• Schamanenmusik


    schamanen-gesänge zur mongolischen maultrommel von dm_515444df18fb1

    Augenblicke, das gibt's. Auch Menschen, die sozusagen "im Augenblick leben". Aber Ohrenblicke? Schon schwieriger, weil man die Ohren so schlecht zumachen kann. Jedenfalls gibt es keine Ohrenlider, mancher mag es bedauern, wenn er das Pferdewiehern und Wolfsgeheul der Jakutischen Maultrommlerinnen hört.  Das Ensemble Ayakhhan pflegt die 3000 Jahre alte schamanische Tradition des Obertongesangs zur Khomis, der sibirischen Maultrommel. Ihr ist ein eigenes Khomis-Museum in Jakutsk gewidmet (Justinus Kerner hätte seine Freude daran gehabt). Die Chefin des Ensembles, Albina Degtijarewa (Bildmitte), hat das Instrument seit 1983 studiert und steht seit 1992 hauptberuflich auf der Bühne. In ihrer Heimat ist sie auch als Dichterin berühmt.  Für mich war das ein echter Ohrenblick, wenn ich an die seltsame, angespannte Stimmung in dem Saal zurückdenke. Es gingen auch Leute, die es nicht aushalten konnten, bei der ersten Gelegenheit raus (hab ich schon mal bei einem japanischen Gagaku-Hoforchester erlebt), und beinahe wurde der große Hund, den jemand mitgebracht hatte (Eintritt frei), bei den Obertönen unruhig. Er spitzte jedenfalls schon die Ohren und wollte schon mitjaulen, ließ sich aber von Frauchen wieder beruhigen.

    Mich durchrieselte es schauerlich bei dem wölfischen Geheul und Gezisch, dem Quellengeriesel und Vogelzwitschern, und der singende Oberton über dem Maultrommelgedröhn - die jeweiligen Zahnklangeisen hängen den Damen an den goldenen Kostümen herunter -  machte mir einen gräßlichen Spaß. Übrigens alles (mikrophonverstärkte) Natur, kein künstlicher Hall, keine Tonbaneinspielungen oder dergl. Ich hatte auch vorher genug Buttermilch getrunken - das Rauschgetränk der Schamanen, deren Götter dafür allerdings vergorene Pferdemilch nehmen. Daher auch die leicht psychodelischen Bildeffekte im Mittelteil, als es draußen schon dunkelte und die Aufnahmen nicht mehr scharf genug waren.

    Gmelin schreibt in seiner sibirischen Reisebeschreibung von 1736: "Die Jakuten nehmen zwey Wesen an, von deren einem alles Gute, und von dem anderen alles Böse herkomme. Jedes von diesen hat seine Familie, und manche ihrer Teufel haben Weib und Kinder. Die eine teufelische Familie schadet dem Viehe, die andere erwachsenen Menschen, die dritte den Kindern. Manche wohnen in der Luft, andere in der Erde. Eben so ist es mit ihren Göttern. Eine Gattung derselben sorget für das Vieh, eine andere für die Jagd, andere beschützen die Menschen u.s.w. alle aber wohnen sehr hoch in der Luft. Wenn ein Schaman einen Dieb angeben soll, so rufet er alle Teufel mit Namen, und fraget sie darum. Und weil die Teufel, wie sie sagen, zu bequem sind, zu ihm zu kommen, so suchet er sie selbst in ihren Jurten auf, die sich die Jakuten wie die ihrigen vorstellen. Wenn ein Jakute krank ist, so hat sich nach ihrer Meinung, der Teufel schon seiner Seele bemächtiget, so daß der Körper halb sterben muß, wenn er sie nicht zurück giebt. Ein Wolf, sagen sie, zeiget sich dem Hirten nicht von selbst, wenn er ein Schaf gestohlen hat. Eben so machet es auch der Teufel, der eine Seele weggeraubet hat. Wenn der Schaman auch alle Teufel mit Namen rufen wollte, so würde es doch keiner gestehen. Also muß er sich zu den Göttern wenden, welche die Menschen beschützen, und von ihnen den Namen des Räubers erfahren. Alsdann fährt der Schaman selbst zum Teufel, und handelt mit ihm, daß er die geraubte Seele wieder herausgiebt. Da die Teufel geizig sind, und mit allem fürlieb nehmen, so machet der Zauberer allerley Geschenke, Felle von Eichhörnern, Iltissen, Hermelin, fertig, und wenn er selbst Lust hat, ein Pferd zu verzehren, so verspricht er es dem Teufel. Stirbt der Kranke, so muß der Teufel mit dem, was er empfangen hat, zufrieden seyn. Wird er gesund so schlachtet man das versprochene Pferd. Und da kein Jakute ist, der nicht gern reich wäre, das ist, der sich nciht wünschete, daß sein Vieh gedeihen, seine Jagd glücklich seyn möchte, so kostet es ihn immer etwas, seinen Wunsch erfüllt zu sehen, und der Schaman ist allezeit das Werkzeug uind die Mittelsperson, die von den Göttern und Teufeln alles erhält.

