• Am 22. August wird es 70 Jahre her sein, dass die ersten 1078 Stuttgarter Juden vom Sammellager KillesbergSiegener Bunker nach Theresienstadt deportiert wurden. Die Fahrt kostete 50 Reichsmark, außerdem nahm man ihnen 5 Mark für ein Essenspaket ab, das allerdings nie ausgehändigt wurde. Am Bahnhof Bauschowitz angekommen, mussten die vorwiegend alten und gebrechlichen Menschen unter Schlägen tschechischer Miliz 3 km zu Fuß ins Lager gehen, wo sie kein Altersruhesitz, Gedenktafel für die Siegener Judenden man ihnen versprochen hatte - und für den sie viel Geld an die SS gezahlt hatten - , sondern die völlige Ausplünderung (man nahm ihnen u.a. alle mitgeführten Medikamente weg), Wassermangel, der Hunger, zum Schlafen der Steinfußboden einer Kaserne erwarteten. Erst am folgenden Morgen wurde etwas zu Trinken ausgeteilt, an diejenigen, die nicht zu schwach waren, in der Schlange zu stehen. (Diese Information entnehme ich dem Buch von Margot Weiß: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post..." Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart, Barbara Staudacher Verlag, Horb 2012; darin ein präziser historischer Überblick von Dieter Kuhn. Über Theresienstadt kann man sich in dem Standardwerk von H. G. Adler, Tübingen 1955, informieren.) Während der ersten sechs Wochen starben 247 dieser Stuttgarter, 312 wurden weiter nach Treblinka zur "Vergasung" deportiert. Bis 1945 sind von diesem Transport 551 in Theresienstadt, 473 in Vernichtungslagern umgekommen. Überlebt haben 49 aus diesem ersten Transport (dem ersten von vielen aus Stuttgart und zahlreichen anderen Städten des Deutschen Reichs und der Tschechoslowakei), und selbst von diesen wenigen erlagen manche nach der Befreiung einer Typhusepidemie oder starben an Entkräftung, noch ehe das Jahr 1945 vorüber war. Diejenigen, die nach Stuttgart zurückkamen, mussten die Fahrt in zwei Omnibussen selbst organisieren. Sie erhielten 250 Mark "Starthilfe", die später von der sogenannten Wiedergutmachung abgezogen wurden.

    SS Günni halt's Maul

    Den Staat Israel hat Deutschland auf diese Weise mitgegründet. Diese Verantwortung wiegt so schwer, dass jeder Gehör findet, der uns (vermeintliche) Erleichterung verspricht: endlich "dürfen" wir sagen, was wir wollen, endlich werden wir den Druck los, wir sind - wenigstens diesmal - nicht schuld, die anderen, die Juden sind es, die böse Waffen haben, wir doch nicht (denn wir haben ja die Amerikaner, jeder Handgriff beim Abfeuern von Atomraketen aus deutschen Startlöchern wird von Bundeswehrsoldaten ausgeführt, und nur das letzte, das Schärfen der Bombe, erledigt fürsorglich ein US-Soldat für seine nichtatomisierten NATO-Kollegen). Der Vorwurf des "Antisemitismus" ist kraftlos und abstrakt. Er trifft niemanden wirklich, solange der Begriff in der Debatte ungeklärt bleibt - es gibt keine Bestimmung, ab wann jemand "antisemitisch" sei oder sich verhalte. Zwei, drei Generationen ist es her, da wurden hierzulande antisemitische Parteien, Vereine, Zeitungen gegründet. Antisemitismus als Vorwurf und Anklage erscheint idiotisch in einem Land, in dem noch immer Menschen leben, die sich in ihrer Jugend voller Stolz für überzeugte Antisemiten erklärten. Und wieviele mögen diese Überzeugung noch immer oder gar schon wieder hegen, als Bekenner oder - viel öfter - in heimlicher Feindseligkeit. Solange in Deutschland nicht debattiert wird, was Antisemismus heißt, wie wir mit ihm umgehen, wie ernst wir ihn nehmen, ist der Begriff so unbestimmt wie die Wendung "Kritik an Israel". Etwas kritisch zu hinterfragen hieß in meiner Jugend noch: argumentative Auseinandersetzung mit Angelegenheiten, die einem als bis dato als selbstverständliche Gewissheit ausgegeben worden waren. Klar, dass manche Interessierte dies auch auf den Holocaust anwenden wollten, den es angeblich nie gegeben hätte - die gefilmten Leichenberge in Auschwitz seien in Wahrheit Opfer der Bombenangriffe auf Dresden gewesen, hieß es beispielsweise. Leugnen ist nicht mehr erlaubt, sondern eine Straftat. Aber die schiere Verkehrung eines Sachverhalts Am Deutschen EckAm Deutschen Eckins Gegenteil als "Kritik" zu bezeichnen, wäre wohl niemandem eingefallen. Und nichts war weniger selbstverständlich als Israel, das damals immer wieder als "künstliches Gebilde" (Klaus-Rainer Röhl) oder "geschichtslos" oder als prekäre Hinterlassenschaft englischer Besatzer bezeichnet wurde - nicht weniger künstlich als Baden-Württemberg, ein Werk englischer Besatzer wie Nordrhein-Westfalen. Was ist aber als "Kritik" an einem Staat zu verstehen, und wo beginnt die Hetze gegen die, die diesen Staat verkörpern? Gäben wir beispielsweise die Parole aus: "Das perfide Albion ist und bleibt der Erbfeind", ist das noch erlaubt? Wäre z. B. der Satz: "Die Atomstrom nutzende französische Nation, die keine internationale Kontrolle ihrer Nuklearanlagen zulässt, bedroht die Gesundheit deutscher Kinder" - jeder Satzteil spricht eine Tatsache aus -, wirklich als "Kritik" am Nachbarstaat zu verstehen, oder überschreitet er die Grenze zur Hetze? Zwingt Kritik nicht dazu, näher hinzusehen, Verantwortliche zu benennen, Argumente anzuführen, statt Ursache und Wirkung zu vermengen, Opfer und Täter in einer tückischen Rochade auszutauschen?

