• Heute gibt es Spaghetti Fungi, das heißt gab - nach einem über achtstündigen Spaziergang durch Wald und Feld ist mein Appetit natürlich eine dampfende Schüssel wert, und einen zweiten Teller habe ich auch nicht verschmäht. Die Spaghetti waren köstlich, den Grano Padano hatten wir uns grade auf den Allgäuer Gartentagen an einem Stand besorgt, und die Funghi waren fresco della silva d'Algovia - wir haben sie uns selber vom Spaziergang mitgebracht. (Äh - falls dieser Blog morgen nichts neues bietet und übermorgen und überübermorgen und überhaupt still bleibt, lohnt es sich, die Notrufzentrale zu alarmieren und einen Lebensmittelchemiker mit schwerem Magenauspumpgerät in den book crossers point von Bad Grönenbach zu bestellen...).

    Nach dem Crash...Aber keine Sorge, wir haben unser letztes Glas Wein tapfer hinuntergespült und uns gegenseitig versichert, falls es ein Jenseits gibt, dort als erstes jeweils nach dem Aufenthaltsort des anderen zu fragen. Beide haben wir schon früher Pilze gesucht, ich hab mir schon selbstgesammelte Pilzomelettes bereitet (die Eier hab ich beim Habicht aus dem Nest geklaubt), als Tschernobyl noch ein todsicheres Atomkraftwerk war. Außerdem haben wir bis auf einen winzigen klingelknopfgroßen Jungbovist (die sind sehr lecker, zB. in Butter gedünstet, bevor sie sich zum stinkenden Penis auswachsen, sie dürfen noch nicht stauben)  ausschließlich Röhrlinge gesammelt, und mit denen kann man praktisch gar nicht scheitern. Außerdem habe ich immer ein Taschenmesser dabei und schneide sie natürlich ein Stück über dem Fuß ab, um das Nachwachsen zu ermöglichen. Es gab noch massenhaft andere Schirmpilze, grünlich, gräulich, bräunlich, geschuppt, mit Lamellen, mit und ohne Kranz um den Fuß, die wir allesamt stehenließen, auch den von Kornelia für schmackhaft erklärten knallorangefarbenen "Kaiserbart". Außerdem haben wir streng drauf geachtet, ob einer unserer Pilze angebissen wurde (die von den Würmern ausgesuchten sind ja die schmackhaftesten, haha) und irgendwelches Getier leblos und mit starrem Blick in der Gegend herumlag. Transportiert wurde das Ganze in einer atmungsaktiven Stofftasche.

    Kornelia hatte den bereits zu Anfang der Tour sichergestellten Fund einer handtellergroßen Bienenwabe in einer der Brötchentüten gesichert. Das schöne Mitbringsel wollte sie erst verschenken, dann selber zu Papier verarbeiten, unglaublich - aber sie meint, das gebe schöne "Einschlüsse". Ich würde es aufheben, säubern und mit Kunsthonig füllen, als Gag, versteht sich. Der Allgäu als das Land, wo H-Milch und Kunsthonig fließen.

    Statt solcher biblischer Leckereien - auch die reichlich gesichteten Heuschrecken ließen wir weg - hatten wir gefüllte Teekannen, weitere Brötchen und zwei Müsliriegel mit, so daß wir irgendwann im Wald an einer sonnenbeschienenen Stelle eine schöne Brotzeit eingelegt haben. Das war auch nötig, denn die feuchte Witterung der letzten Tage macht sich bei mir als Rheuma im linken großen Zeh bemerkbar (manchmal auf den rechten wechselnd). Gleich anfangs hatten wir auf einer Almwiese eine verlassene Zeltstadt gefunden, die rund hundert Jugendliche gefasst haben dürfte, in der Nacht hatte man im Allgäu drei Zeltlager geräumt, wie der Presse zu entnehmen war. Einige der Zelte standen noch voll Wasser, traurig für die jungen Leute, die man wohl beim Roten Kreuz in Memmingen untergebracht und warm eingekleidet hat. Der Bauer nahm das Ende einer Freizeitfahrt zum willkommenen Anlass, seine Felder endlich mit Gülle zu besprengen.

    Unser Weg führte unter anderem zur Burgruine Rothenstein, die zwar nicht ganz leicht zugänglich ist, weil ein Anrainer wohl nicht wünscht, dass Fremde über seinen Parkplatz wandern, und die sich auch sonst als desolates Durcheinander von Mauerteilen und Hügelchen darbietet. Um die Burg stritten sich die angeblich Erbberechtigten derer zu Rothenstein, deren knickerige Verwandten das Objekt 1482 an die Pappenheimer verkauft hatten, nach kurzem Nachbarschaftskrieg (1482 Umrüstung der Burg gegen Artilleriebeschuss der Vorbesitzer) war die Rothensteinburg 1508 wieder in den Händen der Rothenstein-Angehörigen, die sie sechs Jahre später kurzerhand nochmal an die Pappenheimers verkauften. Echtes Raubrittertum! Gegen Ende des 30jährigen Krieges, 1646, quartierte sich hier der Feldmarschall Wrangel ein, der in schwedischen Diensten stand und seine Pappenheimer kannte - aber dann übernahm das Fürstbistum Kempten die Anlage, deren Zwingherrschaft sich manche der Hiesigen wohl zurückwünschen. Auf einer Informationstafel heißt es bezeichnenderweise: "Die mit der Säkularisation verbundene Annexion 1803 durch den Bayerischen Staat führte auch hier zur Vernachlässigung des Baues, der am 19. März 1873 infolge eines Erdrutsches an der Nordseite zusammen stürzte." Auch hier Vernachlässigung durch die Bayern? Schon auf dem hohen Schloss von Bad Grönenbach findet sich so ein giftiger Kommentar, wonach man in Bayern 1803 auf dem Schloss ein Bayrisches Amtsgericht eingerichtet habe, so als wäre das irgendwas Ehrenrühriges wie die während der Französischen Revolution zu Pferdeställen umfunktionierten Kirchen, über die sich noch heute alle Reiseführer ereifern. Hat Gott etwa nicht auch die Pferde geliebt? Der vollständige Text der Tafel findet sich übrigens hier - allerdings hat man bereits korrigiert, dass es sich bei der Ruine um eine Wasserburg gehandelt habe (am Ort steht das noch zu lesen), sie liegt dazu viel zu hoch, und weit und breit ist kein Graben zu sehen, der Wasser führen könnte.

