• Raub-Bau Stuttgart 21

    "Wie sicher ist ein Bau, der keinen Aufschub duldet?" fragte kürzlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Feuilleton (Nr. 241 v. 16.10.2010). Autor des Stuttgart-21-kritischen Artikels war der Architekturkritiker Dieter Bartetzko, der auch immer wieder Artikel und ein fundiertes Buch über Pompeji geschrieben hat. Bahnhof Typ ReichstagBisher habe ich mich um die Protestaktionen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt wenig gekümmert. Natürlich ließ es aufhorchen, als man erfuhr, wie brutal eine Demonstration mit Wasserwerfern, Reizgas und Knüppeleinsatz - auch gegen Kinder und ältere, teils ganz unbeteiligte Leute - beendet worden war. Auch zahlreiche Verletzte und einen Todesfall aus ungeklärter Ursache soll es gegeben haben. Dann verhalf mir die Deutsche Bahn, die es ja nicht mal mehr schafft, einen sonntags (!) um 5.55 Uhr in Köln abfahrenden Zug ohne 20 min Verspätung in Stuttgart eintreffen zu lassen, zu einem anderthalbstündigen Aufenthalt am Ort des Geschehens - der Bummelzug nach Hechingen war weg und vorerst kein neuer in Sicht. altmodisches FahrplankästchenHatte Hartmut Mehdorn nicht geschworen, den Eisenbahnverkehr als Alternative zur Luftfahrt auszubauen? Zur Hälfte ist es gelungen, denn die Nachteile des Fliegens hat man nun auch in der DB übernommen: bei den ständigen bekloppten englisch-deutschen Durchsagen und Verabschiedungen, beim Fressmeilenbetrieb der Bahnhöfe, auch das Lotteriespiel bei den Billigtickets, und dass man eine Stunde vor "Abfahrtszeit" da sein muss, zwar nicht zum Unterwäsche-Scanning, aber zum "Einchecken" vor hyperkomplizierten Fahrkartenautomaten, und dass man wie beim Fliegen die Fahrt nicht mehr unterbrechen darf, Verspätungen und verpatzte Anschlüsse in Kauf nimmt.

    In meiner Jugendzeit hatte ich viele Freunde und als Liedermacher viele Auftritte im Württembergischen und musste entsprechend oft in Stuttgart umsteigen. Gern unterbrach ich die Fahrt auch ein bißchen länger, was trotz Juniorpass-Billigpreis jederzeit möglich war, ohne sich irgendwas bescheinigen zu lassen. Eigentlich mochte ich die Umgebung des Bahnhofs ganz gern, der schöne Park, wo ich auf der Bank eine Laugenbrezel vom Bahnhofsstand (damals noch bezahlbar) verzehrte; die Württembergische Landesbibliothek, wo ich mein erstes ungedrucktes Manuskript des 19. Jhds. (von Wilhelm Waiblinger, "Olyra der Vampyr") und später, zu bibliographischen Zwecken, die "Schwäbische Kronik" las; das Staatstheater,  damals vom Regisseur Claus Peymann geleitet, der alle Stücke als preiswerte mehrbändige Textbücher der inszenierten Klassiker- und Thomas-Bernhard-Dramen im Schuber, mit Strichfassungen, Fotos und Materialien anbot (Peymann wurde dann schändlicherweise entlassen, weil auf dem internen schwarzen Brett der Schauspielerkantine ein Spendenaufruf für Zahnersatzkosten der inhaftierten Terroristin Gudrun Ensslin gehangen hatte, und der furchtbare Jurist Filbinger blieb noch lange in der Ministerpräsidentenvilla wohnen)... und genau dieser Park mit seinen schönen 300jährigen Bäumen, unter denen schon Ludwig Uhland wandelte, fällt jetzt einer Baugrube zum Opfer, die aus dem Traditionsbahnhof eine Untergrundbewegung machen wird und mehrere Millionenmilliarden mehr kosten soll, als sich der Normalbürger in bar vorstellen möchte. Und dabei haben garantiert auch jede Menge flüssiger Schmiermittel den Besitzer gewechselt, das will ich gern glauben, ich komme aus Köln.Bahnsteig Stuttgart