    Antisemitismus ist kein neues Phänomen, nur der Begriff dafür ist neu. Die "undeutsche Deutschheit und das unchristliche Christentum, die leider heute im Schwange sind", formulierte Karl August Varnhagen 1816. Und das richtet sich nicht gegen "irgendwen": Gemeinheit, NiedertrachtBank im Siegener Bunker und Mordlust toben sich, mal mehr, mal weniger offen, seit Jahrhunderten und heute noch immer vor allem gegen Juden aus, jedenfalls in Deutschland. Es gibt aber noch schlimmeres als Antisemitismus und Hetze. Viel schwerer als die militante Dumpfheit und Stammtischseligkeit, die das Gedicht von Günter Grass repräsentiert, auslöst und anfeuert, wiegt der Mangel an Empathie in seinen Zeilen. Dieser Mangel an Empathie fiel mir zuerst 1989 auf, als Grass allen Ernstes behauptete, wegen Auschwitz müsse Deutschland für immer und ewig geteilt bleiben, als gerechte Strafe für seine Schuld. Auch dies "eine Art Schadensabwicklung" (Habermas): könnten wir damit den Völkermord, den Zweiten Weltkrieg und die Zerstörung der eigenen Kultur abbüßen, dann, ja! dann soll doch die Mauer ein für allemal bleiben, dann wär es abgetan und ja nun bitte gut! Dass fast nur Ostdeutsche dies als Strafe erleben, fiel ihm nicht ein, noch konnte er dieses seltsame Urteil eines obersten namenlosen Weltgerichts, bei dem Grass als schweigsamer SS-Mann nicht einmal Kronzeuge war, erklären. Ob eine solche Gleichung wohl aufginge, die das eine - Teilung Deutschlands - mit dem anderen - die völlige Entrechtung und Ermordung u. a. von 6 Millionen Juden  - verrechnet? Aber welcher Lyriker wäre das, der sich nicht vorstellen kann, wie sich Holocaust-Überlebende fühlen mögen, wenn man dem Land, das ihnen Zuflucht bot, die Planung eines Völkermords unterschiebt? Und der mit keiner Silbe darauf eingeht, was die Kinder und Enkel derer bewegt, die damals wehrlos gewesen sind? Menschen, die in Israel leben, die wir einst vertrieben haben und die nie wieder mit Deutschland zu tun haben wollen, und denen man heute aus sicherer Distanz heraus, im Schutz der eigenen Bündnis- und Militärmacht, Pazifismus, Gewaltlosigkeit Schild aus dem Siegener Bunkerund heiligmäßiges Duldertum predigt, während Hamas und Hizbullah Bomben werfen (mit "selbstgebastelten", wie es in unserer - gottlob nicht gleichgeschalteten - Presse heißt, als wären die in einer Wellblechhütte aus Unkrautex und Zucker entstanden, während israelisches Militär grundsätzlich mit "Vergeltungsschlägen" gegen diese harmlosen "Bastler" vorgeht), während die Führung des Iran mit Auslöschung droht und noch niemand weiß, wie sich die neuen arabischen Reformbewegungen zu Israel verhalten werden. - Und dafür wären wir als Deutsche nicht mitverantwortlich? Doch, sind wir. Und bleiben wir.