    Wir wanderten anschließend noch weiter aus der Landkarte heraus zum hiesigen Naturfreundehaus, wo grade frische Linksgesinnte aus Augsburg eingetroffen waren (mit dem Auto, typisch), und besichtigten die Illerschleife, die durch einen Berggletscher entstanden sein soll. Auf den Landkarten sieht sie wie ein überfüllter Dickdarm aus, auch für das Bild kann ich leider nur "Abbildung ähnlich" gewährleisten - vom Aussichtspunkt her sah man heute nämlich eine einzige braune Brühe, die eine gewaltige Halbinsel umspülte - vermutlich hat der Dauerregen der letzten Tage hier allerlei Schlamm abrutschen lassen. Bayerische Vernachlässigung!

    Illerschleife, vom Aussichtspunkt am Rothenstein gesehenHeute aber blieb das sonnige Wetter fast den ganzen Tag, es wurde immer heißer, wir warfen erst die Anoraks, dann die Jacken ab, zogen aber dadurch das Interesse bissiger Biester auf uns, weshalb wir uns dann züchtig wieder anzogen.

    Wir folgten dann dem Weg nach Rothmoos, als wir von den Pilzen überrascht wurden und uns daraufhin beglückt der Suche widmeten. Da wir keine Landkarte für diesen Teil des Gebiets unser eigen nennen und die Beschilderung - anders als bei den Wegen im 7-km-Umkreis von Bad Grönenbach - inzwischen zu wünschen übrig ließ, gingen wir dann einfach der Nase nach. An einem Feldrain fanden wir ein völlig neu aufgestelltes Heiligenbild aus Holz, das, wie eine Dame uns versicherte (ihr Mann war grade mit dem Bauern im Wald verschwunden, sie war beim Trecker geblieben) von ihrem Mann geschnitzt, bemalt und vor kurzem hier aufgestellt worden war. Noch wenige Wochen zuvor war es bei einem frommen Prozession auf einem Wagen herumgefahren worden, und man hatte es dem Museum angeboten, die wollten aber nur alte Sachen, hieß es, und so fand die Vierkantsäule hier neben einer Bank und einem älteren Wegekreuz einen Ehrenplatz am Waldrand. Es zeigt vorn zwischen einer entzückend flauschigen Allgäu-Kuh und einem etwas dilettantisch tänzelnden Pferdchen den Hl. Leonhard mit den zerbrochenen Handfesseln - "der is fürs Vieh gut", versicherte die Dame (wir sahen seine Reliquien bereits in der ihm eigenen Kapelle von Bad Tölz) -, zum Wald hin verherrlichte der Maler den Hl. Sebastian, nach rechts Gottvater und Jesus und nach links die "Maria Steinbach", kopiert nach dem wundertätigen Gnadenbild einer Wallfahrtskirche, deren Zwiebelturm man von diesem Standort aus sehen konnte - die besuchen wir ein andermal. Wir erfuhren dann noch von der Dame, sie käme von Landsberg am Lech ("des kennen Sie aber, ned?"), und ihr Mann, der aus der hiesigen Gegend stamme, habe praktisch "zu ihr hin g'heiratet" und müsse aber alle paar Wochenende wieder daher kimma, weil er so Sehnsucht nach seiner Heimat habe, so wär's halt.

    Nach weiteren gefühlten zwei Wanderstunden, bei denen uns eine Zeitlang zwei bis drei Bremsen ziemlich hartnäckig begleiten wollten (eine erlegte ich, nachdem sie mich dreimal erlegt hatten), nach Begegnungen mit glöckchenbehangenen Schafen und milde dreinblickenden Maultieren, nach vier Runden durch das grausam kalte Kneipp-Becken (Teenies beiderlei Geschlecht, die das gelegentlich auch machen, bringen es grade mal auf eine Runde!) und einer Armwaschung gegen meine Bremsenstiche im Armbecken nebst drei Runden barfuß über den Fußreflexzonenparcours stiefelten wir noch die steile Treppe zum Grönenbacher Schloss hinauf und besahen einige Stände des Allgäuer Gartentages (drei Euro Eintritt - gilt aber auch morgen noch).Allgäuer Gartentage Bad Grönenbach, Pressefoto


