• Gestern meinte die Sonne es endlich mal gut mit uns und schien nicht nur zu scheinen, sondern blieb ganztägig dabei. Morgens schon war es bei meiner Frühgymnastik trocken geblieben (dafür hatten über Nacht drei Riesenpilze am Schilderpfahl das Licht der Welt erblickt), Kornelia nutzte die Gunst der Stunde nach dem Frühstück für ihre Walking-Runde (haha, reimt sich) und kam mit einer Mittagsvesper wieder, dann suchten wir die bombastische Trainingsanlage mit 20 Stationen im Schloss-Aktiv-Park auf, absolvierten die Module "Aufwärmen", "Lockerung", etc. etc., aber nicht "Ausdauer", denn wir hatten ja noch das Kneipp-Wadenbad (auf den innerörtlichen Wegweisern "Tretanlage" genannt) und die kreisförmige Fußreflex-Zone nebst anschließendem Besuch im Naturfreibad vor uns. Die sogenannte 4fcircle-Anlage wurde aus Mitteln des Konjunkturpakets I der Bundesregierung errichtet und erst neulich am 30. Juni eröffnet. Den Basisplan eines solchen sportiven Themenparks kann man sich hier ansehen. Am schwersten fällt mir das Modul "Koordination", da soll man u. a. auf einem Seil balancieren oder von einem wackeligen Teller aus, der auf einer Art Feder platziert ist, Bälle in einen Korb werfen. Mein Gott, dieser Ort ist so sportlich, daß es am 6. Juni dieses Jahres sogar eine Sportlerwallfahrt gab, siehe Bild!Nach dem Crash...

    Macht aber nichts, man kann sich ja immer noch um ein paar Jahre jünger machen, wenn man nur ein wenig übt, siehe Goethes "Der Mann von funfzig Jahren". Jedenfalls balanciere ich schon bedeutend besser als beim ersten Mal, und auch das Springen über Punkte, die im boden eingezeichnet sind, oder das Fortbewegen im "Pedalator" will immer besser gelingen. Was den Fußreflexzonen-Parcours über "Stock und Stein", dh. Pflasterung, klitzekleine wehtuende Steinchen, gröberen Kies, Holzbalken, Holzscheiben, weiche Baumrinde usw. betrifft, erklärte eine einheimische Dame, die wir mit zwei Enkelkindern im Wadenbad antrafen, diese Anwendung für "Schmarren", sie ging aber trotzdem barfuß dort herum und wir auch, weil's dann hinterher so schön an den Beinen kribbelt. Für die perfekte fußläufige Selbsterfahrung fehlen allerdings noch "Kohlenglutbereich zum Feuerlaufen", ´"Stoppelfelder", "Stillgelegte Vorort-Bahngleise" "Autobahnzubringer-Asphalt für gesundheitsbewusste Trampreisende",  "New Yorker Broadwaypflaster mit Kaugummiresten".

    Nach ausgiebiger Pause am Entenpfuhl (schwarze Enten gibts auch, mit weißem Brustfleck und schwarzen Schnäbeln, und einem halbstarken, herumpöbelnden Blesshuhn gelang es, ein paar harmlose Enten aus seinem Revier zu verscheuchen) begaben wir uns schließlich zum kostenlosen Badevergnügen im Grönenbacher Naturfreibad "Clevers", das wohl von dem gleichnamigen, am Ufer des Dorfteichs gelegenen, supermondänen Kneipp-Sanatorium (mit)betrieben wird, eigentlich ist ein Förderverein verantwortlich, aber die benachbarte Minigolfanlage heißt ebenfalls Bad Clevers wie das Hotel. Der Naturteich sieht so aus, als hätte die Dorfjugend hier noch vor zehn, zwanzig Jahren ungestört umsonst baden können - gilt wohl immer noch, außer an Wochenenden, jedenfalls verlangte man heute von uns nichts. Alles schick mit Umkleide, WCs, Duschen innen und außen, Springturm mit Einser und Dreier, Kinder-Nichtschwimmerbecken, frei herumtragbaren Liegestühlen etc. ausgestattet, auch mit Zugangstreppen, die allerdings ein bißchen glitschig sind. Ansonsten schwimmt man eben im Teich, es gibt eine komfortable Badeinsel in der Mitte, weiter links hinten auch Entengrütze, und: Das Schilfgelände darf aus Gründen des Natur- und Tierschutzes weder betreten noch befahren werden, als ich dieses Schild an einem Gitterzaun endlich schwimmend lesen konnte, erhob sich mit abschätzigen Schwingenschlägen ein Graureiher in die Lüfte und strich ab.

    mon blog retrouvé...Nachdem wir den Teich mit starken Stößen durchmessen hatten, war es Zeit, sich ein wenig in die Sonne zu legen und Volkskunde zu betreiben. Da war der Bademeister von der "Wasserwacht", der sich, schlank, braungebrannt und muskulös, Bauch, Rücken, Arme und Beine von seiner aschblonden schlaksigen Freundin gegen Sonnenbrand einkremen ließ. Anschließend machte er sich auf seiner Strandliege mit Extras (Klapptafel am oberen Ende, die das Gesicht gegen übertriebene Sonnenbestrahlung absichert) bequem und genoss eine Fußmassage. Den Rest des Nachmittags bis Punkt 18.00 verbrachte der Wasserwachtmeister mit Klönschnack mit seinen Kumpels, die ihre Abhängematten steuerbord anlegten, Rettungsaktionen für Ertrinkende fielen nicht vor, und er hob auch kaum den Kopf, um mal nach dem Rechten zu sehen. Da es an unserem Lagerplatz zu den Versorgungseinrichtungen der Badeanlage ging, wanderten alle Badegäste vorüber, die neu Einströmenden (viele waren's nicht), und die hungrig zum Ausgabeschalter von "Leo's Imbiß" Strebenden. Dort gab es außer Bier, das von unbehelligten Rauchern auf der Terrasse reichlich konsumiert wurden, der "Tasse" und dem "Haferl" Kaffee (das ohne Pfandgeld hergegeben wurde) ein Speiseangebot, das jetzt als Findelgedicht hergesetzt wird:

    Tellersülze
    mit Semmel

    Schweizer Wurstsalat
    mit Semmel

    Saurer Preßsack
    mit Semmel

    Currywurst
    mit Pommes frites oder Kartoffelsalat

    Schnitzel
    mit Pommes frites oder Kartoffelsalat

    Fleischküchle
    mit Pommes frites oder Kartoffelsalat

    Blechkuchen

    alle Sorten
    mit Sahne

    usw. usw.  - An unserem Platz wanderte tatsächlich eine in der hohlen Hand getragene Riesenportion Pommes vorbei. Als nächtes kam ein pickelnarbiger Rucksacktourist mit schulterlangem Grauhaar in Charles-Bukowski-Optik, mit Tigerfell-Badehose, in der Hand ein Cornetto (nein, ein "Mucki" Nuss von der Firma Schöller-Nestlé, die das Monopol über den hiesigen Schwimmanstaltenverzehr hält), das er unter der schattigen Weide vertilgte. Bei einem anderen Badegast lappte das Bauchfett eindrucksvoll über den Bund der Badehose, dass es ihn züchtig bedeckt hätte, wäre jener gerissen oder diese nicht vorhanden gewesen, und der steatopygische Achtersteven ragte raketenabschussbasis-ähnlich andererseits empor.

