• Denjenigen, die uns besuchen und die gern im Grüngürtel spazieren, konnten wir bisher ein Spektakel zeigen, über dem die Kreisregierung gemeinsam mit der Sittenpolizei zum 1. Mai (Tag der Arbeit!) den Vorhang senkte. Nuttomobil-GeländeDie Nähe der Kaserne, des Großmarkts und des Autobahnzubringers hat zwar nicht dazu geführt, die Tante-Emma-Läden (Lebensmittel, Schreibwaren, Drogerie) unserer main street zu erhalten. Hier gibts nur noch Bestattungsunternehmen, Pflegedienste, Krankengymnastik, Apotheken, Kosmetik- und Frisiersalons; Richtung Zollstock kommen noch Floristik, Cafés und Grabsteinmetze hinzu. Doch ein anderes, horizontales Gewerbe, das angeblich-älteste der Welt, hatte bis kürzlich Hochkonjunktur. Und das nahm sich so aus: Direkt am Militärring, auf bundeswehreigenem Grundstück (seltsamerweise soll das bei dem Parkstreifen an der Seite der Fall sein) hatte sich seit Jahren eine Wohnwagenkolonie etabliert. Wie die so Stoßstange an Stoßstange stehen, eine abgestellte Mobil-Rostlaube neben der anderen, hätte man fast den Eindruck eines Campingplatzes an der Côte d'Azur (eines, wo Zelten verboten ist) gewinnen können. Brühler-StraßenprostitutionManche der Hütten waren von LED-Girlanden erleuchtet, einige der Rückfensterchen ließen Herzchen sehen oder auch Namen in Zierschrift wie KITTY, NIKKI oder LYUDMILA. Nur von Gartenzwergen und Jägerzäunen, wie sie im Bergischen Land die Schlafstätten der Dauergäste zieren, war nichts zu erkennen. Auch Rast und Muße suchte man auf diesem Rastplatz vergebens, denn rund um die Uhr war hier ein Abbiegen und Schrittfahren und Anhalten wie am Flughafenterminal - das ging praktisch morgens in aller Herrgottsfrühe los, erreichte nach den normalen städtischen Büroschlusszeiten ca. 16.00-19.00 den Höhepunkt und war nach 22.00 immer noch nicht zu Ende, winters wie sommers! Morgens kamen allerdings die schwereren Kisten, da wurde wohl abkassiert, und bullige Glatzköpfe mit mannscharfen Kötern machten die Runde. Übrigens standen auch auffallend viele Wagen mit einzelnen Fahrerinnen in den Wald-, Rad- und Fußgängerwegen herum, die sonst noch vom Militärring abgehen. Und weiter zum Bonner Verteiler zu, in einiger Entfernung vom Wohnwagenfriedhof, sah man schon am frühen Nachmittag hochhackige Spaziergängerinnen in Minishirt & Glitzerkleidern am Rand des Grünstreifen stolzieren, selbst in nächtlicher Finsternis ohne reflektierende Warnschutzwesten! Jahrelang lief das so seinen kölschsozialistischen Schlendergang, angeblich war nichts zu machen, seit 2005 ist Prostitution nicht mehr verboten, sogar sozialversicherungspflichtig, und weil kein Kindergarten in der Nähe sei und  der stadtauswärts gelegene Teil des Grüngürtels nicht mehr zum Stadtgebiet gehöre, weil die Stadt Hürth auch kein Interesse an der Angelegenheit zeige, weil weit und breit nur Autobahn, aufgelassene Fabrikgelände, Containerbahnhof und Kaserne angesiedelt seien (angeblich kein Wohngebiet), die Kreisregierung zuständig sei und so weiter... kurz, man ließ alles beim alten und damit zu, dass eine Bulgarenmafia sich und ihre Pferdchen hier fest installierte. Allerdings hatte man zu Jahresbeginn 2010 den Kalscheurer Weiher und seine Ufer neu gestaltet, der liegt wenig tiefer im Grüngürtel, ein Verein hat dort ein nicht-kommerzielles Kaffee- und Bootsverleihbüdchen eröffnet, in der Nähe entsteht neue Wohnbebauung, und schließlich sind sogar wir hierhergezogen (immerhin ein Beitrag zur intellektuellen Gentrifizierung). Sonntagsspaziergänge in den Grüngürtel, Jogger/-innen zuhauf, das sog. Umfeld wandelte sich... Und als gar die ambulanten Damen (das schien eine Konkurrenz zu den Wohnwagen-Behausten zu sein) bis nach Meschenich auf der Landstraße anschaffen gingen (mit Kühen und Rapsfeldern als Hintergrund, ein seltsamer Anblick), wo in letzter Zeit selbst bejahrte Dorf-Omas an der Bushaltestelle von Autofreiern angequatscht wurden (ein befreundeter Lyriker sagte neulich, seine zwei hübschen Töchter hätten als studentischen Ferienjob mal eine "Verkehrszählung" am Militärring durchführen sollen, die könnten Abenteuerliches berichten!), war der politische Wille da. Plötzlich gab es eine Bürgeranhörung, die Kreisregierung wurde aktiv und seit 1. Mai 2011 gelten neue Sperrgebietsgrenzen. Sperrbezirke in KölnDiese sehen zwar vor, dass Nachtarbeiterinnen von 20.00 bis 6.00 auch am Grüngürtel und in angrenzenden Vierteln tätig sein dürfen, nicht aber zu Tageszeiten, nicht auf dem Weg nach Meschenich und insbesondere nicht in fest auf dem Parkplatz installierten Wohnmobilen. In Nullkommanix waren die ganzen Apparillos verschwunden und vermutlich hat man den Platz anschließend auch noch von Myriaden von Einwegspritzen, gebrauchten Kondomen und Viagra-Streifenpackungen reinigen müssen. (Bei uns gegenüber besitzt jemand so ein überdimensionales Blechhotel, besitzt auch noch ein zweites Trumm in der Art - wir parken schon möglichst unser Auto vor dem Wohnzimmerfenster, damit wir nicht dauernd auf die "Knaus"- oder "Hymen"-Fassaden - sprechende Markennamen - starren müssen. Er stellt sie fast täglich von hinnen nach dannen - Fahndungsfotonicht wegen der Parkplatzsache, man darf ja nicht ununterbrochen auf der Stelle stehen, sondern er ist oft tagelang nicht und dann wieder da, und ich hab den leisen Verdacht, auch das Vermieten an die Mafia könnte lukrativ sein...) Inzwischen geht nämlich der Rummel am Containerbahnhof Eifeltor weiter (das ist der weiße Fleck auf der Sperrbezirkskarte), dort dürften sich inzwischen die Wohnwagen knubbeln, denn da war schon kaum noch Platz für Konkurrenz, wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete. Was mich am meisten dabei wundert, ist die Tatsache, dass es gar keine Prost-Institution in der Nähe gibt. In meiner Jugend konzentrierte sich das Angebot in der Innenstadt, an der sogenannten Brinkjass, da lagen die Apartements und Stundenhotels, vor die hatte man sogar ein Mäuerchen gezogen, damit wir Kinder nicht die lange Schlange einsamer Männer sähen, die sich ziemlich hinzog. Sinnigerweise zweigte die Brinkgasse von der "Ehren"straße ab, die eine hohe Kneipendichte zum Mutantrinken besaß und deshalb besser Schandenstraße geheißen hätte. Das wurde dann aufgelöst und ein sog. "Eros-Center" an der Inneren Kanalratte eingerichtet (zum Stadtteil "Ehrenfeld" gehörig!). Worauf sich der Straßen-, Kneipen- und Autostrich schwemmflutartig in der Innenstadt vermehrte. Ich wurde selber angesprochen, damals noch langhaarig! Denn um in das Eros-Center zu kommen, musste Mann sich das ja vornehmen, und zumindest ein Aspekt dieses Geschäfts besteht (möchte ich vermuten!) doch darin, beduselte Saufnasen abzuschleppen, die guter Dinge sind, sich gern vor dem Heimgehn noch was aufmuntern lassen, sowieso nicht mehr recht wissen, wie's geht, und nach etwas Gerubbel beseligt ihren Fuffi rausrücken. Ein anderer Teil der Kundschaft fährt zielgerichtet dorthin (oder lässt sich bringen - Taxifahrer kriegen in bestimmten Saunaclubs 50 EUR, wenn sie ihre Gäste vor der Tür abladen), wo man sich nach Feierabend amüsieren kann ("ich komm heut später, Schatz, mal wieder 'ne Konferenz!") -, aber doch nicht, wo in Neonleuchtschrift "Eros-Center" drübersteht und man womöglich fotografiert wird oder einem Journalisten auf Recherche begegnet. Biegt man hingegen am Parkstreifen beim Heeresamt ein, kann man sich ja auch verfahren haben ("ich wollte nur den Sicherheitsgurt richtig einschnappen lassen!") oder fährt wieder raus, falls man vor sich das Nummernschild vom Wagen des Abteilungsleiters erkennt... Jedenfalls ist zur Zeit "Ruhe im Puff", wie man humorig sagen könnte, der Caravanstrich hat ein Ende. Wovon mögen nun die bulgarischen shareholder leben? Der Übelste von ihnen, in der einschlägigen Szene unter dem Decknamen "Nutten-Nikolaj" bekannt, ist übrigens landflüchtig, von ihm existiert nur ein unscharfes Fahndungsfoto. Sachdienliche Hinweise nehmen alle Polizeidienststellen sowie die Verkehrsministerin entgegen!