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  • "Nebel gehört zum alpinen Alltag", lautet eine stehende Redewendung meiner bergwandererprobten Gefährtin, im Moment jedenfalls darf ich wohl das Wort Nebel durch "Dauerregen" ersetzen, jedenfalls was das Voralpenland betrifft, am Alpenrand soll es aber noch schlimmer sein, da lehnt sich die Regenwolke tückisch an das ewige Gestein und lässt alles Nass, das sie mit sich führt, unter sich ab. Seit zwei Tagen hängen wir also im Regenloch und müssen uns anders als mit unseren bisherigen, hochfliegenden Kneipp-, Sport- und Wanderplänen beschäftigen. Gestern fuhren wir ins 25 km nahe Kempten, wo wir versuchten, nacheinander die Kunsthalle (geschlossen), die Allgäuer Kunstausstellung im Hofgartenpalais (noch nicht eröffnet), das Römermuseum (schließt in einer Viertelstunde) und das Allgäumuseum (schließt in fünf Minuten) zu besuchen. Wir hatten einfach zuviel Zeit in der Touri-Information vertrödelt, wo keiner uns sagen konnte, wo die Horst-Janssen-Ausstellung stattfindet (in Kaufbeuren statt in Kempten, aber sie sei längst vorbei - ist aber noch bis 30. Januar 2011 zu sehen, und in der Touri-Beratungsstelle von Kempten im Allgäu weiß man nichts davon!!!). Dann hatten wir noch den Hofgarten angeschaut und die Orangerie, in der heute die Stadtbücherei untergebracht ist (ein Bücherkarren mit Billig-Ramschexemplaren trug die Aufschrift "Vorwärts!" und wollte fotografiert werden). Das einzige, was wir angesichts der Museumsschließzeit 16.00 noch zu sehen bekamen, war die Residenz von außen und die Lorenzkirche von innen, die sich allerdings lohnte.

    Diese Lorenzkirche ist recht interessant, hochpolemischer Vollbarock mit goldrandiger Sahneschnitten-Stukkatur, wolkigem Trompe-l'oeuil-Marmor und ländlichen Szenen Barock in Kemptenim Chorgestühl, die ab 1692 eine Stukkateurin (!) namens Barbara Hackl ausgeführt hat. Der Schnitzmeister, der die Engel modellierte, muss seinerseits Humor gehabt haben, vor allem am hinten links vom Altar gelegenen Chorgestühl tanzt das himmlische Federvieh dermaßen verzückt und fummelt so sinnfrei mit den Instrumenten (Flöte, Pauke, Viola usw.), dass man sich in einem gegenreformatorischen Woodstock wähnt.

    Chorgestühl in KemptenKempten ist eine zwieschlächtige Stadt, mir kam es gleich komisch vor, als wir da reinkamen (Glück mit einem Parkplatz direkt an der Iller, deren Ufer auf breiter Front begrünt sind, wohl um periodische Überschwemmungen auszubremsen). Als erstes sieht man St. Mang, die alpinfränkisch vermurkste Version von "St. Magnus" (neben einem gewissen Tozzo und einem Theodor einer der drei Missionare des Allgäu), ebenfalls eine beeindruckende, freilich evangelische und daher bilderleere Gottesfabrik, dann gehts am Rathaus vorbei und später treppauf, zur Oberen Etage gewissermaßen, wo die besagte "Residenz" steht. Nicht, dass da in den letzten Jahrhunderten jemand residiert hat, seit die Bayern die zwischen Fürstbischof und reichsunmittelbarer Bürgerschaft geteilte Stadt - bzw. die beiden "Kemptens", die sich im Dreißigjährigen Krieg schon mal gegenseitig niedergebrannt haben - 1811 zwangsvereinigt haben, herrschte hier das Militär mit Exerzierplätzen, überdimensionalen Marställen und viel Hinlegen-auf-marsch-marsch. Heute ist die Artilleriekaserne nach jenseits der Iller verlegt und die Residenz bietet viel umbauten Raum für fast gar keine Kunst, von der Propagandakirche mal abgesehen. Auch der ganz hübsch bepflanzte Hofgarten ("Alkohol im gesamten Park verboten!") ist vergleichsweise läppisch, die Allgäu-Gartenschau findet andernorts statt. Vor St. Mang dagegen ist auch ein schöner Aufmarschplatz, der wird aber generalerneuert und ist nicht zu benutzen.

    Im Gegensatz zu Kempten ist Kaufbeuren das Weimar des Allgäus. Wer stammt nicht alles hierher! Markus Lüpertz und Ottfried Preußler (letztere aus Vertriebenenfamilien, die aus Gablonz kamen und nach 1945 im Stadtteil Neugablonz den berühmten Modeschmuck herstellten und damit den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt bewirkten), Vitrine mit Sophie von La Roches WerkenHans Magnus Enzensberger, Sophie von La Roche - nebenstehend eine Vitrine mit ihren Werken im Rathaus von Kaufbeuren - und Ludwig Ganghofer. Als sich heute früh herausstellte, dass die Regenschraffur noch immer nicht weichen wollte, fuhren wir heute über serpentinenreiche Landstraßen dorthin (unterwegs kamen wir durch Obergünzburg, wo die Milchfabrik Saliter, die angeblich auch die Trockenmilch erfunden hat, zu einem "Milchabend" einlädt...). Und siehe, Kaufbeuren begegnete uns viel, viel gastlicher als Kempten. Nicht nur, dass es an jeder Ecke ein öffentliches WC gibt, wie man es als Reisender ja immer mal benötigt, es hat auch ein Traditionscafé im Weberhaus mit erstklassiger Wellness-Torte"; der Autofahrer vor Sophie von La Roches Geburtshaus setzte freiwillig ein Stück zurück, damit man die Gedenktafel fotografieren kann ("Ausfahrt" steht auf dem gelben Schild am Tor), und die hiesigen weißen Würste namens "Aufg'schwemmte" bekommt man auch von der netten Metzgerin erklärt, sie schwellen nämlich in der Pfanne auf, weil sie keinen Darm haben ("man nennt sie auch Nackerte", hieß es in der sog. Nockerstube, wo wir sie gekauft haben, um sie abends zu braten, was im Gegensatz zu Weißwürsten nicht zu geplatzem Saitling führt).