    Neben unserem Platz hatten sich drei junge, allesamt grazile Mädchen niedergelassen (die in Köln das Stadtbild prägende Moppelgestalt fehlt hier bei Kindern fast ganz), die später auch eine geteilte Luftmatraze aufbliesen. Die älteste war wohl zwölf, dreizehn Jahre alt und hieß Dodo, von ihre jüngeren Gespielinnen hieß die eine Amelie, den Namen der Dritten verstand ich nicht wegen des Dialekts, vielleicht "Birte". Jedenfalls fiel mir auf, dass diese recht sportlichen und jedenfalls schwimmkundigen Jungdamen, bevor sie ins Wasser gingen, erst mal ein paar Runden "Stein, Schere, Papier" spielten (zu meiner Zeit auch als "Schnick, schnack, schnuck" bekannt) - wohl um auszulosen, wer von ihnen als erster ins kalte Nass steigen werde. Mich wunderte das ein wenig, denn in meiner Jugend rannte man entweder voraus, um "Erster!" zu sein, oder schubste einander hinein, oder blieb halt bibbernd und zagend zurück, um sich "Memme" und "wasserscheu" titulieren zu lassen. Ich hätte meine Aufmerksamkeit auch längst anderen Gegenständen zugewandt, wäre da nicht eine Dreiergruppe von wesentlich kleineren Dreikäsehochs erschienen - der dicke Kevin als Anführer, ihm hing der NATO-grüne Bundeswehrrucksack seines Vaters oder älteren Bruders deutlich in den Kniekehlen, ein schmächtigerer Junge und ein kleines Mädchen mit pinkfarbener Schultasche auf dem Rücken. Als die an der Treppe anlangten, ging die Knobelei von vorne los, und dauerte eine geschlagene Viertelstunde. Schließlich kamen noch die zwei vorher isoliert herumgeisternden Mädchen dazu und spielten das "Schere, Stein, Papier"-Nullsummenspiel mit. Uns war es längst zu heiß geworden und wir schwammen bereits im Teich, als wir die Rasselbande noch immer knobeln hörten, ohne dass irgendwer von den Kiddies auch nur mit dem linken großen Zeh die Wasseroberfläche berührt hätte. Es dauerte noch geraume Zeit, bis die drei den Sprungturm erklommen hatten, dort aber, anstatt zu springen, allerlei Wipp-Gymnastik ausführten. Endlich, nach einer Stunde, hatten die drei ihre Schwimmhilfen ausgepackt und warfen diese ins Wasser, um vom Rand des Springturms hinterher- und draufzuspringen. Da waren sie endlich drin!

    Vom Schwimmen im Grönenbach bzw -teich ist nicht viel zu sagen; an der Oberfläche war das Wasser angenehm, unterschwellig kamen kühlere Strömungen an, die auf guten Austausch schließen lassen, und jedenfalls hat man gut zu tun und entgeht der Gefahr des unverbindlichen Herumplantschens, wie sonst in Wellnessbädern. Auf dem Rücken schwimmen kann man jedenfalls ohne Ende und läuft nicht Gefahr, anzuecken - außer uns waren höchstens fünf bis sechs Erwachsene im Nichtschwimmerteich. Eine russische Familie hatte sich in der Nähe von uns Platz gesucht, die Herren der Schöpfung gingen auch mal ins Wasser, und der Wasserwart bevölkerte kurzzeitig mit seiner Blondine und seinen Kumpels die blaue Schwimminsel. Ein fiedriges Jung-Blesshuhn rödelte fiepend auf dem Teich, als hätte es die Mutter verloren, und tatsächlich kam ein großes, lauter trötendes Blesshuhn herangepfeilt - aber nicht so ein Rüpel wie am Entenpfuhl an der Kneipp-"Tretanlage" - , worauf für eine Weile Stille herrschte. Sonst war praktisch nichts los.

    Im Laufe des Nachmittags hörten und sahen wir noch andere Kinder "Schere, Stein, Papier" spielen, wobei mir klar wurde, erstens, dass es das Saisonvergnügen der hiesigen Jugend sein muss (und nicht etwa nur der wasserscheuen), zweitens, dass sich die Regeln inzwischen verändert haben. Die beiden etwa achtjährigen Mädchen, die wir beobachteten (und die übrigens gar nicht ins Wasser gingen, sondern nach Art der Franzosen, angetan mit Taucherbrille und mit Köcher und Eimerchen bewaffnet, vergebens am Ufer auf und ab spazierten, um Elritzen oder andere Fischli zu fangen - die Kleine von den Russen rechts von uns wollte es ihnen gleichtun, hatte aber nur eine Plastiktüte statt eines Köchers), diese Mädchen also machten ganz merkwürdige, mir fremde Gesten, eine hingestreckte hohle Faust beispielsweise oder die nach oben zeigende, mit den Fingern grabbelnde Tellerhand. Später erfuhr ich aus wikipedia, daß es sich hier um die Symbole "Brunnen" und "Feuer" handeln dürfte, die man wohl eingeführt hat, um die zum "Patt" führenden gleichartigen Gesten zu vermeiden: Papier deckt den Brunnen ab, aber Stein und Schere können hineinfallen (hörte ich das eine dem anderen Kind erklären); Feuer verzehrt Papier, nicht aber Schere und Stein.

    Nach dem Crash...

    Ein weiteres Zeichen - die Grabbelfinger des Handtellers von oben gehalten - könnte "Wasser" bedeuten (höhlt den Stein und lässt Scheren rosten), aber da bin ich mir nicht sicher, und vollends rätselhaft ist mir, dass eines der Mädchen die Hände an den Handgelenken aneinander legte und die beiden Handteller schmetterlingsartig nach außen spreizte. Wer dies liest und Bescheid weiß, was es bedeutet, bitte melden! Auf dieser ChaosZone-Webseite finden sich übrigens noch zahlreiche weitere Kombinationen - ich glaube, ich bleibe aber bei meiner guten alten Dreierregel, die Schachfiguren wird man ja auch hoffentlich nicht plötzlich durch Neu-Figuren wie "Amazone", "Partisan", "Kampfdogge", "Embedded Journalist" und "Gulaschkanone" ergänzen...

    Wir amüsierten und dann noch sehr über unsere drei Nachbarinnen, die entschlossen waren, die Luftmatraze (die danach jedesmal sorgfältig getrocknet, ja abgerubbelt werden musste) ohne dabei zu kentern, zu dritt zu belegen, vom Treppenrand des Teichufers abzustoßen und sich drei Meter weiter an der Nichtschwimmer-Schnur entlangzuhangeln. Der kleinen Amelie, deren Vater das Teil wohl murrend und stirnrunzelnd ausgeborgt hatte, war eingeschärft worden, die Luftmatraze nicht im Schwimmerbereich zu benutzen - fürchtete man, sie könne in die verbotene Schilfzone abdriften? Dauernd hörten wir es tuscheln: "Wenn dein Vater das erlaubt..." Zwischendurch hatten die Mädels natürlich auch endlos Haare zu kämmen und große Mengen von Speiseeis zu verzehren, wobei ihnen ein leicht debil wirkender Mann mit weißem Hut und T-Shirt, der in Bad Grönenbach möglicherweise die Rolle des Dorfnarren einnimmt, Gesellschaft leistete. Und dann wurde es auch schon Abend, die Sonnenglut verlor an Kraft, wir zogen uns fröstelnd an, Kornelia wollte noch "Gnocchi" besorgen, damit wir den Gorgonzola aufbrauchen, und brachte statt dessen Schupfnudeln aus dem Nettomarkt mit (siehe Karinkornelias Karyatiden-Blog), produits de la région, die es genauso gut taten (ebenfalls aus Kartoffelteig).