    Karikatur Karl Arnold

     "Ja, Kleenes, wie icke noch bei't Jeschäft war, war pervers nur Sache des feinen Kavaliers - aber seit die Umwälzung valangt ooch der einfache Bürjer sein Recht!"


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  • Gestern um 13.30, ungefähr 15 Minuten, nachdem ich die Nachricht erhalten hatte, dass der Verteidigungsminister zurückgetreten ist, habe ich auch diese Protest-Liste unterschrieben, die an Frau Merkel ging und auf der heute mittag schon 62.500 Unterschriften stehen. Natürlich ließ ich mir nicht nehmen, den Punkt "Ich habe selbst einmal eine Doktorarbeit verfasst" anzuklicken.

    Guttenberg und das Internet

    Es sind aber bei weitem nicht nur Doktoranden oder Wissenschaftliche Mitarbeiter auf dieser Liste, sondern man konnte und kann sich auch als "Unterstützer" ohne entsprechenden akademischen Hintergrund einbringen. Normalerweise unterschreibe ich nichts und schicke auch keine Schneeball-Protestmails weiter. Ich laufe ja auch nur ganz ausnahmsweise in Demos mit, und an Ständen mit politischer Propaganda wird man mich nicht finden, weder beim Flugblattverteilen noch beim Entgegennehmen derselben. Zwar habe ich mich die ganzen 12 Tage, die der Fall mittlerweile währt, maßlos aufgeregt und immer wieder Nachrichten und Kommentare gehört, im Radio und im TV, und entsprechende Passagen in Zeitungen und im Internet gelesen,

    Guttenberg und der Einzelhandel

    aber mir kam das alles - nach einer Formulierung des Betreffenden selber - zuerst selber ohnehin "absurd" vor. Ich bin ja aus meiner wissenschaftlichen Tätigkeit gewohnt, dass z. B. Lexikonschreiber immer wieder auf ältere Texte zurückgreifen, statt selber zu recherchieren, weshalb Falschangaben (und mehr noch Fehlurteile!) immer weitergesponnen werden, bis sie so verfestigt sind, dass kein Mensch mehr wahrhaben will, dass es anders sein könnte. In der Literaturgeschichte gibt es da zahlreiche Beispiele, und nur in ganz seltenen Ausnahmefällen wird so etwas später korrigiert. (Ulrike Meinhof und Che Guevara waren keineswegs das politische Vorbild einer ganzen Generation, Nietzsche ist kein Frauenfeind und Benn kein eingefleischter Nazi gewesen, Hans Baumann schrieb nicht das Lied "heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt", und nein, die Vandalen haben am 2. Juni 455 nicht alles kurz und klein geschlagen in Rom!) - Nachdem ich zuerst sowieso höchstens an ein paar ungeschickt umformulierte Entlehnungen dachte, die sich Guttenberg in seiner Dissertation genehmigt hätte, war ich baff von dem Vergleich, den man ziemlich schnell in der Süddeutschen auch online präsentierte: da stellte man jeweils die Seite der Dissertation und das Original gegenüber, mit entsprechend farbig hinterlegtem Text. In dem Moment war klar, dass hier ein dickerer Hund begraben ist. So frech geklaut, wörtlich und absatzweise, das hat man selten, das kommt vielleicht mal bei Redenschreibern vor, aber bei gedruckten Büchern kaum (und wäre die Dissertation bloß in der Pflicht-Anzahl kopiert worden, ausschließlich für Seminare und Universitätsarchive bestimmt, statt dass die Eitelkeit des Ministers noch einen Verlag dafür suchte, wüßte man wohl bis heute nichts davon). Guttenberg und die Kinder und SeniorenIn meiner Zeit als Wissenschaftlicher Assistent an einem Lehrstuhl habe ich in einer der vielen durchzusehenden Hausarbeiten auch mal einen geistigen Diebstahl aufgedeckt, aber der war viel, viel geschickter camoufliert. In den Zeiten vor "google" ging das so: Ich entdeckte eine Literaturangabe - eine verschimmelte kommunistische Flugschrift vom Beginn des 20. Jahrhunderts - , so entlegen, dass es mir seltsam erschien, dass die Universitätsbibliothek sie führen sollte, und tatsächlich, sie war nicht vorhanden, sie war fast nirgendwo in ganz Deutschland vorhanden (das ließ sich in Mikrofiche-Katalogen recherchieren), nur im ehemaligen Parteiarchiv der SED, und da kam ich ins Grübeln - für eine Hausarbeit macht man gewöhnlich keine Archivreisen - ,