    Aber mal ehrlich - der Hauptbahnhof selber ist keine architektonische Schönheit von klassischem Zuschnitt, die man vor der Vernichtung retten müsste, sondern überdimensioniert, schmuddelig und voll düsterer, verpinkelter Ecken. Den kann man gern einreißen (und für Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr bin ich auch immer eingetreten). Aber vielleicht war das auch das Ziel, seit Jahren nichts mehr für die Sanierung zu tun und den Bahnhof dadurch dem sicheren Verderben preiszugeben? Denn einige Ecken sind noch "wie früher", ich sage nur: Fahrplankassetten, Wartehäuschen auf dem Bahnsteig, und der Bahnsteig ohne Schilder mit Anglizismen und ohne zackig silhouettierten überdimensionalen Zugbegleiter in Uniform aus Blech und Plastik, die den Arm zur Freigabe recken. Man müsste das Stuttgarter B-Ebenen-Projekt (was bereits vor 40 Jahren der Frankfurter Innenstadt mehr geschadet hat als die Bombardements im Zweiten Weltkrieg) sorgfältig trennen von der möglichen Streckenverbesserung auf dem Weg nach Ulm. Aber nach allem, was man hört, ist auch hier der Tunnelbau mehr als fragwürdig, die Signale seien auf europäischen Zugverkehr nicht eingerichtet und die Zeitersparnis soll nicht mehr als 10 Minuten betragen.Eingang zum Stuttgarter Bahnhof

    Als ich am 3. Oktober früh am Morgen aus dem Bahnhof kam, lastete über dem umkämpften Gelände der Eindruck einer am Vortag ausgefochtenen Schlacht, deren Pulverdampf sich erst allmählich senkte. Der Bauzaun war über und über beklebt mit satirischen Plakaten, Karikaturen, ironischen Sprüchen und Erklärungen (sogar einige - aber ganz, ganz wenige - "ich bin für Stuttgart 21"-Bekenntnisse). Auf einem Foto werden Polizisten ermahnt, Kastanien, Pflastersteine und Kinder voneinander zu unterscheiden - wie mir ein Freund, der Liedermacher Thomas Felder erzählte, der dabei war, hatten die Kinder unter Bäumen gestanden, von denen der Wasserwerfer Kastanien auf ihre Köpfe regnen ließ, und die Kastanien zurückgeworfen, worauf die Polizei gewaltsam gegen sie vorging. Es gab auch Wasserwerfer, die sich auf die unbeteiligten Gäste eines Eiscafés richteten, da flogen Stühle durch die Luft, und die Polizei veröffentlichte ein Foto eines "Demonstranten" mit Stuhl in der Hand, um die Gewalttätigkeit der Stuttgart-21-Gegner zu belegen. Thomas Felder berichtete mir auch, er sei mit Eisenstangen in die Nierengegend gestoßen worden, um ihn wegzudrängen, und eigentlich hätte er über eine schon am Boden liegende Demonstrantin trampeln müssen.  Man schleppte ihn im Polizeigriff ab und ließ ihn hinter der Menschenkette laufen. Am Morgen, als ich vor dem Bauzaun spazieren ging, war eine zusätzliche Absperrung aufgestellt, und im 'Korridor' zwischen Bauzaun und Absperrung standen in 2-3 Meter Abstand Zweier- bis Dreiergruppen uniformierter Polizisten (allein trauen sie sich wohl nicht, ich musste an Griechenland 1971 denken, wo die Polizei auch immer in Dreiergruppen patrouillierte).

    Bauzaun-Parolen

     

    Infostand der Parkschützer in Stuttgart

    Baumwaechter

    An einem Büdchen der sogenannten "Parkschützer" (die an den am Freitag, dem 22. (!) beginnenden Schlichtungsgesprächen nicht mehr teilnehmen) standen einige wildmähnige Aktivisten, eine nette Frau schenkte Kaffee aus, ein handytelefonierender Rädelsführer verabschiedete den Telefonpartner mit "oben bleiben!" - das ist die Parole der Stuttgart-21-Gegner. Der Streit um die Stadtplanung zieht wohl auch noch weitere Kreise und betrifft auch den Bibliotheksneubau ("D'r Bücherknascht"), gegen den ich als passionierter Leser ja auch eigentlich nicht sein kann. Wesentlicher ist wohl, dass die durch ihre Tallage eigentlich vollkommen gestaltlose Innenstadt von Stuttgart ohne den Bahnhof gar kein bürgerliches Zentrum mehr hätte. (Gerade deshalb geht der Protest eben nicht von linken Radikalinskis aus, sondern wird von vielen Biederbürgern getragen, und das macht der CDU im Hinblick auf die nächsten Wahlen Angst.) Die Hässlichkeit der Stadt erkennt man nur als Autofahrer beim thoroughfare, wie ein Käfer, der in den Honigtopf will und von einem Kelchrand herunterkrabbelt und auf der anderen Seite der Innenwand wieder herauf. Eine Schlender-Altstadt gibt's nicht, wohl aber einen Biergarten unter Bäumen, der jetzt wegfällt. Im Zentrum kann sich Handel und Wandel kaum entfalten, weil aller Verkehr diesen Weg gehen muss. Wer sich's leisten kann, zieht die Hanglage vor.Handreichung für PolizeiBauzaun Stuttgart 21Bauzaun Bahnhof