    Kaufbeuren hat aber auch bessere Museumsöffnungszeiten (bis 17.00) und zeigt grade eine tolle Horst-Janssen-Ausstellung im Kunsthaus, das der verstorbene Unternehmer (und Janssen-Sammler) Peter Dobler der Stadt geschenkt hat. Das Museum ist zwar klein und zur Hälfte ein Bistro, aber die Kaltnadelradierungen und vor allem die Zeichnungen des verrückten Genies aus Hamburg-Blankenese machen mich sprachlos. Allein die Behandlung der Farbe, der Stofflichkeit, die Strichelung und die Schraffur (das kriegt der voralpine Regen nicht besser hin) machen seine Bilder zur deliziösen Augenweide. Kornelia gefiel auch die Behandlung des Papiers, die exquisitesten Kostbarkeiten wurden auf angekokeltes Löschpapier (dessen bräunlichen oberen Rand er dann unten mit Farbe nachempfand) oder aufgeschlitzte und zerknitterte braune Umschläge getuscht.

    Außer Landschaften, Kunstbüchern in Vitrinen und einem interessanten Hanno-Buddenbrook-stirbt-Zyklus sind es vor allem Selbstbildnisse aus unterschiedlichen Jahren, und man sieht deutlich, wie das krisenhafte Leben und der Suff den ehemaligen Napola-Haselünne-Schüler mit der Zeit verfallen ließen. Im Obergeschoss unterm Dach kann man die Selbstbildnisse mit den (brav und nicht wenig schmeicherlisch auf Janssens selbststilisierenden Geniekult eingestellten) homestory-Fotoporträts von Nomi Baumgartl vergleichen. Auch ein Film läuft, wo man den Künstler lallen und seine schüchtern bis peinlich berührt aus der Wäsche blickenden Mäzene durch den Kakao ziehen hört ("Habt ihr irgendwas gemacht, habt ihr Lieder gemacht, seid ihr mit Kunst aufgetreten, hat ihr etwas hergestellt, was die Welt verbessert? Nein, denn ihr sammelt nur Geld..."). Das hat Horst Janssen für seine tägliche Dröhnung natürlich auch dringend gebraucht und nahm es mit noch farbfleckigen Fingern dem Schlipsträger aus den Händen, um damit herumzuspielen und es unter seinem unglaublichen Schurrmur auf seinem Schreibtisch zu verkramen...

    Horst Janssen über sich selbst:

    Ein paar Zitate aus der Ausstellung, die noch bis 30. Januar im Kunsthaus Kaufbeuren zu sehen ist (geöffnet Di – Fr 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa / So / Feiertage 11 – 17 Uhr, Mo geschlossen):

    "Ich bin im Kern gut und fleißig, ein Säurepantscher, ein Zweckenzähler, ein Neffe, ein Tittenfrettchen und Brahmsholder. Ein Anton Fuß, ein Landgeher und ein Fröhlicher in Grind und Seide."

    "Ich habe figürlich gearbeitet, als die andern noch abstrakt in die Windeln machten."

    "Wo doch die ganze Genialität eines Menschen, wenn er ein Künstler ist, darin besteht, daß er wirklich zur Metapher werden will, daß er durch das Beste, was er zu geben hat, wirklich entmenschlicht werden will, daß er wirklich zu einem Beispiel werden will, zu einem sozialen Wesen. Warum wollt ihr da noch das Leben haben. Es ist katastrophaler als das eines Mittelbürgers."

    Anschließend wanderten wir noch ein wenig durch das Städtchen, schlüpften durch winzige Einlasstürchen in der avignonhaften Stadtmauer, fanden endlich die Klosterkirche, wo die 2001 heiliggesprochene Franziskanerin Creszentia Höß im gläsernen Sarg wie Schneewittchen aufgebahrt ist (wohl aber eher eine Wachsimitation der Leiche) - der Seligsprechungsprozess dauerte übrigens von 1715 bis 1900, und als Haupttugend dieser Heiligen wird genannt, dass sie so praktisch veranlagt gewesen sei. "Der Heiligen blieb aber auch das Leiden nicht erspart", schreibt das Bistum Augsburg auf der ihr gewidmeten Internetseite: "Mobbing gab es schon zu ihrer Zeit. Die Schikanen in der heiligen Gemeinschaft ertrug sie ohne an ihrer Berufung zu zweifeln. Der lange Atem in Leidenschaft ließ die Tugend der Geduld in ihr reifen. Das kam ihr zugute, als sie selbst Oberin wurde. Geistlich leiten hieß für sie dienen. Sie war freigiebig gegenüber den Armen, mütterlich zu ihren Mitschwestern und feinfühlig zu allen, die ein gutes Wort brauchten." Voilà die Schutzheilige der Gemobbten!