    Guttenberg und die Arbeitswelt

    sah mich weiter um und stellte fest, dass in einem Standardwerk der Sekundärliteratur zum Thema dieselbe Flugschrift im Literaturverzeichnis auftauchte, und bingo!, das Zitat hatte in der studentischen Arbeit genau denselben Umfang und an derselben Stelle 3 eingeklammerte Auslassungspünktchen wie in dem Standardwerk. Okay, einmal fündig geworden, erwachen die Jagdinstinkte, und da stellte sich raus: Tatsächlich hatte sich der Verfasser der Hausarbeit, statt eigene Gedanken zu entwickeln, von Zitat zu Zitat gehangelt, die sich in dem Buch fanden, und die einfach samt Fußnote kopiert, und dazwischen einen kaum eigenständigen, nur mühsam zusammengestoppelten, die Thesen des Standardwerks mit nur leicht abweichender Wortwahl umspielenden Text geschrieben, der sich wie eine schlechte "Interlinearübersetzung" des Originals las. Und das war ein Lieblingsstudent, einer, in den große Hoffnungen gesetzt wurden, der schon ins Colloquium eingeladen worden war und so weiter... Aber es half alles nichts: Die Entdeckung musste dem Lehrstuhlinhaber offenbart werden; der Betreffende verließ nicht nur das Colloquium, sondern das Seminar und die Uni und hat, dem Vernehmen nach, mit einem anderen Fach weiterstudiert. Guttenberg und das Ehrenamt- Was in den folgenden Tagen bei Min. a. d. ex-Dr. K. T. v. u. z. G. lief, hatte natürlich viel teuflischere Dimensionen, besonders wenn man die Konsequenzen zieht, die sich aus der Verteidigungsstrategie der Kanzlerin, der CSU-Vorstände und anderer Regierungsmitglieder ergeben. Er war als Minister, nicht "nur" als wissenschaflicher Mitarbeiter, die offenbar astreinen Lebenslauf und ordentlichen Fußnotencomment benötigen, eingestellt. Anti-Gutenberg-DemoQuod licet Jovi, non licet bovi; der Mitarbeiter muss korrekt zitieren, der Minister jongliert nach Bedarf mit fremder Leute geistigem Eigentum? Ein Minister darf demnach auch ungestraft Titelbetrüger sein. ("Betrüger" wurde z. G. mehrmals im Bundestag und zuletzt vom Nachfolger seines Doktorvaters in Bayreuth geheißen, der Doktorvater selbst sprach kurz vor Toresschluss von Plagiaten, - ich wette, dass sich Justiziare und Anwälte die Handys heißtelefonierten, um zu klären, ob das irgendwie geahndet werden kann - das Wort "justiziabel" hatte Guttenberg ja schon selber gebraucht, als spielerisch-freundliche Andeutung in dieser Bundestagsdebatte - nach dem Motto: wenn ihr mir so kommt, Kerls, ich kann auch anders! - schade, Schwieger-Ururgroßvater Bismarck hätte die wissenschaftlichen Korinthenkacker wegen geringerem Anlass zum Duell gefordert - und einer seiner Imageberater nahm ihn wohl hinterher beiseite: Karl-Theo, lass es...) Auch auf die Freunde, die ihn verteidigten, möchte ich, falls ich je in vergleichbare Umstände geraten sollte, gern verzichten. Sollte man nach Guttenberg einst eine Sackgasse benennen, was in seinem Heimatdorf bestimmt längst in Planung ist, wird Annette Schavan einen "U-Turn" für sich beanspruchen dürfen wegen ihres Herumeierns, anfangs alles kleinzureden, den Spieß immer gegen die Entlarver zu wenden und sich ganz am Schluß für Guttenberg zu "schämen". Das gegenseitige Hoch- und Niederabstimmen der zeitunglesenden Bevölkerung (die ja nur einen sehr geringfügigen Prozentsatz der Wählerschaft ausmacht), war genauso unappetitlich und wo der Werbeetat der Bundeswehr schon an die Springerpresse vergeben worden war, in seiner Motivation auch bei denen durchsichtig, die schlechte meteorologische Werte für den Minister feststellten. Wo doch KEINE dieser sogenannten Statistiken, ebensowenig das stumpfsinnige Facebook-gefällt-mir-Anklicken, auch nur die geringste Aussagekraft hat, mal ganz abgesehen, dass über Titelbetrug und Diebstahl sonst auch nicht abgestimmt wird und Sympathiewerte (man sehe sich mal am Karfreitag die von Barrabas gegenüber Jesus an) weder vor Gericht noch vor Prüfungskommissionen etwas gelten.

    Guttenberg und die Statistik

    Dass die meisten Leute gern schummeln - und, wenn es ihnen verwehrt ist oder sie damit auch keinen Blumentopf gewinnen würden, andere für sich schummeln lassen - , hat sich schon oft gezeigt, bei der Begeisterung für Berlusconi etwa, den die Italiener meiner Meinung nach wählen, weil er ihnen als in jeder Lebenslage strahlendes Vorbild das schlechte Gewissen nimmt, das sie immer haben, selbst wenn sie gar keine Steuern oder nur Kleckerbeträge hinterziehen oder ihre Frauen nicht oder nur bei seltenster Gelegenheit betrügen sollten. Den meisten Leuten kann man schon noch vermitteln, dass man sich nicht mit fremden Federn schmücken oder mit raubkopierten zusammengeleimten Texten einen Titel erschleichen darf. Aber wie dem auch sei, all das hat mich auch noch nicht bewogen, irgendeinen Leserbrief zu schreiben (obwohl ich daran gedacht hatte, mich bei der Universität Bayreuth zu erkundigen, welche Kriterien für die Bewertung einer Arbeit mit "summa cum laude" in der juristischen Fakultät üblich sind) oder eine Abstimmung mitzumachen. Über alle Hindernisse hinweg...Nein, was mich am Schluß wirklich aufgeregt hat und was mir noch immer den Schlaf raubt (wirkliche Erleichterung will sich daher gar nicht einstellen), ist DIESER Abgang des Betreffenden, sein Schlussmonolog (mit dem das Drama aber vermutlich noch nicht zu Ende ist), die Siegerpose, das Immer-noch-Spieß-umdrehen, als handele es sich um eine nebensächliche Rangelei mit wichtigtuenden Widersachern in einer ansonsten völlig glatten, kometenhaften Karriere, dieses idiotische Grinsen, das Fingerzeigen auf andere, und letztlich noch die Berufung auf die angebliche "Mehrheit der Bevölkerung", die ihn im Amt zu halten beschworen haben soll, der Bevölkerung! nicht bloß seine Wähler sind gemeint!!! und dann die Drohgebärde mit den starken Jungs, die er auch noch zur Verstärkung holen kann, wenn es ihm beliebt, die Instrumentalisierung der Soldaten in Afghanistan, die ja außer von ihm völlig vergessen werden bei all dem Trubel um ein paar dämliche Fußnoten, dieser ganze narzistisch-verzückte Cancan mitsamt allen Verrenkungen, um für den eigenen Dreck im Kopf und an den Fingern andere verantwortlich zu machen, und der Schlusssatz ("Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht"), der nicht nur mich an die Dolchstoßlegende von 1918 erinnert: "Im Felde unbesiegt!" Solch unbeirrte Frechheit haben zuletzt vor 1933 die Nazis an den Tag gelegt, die sich vor Gericht und Parlamentariern, vor der öffentlichen Meinung und noch im Reichstagsbrandprozess verantworten sollten. Hoffentlich feiert dieser Langfinger nicht noch ein fröhliches Comeback als Reichsmarschall von und zu G.