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  • Wir schreiben das Jahr 2010, für die Welt das Internationale Jahr der Biodiversität, für Europa das Europäische Jahr der indigenen Völker, für die christlichen Kirchen und Organisationen das Jahr der Stille und für zu Hause das Jahr der Hausgeburt. Bloß hier im Allgäu feiern wir das Internationale Karl Joseph Riepp Jahr, aber nicht nur in Ottobeuren, sondern auch in Eldern und Salem, in Besançon und Karlsruhe, in Bordeaux und Dijon. Es gibt Orgelreisen zum 300jährigen Geburtstag, Symposien, Konzerte und Lichtbildervorträge über sein Wirken in der Bourgogne mit anschließendem Glas Wein. Der 1710 als Mesnerssohn zu Eldern geborene Meister brachte es nämlich auch als Weinhändler zu erheblichem Wohlstand, das war sein zweites Standbein neben der Orgelbaukunst - in Salem baute er die mit 125 Registern auf vier Orgelwerken weltweit größte Anlage seiner Zeit, und - seltener Glücksfall - die beiden Chororgeln in der Basilika des Benediktinerklosters zu Ottobeuren, 10 km von hier, blieben seit  dem Bau 1754-1766 weitgehend unverändert. "...in der That aber sein Sie gestimbt und intonirt", äußerte der Konstrukteur über sein Werk, "wan man Bössere findet in heurope, will ich nour hänsle haissen." Er hieß aber weiterhin Karl, nach 1747 sicher auch Charles, nämlich in der Urkunde über das französische Staatsbürgerrecht, das ihm Ludwig XV. verlieh. Gehört haben wir seine Orgel noch nicht, aber das Klostermuseum von Ottobeuren zeigt sein Porträt sowie das seines Bruders Rupert, der ebenfalls Franzose wurde.

    Nach dem Crash...Denn nach sonnigem Vormittag, von Kornelia für eine Southic-Walking-Tour genutzt, mit anschließendem Zirkeltraining auf den nagelneuen Spielgeräten im grünen Tal von Grönenbach plus Kneippschem Fußbad, zog sich der Himmel leider wieder zu und schüttete Gießkannen mit Regenwasser aus. Um uns nicht im Book Crossing Point mit irene Dische, Jean-Paul Sartre, Axel Hacke und Pascal Mercier herumzuöden, rafften wir uns trotz Muskelkater von gestern auf und fuhren ins benachbarte Ottobeuren. Das 764 gegründete Kloster ist praktisch zweigeteilt und steht daher aks einziges im Süden Deutschlands für Besucher offen, man darf richtig rein, ohne Anmeldung am Aquarium des Pförtners vorbei, bei freiem Eintritt (außer im Museumsbereich), kann sich in aller Ruhe umgucken, zum Beispiel in die nebenstehenden Flure wandern, die an die Uffizien erinnern und wo nicht bloß Heilige, Evangelisten und Kirchenväter, sondern auch Bacchus und Minerva, Fortuna und Julian Apostata abkonterfeit sind. Das Kloster mit seiner Basilika ist schon von außen eine eindrucksvolle Erscheinung, wegen der hübschen Farbgebung der "Scheinarchitektur" auf den Mauern: was anderswo Granitblöcke zuwege bringen, ist hier auf die Fassade gemalt, und das setzt sich auch im Innern fort. Der Ostteil des Klosters gehört den Mönchen, der Westteil diente der Verwaltung der weltlichen Güter - das sog. Reichsstift beherrschte außer Ottobeuren 27 Dörfer in der Nachbarschaft. In der Chronik der Benediktinerabtei findet sich das denkwürdige Datum 1212, da heißt es: "Die Schutzvogtei gelangt nach dem Tod des Markgrafen Berthold von Ronsberg an Graf Gottfried von Marstetten. Das Kloster erzwingt die Übergabe an Kaiser Friedrich II." - Von diesem Marstetten heißt es in einer Allgäuer Heimat-Webseite: " Derselbe Graf Gottfried ...mußte aber, um diese Vogtei zu behaupten, diesem Kloster 1213 den beträchtlichen Weiler Helchenried bei Mindelheim abtreten..." Die Möche waren entschlussfreudige Manager, wie es scheint. Als reichsunmittelbares Kloster hatten sie einen reichen Reliquienfundus, der aus Köln stammte, und verteilten die gnadenbringenden Knöchelchen an 77 Orte in Schwaben; sie gründeten eine Druckerei, die der Humanist Nikolaus Ellenbogen leitete, wurden 1541 eine "Öffentliche Lehranstalt für orientalische Sprachen" und kurzzeitig 1543/44 eine Schwäbische Benediktiner-Universität ("verlegt nach Elchingen und untergegangen im Schmalkaldischen Krieg") und gründeten eine solche 1622 in Salzburg, später exportierten die hiesigen Benediktiner auch Gründungen in Vorarlberg und Liechtenstein. Unter Abt Rupert II. Ness wurde 1721 der Bau in heutiger Gestalt vollendet. Die drei P notierte der Abt am 10. Juni 1727: "Pecunia, patientia, prudentia", Geld, Geduld und Klugheit seien die drei Elemente, mit welchen man bauen muss.

    Nachdem auch hier 1803 die Bayern für die "Aufhebung und Enteignung des Reichsstiftes" gesorgt hatten ("1806 wurde der Kaisersaal mit Kriegsgefangenen belegt und schwer beschädigt. Die im Kloster zurückgebliebenen Mönche versuchten zu retten und zu erhalten, was möglich war"), bemühte man sich beim Wiener Kongress vergebens um die Wiederherstellung, erst 1834 unter König Ludwig I. konnten erstmals wieder, allerdings nur als "abhängiges Priorat der Abtei St. Stephan - Augsburg" Mönche hier ansiedeln (heute sind es 22), das Museum wurde 1881 eröffnet.

    Nach dem Crash...

    Im Museum sahen wir dann zahlreiche Kunstschätze, teils Originale, die aus der Basilika stammten, teils Sammelgut, teils Leihgaben aus den Staatlichen Galerien Bayerns, schöne mittelalterliche Sachen aus dem Fundus sozusagen. Dann die Prunk- und Empfangszimmer des Fürstabtes, der keinen Luxus scheute, um den weltlichen Machthabern demonstrativen Konsum vorzuleben, aber auch ein nettes Apothekerschränkchen ebenfalls mit aufgemalter "Scheinarchitektur". Von Nikolaus Ellenbogen aus Biberach, einem Humanisten "trilingius" (Hebräisch, Griechisch und Latein beherrschend) erfuhren wir, daß er mit Erasmus und Reuchlin im Briefwechsel stand und - dem Vorbild seines Vaters Ulrich folgend - Medizin in Krakau, Montpellier und Heidelberg studiert hatte. Den 18. März 1481 geboren, wirkte er von 1504 bis 1543 in dem Kloster Ottobeuren und gründete neben der Lehranstalt für Orientalistik auch die Druckerei, die "Officina Ottinpurrhana", die allerdings 1525 vom aufständischen Memminger Bauernhaufen bei der Plünderung des Klosters zerstört worden ist. Kein Wunder, denn aus dieser Druckerei gingen keine reformatorischen Schriften hervor, wenn auch die Klosterbibliothek mit der Mineravgestalt in der Mitte ein Exemplar von Luthers Thesen aufbewahrt. Bei der Plünderung gingen neben Vorarbeiten zu einer Ausgabe der medizinischen Schriften seines Vaters auch viele Ellenbogenschen Briefe zugrunde, einen Teil bewahrt die Colbertinische Bibliothek in Paris auf. "Lese und sei stark!" riet Nikolaus Ellenbogen in einem seiner Ad-lectorem-Vorworte. In dem ihm gewidmeten Teil des Museums sahen wir gerahmte Einblattdrucke mit Spitzkolumnen, die offenbar als Hilfe beim Beten dienten:

    EXHORTATIO
    vt non sina gratia
    sumactione ad
    mensam acce
    damus aut
    ab ea sur
    gam.