    Geburtshaus der Sophie von LarocheGewiss war sie auch ein Vorbild für die erste deutsche Romanautorin, Sophie von La Roche, deren Geburtshaus wir hier besucht haben. Allerdings ist es mit der Außenleitung des Blitableiters und dem Toreinfahrt-Parken-verboten-Schild keine besonders schöne Fassade, und anstelle einer Ausstellung zeigt man im Rathaus eine Vitrine mit Kopien von Buchtiteln und Prospekten, deren Exponate aber kaum zu lesen sind.

    Hinter dem Kloster der Franziskanerinnen gibt es übrigens nicht nur eine Wärmestube für Obdachlose, sondern der Sozialdienst katholischer Männer (SKM) bietet auch die Möglichkeit zu einer Kurzübernachtung für unbemittelte Durchreisende. Außerdem findet man eine Tür in der Mauer, die in den Franziskanergarten führt, der jedermann offen steht. Er ist auf dem Steilhang angelegt, mit Treppchen und Wegen verbunden, blüht und gedeiht, Passagen aus dem Sonnengesang des Jünglings aus Assisi sind auf Stelen zu lesen (und hier und da sind geschmacklich weniger gelungene Marienfigürchen oder ein flötenspielender Hirtenknabe aus Gußeisen platziert). Kraxelt man bis ganz nach oben, findet man eine tolle Aussicht über Kaufbeuren und sogar einen Grillplatz, sinnigerweise mit einer Tafel, die Franzsiskus' Gebet an "Bruder Feuer" illustriert. Ob Bruder Schweinekotelett oder Schwester Rostbratwürstchen auch so zufrieden sind, wenn sie auf dem Rost liegen? Da muß man wohl den Hl. Laurentius aus Kempten fragen, den Heiligen der Grillroste.

    Oberhalb  des Gärtchens ist dann noch der Fünfknöpfeturm zu sehen, auf den Wehrgang der Stadtmauer konnten wir nicht hinauf, der war uns verschlossen. Aber die kurvigen Dächer des Klosters und die geduckten mittelalterlichen Häuser der Stadt waren ein Aniblick, der uns entschädigte. Auf der Rückfahrt nahmen wir noch einen lustigen einheimischen Trämper mit, einen Späthippie, der auch nicht wusste, was ein "Milchabend" ist und ob dabei verschiedene Sorten Milchpulver verkostet werden.

     


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  • In Bad Grönenbach gibt es einen hübschen großen botanischen Kräutergarten, in dem eine lebensgroße Figur des Sebastian Kneipp Wache hält. Sie ist mit einer Priesterkutte aus Stoff bekleidet und hat zwar keine Füße, aber Lederschuhe, allerdings ist einer schon ziemlich kaputt, da regnet es rein. In der Hand hat Sebastian Kneipp ein frommes Buch mit einem Kreuz drauf. mon blog retrouvé...In dem Garten gibt es jede Menge Kräuter und Heilkräuter, manchmal unter sonderbaren Sortierungen wie "Bibel- und klerikale Pflanzen". Zwischen den Erklärtafeln, die jeweils den lateinischen und den (manchmal ebenso sonderbaren) deutschen Namen der jeweiligen Pflanzen nennen, finden sich auch solche mit Sinnsprüchen wie "Geduld ist eine Pflanze mit bitterer Wurzel, deren Frucht nicht jedermann schmeckt - persisches Sprichwort" oder "An einem geöffneten Paradiesgärtlein gehen alle achtlos vorbei, aber sie weinen darum, wenn es geschlossen wird - Gottfried Keller" (Zitate nur sinngemäß aus dem Kopf wiedergegeben). An der Gärtnerhütte finden sich lustige Holzgesichter, die als Insektenhotels aufgehängt wurden, deren Gäste anschließend für das Bestäuben der Kräuterlein und Blümlein sorgen. Links und rechts neben dem Gärtchen befindet sich ein "Lehrbienenstock", auf der linken Seite kann man selbst die Tafel öffnen wie eine Schranktür, dann sieht man eine Glasvitrine, unter der die Bienen herumwimmeln und Waben bilden; der Bienenstock rechts ist viel größer und da ist ein ständiges Kommen und Gehen, wie auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof in ein paar Jahren. Weiter hinten zum "Hohen Schloss" zu (das übrigens während der Bauernkriege mal geschleift worden ist - man fragt sich staunend, wie der Memminger Haufen das geschafft hat mit Sensen und Äxten), gibt es einen weiteren Garten, der größere Pflanzen, Salat, Rhabarber und auch Gemüse enthält. Aber auf der Wiese hinter dem Kräutergarten findet sich etwas sehr Interessantes: zwei "Lebendlauben" und ein "Lebendstuhl" (in den ich mich ganz bequem hineinsetzen konnte).

     

    Lebenlaube nach Lorber mit Gesicht

     

    Die beiden Lauben sind aus verflochtenen Ästen gefertigt und man kann sie gut auf der Internetseite von Hermann Fritz Block sehen (hier habe ich eigene Fotos eingestellt). Er hat diese Lauben und den Stuhl gepflanzt und ein Buch über die notwendige gärtnerische Technik geschrieben, das bei der Kurverwaltung von Bad Grönenbach und natürlich auch in jeder guten Buchhandlung sowie beim Verlag erhältlich ist.