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  • In unserem früheren Wohnumfeld Köln-Sülz, das wir kürzlich zum Einkaufsbummel besuchten, hat sich eine neue Kunstaktion ergeben, bei der offenbar Plakatbefürworter zusätzlich zu der Werbe-"Bespielung" weitere Plakate aufhängen.Babysitter-Angebot Damit sind keine Tierverlustmeldungen gemeint, auch nicht die Jobgesuche babysittender Gymnasiastinnen, sondern Fotos. In Köln wird man ein Künstler, wenn man irgendwas Verrücktes mit sturer Regelmäßigkeit tut: In der Fuzo als Sandwichman mit der Botschaft "ICH SCH...  AUF DIESEN STAAT" herumlaufen (das war in den 1980er Jahren, wogegen die Stadtverwaltung erfolglos prozessierte), Akkordeon auspacken, mit der Blockflöte über die Tasten fiedeln und einen Becher mit der Aufschrift "für Musikunterricht" vor sich hinstellen oder Pappkarten mit Stoßgebeten oder antisemitischen Karikaturen auf Wäscheleinen rund um den Dom hängen. Nun hat jemand, der die Sülzburgstraße fotografiert hat, diese Fotos als Schwarz-Weiß-Kopie in Din-A-3 kopiert und jeweils an geeigneter Stelle (wo man Bild und Wirklichkeit vergleichen kann) plakatiert. Mülleimer-BeklebungEckhaus Sülzburg/Berrenrather StraßeMerkwürdige Aktion, deren Sinn nicht recht einleuchten will. Anfangs glaubten wir, der Buchladen wolle auf seine Fortexistenz aufmerksam machen: Er befindet sich unter einem Baugerüst und ist unter der Plane von der anderen Straßenseite, wo die Schwarz-Weiß-Kopie hängt, unsichtbar. Dann glaubten wir, jemand wolle zum Vergleich historische Bilder vom früheren Zustand der Gegend zeigen. Schließlich entdeckten wir an der Ecke Sülzburg / Berrenratherstraße (siehe Bilder rechts), dass jeweils ein ganz aktuelles Bild an derjenigen Stelle angebracht ist, wo man auch das Original sehen kann. Was immer der Künstler damit bezwecken mag, er weckte zumindest für einen kurzen Augenblick unsere Aufmerksamkeit und wird sich sicher einen Job in der Werbebranche damit verdienen.Buchladen gegenüberTeeladen gegenüberDrogeriemarkt gegenüber Lange wird diese Kunstaktion allerdings nicht dauern, da das Bekleben von Stromkästen, Bäumen, Denkmalsockeln, Ampelanlagen, Schildern, Wänden, Telefonzellen, Mäuerchen, Betonpfählen, Laternen, Mülleimern, Papier- oder Glascontainern zumindest genehmigungspflichtig, wenn nicht strafbar ist. Und einmal dabei erwischt, wird man dann für jeden Graffito der Umgebung haftbar gemacht, so geschehen, als der stadtbekannte Antifaschist im Köln der 1970er Jahre, Sammy Maedge, mit Schülern eine Hakenkreuzbemalung vom Schulgebäude entfernte, man verhaftete ihn, Leichenfledderei an Plakatwandund laut Gerichtsurteil sollte er, obwohl er das Zeug wegmachte, wegen Verschandelung durch Sprühen von Hakenkreuzen haftbar sein. Wer's wegmacht, ist potentiell auch Verursacher gewesen, immerhin vergreift er sich an fremden Wänden! - Auf die Frage, was man denn unternehmen solle, wenn man Hakenkreuzschmierereien sieht, wurde damals (ob das heute anders ist, weiß ich nicht) erklärt: Man soll die Polizei holen, die dann den Eigentümer  des beschmierten Gegenstands alarmiert und auffordert, das Hakenkreuz wegzumachen. Selbsthilfe wegen "Gefahr im Verzug" ist nicht. Hat mich aber noch nie gehindert, Aufkleber von Neonazis abzureißen oder besser, vorsichtig abzulösen und in ein Album zu kleben, ich hab schon eine ganze Sammlung. Bei der Heimfahrt ertappte ich übrigens noch auf frischer Tat eine Vandalin, die sich Fetzen aus einem (schon abgerissenen) Plakat löste und das Papier "wegen der schönen Pixeligkeit" angeblich zu Kunst weiterverarbeitet, die dann auch auf facebook zu sehen ist. Na, wenn das mal die Obrigkeit sieht, die bekanntlich mit der Konsumgüterindustrie und ihren Werbeflächenvermietern gemeinsame Sache macht, dann bleibt kein Auge trocken...!