    Ob nun der Nobelpreisträger je wieder als SPD-Wahlhelfer, eine Partei, der er "unkündbar verbunden" ist,nach Schleswig-Holstein einreisen darf (um die dröhnende Stille der judäischen Wüstezu übertönen), ob ihm gar noch durch den WDR-Journalisten Thomas Nehls (der zu allem Überfluss von einer jüdischen sowie einer deutsch-israelischen "Lobby" - who's who? - fabelte) ein zweiter Nobel-, und zwar der Friedensnobelpreis verliehen wird - immerhin hat sein einstiger Widersacher Winston Churchill "nur" den für Literatur bekommen, ob die frechen Studentenmescaleros aus Göttingen sein (noch nicht GG, aber G7-)Denkmal mit einer Ergänzung der Schrifttafel versehen, das kann mir ziemlich egal sein. Lassalle_GedenktafelIch war nie Grass-Fan, hielt ihn für einen miserablen Prosaisten von schmalem Wortschatz - jede seiner Übersetzungen dürfte besser sein als das Original - , wenn auch mitunter beachtlicher Erfindungsgabe. Für mich persönlich war er auch nie ein politischer Stichwortgeber oder gar moralisches Vorbild. Ein taz-Kommentator namens Jörg Magenau hat recht treffend analysiert, dass Grass als Typ und mit seinen politischen Ansichten viel besser in die Zeit des Kalten Krieges und der Ostverträge passte. Aber sein Nachleben dürfte er so ziemlich besiegelt haben - er wird fortan immer wieder mit diesem "Gedicht" zitiert werden, dessen Weltruhm von jetzt an Rättinnen, Schnecken, Butts und Blechtrommeln überstrahlt.


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  • Herr W. ca. 52 Jahre, Lebenserwartung laut Bundesdurchschnitt 82 Jahre, erhält ca. 200.000 € p.a. Ehrensold noch für 30 Jahre, macht ca. 6.000.000 €.

    Fordert Herr W. noch eine Aufwandsentschädigung für Sekretariat, PKW, Fahrer und Office von ca. 280.000 € p.a. für 30 Jahre, macht das 8.400.000 € zusätzlich. Frau W. geschätzt 37 Jahre, Lebenserwartung ca. 88 Jahre, erhält eine Witwenrente von 60% des Ehrensoldes, i.e. 120.000 € p.a. für die Zeit nach dem Tode von Herrn W., sagen wir ca. 21 Jahre, macht 2.520.000 €.


    In toto hätte Herr W. 16.920.000 € in ca. 200 Manntagen erwirtschaftet, d.h. er hätte, nach Gesetz, einen Tagessatz von fast 85.000 €!, d.h. vermutlich etwa das 300fache eines Bürgermeisters einer westdeutschen Millionenstadt.

    Obige Rechnung habe ich aus dem Internet gefischt - ich kann ja nicht rechnen. Z. B. sammle ich die Sonder-Euros mit komischen Bildern drauf, manchmal seltene, aus entlegeneren Schengenländern,oder besondere aus naheliegenden, und verschenk sie, wenn mir danach ist oder jemand besonderes InteresseSondereuro an diesem Stück zeigt. Die Griechen hatten mal einen nackten Mann drauf (Diskuswerfer), die Italiener haben immer einen nackten Mann drauf, und dann gibt es so ein Strichmännchen und so weiter. Den Erasmus von Rotterdam aus NL hab ich hier auf diesen Seiten mal vorgestellt. Grade habe ich einen neuen Sonder-Euro bekommen, seltsamseltsam, da steht Bundesrepublik Deutschland und 2000-2012 drauf und ein Globus, aus einem Euro gestaltet, auf dem sich winzige Menschlein jubilierend die Hände reichen, neben ihnen mehrere proppere Häuser, was sag ich, Villen vor grünbelaubten Baumkronen, dazu Windräder neben (Bank)hochhäusern (mit Euro-Denkmal davor, daher als Frankfurt erkennbar), Fabrikschlote dampfen - alles in bester Werkkreis- und FDJ-Ästhetik, der Zirkel, weswegen ich schon dachte, das sei 'ne polemische Alt-DDR-Prägung von irgendwelchen begnadeten Satirikern, entpuppte sich aber bei näherem Hinsehen als Takelage eines Schiffleins. Werde die Münze nachher scannen, falls ich sie bis dahin noch nicht verschenkt habe. 