     

    Eingänge zur Grönenbacher Lebenlaube

     

    Die Lauben sind sehr angenehm schattig, man kann in ihnen aufrecht stehen und findet auch bei leichtem Regen einen gewissen Schutz. Sobald es aber stärker regnet, wird man wohl lieber eine Kirche oder ein Antiquariat aufsuchen wollen, und letzteres ist hier schwer zu finden. Auf den Hinweisschildern vor den Lauben steht zu lesen, sie seien "nach Kundgaben (!) von Jacob Lorber und Emmanuel Swedenborg" errichtet worden. Beide kenne ich als esoterische Autoren, Swedenborg war ja der berühmte Geisterseher, der im April 1745 seine erste Christusvision hatte. Eine ausführliche Biographie, dazu Linksammlung und Fanseite von Swedenborg  findet sich hier. Lorber, der slowenische Pietist, den es nach Graz verschlagen hatte, arbeitete eigentlich als Musiklehrer und Komponist, setzte aber alles daran, die ihm von einer inneren Stimme namens Jehova, Gott von Ewigkeit, der Wahrhaftige und Getreue, der Erste und der Letzte, Jesus Christus diktierten Bücher zu schreiben, angefangen mit "Die Haushaltung Gottes". Eine interessante Biographie zu diesem Autor findet sich hier. (Wikipedia-Quellen gebe ich hier nicht extra an, die sind leicht aufzufinden.)

    Der Schöpfer der Bad Grönenbacher Laubenkolonie schreibt hierzu:

    Hier noch eine kleine Erklärung und Deutung zum Anhang und zu Jakob Lorbers und Swedenborgs „lebendigem Haus“.

    Unser Thema „lebendiges Haus“ spielt in den Werken dieser beiden im Anhang zitierten „Schreibknechte Gottes“, nur eine beiläufige Nebenrolle. Bei dem Gartenbauingenieur (später nannte er sich Naturbau – Ingenieur) Arthur Wiechula, sind diese Worte allerdings sofort auf fruchtbaren Boden gefallen. Doch viel wichtiger ist, was eigentlich gemeint ist mit diesem „lebendigen Haus“. Denn in der geistigen Entsprechung ist mit dem Haus auch unsere seelische Behausung gemeint. Das ist unser, für sich selbst toter Erdenleib. Diesen bewohnt, bewegt und benutzt unsere Seele solange wir uns in dieser materiellen Welt aufhalten. Wer in seinem Leben nur nach materiellen Gütern strebt, nur für seinen Leib sorgt, nicht aber auch für seine ewig leben sollende Seele, ist derjenige, der sein Haus statt mit lebendigen Gehölzen, mit faulendem, totem Holz baut, den die Stürme des Lebens am Ende leicht unter sich begraben können.

    Über diesen 1941 mit 74 Jahren verstorbenen Gartenbau-Ingenieur Arthur Wiechula findet man merkwürdig wenig im Internet, obwohl sich die Freunde des ökologischen Bauens heute gern auf ihn berufen. Hier z. B. die Webseite des Baumland-Vereins. Merkwürdigerweise gibt es nur in der englischsprachigen Wikipedia einen knappen Eintrag über seine Biographie. Und hier zeigt eine US-Webseite auch einige Bilder aus seinem Buch. Offenbar schwebten ihm sogar mehrstöckige Häuser aus geflochtenen lebenden Ahorn- und anderen Bäumen vor. Inwieweit Wiechula von christlichen Esoterikern inspiriert war, vermag ich nicht zu sagen. Aber seine famose Idee, ganze Häuser um Bäume herum zu gruppieren bzw. auch noch Möbel aus ihnen erwachsen zu lassen, hat doch ein eindeutig heidnisches Vorbild aus viel, viel älterer Zeit: das Bett des Odysseus, das die arme Penelope so lange erfolgreich gegen die Freier verteidigt hat. Anna Seghers hat diesem Baum des Odysseus in "Die drei Bäume" ein Denkmal gesetzt. Aber hören wir Odysseus selbst, wie Homer ihn reden lässt beziehungsweise der gute Joh. Heinrich Voss uns souffliert:

    Innerhalb des Gehegs war ein weitumschattender Ölbaum
    Stark und blühendes Wuchses; der Stamm glich Säulen an Dicke.
    Rings um diesen erbaut' ich von dichtgeordneten Steinen
    Unser Ehegemach, und wölbte die obere Decke,
    Und verschloss die Pforte mit festeinfugenden Flügeln.
    Hierauf kappt' ich die Äste des weitumschattenden Ölbaums,
    Und behaute den Stamm an der Wurzel, glättet' ihn ringsum
    Künstlich und schön mit dem Erz, und nach dem Maße der Richtschnur;
    Schnitzt' ihn zum Fuße des Bettes, und bohrt' ihn rings mit dem Bohrer,
    Fügete Bohlen daran, und baute das zierliche Bette,
    Welches mit Gold und Silber und Elfenbeine geschmückt war;
    Und durchzog es mit Riemen von purpurfarbener Stierhaut.