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  • Großbaustelle VorgebirgsgärtenDie Gegend, in der ich jetzt wohne, sieht rund ums Häuschen beschaulich aus. Grün vor allen Fenstern, Nadelbäume schirmen den Arbeitsplatz vor neugierigen Blicken ab; allenthalben Vorgärten, in denen sich Eichhörnchen tummeln, Schwärme von gefiederten Freunden fallen über unsere am Balkon aufgehängten Meisenknödel her, andere besuchen die Vogel-Drive-in-Loungesdes über uns wohnenden Ehepaars (ein niedlicher Begriff wie "-häuschen" passt dafür nicht mehr, da sind regelrechte Einflugschneisen drangezimmert)... Singvögel fühlen sich hier vor allem wohl wegen der Rückzugsgehölze auf einer eingezäunten Industriebrache, die zu zwei benachbarten Firmen für Chemie- und Schmierstoffe (keinerlei Lärm- oder Geruchsemission) gehört. Plakat aus der Fußball-WM-Zeit?Nur wenige Gehminuten entfernt tost der Verkehr auf dem Raderberggürtel, und schwarz und schweigend ragen die Hochhäuser von ehemals Deutscher Welle (heute eine leerstehende Asbesthölle) und Deutschlandfunk empor. Ich möchte auch gar nicht wissen, was unter der verkrauteten Wiese am altmodisch-gammeligen Ziegelbau der Chemiefabrik schlummert. Denn die Baugrube, die man jenseits des Gürtels ausgehoben hat, um eine neue genossenschaftliche Siedlung (mit dem euphemistischen Namen "Vorgebirgsgärten") zu errichten, entstand auf dem Gelände einer Farben- und Lackfabrik, da Handy-Werbung, abgerissenhat man jede Menge kontaminierter Erde wegkarren müssen. Übrigens hoffen wir hier auf baldige Bezugsfertigkeit der Siedlung (angekündigt für Herbst 2011), weil sich unsere Einkaufssituation mit den sicher ebenfalls neu entstehenden Konsummärkten verbessern, möglicherweise auch endlich das derzeit wegen Restaurierungsarbeiten geschlossene Zollstockbad neu eröffnet werden dürfte. Am Gürtel befinden sich mehrere Konsulate repräsentativer KfZ-Marken mit entsprechenden Parkplatz-Ländereien und architektonisch bizarren Vitrinenhäusern zum Anschauen und Preiseverhandeln (von der Nobelkarosse über Jeep-Geländewagen bis zum Biedermann-PKW ist hier alles zu haben). Bei uns im Innern des beschaulichen Raderthals merkt man gar nichts vom Großstadtgetriebe - außer Mittwochsblättchen und (samstags) bunten Fernsehprogrammprospekten in den nochmal die WaschanlageWaschanlage am RaderberggürtelBriefkästen. Aber es gibt z.B. kaum Graffiti, vielleicht, weil es eine neighbourhood watched area ist und jeder Lümmel, der mit einer Sprühflasche ertappt wird, sofort mit dem Klammerbeutel gepudert oder der Obrigkeit überstellt wird. Dafür toben sich die (jugendlichen?) Nihilisten auf dem vierspurigen Gürtel aus, wo sie zumindest nachts unbeobachtet sind - herannahende Streifenwagen kann man von weitem erkennen -, und hindern die freie Wirtschaft daran, uns glückseligmachende Produkte anzupreisen und damit via Binnennachfrage der Krise entgegenzuwirken. Jaguar-Skulptur auf der ZinneMerkwürdigerweise greift man fast nur Plakatwände an (parkende Speditions-LKWs, leider auch Bus-Wartehäuschen), nicht aber den springenden Feliden, der für den Boliden der einschlägigen Luxusmarke wirbt (wahrscheinlich ist das Firmenportal mit Videokameras gesichert). Er tut so, als wäre er massives Silber, besteht aber vermutlich doch nur aus poliertem Blech oder gar Plastikmüll. Er bleibt jedenfalls unbehelligt, was man von den stumm herumstehenden, die Landschaft verschandelnden Werbetafeln nicht sagen kann. Was mir an abgerissenen Plakaten gefällt, ist der künstlerische Effekt der Collage: Ist die obere Schicht weg, bleibt von den unteren was übrig und führt zu merkwürdigsten Parallelen, oder es entsteht ein fetzenhaftes Amalgam aus allem, was je darunter klebte, wobei für kundige Betrachter z.B. das Wort Deutschland kenntlich wird. Außerdem geben sich die Vandalen augenscheinlich viel Mühe, die Plakate unterschiedlich zu bearbeiten, mal werden sie wie eine altertümliche Schriftrolle von oben hHotline für Köln-TicketsBitte weiterblättern...eruntergezogen, mal wie ein Buch aufgeblättert, so dass aus der abgebildeten Dame, die junge Mütter ermahnt, während der Schwangerschaft keinen Alkohol zu trinken, eine fast dreidimensional im Raum platzierte Sitzriesin wird. Oft sieht auch der Untergrund der Plakate aufgeschlitzt oder, wenn Metall, wie blankgeputzt aus. Kurz und gut: mir gefällt diese täglich erneuerte Ausstellung einer sozialkritisch-hyperrealistischen, das Material der unmittelbaren Wirklichkeit verarbeitenden Gegenwartskunst in meiner Nachbarschaft, und ich werde bestimmt noch viel darüber berichten, auch noch über die Graffiti, von denen hier nur eins angedeutet werden soll, der auf das Mäuerchen über der Mr. Wash-Autowaschanlage gesprühte Imperativ "Putzen". - Viel Mühe hat man sich an der Vorgebirgsstraße gegeben. Da hat es nicht gereicht, das Plakat abzureißen oder es mit gesprühten ironischen Kommentaren, Filzschreiber-

    Vernagelte Plakatwand, Vorgebirgsstraße

    Farbakzenten oder dergleichen zu ergänzen: Da hat sich jemand richtig Mühe gegeben und die Bilder der Löwensenf-Reklame ungerührt & handwerklich einwandfrei mit Brettern vernagelt, vielleicht gar verschraubt. Waren es Fans des hinter der Wand angesiedelten Fußballclubs Fortuna Köln, denen der Gratis-Blick durchs Gebüsch auf die Spielfläche verbarrikadiert wurde? Für die werdende Mutter kein Gläschen in EhrenMich erinnert diese Handwerkskunst an die sogenannten "Bilderstürmer", deren Werk man in der Skulpturenabteilung des Doms zu Münster bewundern kann (im Kreuzgang zur Mahnung aufgestellt). Dort sind die vom Täuferregime Jan van Leydens "gestürmten" Heiligenbilder zu sehen: Ich glaube, es waren auch Heinrich Aldegrever und andere Meister der münsterländischen Schule daran beteiligt, als die Gesichter der Krisenherd oben rechts abgerissenpapistischen "Heiligen" säuberlich abgemeißelt wurden. Es dürfte Tage, wenn nicht Wochen gedauert haben, so dass die gängige Vorstellung von einem "Bildersturm" - wildgewordene Rabauken dringen mit Sensen und Dreschflegeln ein und schlagen alles zu Klump - wohl erheblich relativiert werden müsste. Besonnene, technisch versierte Leute waren hier am Werk, die mit Gründlichkeit, Geduld & Fleiß vorgingen. So, wie sie bearbeitet wurde, sieht die Werbefläche des Düsseldorfer Senfkonzerns aus, als sei sie der Zensur des Volkes unterworfen worden, das sich den Anblick phallischer Bratwürste im aufgerissenen Kindermund nicht länger zumuten lässt. Wie bei jeder Zensur konstituiert das Verschonte, erratisch Stehengebliebene, z. B. "Das ...erlebnis" und "mittelscharf" im neuen Kontext einen neuen Sinn. Aber welchen? Nun, das mag jeder Passant, wie bei jedem offenen Kunstwerk, selbst entscheiden.