    (Eine Erinnerung, nicht ohne Tischgebet an den Esstisch zu treten)

    NI
    HIL
    dei fer
    uis odiosi
    tate peius

    (Nichts ist Gott so sehr verhasst wie das Schlechtere)

    Eine Sehenswürdigkeit ist auch das in die gelehrte Klosterwelt eingelassene Barockbühne mit einer Zuschauer-Empore, leider nicht mehr vollständig mit allem Dekor zu sehen, aber mit Apoll als Beschützer der Tragödie, das Glücksrad der Fortuna an der Hand, und mit Pallas Athene als Beschützerin der Komödie. Im 17. Jahrhundert gehörte es zum Schulbetrieb, vielleicht auch zur kulturellen Ertüchtigung der Benediktinermönche, wöchentlich Deklamationen und "Streitübungen" vorzuführen. Am Ende des Schuljahres kam dazu noch die von Schülern aufzuführende "Endkomoedie", deren Drehbuch in lateinischer Sprache von den Lehrern verfasst wurde. Um 1621 wird ein gewisser Benedikt in der Salzburger Filiale des Klosters als "erster Pater Comicus" bezeichnet. Als Kulissen gab es hier in Ottobeuren "Zwei Wellbäume" sowie "12 Veränderungen und Kulissen" (ob diese noch vorhanden seien, konnte uns der Aufseher leider nicht sagen). 1726 wurde unter Arbogast Thalheimer "Die wiedererwiesene Unschuld der Eudoxia" aufgeführt, wobei man auf folgende Kulissen zurückgreifen konnte:

    1. Eine Ruine
    2. Ein Saal
    3. Ein Zimmer
    4. Ein Kabinet
    5. Ein Tempel
    6. Ein Wald
    7. Eine Gasse
    8. Eine Stadt
    9. Eine Landschaft
    10. Ein Gefängnis
    11. Die Nacht
    12. Ein Garten
    13. Hohes Gebirge
    14. Ein Meerhafen
    15. Ein Zimmerschluss
    16. Ein Theatersaal

    (Letzteren für das Stück im Stück gewissermaßen, wie in Shakespeares Sommernachtstraum.) Man schloss uns dann noch ein Kabinett auf, das "Krippenfiguren" enthalten sollte - in Wahrheit gab es außer diesen eine ganze Szenenfolge köstlicher Puppenvitrinen, die Schreinerei des Klosters beispielsweise und die Bibliothek mit naturgetreuen Miniatur-Folianten, den Garten, eine Hochzeit zu Kanaan, und in der Mitte noch eien Vitrine mit Damen (!)-Wäsche in der Tracht des 17. Jahrhunderts, in Originalgröße bzw. -kleine, darunter den Schnürleib eines Dirndl mit metallverstärkten Verschlüssen, wer mag den im Kloster liegengelassen haben?

    Nach dem Crash...

    Die anschließende Besichtigung der Basilika führte uns dann in ein fröhliches Engelsgewimmel, das einen leicht schwindlig werden ließ. Fotos des oberschwäbischen Frommgeflügels stellt der Fotograf Wilfried Edelmann unter dem Titel "Engelskinder in Schwaben" vom 20. Juni bis zum 3. Oktober in Schloss Höchstädt aus - zum Rahmenprogramm gehört auch ein Workshop für "Gipsherstellung und -gießen von Putten/Engel, nacharbeiten, bemalen bzw. bronzieren". Wir sahen in der Kirche einen weiteren Fotografen, mit dem wir ein paar Worte wechselten - er arbeite im Auftrag der Abtei und sei aus Potsdam und müsse wahnsinnig schnell einpacken, weil um 18.30 die Abendvesper beginne, und dabeidürfe er auf keinen Fall stören. Eine instruktive und gut bebilderte Darstellung der Barockelemente der Basilika findet sich auf der homepage der Familie Seyfert aus Aalen. Mir war jedenfalls einigermaßen belämmert nach dem vielen Barockzeugs und während Kornelia  eigentlich gern noch den Benediktinerkult observiert hätte, freute ich mich, hinaus in den Abend zu treten, wo sich  der Himmel hinter dem abendschein-beleuchteten Kloster geradezu endzeitlich verfinsterte und ein bombastisches Barockbühnenbild abgab. Wir besorgten uns dann noch vom Jacobimarkt türkischen Vorspeisenquark, gebratene Zucchini und Auberginen, die wir abends zu Lammkoteletts vom hiesigen Metzger ("aus eigener Zucht") verspeisten.


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  • Heute gibt es Spaghetti Fungi, das heißt gab - nach einem über achtstündigen Spaziergang durch Wald und Feld ist mein Appetit natürlich eine dampfende Schüssel wert, und einen zweiten Teller habe ich auch nicht verschmäht. Die Spaghetti waren köstlich, den Grano Padano hatten wir uns grade auf den Allgäuer Gartentagen an einem Stand besorgt, und die Funghi waren fresco della silva d'Algovia - wir haben sie uns selber vom Spaziergang mitgebracht. (Äh - falls dieser Blog morgen nichts neues bietet und übermorgen und überübermorgen und überhaupt still bleibt, lohnt es sich, die Notrufzentrale zu alarmieren und einen Lebensmittelchemiker mit schwerem Magenauspumpgerät in den book crossers point von Bad Grönenbach zu bestellen...).

    Nach dem Crash...Aber keine Sorge, wir haben unser letztes Glas Wein tapfer hinuntergespült und uns gegenseitig versichert, falls es ein Jenseits gibt, dort als erstes jeweils nach dem Aufenthaltsort des anderen zu fragen. Beide haben wir schon früher Pilze gesucht, ich hab mir schon selbstgesammelte Pilzomelettes bereitet (die Eier hab ich beim Habicht aus dem Nest geklaubt), als Tschernobyl noch ein todsicheres Atomkraftwerk war. Außerdem haben wir bis auf einen winzigen klingelknopfgroßen Jungbovist (die sind sehr lecker, zB. in Butter gedünstet, bevor sie sich zum stinkenden Penis auswachsen, sie dürfen noch nicht stauben)  ausschließlich Röhrlinge gesammelt, und mit denen kann man praktisch gar nicht scheitern. Außerdem habe ich immer ein Taschenmesser dabei und schneide sie natürlich ein Stück über dem Fuß ab, um das Nachwachsen zu ermöglichen. Es gab noch massenhaft andere Schirmpilze, grünlich, gräulich, bräunlich, geschuppt, mit Lamellen, mit und ohne Kranz um den Fuß, die wir allesamt stehenließen, auch den von Kornelia für schmackhaft erklärten knallorangefarbenen "Kaiserbart". Außerdem haben wir streng drauf geachtet, ob einer unserer Pilze angebissen wurde (die von den Würmern ausgesuchten sind ja die schmackhaftesten, haha) und irgendwelches Getier leblos und mit starrem Blick in der Gegend herumlag. Transportiert wurde das Ganze in einer atmungsaktiven Stofftasche.