    Gut, er hat ihn an der Wurzel "behauen", wahrscheinlich lebte der Ölbaum nicht mehr, aber "geglättet" usw. sind die Lebendhütten in Bad Grönenbach auch. Aus dem Stuhl (der allerdings auch mit einer Art Drahtkonstruktion gegengestützt wird) wächst mit frischen belaubten Trieben die Lehne empor.


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  • Heute früh war ich - statt eine Stunde im Grüngürtel mit Laufen in der Unendlichkeitsschleife und Herumhüpfen zur Lockerung zu verbringen - mal wieder im Agrippabad, zum Frühbucherrabatt. Da muss man spätestens Punkt 7:29 Uhr das Billet gelöst haben, wenn man für den Jugend-Preis von 3,50 € baden will, (ab 7.30 kostet es 5 €) - gültig für einen Aufenthalt von immerhin zweieinhalb Stunden - soviel will ich gar nicht. Billet? Man bekommt eine kleine runde Plastikmünze, die man in den Automaten am Drängelgitter wirft, dann darf man durch, darf aber nicht vergessen, die Plastikmünze mitzunehmen, sonst kommt man anschließend nicht heraus. Diese Münze dient dann auch zum Verschließen der Spinde, in die man seine Klamotten samt Rucksack einschließt: man steckt die Münze auf den Plastikgriff des Schlüssels, den man anschließend ums Handgelenk gürtet. Alles recht kompliziert. Anschließend Dusche und Haarwäsche, und auf geht's ins feuchte Nass.
    Leider ist trotz früher Stunde schon viel los; natürlich nutzen viele den Frühbucherrabatt. Zwar findet gegen viertel vor 8 eine Art Schichtwechsel statt - wer vor Arbeitsbeginn eine Runde schwimmen geht, macht sich dann auf den Weg, und Senioren strömen ein, die daheim noch gefrühstückt haben -, aber die Bahnen sind gut gefüllt. Es gibt auch nicht viele Alternativen. Der Namensgeber des Agrippabades zählte in Rom um das Jahr 31 v. Chr. 170 öffentliche Bäder - von den privaten mal abgesehen. Damals war Rom bereits eine Millionenstadt, in der Spätantike soll es 1,5 Mio. Einwohner gehabt haben. Köln betreibt für seine 1 Million Einwohner 14 Bäder, und von denen sind mindestens 2 wegen Umbaus auf Jahre geschlossen, andere von der endgültigen Schließung bedroht.  Soviel zum Thema "nördlichste Stadt Italiens"...Nach dem Crash...
    Da ich mit Vorliebe auf dem Rücken schwimme, die Arme nach hinten gestreckt rudernd, und zwar eine Bahn nach der anderen (gegen die Bahnen zu schwimmen oder sonstwie zu plantschen, hat hier gar keinen Zweck), muss ich mich alle paar Züge umdrehen, um nicht irgendeinen Zeitgenossen zu touchieren. In den schwimmnachbarfreien Zonen kann man mit den Armen rudern, wie ich es immer tue, den Kopf zurücklegen, die Uhr beobachten oder das Bademeisterhäuschen und nachsinnen, ob das Rostrot-auf-Grün-Geflecke an der Wand gegenüber eigentlich "Kunst am Bau" oder Korrosion der Wandverkleidung darstellt, oder ob die an der Decke fehlenden Kacheln wohl irgendwann mit Karacho ins Becken gefallen sind, um arglosen Rückenschimmern das Gesicht zu zertrümmern. Witzig ist der Kleinkrieg zwischen Blindcrawlern, die ihre Bahnen in Höchstgeschwindigkeit zurücklegen, Kopf unter Wasser und wenn über Wasser, mit einer sichtbehindernden Schwimmbrille ausgestattet, und den Rückenschwimmern, die selbst bei größtmöglicher Umsicht mit derartigen U-Boot-Attacken nicht rechnen können. Freilich gibt es keine Bahn-Card-Reservierung, allenfalls für irgendwelche Sportvereine, die zu gewissen Stunden die Hälfte des großen Beckens für sich beanspruchen.
    Da ist mir eine andere Spezies sympathischer: die sog. Klaavbotzen. Sie ziehen die Badehose (Botze) hauptsächlich an, um ins Wasser zu steigen und in traulichem Plausch (Klaav) am Beckenrand zu verharren. Dort sind sie gewissermaßen auch Kläävbotzen, stehen also herum wie festgeklebt und verhindern das Andocken der Bahnenschwimmer. Dafür bekommt man beim kurzen Berühren der Stange und neuerlichem Abstoßen gelegentlich aufschlussreiche Gesprächsfetzen mit. "Ich jebe Ihnen mal dat Mittel zur Linderung, natürlich janz unverbindlich, hät der Aaz för misch jesaht", heißt es dann, oder "dä knöselige Laumann, dem schick ich ne Jerichsvollzieher op de Hals, wenn dä nit bald zahlt", oder "hör ens, dä Häbäät-Theo, dä wolld doch auch ahl komme mit singem Claudia, wo stecke die dann blohs?" (nur in Köln gibt es gehäuft Mitmenschen, die auf den Vornamen Herbert-Theo hören, ob das ein Lokalheiliger ist?), und "die han sisch all, der Moder zeliebe, noh däm Bejräbniss versammelt und sin noh dojeblivve" - wutsch, hat man sich umgedreht, abgestoßen und ist schon wieder unterwegs. Die Herrschaften tragen natürlich volle Montur - Badehaube auf dem bemoosten Haupt, Schwimmbrillen und topmodische Badehosen - aber falls sie überhaupt mal eine Bahn schwimmen, dann nur, um das Plaudereckchen am einen Beckenrand für die nächste halbe Stunde mit dem gegenüberliegenden Beckenrand zu vertauschen. Nun, auch im antiken Rom waren die Thermen Treffpunkte gesellschaftlichen Lebens. Aber wo sind dann heute die Bibliotheken, Gewürz- und Olivenölhändler, freiberuflichen Masseure aus Nubien, die ihre Dienste feilbieten? Allenfalls kann man zu einem saftigen Aufpreis die Muckibudengeräte im 2. Stock oder die Höhensonnenlandschaft benutzen.