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  • Allerheiligen und Allerseelen sind die Spazierfeste aus meiner Kindheit. Sie brachten Ausflüge nebst Kuchen in Cafés mit sich, etwas Peinlichkeit (wohin mit den Händen? woran soll man jetzt denken?) beim stummen Herumstehen vor eingefriedeten Gärtchen mit beschrifteten Steinen. Irgendwer wollte mitunter noch, dass ich die Hände falte und mitmurmele - "Vater unser, der du bist" und so weiter, womit ich nie was anfangen konnte... und ständig das Fingerverbrennen beim Anzünden der Stearinkerzen und nach Einbruch der Dunkelheit, das Schönste: ein Lichtermeer mit meist roten, aber auch manchmal grünen, gelben, merkwürdigerweise nie blauen Plastik-Leuchten.Grab von 1957 Auf dem Grab, zu dem man mich öfters führte als einmal im Jahr, stand eine alte Laterne aus schwerem Gußeisen, darin der gelblich-grüne Glaszylinder, auf dem Deckel ein klotziges Kreuz im Barlach-Stil. Da kam auch eins dieser rotwandigen Riesen-Teelichter rein. - Heute gehe ich immer noch zu dem Grab, das ich vom Friedhofsamt gepachtet habe. Seit einem halben Jahrhundert ist der Baum herangewachsen, der Busch musste schon reduziert werden, Efeu überwuchert alles. Dafür ist im vorigen Jahr die Lampe verschwunden. Wie ich höre, gehen Leute auf der Suche nach Altmetall über die Friedhöfe und heißen mitgehen, was nicht niet- und nagelfest ist. Schade drum, aber nicht zu ändern. Ich komme ja auch nur sporadisch ins Rechtsrheinische. An Allerheiligen wird Laub teils mit dem Rechen, teils von Hand aufgelesen, Äste, Bonbonpapier entfernt, meine Liebste bringt Pflanzen an, oft billige vom Baumarkt in der Nähe - fahren wir last minute am Feiertag hin, wird der lokale Blumenhandel belohnt für die Feiertagsarbeit. Das kommt mit neuer Erde in zwei Schalen, dann wird der Grünmüll weggebracht (schwere Schubkarre über den Müllcontainer zu hieven) und eine Gießkanne am alten Steinbrunnen gefüllt. Die Sachen gehören dem Friedhofswärter, der sie uns ausleiht, wir haben nur einen kaputten Handrechen hinter dem Findling aus der Lüneburger Heide, hergeschafft und beschriftet von dem Bildhauer Hein Derichsweiler (von ihm sind am Waisenhaus in Sülz die Bremer Stadmusikanten, und ich musste ihm mal als Männeken Pis Modell stehen). Dieser Stein aus der Eiszeit muss nicht poliert werden, nur die Efeusträhnen kriegt er frisiert und zum Pony geschnitten. Und der da unter dem Findling liegt - ich hab ihn kaum gekannt -, kommt auch von weit her, aus einem Land, das heute nicht mehr zu Deutschland gehört, wo man aber sehr deutsche Volkslieder sang, die er vermutlich kannte: Lieder, in denen man im Gras unter Linden ein Bett findet oder zwei Bäumelein in Vaters Garten stehn, das eine trägt Muskaten, das andre Braunnägelein, und wo man durch einen Trunk allzeit jung bleibt und die Mädchen in der Welt falscher als das Geld sind. Solche Lieder kannte der bestimmt auch und würde sich freuen, dass sein Grab ein Platz geworden ist, wie er romantischer nicht sein kann. Ich denke oft an ihn und überlege, ob er an mich denkt, ob er mir zusieht bei dem vielen Blödsinn, den ich mache im Leben, ob er wohl entsetzt wäre, wie wenig ich aus mir zu machen verstehe: Ich hatte doch viel mehr Zeit als er und bin schon fast 20 Jahre älter, als er geworden ist, durfte studieren, im Gegensatz zu ihm, der von der Abiturfeier weg zur Wehrsportübung eingezogen wurde und dann vom ersten Tag des Kriegs an fünf Jahre marschieren musste. Der war aber im Herzen bestimmt ein Romantiker, der Volkslieder kannte und gesungen hat, dann war er ja auch noch Journalist und Redakteur, nach 45 Dolmetscher bei den Engländern, wollte nach Britannien auswandern, und so sind meine Teilzeitberufe (Literaturhistorie, Lektorat, Liedermachen, für Geld schreiben und übersetzen) nicht ganz weit weg von dem, was er aus sich machen wollte. Um sich aus einer schwierigen, keineswegs ausweglosen dummen Alltagsverlegenheit herauszuhelfen, ist er einmal zu wagemutig gewesen, aus war's, und das ist vielleicht der Grund, warum ich's nicht bin, jedenfalls nicht im Alltag und wenn es um mich selber geht. Eigentlich wollte ich keine wehmütigen Betrachtungen anstellen, sondern zum dritten schönsten Ferienerlebnis überleiten, das wir vor 14 Tagen hatten, zur Führung über den Zollstocker Südfriedhof...