    Kornelia hatte den bereits zu Anfang der Tour sichergestellten Fund einer handtellergroßen Bienenwabe in einer der Brötchentüten gesichert. Das schöne Mitbringsel wollte sie erst verschenken, dann selber zu Papier verarbeiten, unglaublich - aber sie meint, das gebe schöne "Einschlüsse". Ich würde es aufheben, säubern und mit Kunsthonig füllen, als Gag, versteht sich. Der Allgäu als das Land, wo H-Milch und Kunsthonig fließen.

    Statt solcher biblischer Leckereien - auch die reichlich gesichteten Heuschrecken ließen wir weg - hatten wir gefüllte Teekannen, weitere Brötchen und zwei Müsliriegel mit, so daß wir irgendwann im Wald an einer sonnenbeschienenen Stelle eine schöne Brotzeit eingelegt haben. Das war auch nötig, denn die feuchte Witterung der letzten Tage macht sich bei mir als Rheuma im linken großen Zeh bemerkbar (manchmal auf den rechten wechselnd). Gleich anfangs hatten wir auf einer Almwiese eine verlassene Zeltstadt gefunden, die rund hundert Jugendliche gefasst haben dürfte, in der Nacht hatte man im Allgäu drei Zeltlager geräumt, wie der Presse zu entnehmen war. Einige der Zelte standen noch voll Wasser, traurig für die jungen Leute, die man wohl beim Roten Kreuz in Memmingen untergebracht und warm eingekleidet hat. Der Bauer nahm das Ende einer Freizeitfahrt zum willkommenen Anlass, seine Felder endlich mit Gülle zu besprengen.

    Unser Weg führte unter anderem zur Burgruine Rothenstein, die zwar nicht ganz leicht zugänglich ist, weil ein Anrainer wohl nicht wünscht, dass Fremde über seinen Parkplatz wandern, und die sich auch sonst als desolates Durcheinander von Mauerteilen und Hügelchen darbietet. Um die Burg stritten sich die angeblich Erbberechtigten derer zu Rothenstein, deren knickerige Verwandten das Objekt 1482 an die Pappenheimer verkauft hatten, nach kurzem Nachbarschaftskrieg (1482 Umrüstung der Burg gegen Artilleriebeschuss der Vorbesitzer) war die Rothensteinburg 1508 wieder in den Händen der Rothenstein-Angehörigen, die sie sechs Jahre später kurzerhand nochmal an die Pappenheimers verkauften. Echtes Raubrittertum! Gegen Ende des 30jährigen Krieges, 1646, quartierte sich hier der Feldmarschall Wrangel ein, der in schwedischen Diensten stand und seine Pappenheimer kannte - aber dann übernahm das Fürstbistum Kempten die Anlage, deren Zwingherrschaft sich manche der Hiesigen wohl zurückwünschen. Auf einer Informationstafel heißt es bezeichnenderweise: "Die mit der Säkularisation verbundene Annexion 1803 durch den Bayerischen Staat führte auch hier zur Vernachlässigung des Baues, der am 19. März 1873 infolge eines Erdrutsches an der Nordseite zusammen stürzte." Auch hier Vernachlässigung durch die Bayern? Schon auf dem hohen Schloss von Bad Grönenbach findet sich so ein giftiger Kommentar, wonach man in Bayern 1803 auf dem Schloss ein Bayrisches Amtsgericht eingerichtet habe, so als wäre das irgendwas Ehrenrühriges wie die während der Französischen Revolution zu Pferdeställen umfunktionierten Kirchen, über die sich noch heute alle Reiseführer ereifern. Hat Gott etwa nicht auch die Pferde geliebt? Der vollständige Text der Tafel findet sich übrigens hier - allerdings hat man bereits korrigiert, dass es sich bei der Ruine um eine Wasserburg gehandelt habe (am Ort steht das noch zu lesen), sie liegt dazu viel zu hoch, und weit und breit ist kein Graben zu sehen, der Wasser führen könnte.

    Wir wanderten anschließend noch weiter aus der Landkarte heraus zum hiesigen Naturfreundehaus, wo grade frische Linksgesinnte aus Augsburg eingetroffen waren (mit dem Auto, typisch), und besichtigten die Illerschleife, die durch einen Berggletscher entstanden sein soll. Auf den Landkarten sieht sie wie ein überfüllter Dickdarm aus, auch für das Bild kann ich leider nur "Abbildung ähnlich" gewährleisten - vom Aussichtspunkt her sah man heute nämlich eine einzige braune Brühe, die eine gewaltige Halbinsel umspülte - vermutlich hat der Dauerregen der letzten Tage hier allerlei Schlamm abrutschen lassen. Bayerische Vernachlässigung!

    Illerschleife, vom Aussichtspunkt am Rothenstein gesehenHeute aber blieb das sonnige Wetter fast den ganzen Tag, es wurde immer heißer, wir warfen erst die Anoraks, dann die Jacken ab, zogen aber dadurch das Interesse bissiger Biester auf uns, weshalb wir uns dann züchtig wieder anzogen.

    Wir folgten dann dem Weg nach Rothmoos, als wir von den Pilzen überrascht wurden und uns daraufhin beglückt der Suche widmeten. Da wir keine Landkarte für diesen Teil des Gebiets unser eigen nennen und die Beschilderung - anders als bei den Wegen im 7-km-Umkreis von Bad Grönenbach - inzwischen zu wünschen übrig ließ, gingen wir dann einfach der Nase nach. An einem Feldrain fanden wir ein völlig neu aufgestelltes Heiligenbild aus Holz, das, wie eine Dame uns versicherte (ihr Mann war grade mit dem Bauern im Wald verschwunden, sie war beim Trecker geblieben) von ihrem Mann geschnitzt, bemalt und vor kurzem hier aufgestellt worden war. Noch wenige Wochen zuvor war es bei einem frommen Prozession auf einem Wagen herumgefahren worden, und man hatte es dem Museum angeboten, die wollten aber nur alte Sachen, hieß es, und so fand die Vierkantsäule hier neben einer Bank und einem älteren Wegekreuz einen Ehrenplatz am Waldrand. Es zeigt vorn zwischen einer entzückend flauschigen Allgäu-Kuh und einem etwas dilettantisch tänzelnden Pferdchen den Hl. Leonhard mit den zerbrochenen Handfesseln - "der is fürs Vieh gut", versicherte die Dame (wir sahen seine Reliquien bereits in der ihm eigenen Kapelle von Bad Tölz) -, zum Wald hin verherrlichte der Maler den Hl. Sebastian, nach rechts Gottvater und Jesus und nach links die "Maria Steinbach", kopiert nach dem wundertätigen Gnadenbild einer Wallfahrtskirche, deren Zwiebelturm man von diesem Standort aus sehen konnte - die besuchen wir ein andermal. Wir erfuhren dann noch von der Dame, sie käme von Landsberg am Lech ("des kennen Sie aber, ned?"), und ihr Mann, der aus der hiesigen Gegend stamme, habe praktisch "zu ihr hin g'heiratet" und müsse aber alle paar Wochenende wieder daher kimma, weil er so Sehnsucht nach seiner Heimat habe, so wär's halt.