    An dem Informationsstand, an dem Neugierige auch durch esoterische Botschaften über "Baumseelen" und die heilsame Wirkung von Mineralquellen belehrt werden, trug ich mich in den sog. "Stuttgarter Appell" ein und gab als Wohnort auf württembergischen Hoheitsgebiet "Oberboihingen" an. Die ganze Absurdität und verbohrte Sturheit der Auseinandersetzung machte sich aber erst bemerkbar, als ich wieder in den Bahnhof kam, wo ein Mann vom Putzpersonal den Boden am Bahnsteig 13 mit einem Gerät säuberte, mit dem wohl sonst Kaugummis von den Fliesen entfernt werden. Der hatte nun allerhand Mühe, einen Aufkleber mit "Stoppt Stuttgart 21 jetzt!" abzukratzen (winzig klein, neben der großen gelben Messe-Fußbodenwerbung), damit nicht etwa der Blick eines umsteigenden Bahnreisenden auf ihn falle... Parolen abkratzenwelche Albernheit!

    Jede Generation müsse ihren Beitrag zur Modernisierung des Landes leisten, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Deutschlandtag der Jungen Union. Hierzu gehörten auch neue Verkehrswege. "Sonst werden wir den Anschluss an die Zukunft verlieren." Gute Güte, wie oft hab ich das schon gehört. Fortschritt muss sein, und wo gehobelt wird, fallen Späne. Ohne KKW gehen die Lichter aus. Jede Generation muss ran, Zähne zusammenbeißen bzw. Mund auf, bittere Pille rein und runter damit. Wer etwas anderes behauptet, lügt. "Wir brauchen keine Bürgerbefragung. Die Landtagswahl wird die Befragung der Bürger über das Projekt sein", erklärte die CDU-Vorsitzende mit Verweis auf die Landtagswahl in Baden-Württemberg im kommenden März. Welches Demokratieverständnis hat man im Kanzleramt? Dazu hört man außerdem immer wieder, das Projekt Stuttgart 21 sei bereits "demokratisch legitimiert", weil die beteiligten Politiker, die es auf Biegen und Brechen, mit Gummiknüppel, Tränengas und Pfefferspray durchziehen wollen, gewählte Volksvertreter seien. Hierzu hat Gottfried Benn 1933 (zur Rechtfertigung der Nazis, die er zur neuen Epoche erklärte) das Nötigste gesagt: "Wie stellen Sie sich zum Beispiel das zwölfte Jahrhundert vor, den Übergang vom romanischen zum gotischen Gefühl, meinen Sie, man hätte sich das besprochen?... Man hätte abgestimmt: Rundbogen oder Spitzbogen; man hätte debattiert über die Apsiden: rund oder polygon?"
    Ich wüsste von keinem grösseren Bauprojekt, das demokratisch zustande gekommen wäre, und schon gar nicht im Eisenbahnbau. Da wurde enteignet und entvölkert, gerodet und eingeebnet, was immer im Wege stand. Nehmen wir aber ein näher liegendes Beispiel aus der Gottfried-Benn-Gotik: Der Bau des Kölner Doms wurde nach Plänen von Albertus Magnus am 15. August 1248 begonnen, rund dreihundert Jährchen später, zur Reformationszeit, wurde den Leuten allmählich klar, dass sie auf Dauer mit einer Bauruine leben würden.Bauzaun Stuttgart 21 Über die Gotik wurde in Köln mit den Füßen abgestimmt, denn hier gab und gibt es noch ein Dutzend romanische Kirchen: Gemeindekirchen sind das gewesen, mit je eigenem Charakter, eigenen Lokalheiligtümern, eigenem Stil. Das war den Gläubigen wichtiger als die rußigschwarze gotische Gottesfabrik mit den Dreikönigsreliquien, die eher als Touristenmagnet dienen sollte, was nach der Reformation dann nicht mehr so der Bringer war. Erst im 19. Jahrhundert fand das Projekt Kölner Dom mehr Akzeptanz bei der Bevölkerung, die jetzt sogar freiwillig für den Weiterbau spendete, dann kam noch der germanisch-preußische Nationalwahn hinzu, Staatsknete kam aus Berlin - und 632 Jahre nach Baubeginn wurde der Dom fertig: am 15. Oktober 1880 - vorigen Freitag vor 130 Jahren. Übrigens kein "katholischer" Bau, sondern (so war es zumindest von den Hohenzollernkönigen geplant und steht auch noch auf einer Gedenktafel zu lesen) als sog. "Simultankirche" für beide Konfessionen, die Katholiken und Protestanten im preußischen Rheinland miteinander aussöhnen sollte. Die starke Mehrheit der Katholiken, die dem Kaiserempfang bei der Einweihung fernblieb (mitten im Kulturkampf) hat dann die protestantische Diaspora-Minderheit überredet, auf den Dom zu verzichten (wo freilich mitunter noch ökumenische Messen gefeiert werden), und sie mit einer der viel anmutigeren romanischen Kirchen, St. Maria im Kapitol, abgefunden.