    Unten in den Kommentaren ist nach der Lampe gefragt worden; allerdings muss ich sagen, der Nostalgiewert war hier nur wenig größer als der Materialwert. So richtig schön war das Dingens nicht, ich hätte es wohl lieber auf meinem Schreibtisch gesehen als in der Schrottmühle,Grabmal Hummerich aber wenn die Hello-Kitty-Puppe jetzt einem lebenden Kind Spaß macht, ist das auch okay, soll man dem weißen Händchen einen warmen Händedruck für geben. Außerdem ist der Verlust einer Hello-Kitty-Puppe oder einer gusseisernen Grablampe kein Vergleich mit den 300 Mio. Reichsmark in 23 Paketchen, davon 230 Mio. Bargeld & der Rest in Wertpapieren, die der Kölner Stadtkämmer Dr. Türk 1944 vor den Alliierten im Erbbegräbnis der Familie Hummerich versteckte! (Dafür würde ich mich auch mal mit dem weißen Händchen anlegen und draufhauen.) Außer ihm waren nur 2 Mitarbeiter eingeweiht; das Rathaus war schon zerstört, der Nazi-Bürgermeister hatte sich abgesetzt und war am Herzschlag verstorben. Viele Kölner, heißt es, haben gegen Ende des Kriegs Schmuck oder andere Vermögenswerte auf Friedhöfen versteckt, was sich sonst dort tat, lese man in Bölls Gruppenbild mit Dame nach.Römergrab in Zollstock Als die Engländer dann im Allianz-Hochhaus am Kaiser-Wilhelm-Ring residierten, wo noch jahrelang die Kölner Stadtverwaltung war, holten sie den Dr. Türk, weil sie von der Sache Wind bekommen hatten, und der führte sie zum Versteck: und siehe da, die Mitarbeiter hatten gespurt, die Kohle war verschwunden (ob vor oder nach der Währungsreform, weiß ich nicht). - Verschwunden sind natürlich auch die Grabbeigaben des Römer-Sarkophags aus dem 3. Jhd. n. Chr., gefunden am Höniger Weg, der von der Besiedlung dieser Gegend zeugt (am Oberen Komarweg lag der Komarhof, einst römisches Landgut mit Villa). - Unweit davon stoßen wir auf einen Grabstein, der (laut Inschrift unter dem Namen, Peter Günther)Grabmal Peter Günther einem "Weltmeisterfahrer" geweiht ist, geb. 29. 8. 1882, gest. 7. 10. 1918. Er starb nicht kurz vor Ende des Weltkriegs oder in Spartakus-Aufständen, sondern gewissermaßen "im Dienst" an einem Sturz vom Rad - er war Radrennfahrer und hatte die Weltmeisterschaft im Steherrennen 1898 und das Rennen "Rund um Köln" 1911 gewonnen. Auf dem Stein steht noch: "Ihrem größten Meister widmen ihr Gedenken die Freunde: die deutschen Radfahrer ihrem Meister als Zeugen unsterblichen Ruhms." Damals war Radsport für die Arbeiterschaft ungefähr das, was heute der Fußball ist, aber viel billiger. Günthers Sponsor war die Firma Clouth (Gummiprodukte) in Köln-Nippes und förderte seine sportiven Aktivitäten mit gerade mal 300 Reichsmark im Jahr.
    Das Bestattungswesen spielte sich im Kölner Mittelalter (und das Mittelalter hielt lange vor) bei der jeweiligen Gemeindekirche im Beinhaus ab. Ziel war es, möglichst im Kirchenraum und dort nah am Altar beigesetzt zu werden, in der Hoffnung, dann schneller von der Auferstehung zu erfahren. Erst als die Franzosen den Kölnern die Zivilisation brachten, wurde der Melaten-Friedhof an der Aachener Straße geplant, wo ganz früher der Galgen, dann ein Lepra-Siechenhaus (der Name kommt von "malade"!) und danach ein Arbeits-, Zucht- und Waisenhaus standen. 1801 wurde auf Napoleons Dekret der Friedhof angelegt, wo noch Grabmal Lindgensbis in die 1830er Jahre überhaupt nur Katholiken beerdigt wurden, trotzdem war er bis Ende des Jahrhunderts pickevoll und es kamen "Entlastungsfriedhöfe" hinzu: der Nordfriedhof in Nippes-Mauenheim 1895, und 1901 der Südfriedhof im 1880 eingemeindeten Dörfchen Zollstock, wohin man anfangs mit uniformierter Blaskapelle (Hinweg: Trauermarschmusik, Rückweg etwas lustiger), Trauergästen in schwarzen Anzügen und glänzenden Zylindern und schwarz drapierten Pferdekutschen durchs Severinstor hinauszog. Muss i denn... Davon kündet noch die Auffahrt vor dem Friedhof, heute Endhaltestelle der Linie 12. Auch Busse verkehren hier, deren Nummern (131, 133, 138)  ÖPNV-User, die uns demnächst besuchen wollen, merken müssen: sie fahren nach Sülz, zum Hauptbahnhof oder eben zum Umsteigen in die 12 zum Südfriedhof, wenn man die 5-10 Min. via Markusstraße nicht zu Fuß gehen will. Den Gleisanschluss verdanken wir den Toten: man konnte die Bahn für Bestattungen mieten, sie fuhr ab 1908 zum "Südfriedhof", dann nach "Zollstock (Südfriedhof)" und heute bloß nach "Zollstock". Der nur noch als Straßenname existierende "Bonner Wall" (Befestigungsanlage gegen die Artillerie) soll damals so hoch gewesen sein - und die Bebauung außerhalb durfte wg. militärischer Sicherheitsbedenken nur ein Stockwerk hoch sein -, dass man oben auf dem Wall stehend die Ziegeleien von Zollstock erblickte, wo in den Jahren nach 1870 viele Liègeois (in Lüttich arbeitslos gewordene Fachkräfte) schafften. Grabstätte FassbenderDie wurden dann hier beerdigt, aber auch reiche Kölner (z.B. der Lackfabrikant Lindgens aus Köln-Mülheim, meiner rechtsrheinischen Heimat), die in der "Millionärsmeile" auf Melaten keinen Platz mehr gekriegt hatten, oder denen es vielleicht an Beziehungen mangelte, die trumpften dann hier posthum mit Marmor, Stein & Eisen auf, weshalb der Südfriedhof auch nicht arm an prächtigen, interessant gestalteten Grabdenkmälern ist. - Da wäre beispielsweise das Fassbender-Erbbegräbnis, das seit 1930 existiert und für das der Architekt Bruno Violi aus Mailand 1935 links die Skulpturengruppe aus Marmor schuf: Männer, die einen schweren Sarg tragen, begleitet von einer Frau und einem Kind.Grabmal Olbertz Ich sollte sie der Aufheiterung wegen zu meiner Umzugsparty einladen! - Venus mit Pfau ist auch nicht schlecht, das Grabmal aus Muschelkalk und Bronze hat etwas Unzüchtiges, man denkt so gar nicht an die Vergänglichkeit dabei, eher an die Eitelkeit des Lebens oder Wollllust mit drei L. Grabmal OlbertzLaut Webseite der Stadt Köln sollen die Pfauen sinnbildlich für die Vergänglichkeit stehen; die Figur in der Mitte sei "geradezu androgyn zu nennen", als Seele des Mannes, Mathieu Olbertz, gest. 1927, und seiner Frau Frederike, gest. 1942, gleichzeitig gedacht. Ob das so stimmt....? "Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad, die Taube stellt den Federkragen hoch", heißt es im Gedicht Erklär mir, Liebe! von Ingeborg Bachmann. - Dabei ist der Friedhof, den Adolf Kowallek, der Gartenbaudirektor der Stadt Köln geplant hatte, zu 80 % gar kein Friedhof, sondern eine Parkanlage im englischen Stil, und hat nur 47.400 Grabstätten auf 65 Hektar, während sich in Melaten 55.000 Gräber auf 47 Hektar verteilen. Einige der schönsten liegen nicht mal an Hauptwegen, sondern versteckt in allerlei Heckenlabyrinthen.
    Natürlich gibt es auf dem Südfriedhof auch die Ruhestätten einiger mehr oder minder bekannter Kölner: FC-Präsident Franz Cremer, der Gründer von Fortuna Köln, Jean Löring, aber auch das Ehrengrab für Ursula Kuhr, die ebenfalls "im Dienst" gestorben ist (geb. kurz nach Anbruch des zweiten Weltkriegs, 3. Oktober 1939, gestorben am 11. Juni 1964), denn, wie es auf dem Grabstein heißt: "Sie opferte ihr Leben zum Schutz der ihr anvertrauten Schulkinder in Volkhoven", wo ein 42jähriger Amokläufer, traumatisierter Kriegsteilnehmer, mit Flammenwerfer und Lanze in die Volksschule stürmte, und seine ehemalige Klassenlehrerin sich zusammen mit ihrer Kollegin Bollenhagen, die ebenfalls wie acht von den Kindern starb (28 wurden verletzt), dem Kerl in den Weg stellte, der sich dann noch vor der Verhaftung mit E 605 vergiftete. Ich wurde (kein Witz!) bei meiner Kriegsdienstverweigerung von den Gewissensprüfern darauf angesprochen: "Was würden Sie tun, wenn Sie zufällig auf dem Schulhof wären, hätten einen Karabiner 98 K dabei...???" Richtige Antwort bitte ankreuzen! Na, als Pazifist würde ich alles tun, um ihm den Flammenwerfer zu entwinden, mich auf ihn stürzen, ihn notfalls niederschlagen usw. - Ein prominentes Grab ist auch das von Karl Berbuer (1900 bis 1977), von dem alle das Lied vom Müllemer Bötchen kennen ("Heidewitzka, Herr Kapitän"), sein Name ist handschriftlich in ein aufgeschlagenes Buch aus Marmor eingetragen. - Peter Müller, allenthalben als "de Aap" bekannt, hatte 1952 den Ringrichter vermöbelt und wurde "auf ewige Zeiten" gesperrt, zwei Jahre später durfte er wieder boxen, er wohnte bs zu seinem Tod 1992 an der Vorgebirgsstraße (ein Schul-Busfahrer in meiner Zivi-Zeit zeigte ihn mir, "da is der Aap") und war am Schluß wohl nicht mehr ganz bei Groschen, lief im Bademantel über die Straße. Man erzählt, ein Kind habe an der Straßenauslage beim Gemüseladen einen Apfel mitgehen heißen, was er gesehen hatte; da soll er den Knaben am Schlawittchen genommen und hochgezogen haben: "Wenn de dat nochemal määhst, schlach isch dich dut! un jetz jank laufe un lass et d'r schmecke..." Claes Oldenburg- Endlich sahen wir noch die Grabstätte der Familie Mauser, die vor dem Krieg Schusswaffen, und danach Bürometallmöbel produzierte (Wolfgang Neuss sagte: "...nicht die Neutronenbombe ist eine Perversion des Geistes, Herr Egon Bahr, der Karabiner 98 K ist eine Perversion des Geistes!"). Sodatengräber SüdfriedhofEigentlich wäre oben rechts das passende Grabdenkmal für die Familie abgebildet, aber das wollten sie wohl nicht, und so hat Claes Oldenburg die Knarre vor dem K 21 in Düsseldorf abgelegt. Statt dessen sieht man die Skulptur eines bärtigen, auf einen Sarkophag gestützten Mann, der schützend mit seiner Linken einen Jungen umfasst - "War Sigmund Freud pädophil?", Bombemopfer Südfriedhofso könnte man es etikettieren. - Einen großen und sehenswerten Teil des Friedhofs nehmen die weiträumigen Ehrengräber für die Opfer des Herrn Mauser und seiner Auftraggeber ein: vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg, mit einem eigenen Friedhof für italienische und britische Soldaten (der gewissermaßen britisches Hoheitsgebiet ist; der Gärtner dieses Teils ist Engländer und hat als einziger Nichtmilitär das Anrecht, dort begraben zu werden). - Die deutschen Steine aus dem Ersten Weltkrieg haben oft interessante Inschriften, die Geburtsdaten stehen dran und es sind oft sehr junge Leute; die angegebenen militärischen Posten (Füsilier etc.) existieren zum Teil gar nicht mehr. Es gibt auch Soldatengräber von Juden und Mohammedanern, hebräisch oder arabisch beschriftet. Im Zweiten Weltkrieg gab es ein Einheitskreuz aus Gußbeton, an den Kanten gebogen wie entchristianisiert und dem "Eisernen Kreuz" ähnlich gemacht - dabei sind die meisten gar keine Kombattanten gewesen -, auf dem nur ein Name oder mehrere stehen. Rund 20.000 Bombenopfer gab es in Köln ( davon liegen 7710 auf dem Südfriedhof; es gab sogar mal einen Fliegerangriff auf die Linie 12, bei dem 21 Leute starben), vor allem in der Nacht vom 31. Mai 1942, als 1660 Bombenflieger im Umkreis von zweieinhalb Kilometern rund um den Neumarkt alles dem Erdboden gleich machten. Die Opfer wurden teils nicht einmal identifiziert, Kriegsgefangene, aber auch Schüler mussten die verbrannten Reste aus den Kellern einsammeln. Aber auf jedem Kreuz steht ein Name, jeder Arier kriegt ein eigenes Grundstück und ein Kreuz darauf gepflanzt: das war der "Dank des Vaterlandes", aber ob die Inschriften stimmen, ist zweifelhaft. - Köln war dann von Engländern besetzt, die sich mit Konrad Adenauer nicht mehr so gut verstanden haben wie nach 1918. Am "Militärring" (wo er das Abholzen des Grüngürtels verhinderte, auch das Schleifen der Forts, aus denen Ausflugscafés werden sollten) hatten sie ihre Offizierssiedlung, die später Belgier übernahmen, da gibt's noch die anglikanische Kirche, und den Friedhofsbezirk hier. Englischer Soldatenfriedhof Zollstock
    This Cemetery was constructed by the government of the British Commonwealth..., steht am Eingang in die Mauer gemeißelt, es gibt zwei Wachhäuschen, in einem soll ein Totenbuch mit allen Namen liegen, und dasselbe in deutscher Sprache an dem anderen Häuschen: Englischer Soldatenfriedhof ZollstockHier ruhen Soldaten des Britischen Reiches, welche während des Weltkrieges 1914-1918 in Deutschland starben. Die durch ihre Gräber geweihte Erde ist als ewiger Besitz durch Vertrag mit dem deutschen Volke und der Stadt Köln gesichert auf daß ihre Ueberreste fuer immer in Ehren gehalten werden. 1925 wurde der Friedhof errichtet, unter OB Adenauer; er ist natürlich allen Besuchern immer geöffnet (ob auch am Bankfeiertag, habe ich nicht gefragt), und vor den spitzigen Wachhäuschen stehen leider keine rot uniformierten Gardisten mit Pelzmützen, was ich bei Trooping the Colours immer so pittoresk finde. 2700 tote Briten aus dem Ersten Weltkrieg liegen hier, auf ihren Steinen sind die Abzeichen ihrer Regimenter: gekrönte Brezel etc., in deren Mitte ein gigantisches Schwert-Kreuz, weitere hinten liegen Besatzungssoldaten,  BFBS-Mitarbeiter, Angehörigen etc., die nach dem Zweiten Weltkrieg in Köln gestorben sind. Den italienischen Friedhof habe ich nicht gesehen, der entstand zwischen 1925 und 1928, es gab ähnliche Enklaven für die italienischen Weltkriegstoten in München, Berlin und Breslau.