    Nach weiteren gefühlten zwei Wanderstunden, bei denen uns eine Zeitlang zwei bis drei Bremsen ziemlich hartnäckig begleiten wollten (eine erlegte ich, nachdem sie mich dreimal erlegt hatten), nach Begegnungen mit glöckchenbehangenen Schafen und milde dreinblickenden Maultieren, nach vier Runden durch das grausam kalte Kneipp-Becken (Teenies beiderlei Geschlecht, die das gelegentlich auch machen, bringen es grade mal auf eine Runde!) und einer Armwaschung gegen meine Bremsenstiche im Armbecken nebst drei Runden barfuß über den Fußreflexzonenparcours stiefelten wir noch die steile Treppe zum Grönenbacher Schloss hinauf und besahen einige Stände des Allgäuer Gartentages (drei Euro Eintritt - gilt aber auch morgen noch).Allgäuer Gartentage Bad Grönenbach, Pressefoto


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  • "Nebel gehört zum alpinen Alltag", lautet eine stehende Redewendung meiner bergwandererprobten Gefährtin, im Moment jedenfalls darf ich wohl das Wort Nebel durch "Dauerregen" ersetzen, jedenfalls was das Voralpenland betrifft, am Alpenrand soll es aber noch schlimmer sein, da lehnt sich die Regenwolke tückisch an das ewige Gestein und lässt alles Nass, das sie mit sich führt, unter sich ab. Seit zwei Tagen hängen wir also im Regenloch und müssen uns anders als mit unseren bisherigen, hochfliegenden Kneipp-, Sport- und Wanderplänen beschäftigen. Gestern fuhren wir ins 25 km nahe Kempten, wo wir versuchten, nacheinander die Kunsthalle (geschlossen), die Allgäuer Kunstausstellung im Hofgartenpalais (noch nicht eröffnet), das Römermuseum (schließt in einer Viertelstunde) und das Allgäumuseum (schließt in fünf Minuten) zu besuchen. Wir hatten einfach zuviel Zeit in der Touri-Information vertrödelt, wo keiner uns sagen konnte, wo die Horst-Janssen-Ausstellung stattfindet (in Kaufbeuren statt in Kempten, aber sie sei längst vorbei - ist aber noch bis 30. Januar 2011 zu sehen, und in der Touri-Beratungsstelle von Kempten im Allgäu weiß man nichts davon!!!). Dann hatten wir noch den Hofgarten angeschaut und die Orangerie, in der heute die Stadtbücherei untergebracht ist (ein Bücherkarren mit Billig-Ramschexemplaren trug die Aufschrift "Vorwärts!" und wollte fotografiert werden). Das einzige, was wir angesichts der Museumsschließzeit 16.00 noch zu sehen bekamen, war die Residenz von außen und die Lorenzkirche von innen, die sich allerdings lohnte.

    Diese Lorenzkirche ist recht interessant, hochpolemischer Vollbarock mit goldrandiger Sahneschnitten-Stukkatur, wolkigem Trompe-l'oeuil-Marmor und ländlichen Szenen Barock in Kemptenim Chorgestühl, die ab 1692 eine Stukkateurin (!) namens Barbara Hackl ausgeführt hat. Der Schnitzmeister, der die Engel modellierte, muss seinerseits Humor gehabt haben, vor allem am hinten links vom Altar gelegenen Chorgestühl tanzt das himmlische Federvieh dermaßen verzückt und fummelt so sinnfrei mit den Instrumenten (Flöte, Pauke, Viola usw.), dass man sich in einem gegenreformatorischen Woodstock wähnt.

    Chorgestühl in KemptenKempten ist eine zwieschlächtige Stadt, mir kam es gleich komisch vor, als wir da reinkamen (Glück mit einem Parkplatz direkt an der Iller, deren Ufer auf breiter Front begrünt sind, wohl um periodische Überschwemmungen auszubremsen). Als erstes sieht man St. Mang, die alpinfränkisch vermurkste Version von "St. Magnus" (neben einem gewissen Tozzo und einem Theodor einer der drei Missionare des Allgäu), ebenfalls eine beeindruckende, freilich evangelische und daher bilderleere Gottesfabrik, dann gehts am Rathaus vorbei und später treppauf, zur Oberen Etage gewissermaßen, wo die besagte "Residenz" steht. Nicht, dass da in den letzten Jahrhunderten jemand residiert hat, seit die Bayern die zwischen Fürstbischof und reichsunmittelbarer Bürgerschaft geteilte Stadt - bzw. die beiden "Kemptens", die sich im Dreißigjährigen Krieg schon mal gegenseitig niedergebrannt haben - 1811 zwangsvereinigt haben, herrschte hier das Militär mit Exerzierplätzen, überdimensionalen Marställen und viel Hinlegen-auf-marsch-marsch. Heute ist die Artilleriekaserne nach jenseits der Iller verlegt und die Residenz bietet viel umbauten Raum für fast gar keine Kunst, von der Propagandakirche mal abgesehen. Auch der ganz hübsch bepflanzte Hofgarten ("Alkohol im gesamten Park verboten!") ist vergleichsweise läppisch, die Allgäu-Gartenschau findet andernorts statt. Vor St. Mang dagegen ist auch ein schöner Aufmarschplatz, der wird aber generalerneuert und ist nicht zu benutzen.

    Im Gegensatz zu Kempten ist Kaufbeuren das Weimar des Allgäus. Wer stammt nicht alles hierher! Markus Lüpertz und Ottfried Preußler (letztere aus Vertriebenenfamilien, die aus Gablonz kamen und nach 1945 im Stadtteil Neugablonz den berühmten Modeschmuck herstellten und damit den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt bewirkten), Vitrine mit Sophie von La Roches WerkenHans Magnus Enzensberger, Sophie von La Roche - nebenstehend eine Vitrine mit ihren Werken im Rathaus von Kaufbeuren - und Ludwig Ganghofer. Als sich heute früh herausstellte, dass die Regenschraffur noch immer nicht weichen wollte, fuhren wir heute über serpentinenreiche Landstraßen dorthin (unterwegs kamen wir durch Obergünzburg, wo die Milchfabrik Saliter, die angeblich auch die Trockenmilch erfunden hat, zu einem "Milchabend" einlädt...). Und siehe, Kaufbeuren begegnete uns viel, viel gastlicher als Kempten. Nicht nur, dass es an jeder Ecke ein öffentliches WC gibt, wie man es als Reisender ja immer mal benötigt, es hat auch ein Traditionscafé im Weberhaus mit erstklassiger Wellness-Torte"; der Autofahrer vor Sophie von La Roches Geburtshaus setzte freiwillig ein Stück zurück, damit man die Gedenktafel fotografieren kann ("Ausfahrt" steht auf dem gelben Schild am Tor), und die hiesigen weißen Würste namens "Aufg'schwemmte" bekommt man auch von der netten Metzgerin erklärt, sie schwellen nämlich in der Pfanne auf, weil sie keinen Darm haben ("man nennt sie auch Nackerte", hieß es in der sog. Nockerstube, wo wir sie gekauft haben, um sie abends zu braten, was im Gegensatz zu Weißwürsten nicht zu geplatzem Saitling führt).

