung, noch ehe das Jahr 1945 vorüber war. Diejenigen, die nach Stuttgart zurückkamen, mussten die Fahrt in zwei Omnibussen selbst organisieren. Sie erhielten 250 Mark "Starthilfe", die später von der sogenannten Wiedergutmachung abgezogen wurden.

    SS Günni halt's Maul

    Den Staat Israel hat Deutschland auf diese Weise mitgegründet. Diese Verantwortung wiegt so schwer, dass jeder Gehör findet, der uns (vermeintliche) Erleichterung verspricht: endlich "dürfen" wir sagen, was wir wollen, endlich werden wir den Druck los, wir sind - wenigstens diesmal - nicht schuld, die anderen, die Juden sind es, die böse Waffen haben, wir doch nicht (denn wir haben ja die Amerikaner, jeder Handgriff beim Abfeuern von Atomraketen aus deutschen Startlöchern wird von Bundeswehrsoldaten ausgeführt, und nur das letzte, das Schärfen der Bombe, erledigt fürsorglich ein US-Soldat für seine nichtatomisierten NATO-Kollegen). Der Vorwurf des "Antisemitismus" ist kraftlos und abstrakt. Er trifft niemanden wirklich, solange der Begriff in der Debatte ungeklärt bleibt - es gibt keine Bestimmung, ab wann jemand "antisemitisch" sei oder sich verhalte. Zwei, drei Generationen ist es her, da wurden hierzulande antisemitische Parteien, Vereine, Zeitungen gegründet. Antisemitismus als Vorwurf und Anklage erscheint idiotisch in einem Land, in dem noch immer Menschen leben, die sich in ihrer Jugend voller Stolz für überzeugte Antisemiten erklärten. Und wieviele mögen diese Überzeugung noch immer oder gar schon wieder hegen, als Bekenner oder - viel öfter - in heimlicher Feindseligkeit. Solange in Deutschland nicht debattiert wird, was Antisemismus heißt, wie wir mit ihm umgehen, wie ernst wir ihn nehmen, ist der Begriff so unbestimmt wie die Wendung "Kritik an Israel". Etwas kritisch zu hinterfragen hieß in meiner Jugend noch: argumentative Auseinandersetzung mit Angelegenheiten, die einem als bis dato als selbstverständliche Gewissheit ausgegeben worden waren. Klar, dass manche Interessierte dies auch auf den Holocaust anwenden wollten, den es angeblich nie gegeben hätte - die gefilmten Leichenberge in Auschwitz seien in Wahrheit Opfer der Bombenangriffe auf Dresden gewesen, hieß es beispielsweise. Leugnen ist nicht mehr erlaubt, sondern eine Straftat. Aber die schiere Verkehrung eines Sachverhalts Am Deutschen EckAm Deutschen Eckins Gegenteil als "Kritik" zu bezeichnen, wäre wohl niemandem eingefallen. Und nichts war weniger selbstverständlich als Israel, das damals immer wieder als "künstliches Gebilde" (Klaus-Rainer Röhl) oder "geschichtslos" oder als prekäre Hinterlassenschaft englischer Besatzer bezeichnet wurde - nicht weniger künstlich als Baden-Württemberg, ein Werk englischer Besatzer wie Nordrhein-Westfalen. Was ist aber als "Kritik" an einem Staat zu verstehen, und wo beginnt die Hetze gegen die, die diesen Staat verkörpern? Gäben wir beispielsweise die Parole aus: "Das perfide Albion ist und bleibt der Erbfeind", ist das noch erlaubt? Wäre z. B. der Satz: "Die Atomstrom nutzende französische Nation, die keine internationale Kontrolle ihrer Nuklearanlagen zulässt, bedroht die Gesundheit deutscher Kinder" - jeder Satzteil spricht eine Tatsache aus -, wirklich als "Kritik" am Nachbarstaat zu verstehen, oder überschreitet er die Grenze zur Hetze? Zwingt Kritik nicht dazu, näher hinzusehen, Verantwortliche zu benennen, Argumente anzuführen, statt Ursache und Wirkung zu vermengen, Opfer und Täter in einer tückischen Rochade auszutauschen?