    Wertschöpfung


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  • Vor einiger Zeit hatte ich an dieser Stelle, beim Reisspeicher im Kölner Völkerkundemuseum schwörend, prophezeit, eines Tages würden indonesische Studenten der Ethnologie kommen, um unser deutsches Stammesverhalten unter die Lupe zu nehmen. Porte de ParisOffensichtlich ist meine Vorhersage eingetroffen, denn in sog. Tandemprojekten bekommen neuerdings jungen Forscherinnen und Forscher aus ehemaligen Kolonialländern eine Chance, uns die Traurigen Tropen von Claude Lévy-Strauss und Margaret Meads Samoa-Report ("Was würden Sie denn sagen, wenn Ihnen ein Fremder ins Haus schneit und Sie über das Sexualleben Ihrer Kinder ausfragt?") heimzuzahlen.Karussellfigur - Am letzten Wochenende war ich im Ausland, und auch wenn mir die Zeit für eine großangelegte Feldforschung fehlte, will ich doch einige Impressionen aus der Stadt Lille im Norden des erbfeindlichen Frankreich wiedergeben. Erhaben gestimmt, durchschritt ich das imponierende Pariser Tor, das offenbar zu einer Vaubanschen Stadtbefestigung gehörte - statt des Wassergrabens mit Krokodilen oder Piranhas drin findet sich heute ein grünes Zierbeet unterhalb der Pfeiler. An einem offenbar historischen Gebäude Freiheitscafe in Indoch'tinafiel mir das Freimaurerzeichen auf, das über der Tür eingemeißelt stand. Unterhalb des Reiterstandbilds von General Faidherbe finden sich zwei Figuren, eine versinnbildlicht die Stadt Lille, und neben ihr sitzt Clio oder irgendeine andere Geschichtsmuse, der diktiert wird, was mit ehernem Griffel von den Großtaten des Militärs in ihr Buch eingetragen werden soll. Diese schreibende Dame hat man wie zum Hohn mit einer gelben Bierdose gekröntRentier am Karrussell - kein Wunder, dass die Geschichtsmuse den Mächtigen dieser Welt nicht treu bleibt, sondern, sobald sie "nach Diktat verreist" sind, alle ihre Untaten mit ebenso peinlicher Vollständigkeit aufzeichnet. Wer weiß, vielleicht kommt der Trittin mit seiner Einführung des Dosenpfandes im deutschen Nachbarland vor ihrem Richterstuhl gar nicht so schlecht weg... Dann gefiel mir ein (noch geschlossenes) Café am Boulevard de la Liberté, dessen Name die Freiheit der Ch'tis beschwor. Ch'tis nennen sich die Eingeborenen hier selbst (niemand konnte mir bisher erklären, was das Wort eigentlich bedeutet), und es gibt allerlei Humoriges - Aufkleber, Magnethalter, etc. - im Touristeninformationsbüro zu kaufen, das darauf Bezug nimmt (und im Buchladen den Film Bienvenue chez les Ch'tis und seinen Nachfolger, Rien à déclarer jetzt bereits als Comic Strip). Aber ich war die ganze Reise über mit so brillant Hochfranzösisch sprechenden Menschen zusammen, dass ich nichts von dem heftigen Dialekt der Gegend mitgekriegt habe. Erst auf der Rückfahrt begegnete mir ein echter "Ch'ti". Er war nach Berlin unterwegs und ich nahm ihn - Denkmal Faidherbe in Lilleeingedenk eigener Tramper-Erfahrungen, an die ich aus gegebenem Anlass erinnert wurde - von der Raststätte vor Liège mit bis zur Raststätte hinter Aachen. Ein junger Mann von der französisch-belgischen Grenze, Franzose, mit einem unsäglichen Akzent, ohne zwei- bis dreimal Nachfragen verstand ich kein Wort von dem, was er sagte. Er hatte übrigens behauptet, fünf Sprachen zu sprechen: Französisch, Englisch, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch (die letzten vier habe er sich "im