    Kaufbeuren hat aber auch bessere Museumsöffnungszeiten (bis 17.00) und zeigt grade eine tolle Horst-Janssen-Ausstellung im Kunsthaus, das der verstorbene Unternehmer (und Janssen-Sammler) Peter Dobler der Stadt geschenkt hat. Das Museum ist zwar klein und zur Hälfte ein Bistro, aber die Kaltnadelradierungen und vor allem die Zeichnungen des verrückten Genies aus Hamburg-Blankenese machen mich sprachlos. Allein die Behandlung der Farbe, der Stofflichkeit, die Strichelung und die Schraffur (das kriegt der voralpine Regen nicht besser hin) machen seine Bilder zur deliziösen Augenweide. Kornelia gefiel auch die Behandlung des Papiers, die exquisitesten Kostbarkeiten wurden auf angekokeltes Löschpapier (dessen bräunlichen oberen Rand er dann unten mit Farbe nachempfand) oder aufgeschlitzte und zerknitterte braune Umschläge getuscht.

    Außer Landschaften, Kunstbüchern in Vitrinen und einem interessanten Hanno-Buddenbrook-stirbt-Zyklus sind es vor allem Selbstbildnisse aus unterschiedlichen Jahren, und man sieht deutlich, wie das krisenhafte Leben und der Suff den ehemaligen Napola-Haselünne-Schüler mit der Zeit verfallen ließen. Im Obergeschoss unterm Dach kann man die Selbstbildnisse mit den (brav und nicht wenig schmeicherlisch auf Janssens selbststilisierenden Geniekult eingestellten) homestory-Fotoporträts von Nomi Baumgartl vergleichen. Auch ein Film läuft, wo man den Künstler lallen und seine schüchtern bis peinlich berührt aus der Wäsche blickenden Mäzene durch den Kakao ziehen hört ("Habt ihr irgendwas gemacht, habt ihr Lieder gemacht, seid ihr mit Kunst aufgetreten, hat ihr etwas hergestellt, was die Welt verbessert? Nein, denn ihr sammelt nur Geld..."). Das hat Horst Janssen für seine tägliche Dröhnung natürlich auch dringend gebraucht und nahm es mit noch farbfleckigen Fingern dem Schlipsträger aus den Händen, um damit herumzuspielen und es unter seinem unglaublichen Schurrmur auf seinem Schreibtisch zu verkramen...

    Horst Janssen über sich selbst:

    Ein paar Zitate aus der Ausstellung, die noch bis 30. Januar im Kunsthaus Kaufbeuren zu sehen ist (geöffnet Di – Fr 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa / So / Feiertage 11 – 17 Uhr, Mo geschlossen):

    "Ich bin im Kern gut und fleißig, ein Säurepantscher, ein Zweckenzähler, ein Neffe, ein Tittenfrettchen und Brahmsholder. Ein Anton Fuß, ein Landgeher und ein Fröhlicher in Grind und Seide."

    "Ich habe figürlich gearbeitet, als die andern noch abstrakt in die Windeln machten."

    "Wo doch die ganze Genialität eines Menschen, wenn er ein Künstler ist, darin besteht, daß er wirklich zur Metapher werden will, daß er durch das Beste, was er zu geben hat, wirklich entmenschlicht werden will, daß er wirklich zu einem Beispiel werden will, zu einem sozialen Wesen. Warum wollt ihr da noch das Leben haben. Es ist katastrophaler als das eines Mittelbürgers."

    Anschließend wanderten wir noch ein wenig durch das Städtchen, schlüpften durch winzige Einlasstürchen in der avignonhaften Stadtmauer, fanden endlich die Klosterkirche, wo die 2001 heiliggesprochene Franziskanerin Creszentia Höß im gläsernen Sarg wie Schneewittchen aufgebahrt ist (wohl aber eher eine Wachsimitation der Leiche) - der Seligsprechungsprozess dauerte übrigens von 1715 bis 1900, und als Haupttugend dieser Heiligen wird genannt, dass sie so praktisch veranlagt gewesen sei. "Der Heiligen blieb aber auch das Leiden nicht erspart", schreibt das Bistum Augsburg auf der ihr gewidmeten Internetseite: "Mobbing gab es schon zu ihrer Zeit. Die Schikanen in der heiligen Gemeinschaft ertrug sie ohne an ihrer Berufung zu zweifeln. Der lange Atem in Leidenschaft ließ die Tugend der Geduld in ihr reifen. Das kam ihr zugute, als sie selbst Oberin wurde. Geistlich leiten hieß für sie dienen. Sie war freigiebig gegenüber den Armen, mütterlich zu ihren Mitschwestern und feinfühlig zu allen, die ein gutes Wort brauchten." Voilà die Schutzheilige der Gemobbten!

    Geburtshaus der Sophie von LarocheGewiss war sie auch ein Vorbild für die erste deutsche Romanautorin, Sophie von La Roche, deren Geburtshaus wir hier besucht haben. Allerdings ist es mit der Außenleitung des Blitableiters und dem Toreinfahrt-Parken-verboten-Schild keine besonders schöne Fassade, und anstelle einer Ausstellung zeigt man im Rathaus eine Vitrine mit Kopien von Buchtiteln und Prospekten, deren Exponate aber kaum zu lesen sind.

    Hinter dem Kloster der Franziskanerinnen gibt es übrigens nicht nur eine Wärmestube für Obdachlose, sondern der Sozialdienst katholischer Männer (SKM) bietet auch die Möglichkeit zu einer Kurzübernachtung für unbemittelte Durchreisende. Außerdem findet man eine Tür in der Mauer, die in den Franziskanergarten führt, der jedermann offen steht. Er ist auf dem Steilhang angelegt, mit Treppchen und Wegen verbunden, blüht und gedeiht, Passagen aus dem Sonnengesang des Jünglings aus Assisi sind auf Stelen zu lesen (und hier und da sind geschmacklich weniger gelungene Marienfigürchen oder ein flötenspielender Hirtenknabe aus Gußeisen platziert). Kraxelt man bis ganz nach oben, findet man eine tolle Aussicht über Kaufbeuren und sogar einen Grillplatz, sinnigerweise mit einer Tafel, die Franzsiskus' Gebet an "Bruder Feuer" illustriert. Ob Bruder Schweinekotelett oder Schwester Rostbratwürstchen auch so zufrieden sind, wenn sie auf dem Rost liegen? Da muß man wohl den Hl. Laurentius aus Kempten fragen, den Heiligen der Grillroste.

    Oberhalb  des Gärtchens ist dann noch der Fünfknöpfeturm zu sehen, auf den Wehrgang der Stadtmauer konnten wir nicht hinauf, der war uns verschlossen. Aber die kurvigen Dächer des Klosters und die geduckten mittelalterlichen Häuser der Stadt waren ein Aniblick, der uns entschädigte. Auf der Rückfahrt nahmen wir noch einen lustigen einheimischen Trämper mit, einen Späthippie, der auch nicht wusste, was ein "Milchabend" ist und ob dabei verschiedene Sorten Milchpulver verkostet werden.