    Hauptbahnhof StuttgartZurück zu "Stuttgart 21". Wie man hört, haben namhafte Architekten, allen voran der ehemalige Mitplaner des Projekts Frei Otto, der sich vor einem Jahr daraus zurückzog, einen Baustopp gefordert. Offenbar gibt es nicht nur zahlreiche Tunnels, die bereits jetzt den Untergrund durchlöchern, sondern auch noch unwägbare Mineralquellen, denen Bahnchef Grube und Ministerpräsident Mappus durch "Wasser-Management" beikommen wollen. Der Boden enthält an vielen Stellen das Mineral Anhydrit, das sich beim Feuchtwerden bis zu 50 % ausdehnen kann (sog. "Salzschwellung"). Bereits 1988 fiel beim Bau des Kaiser-Wilhelm-Tunnels in Stuttgart ein Haus deswegen in sich zusammen; Wassereinbrüche bewirkten auch, dass 1994 ein Bus in einer Müchener U-Bahn-Baugrube versank, dass 2008 in Amsterdam mehrere Häuser um 23 cm absackten und das Kölner Stadtarchiv mit seiner fast tausendjährigen Tradition in einer nassen, sandigen Baugrube verschwand, wobei auch noch zwei junge Leute, Anwohner aus der Nachbarschaft, sterben mussten. Aber warum kein Baustopp, wie sogar der Schlichter Geissler anfangs forderte, damit wenigstens solange man am Verhandlungstisch sitzt, keine Bäume mehr gefällt, keine Baugruben mehr gebohrt, keine millionenschweren Aufträge vergeben werden? Die militanteren unter den Parkschützern, die sich auf den faulen Kompromiss nicht einlassen wollen, müsste Heiner Geissler doch verstehen, hat er doch selber mal, um die Friedensbewegung zu diskreditieren, das unsäglichen Statement erlassen, der Pazifismus habe Auschwitz erst möglich gemacht. Aber die Obrigkeit hat's beschlossen, und Stefan Mappus hat sein politisches Schicksal darauf verwettet, und jetzt auch die Kanzlerin, ob sie sich einen Gefallen damit getan haben? Vielleicht stimmt das Volk auch über ihre Politik mit den Füßen ab - per Tritt in den Allerwertesten.


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  • Commentaires

    1
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Mardi 19 Octobre 2010 à 17:13

    Gut gebrüllt, Löwe! Auf der Rückreise kam ich auch durch Stuttgart und alle schauten aus den Fenstern, um die Zerstörungsarbeiten zu sehen, war aber nichts zu sehen vom Zug aus. Nur der Blick auf den Park war wirklich schön, der fällt dann wohl weg. Der Blick sowieso, der Park zum Teil auch. Ich war vor langer Zeit mal in Stuttgart und habe nur ein einziges Bild im Kopf behalten, das des wirklich großen Schlossplatzes. Oder kam mir das nur so vor? Und die gruselige Sprache, dagegen ist Bayrisch richtig angenehm.

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