    So bald das Frühjahr anfängt, so sammeln die Jakuten alle Pferdemilch zusammen, welche die Füllen entrathen können. Jede Familie bringt wenigstens zehen bis funfzehn Wiedro zusammen. Diese lassen sie gähren, wie die sibirischen Tartaren, Buräten und Tungusen diejenige, aus der sie Branntwein machen wollen. Wenn die gehörige Menge gesammlet ist, so wird der Schaman des Ortes eingeladen. Nach dessen Ankunft leget die ganze Familie ihre besten Kleider an, sonderlich putzen sie einen Knaben von zwölf bis funzehn Jahren aufs zierlichste. Der Schaman könnt in seinen gewöhnlichen Kleidern, und nicht in dem Ceremonienrocke, in welchem er sich den Teufeln zu zeigen pflegt, stellet sich mitten in die Jurte, das Gesicht gegen Morgen, nimmt in die linke Hand einen Topf mit gegohrener  Pferdemilch, in die rechte aber einen hölzernen Löffel. Die ganze Familie sitzt in einem Kreise, den jungen Menschen ausgenommen, der sich vor dem Schaman auf dem rechten Knie hält. Der Schaman ruft mit vielen Beugungen einen Gott nach dem andern, und so oft er einen nennet, sprützet er einen Löffel Milch in die Luft. Dieses heißt die Götter füttern, und sie sich dadurch zu Freunden machen. Weil aber der Schaman nicht weiß, ob die Götter an einem Trunke genug haben möchten, so wiederholet er eben dieses dreymal. Wenn der Zauberer glaubet, daß die Götter satt seyn mögen, so geht er mit der ganzen Gesellschaft aus der Jurte, die wieder um ihn einen Kreis schließt. Alsdann fängt er an, von der übrig gebliebenen Milch mit Andacht selbst zu trinken. Er kniet darzu nieder, und beugt sich vorher und nachdem er getrunken hat. Darauf reichet er den Topf dem jungen Menschen, der ihn kniend mit großer Ehrerbietung annimmt. Der thut einige Züge daraus, und reichet ihn hernach kniend, und mit vielen Beugungen einem jeden aus der Familie. Das geschieht so lange bis der Topf leer ist. Sie nehmen zu dieser Ceremonie keine andere, als Pferdemilch; denn ihre Götter mögen durchaus keine Kuhmilch haben. Die Trunkenheit machet diesem Feste, wie den meisten, ein Ende. Denn alle Pferdemilch muß ausgetrunken seyn, und so lange noch ein Tropfen da ist, geht niemand von der Stelle.

    Vor meiner Abreise hatte ich noch das Vergnügen, die Gaukeleyen eines tungusischen Schaman aus dieser Gegend zu sehen. Er führete uns in der Nacht um zehen Uhr auf das Feld und zündete allda ein großes Feuer an, um welches herum wir uns in einem Kreise setzen mußten. Er zog sich nackend aus, und seinen ledernen Schamansrock an, welcher mit allerley Eisenwerke behänget war. Auf jeder Schulter stund ein eisernes zackichtes Horn, damit der Anblick noch schrecklicher wurde. Er hatte keine Trommel, weil ihn der Teufel, wie er sagete, noch nicht Befehl gegeben, sich einer zu bedienen; und dieses thut er nicht eher, als bis er mit dem Schaman recht vertraut umzugehen entschlossen ist. und zwar ist es der oberste der Teufel, der solches anbefehlen muß. Denn diese Leute glauben an einer Hierarchie der Teufel, deren einige sehr mächtig, andere nur schwach sind. Ein jeder Schaman hat die seinigen, und wer ihrer die meisten hat, der vermag am meisten. Ein ganzes Heer kleiner Teufel soll nicht so viel Vermögen besitzen als in dem kleinen Finger des obersten Teufels stecket. Dieß war der Eingang, womit der tungusische Zauberer seine Künste anfieng. Hernach lief er innerhalb des Kreises, den wir bildeten, und stimmte durch das Rasseln seines Eisenwerks eine höllische Musik dazu an... Er fieng endlich an zu singen und zu schreyen, und bald darauf höreten wir Stimmen, die einen Choral mit ihm macheten. Er hatte ein Paar von seinen Spießgesellen mit sich gebracht, die sich in unsern Kreis eingeschlichen hatten und mit ihm sangen, damit der Teufel es besser hören möchte."

    Von wegen, "ein Paar von seinen Spießgesellen... eingeschlichen", die hätten dann ja vielleicht gar nicht den richtigen Teufel ansprechen können, nach der Einleitung "ein jeder hat die seinigen". Ich bin ziemlich sicher, der gute Johann Georg Gmelin (1709-1755) hat zweistimmigen Obertongesang gehört, und zwar vermutlich unterstützt durch die Maultrommel, die der Schamane als "Eisen" an den Kleidern hängen hatte, denn mit unterstützung der geschlagenen Maultrommel als Grundton und Rhythmusgeber kann ein Einzelner durchaus mehrstimmig  für den Teufel singen, wie die Schamanen-Damen oben im Film beweisen!


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  • Commentaires

    1
    Kornelia
    Vendredi 3 Mai 2013 à 15:17

    Sehr spannend ist es, zusammen mit dem Ton, die detaillierten Reisebeschreibungen zu lesen.

    2
    Cathrin
    Jeudi 16 Mai 2013 à 20:18

    Da bekommt man Lust auf eine Life-Reise nach Mongolia - die Musik passt sicher auch besser in die mongolische STeppe als auf eine deutsche Bühne - alleine die Vision, dort zu sein, macht schon Spaß. Mundtrommelspielen ist übrigens nicht gut für die Zähne (Schläge un Vibrationen), aber gut für die Kiefermuskulatur.

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