     


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  • In Bad Grönenbach gibt es einen hübschen großen botanischen Kräutergarten, in dem eine lebensgroße Figur des Sebastian Kneipp Wache hält. Sie ist mit einer Priesterkutte aus Stoff bekleidet und hat zwar keine Füße, aber Lederschuhe, allerdings ist einer schon ziemlich kaputt, da regnet es rein. In der Hand hat Sebastian Kneipp ein frommes Buch mit einem Kreuz drauf. mon blog retrouvé...In dem Garten gibt es jede Menge Kräuter und Heilkräuter, manchmal unter sonderbaren Sortierungen wie "Bibel- und klerikale Pflanzen". Zwischen den Erklärtafeln, die jeweils den lateinischen und den (manchmal ebenso sonderbaren) deutschen Namen der jeweiligen Pflanzen nennen, finden sich auch solche mit Sinnsprüchen wie "Geduld ist eine Pflanze mit bitterer Wurzel, deren Frucht nicht jedermann schmeckt - persisches Sprichwort" oder "An einem geöffneten Paradiesgärtlein gehen alle achtlos vorbei, aber sie weinen darum, wenn es geschlossen wird - Gottfried Keller" (Zitate nur sinngemäß aus dem Kopf wiedergegeben). An der Gärtnerhütte finden sich lustige Holzgesichter, die als Insektenhotels aufgehängt wurden, deren Gäste anschließend für das Bestäuben der Kräuterlein und Blümlein sorgen. Links und rechts neben dem Gärtchen befindet sich ein "Lehrbienenstock", auf der linken Seite kann man selbst die Tafel öffnen wie eine Schranktür, dann sieht man eine Glasvitrine, unter der die Bienen herumwimmeln und Waben bilden; der Bienenstock rechts ist viel größer und da ist ein ständiges Kommen und Gehen, wie auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof in ein paar Jahren. Weiter hinten zum "Hohen Schloss" zu (das übrigens während der Bauernkriege mal geschleift worden ist - man fragt sich staunend, wie der Memminger Haufen das geschafft hat mit Sensen und Äxten), gibt es einen weiteren Garten, der größere Pflanzen, Salat, Rhabarber und auch Gemüse enthält. Aber auf der Wiese hinter dem Kräutergarten findet sich etwas sehr Interessantes: zwei "Lebendlauben" und ein "Lebendstuhl" (in den ich mich ganz bequem hineinsetzen konnte).

     

    Lebenlaube nach Lorber mit Gesicht

     

    Die beiden Lauben sind aus verflochtenen Ästen gefertigt und man kann sie gut auf der Internetseite von Hermann Fritz Block sehen (hier habe ich eigene Fotos eingestellt). Er hat diese Lauben und den Stuhl gepflanzt und ein Buch über die notwendige gärtnerische Technik geschrieben, das bei der Kurverwaltung von Bad Grönenbach und natürlich auch in jeder guten Buchhandlung sowie beim Verlag erhältlich ist.

     

    Eingänge zur Grönenbacher Lebenlaube

     

    Die Lauben sind sehr angenehm schattig, man kann in ihnen aufrecht stehen und findet auch bei leichtem Regen einen gewissen Schutz. Sobald es aber stärker regnet, wird man wohl lieber eine Kirche oder ein Antiquariat aufsuchen wollen, und letzteres ist hier schwer zu finden. Auf den Hinweisschildern vor den Lauben steht zu lesen, sie seien "nach Kundgaben (!) von Jacob Lorber und Emmanuel Swedenborg" errichtet worden. Beide kenne ich als esoterische Autoren, Swedenborg war ja der berühmte Geisterseher, der im April 1745 seine erste Christusvision hatte. Eine ausführliche Biographie, dazu Linksammlung und Fanseite von Swedenborg  findet sich hier. Lorber, der slowenische Pietist, den es nach Graz verschlagen hatte, arbeitete eigentlich als Musiklehrer und Komponist, setzte aber alles daran, die ihm von einer inneren Stimme namens Jehova, Gott von Ewigkeit, der Wahrhaftige und Getreue, der Erste und der Letzte, Jesus Christus diktierten Bücher zu schreiben, angefangen mit "Die Haushaltung Gottes". Eine interessante Biographie zu diesem Autor findet sich hier. (Wikipedia-Quellen gebe ich hier nicht extra an, die sind leicht aufzufinden.)

    Der Schöpfer der Bad Grönenbacher Laubenkolonie schreibt hierzu:

    Hier noch eine kleine Erklärung und Deutung zum Anhang und zu Jakob Lorbers und Swedenborgs „lebendigem Haus“.

    Unser Thema „lebendiges Haus“ spielt in den Werken dieser beiden im Anhang zitierten „Schreibknechte Gottes“, nur eine beiläufige Nebenrolle. Bei dem Gartenbauingenieur (später nannte er sich Naturbau – Ingenieur) Arthur Wiechula, sind diese Worte allerdings sofort auf fruchtbaren Boden gefallen. Doch viel wichtiger ist, was eigentlich gemeint ist mit diesem „lebendigen Haus“. Denn in der geistigen Entsprechung ist mit dem Haus auch unsere seelische Behausung gemeint. Das ist unser, für sich selbst toter Erdenleib. Diesen bewohnt, bewegt und benutzt unsere Seele solange wir uns in dieser materiellen Welt aufhalten. Wer in seinem Leben nur nach materiellen Gütern strebt, nur für seinen Leib sorgt, nicht aber auch für seine ewig leben sollende Seele, ist derjenige, der sein Haus statt mit lebendigen Gehölzen, mit faulendem, totem Holz baut, den die Stürme des Lebens am Ende leicht unter sich begraben können.

    Über diesen 1941 mit 74 Jahren verstorbenen Gartenbau-Ingenieur Arthur Wiechula findet man merkwürdig wenig im Internet, obwohl sich die Freunde des ökologischen Bauens heute gern auf ihn berufen. Hier z. B. die Webseite des Baumland-Vereins. Merkwürdigerweise gibt es nur in der englischsprachigen Wikipedia einen knappen Eintrag über seine Biographie. Und hier zeigt eine US-Webseite auch einige Bilder aus seinem Buch. Offenbar schwebten ihm sogar mehrstöckige Häuser aus geflochtenen lebenden Ahorn- und anderen Bäumen vor. Inwieweit Wiechula von christlichen Esoterikern inspiriert war, vermag ich nicht zu sagen. Aber seine famose Idee, ganze Häuser um Bäume herum zu gruppieren bzw. auch noch Möbel aus ihnen erwachsen zu lassen, hat doch ein eindeutig heidnisches Vorbild aus viel, viel älterer Zeit: das Bett des Odysseus, das die arme Penelope so lange erfolgreich gegen die Freier verteidigt hat. Anna Seghers hat diesem Baum des Odysseus in "Die drei Bäume" ein Denkmal gesetzt. Aber hören wir Odysseus selbst, wie Homer ihn reden lässt beziehungsweise der gute Joh. Heinrich Voss uns souffliert:

    Innerhalb des Gehegs war ein weitumschattender Ölbaum
    Stark und blühendes Wuchses; der Stamm glich Säulen an Dicke.
    Rings um diesen erbaut' ich von dichtgeordneten Steinen
    Unser Ehegemach, und wölbte die obere Decke,
    Und verschloss die Pforte mit festeinfugenden Flügeln.
    Hierauf kappt' ich die Äste des weitumschattenden Ölbaums,
    Und behaute den Stamm an der Wurzel, glättet' ihn ringsum
    Künstlich und schön mit dem Erz, und nach dem Maße der Richtschnur;
    Schnitzt' ihn zum Fuße des Bettes, und bohrt' ihn rings mit dem Bohrer,
    Fügete Bohlen daran, und baute das zierliche Bette,
    Welches mit Gold und Silber und Elfenbeine geschmückt war;
    Und durchzog es mit Riemen von purpurfarbener Stierhaut.

    Gut, er hat ihn an der Wurzel "behauen", wahrscheinlich lebte der Ölbaum nicht mehr, aber "geglättet" usw. sind die Lebendhütten in Bad Grönenbach auch. Aus dem Stuhl (der allerdings auch mit einer Art Drahtkonstruktion gegengestützt wird) wächst mit frischen belaubten Trieben die Lehne empor.


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