    Am Schluss kamen wir wieder beim Eingang an und bewunderten noch den nagelneuen Grabkerzenautomat ("mit Zündholz"), bei dem man sich hier mit dem Nötigsten versorgen kann, falls man Kleingeld hat & nicht in die überwältigende Blumenladenmeile gehen will, die im weiten Umkreis vor der Mauer Kränze, Dekor und Zierpflanzen offeriert. Unten an der Automatensäule eine Entsorgungsklappe für abgebrannte Lichter ("leere Mehrwegbecher hier einwerfen!"). Außerdem stehen hier ein paar besonders sorgfältig bepflanzte Gräber ohne Namen, das ist die sog. "Mustergrabanlage", eine ständige Ausstellung des Friedhofsgärtnerverbandes mit Vorschlägen, was man denn so machen lassen kann, darf und sollte, wenn es so weit ist... "Flächenbepflanzung: Euonymus fortunei 'Emerald Gaiety' oder 'Minima', Rahmenbepflanzung: "Pinus mugo 'Mops', Lichtanspruch: sonnig", und nicht vergessen: "Bis zur endgültigen dauerhaften Grabanlage wird der Hügel bepflanzt, damit sich das Erdreich nach einer Bestattung setzen kann." Darauf muss ich mich auch erstmal setzen. Das Pförtnerhäuschen, das wir passierten, um noch einen Kakao im Café Metternich zu trinken (hier gebe ich Salonabende, wenn die Besitzerin mitspielt), war übrigens schon mal abgerissen und wurde nach Bürgerprotesten mit einer Spende wieder aufgebaut.


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