    Antisemitismus ist kein neues Phänomen, nur der Begriff dafür ist neu. Die "undeutsche Deutschheit und das unchristliche Christentum, die leider heute im Schwange sind", formulierte Karl August Varnhagen 1816. Und das richtet sich nicht gegen "irgendwen": Gemeinheit, NiedertrachtBank im Siegener Bunker und Mordlust toben sich, mal mehr, mal weniger offen, seit Jahrhunderten und heute noch immer vor allem gegen Juden aus, jedenfalls in Deutschland. Es gibt aber noch schlimmeres als Antisemitismus und Hetze. Viel schwerer als die militante Dumpfheit und Stammtischseligkeit, die das Gedicht von Günter Grass repräsentiert, auslöst und anfeuert, wiegt der Mangel an Empathie in seinen Zeilen. Dieser Mangel an Empathie fiel mir zuerst 1989 auf, als Grass allen Ernstes behauptete, wegen Auschwitz müsse Deutschland für immer und ewig geteilt bleiben, als gerechte Strafe für seine Schuld. Auch dies "eine Art Schadensabwicklung" (Habermas): könnten wir damit den Völkermord, den Zweiten Weltkrieg und die Zerstörung der eigenen Kultur abbüßen, dann, ja! dann soll doch die Mauer ein für allemal bleiben, dann wär es abgetan und ja nun bitte gut! Dass fast nur Ostdeutsche dies als Strafe erleben, fiel ihm nicht ein, noch konnte er dieses seltsame Urteil eines obersten namenlosen Weltgerichts, bei dem Grass als schweigsamer SS-Mann nicht einmal Kronzeuge war, erklären. Ob eine solche Gleichung wohl aufginge, die das eine - Teilung Deutschlands - mit dem anderen - die völlige Entrechtung und Ermordung u. a. von 6 Millionen Juden  - verrechnet? Aber welcher Lyriker wäre das, der sich nicht vorstellen kann, wie sich Holocaust-Überlebende fühlen mögen, wenn man dem Land, das ihnen Zuflucht bot, die Planung eines Völkermords unterschiebt? Und der mit keiner Silbe darauf eingeht, was die Kinder und Enkel derer bewegt, die damals wehrlos gewesen sind? Menschen, die in Israel leben, die wir einst vertrieben haben und die nie wieder mit Deutschland zu tun haben wollen, und denen man heute aus sicherer Distanz heraus, im Schutz der eigenen Bündnis- und Militärmacht, Pazifismus, Gewaltlosigkeit Schild aus dem Siegener Bunkerund heiligmäßiges Duldertum predigt, während Hamas und Hizbullah Bomben werfen (mit "selbstgebastelten", wie es in unserer - gottlob nicht gleichgeschalteten - Presse heißt, als wären die in einer Wellblechhütte aus Unkrautex und Zucker entstanden, während israelisches Militär grundsätzlich mit "Vergeltungsschlägen" gegen diese harmlosen "Bastler" vorgeht), während die Führung des Iran mit Auslöschung droht und noch niemand weiß, wie sich die neuen arabischen Reformbewegungen zu Israel verhalten werden. - Und dafür wären wir als Deutsche nicht mitverantwortlich? Doch, sind wir. Und bleiben wir.

    Ob nun der Nobelpreisträger je wieder als SPD-Wahlhelfer, eine Partei, der er "unkündbar verbunden" ist,nach Schleswig-Holstein einreisen darf (um die dröhnende Stille der judäischen Wüstezu übertönen), ob ihm gar noch durch den WDR-Journalisten Thomas Nehls (der zu allem Überfluss von einer jüdischen sowie einer deutsch-israelischen "Lobby" - who's who? - fabelte) ein zweiter Nobel-, und zwar der Friedensnobelpreis verliehen wird - immerhin hat sein einstiger Widersacher Winston Churchill "nur" den für Literatur bekommen, ob die frechen Studentenmescaleros aus Göttingen sein (noch nicht GG, aber G7-)Denkmal mit einer Ergänzung der Schrifttafel versehen, das kann mir ziemlich egal sein. Lassalle_GedenktafelIch war nie Grass-Fan, hielt ihn für einen miserablen Prosaisten von schmalem Wortschatz - jede seiner Übersetzungen dürfte besser sein als das Original - , wenn auch mitunter beachtlicher Erfindungsgabe. Für mich persönlich war er auch nie ein politischer Stichwortgeber oder gar moralisches Vorbild. Ein taz-Kommentator namens Jörg Magenau hat recht treffend analysiert, dass Grass als Typ und mit seinen politischen Ansichten viel besser in die Zeit des Kalten Krieges und der Ostverträge passte. Aber sein Nachleben dürfte er so ziemlich besiegelt haben - er wird fortan immer wieder mit diesem "Gedicht" zitiert werden, dessen Weltruhm von jetzt an Rättinnen, Schnecken, Butts und Blechtrommeln überstrahlt.


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