    Nach dem Crash...


    Während ich meinen Vorsatz, 45 min. ohne Pause zu schwimmen, auf 60 Minuten aufstocke, ist das Becken etwas leerer geworden. Schöne orientalische Jünglinge stehen melancholisch und nach heutiger Mode komplett enthaart am Rand und möchten wohl gern den Gleitsprung wagen, was der Bademeister allerdings mit wachsamem Blick verhindert; junge und nicht mehr so junge Studentinnen begeben sich auf die Wasserpiste; man sieht einen furchterregend Ganzkörper-Tätowierten, der für den Harpunier Queequeg in Moby Dick oder den Rahmenheld von Ray Bradburys Storysammlung Der illustrierte Mann Modell gestanden haben könnte. Vor vielen Jahren, als ich selber noch Student war, traf ich beim allmorgendlichen Schwimmen im Sülzer Nikolausbad (bevor es zu meinem Leidwesen geschlossen wurde) von 7.00 bis 8.00 Uhr immer auf einen ziemlich alten Herrn, der beim Kraulen wie ein Sterbender röchelte (ohne Schnorchel) und an Land auch durchaus hinfällig wirkte, aber immer noch mit selbst für Jüngere kaum einzuholendem Tempo seine Runden drehte. Der Bademeister pflegte seine Schwimmkünste als Peripatetiker am Rand mitzuverfolgen, um für den Fall einer notwendigen Wiederbelebung rechtzeitig zur Stelle zu sein, wie mir schien. Aber der Alte hatte es noch immer geschafft und trottete später, wieder angezogen, ganz gemütlich, freilich langsam, seines Weges durch die Sülzer Vorstadt. Möge er sich seines Lebens bei bester Fitness immer noch freuen!

    Der krönende Abschluss meines Agrippabadbesuchs ist der Ausflug in den "Badegarten", wo man sich den leicht ausgekühlten Körper wahlweise in einem Warmwasser- oder Solebecken aufwärmen kann. Ich wähle das Solebecken, das meiner derzeit gereizten Haut hoffentlich wohltut, und kriege sogar einen Platz "unger dä Schwalldusch" (diese Sprüche mit weichem s und gg statt k auf "hessisch" abzulassen, ist ein unfehlbares Mittel, Kornelia zum Lachen zu bringen: "Isch saach Ihne, die Waahmwassäbegge do hinne, jo die midde Schwalldusch, sin allweil mo widder nur fier die Bessävädienä un ned fier uns ahme Kassepaziende, da kriech isch de Fuhspilz, des saach isch Ihne"). Die Schwalldusch ist so ein Segen wie der von C. F. Meyers Römischem Brunnen ("Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt / er voll der Marmorschale Rand"), damit kann man sich, halb in die Hocke gehend, den Nacken massieren lassen oder auch, in gebückter Haltung, Schultern und Rückenmuskulatur bespülen. Die Sole, ein mäßig salziges Sprudelzeugs, erfrischt trotz des warmen Wassers, man soll sie auch nicht sofort abtrocknen, sondern einwirken lassen.
    Anschließend Rückkehr in die Duschenzone und in die Umkleidekabine, wo mal wieder irgendein Proll, diesmal (vermutlich, leider) weiblich, die gebrauchten Qu-Tips liegengelassen hat, um sie nicht die drei Schritte zum nächsten Mülleimer mitnehmen zu müssen. Sich die Ohrkanäle zu säubern, gut und schön, aber diese Ohren, so reinlich sie sind, würde ich dann doch gern mal langziehen. Allerdings höre ich auch schon wieder den Singsang der Reinigungskräfte mit Migrationshintergrund, da heißt es aufpassen, wenn man mit blanken Sohlen über die Fliesen läuft, schon mancher ist da unfreiwillig hingeflogen. Und worum geht's? Ein Mädchen hat ihr teures Duschgel in der Dusche liegengelassen und will noch mal rein, soll sich aber dafür die Schuhe ausziehen. Sie möge einfach reingehen und sich den vermissten Gegenstand holen, meint die Putzfrau. Und wenn eine Konkurrentin sich das Duschgel genommen hat und damit duscht? "Dann sagen einfach, ist meines. Haben wir schon alles gelebt!" 
    Aber ich hab noch nicht alles gelebt. Darum rasch anziehen, zwischen den Zehen abtrocknen, Strümpfe und Turnschuhe an. Die Münze in den Schlitz am Drängelgitter, jetzt wird sie natürlich einbehalten, ein Gruß an die Kassiererin und ab geht's per Fahrrad nach Haus.

     


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  • Kopfsalat (Findelgedicht, 29. 7. 2010)

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