Internet" beigebracht!), nur mit dem Deutschen hapere es, weshalb er eine Weile in Berlin bleiben wolle. Ich hab ihn nicht auf Italienisch, Portugiesisch etc. getestet, aber beim Französischen muss er wohl nochmal nachfassen. Und nun zu den Sitten und Gebräuchen, soweit ich sie in den zweieinhalb Stunden meines Aufenthalts in Lille beobachten konnte: Erstens fiel mir auf, dass entgegen anderslautenden Meldungen der Beffroi de LilleAltbau in LilleWeihnachtsmarkt längst eröffnet ist (während hierzulande der Budenzauber erst vorbereitet wird). Ich werde demnächst mal eine dieser Postkarten mit Motiv: Apfelbaum nach Nordfrankreich schicken, auf denen steht "Advent ist erst im Dezember". - Zweitens gab es darüber hinaus eine offenbar innenstadtweite Kirmes. Nicht nur das Riesenrad, das Karrussell etc. etc. hatten barocken Anstrich, im Licht des Spätherbstes stand auch das Sonnenhaus; die ganze Altstadt mit ihren Häusern hatte sich festlich in Pastellfarben und Rokoko-Verputz eingekleidet - offenbar will man diesmal beim ordnenden Festkommitee den Titel "begehbarer Adventskalender 2011" abräumen. - Und drittens fiel mir (mal wieder) ins Auge, welch köstliche, augenschmeichelnde Patisserien in den Auslagen der Schaufenster zu bemerken sind, allein vom Ansehen wiegt man gefühlte anderthalb Schokoladenkilo schwerer. Ich weiß schon, weshalb ich kein Riesenrad besteige! Wobei ich allerdings auch den Beffroi nicht besichtigt habe,Turm und Zinnen der morgens noch in geheimnisvollem Nebel glänzte und später in der wunderschönen Sonne eines fast sommerlich anmutenden Novembertags über dem Riesenrad emporragte. Tja, der Ruhm der Stadt Köln reicht zwar bis hierhin - ein Schüler, dem ich meine Herkunft verraten musste, rief sofort begeistert "Schokoladenmuseum" aus (und nicht etwa "4711", oder "Alaaf", geschweige denn "Kölner Dom"). Aber in Köln zehrt man eben von den place Charles de Gaulle in Lillemusealen neiges d'antan, während die hohe Gegenwartskunst der Weihnachts-Feinbäckerei eindeutig in Frankreich ausgeübt wird. Und zwar ganzjährig! -Riesenrad in Lille Auf das Riesenrad, das von unten gesehen eine reine Freude ist, hab ich mich dann doch nicht getraut, es geht mir damit wie mit den Montgolfièren, die ich entzückt betrachte, ob auf alten Stichen an der Wand oder schwebend in den Lüften, mit diesen hübschen goldenen Ornamenten auf Himmelblau: Schönheit des Fortschritts! Aber: Einsteigen möchte ich lieber nicht. - Und auch vor den Patisseriegeschäften blieb es beim Nasenplattdrücken an der Schaufensterscheibe, reingegangen bin ich nicht. Wie eine heitere Passantin sehr treffend bemerkte, belässt man's mit Rücksicht auf die schlanke Linie besser dabei, die Schönheiten zu fotografieren, anstatt sie sich einzuverleibenKonditorei in Lille.Haus am Place Charles de Gaulle in Lille Als ich, es muss um Ostern 1989 gewesen sein, mal auf der Durchreise ins Elsass kam, hatte ich leider keinen Fotoapparat, sonst hätte ich die vielen Pracht-Ostereier in den Patisserien dokumentiert, die mit zuckerfarbenen Dekolorentrikots, pardon, Trikolorendekors, Kuchen und PlätzchenKirmes in Lilleputjakobinerbemützten Osterhasen, baumkuchenähnlichen Obelisken und Miniatur-Guillotinen auf die Jahrhundertfeier der Republikwerdung anspielten. Das glaubt einem hierzulande kein Mensch, und der Konditor, der es wagen würde, den 18. März, den 3. Oktober oder die Unterzeichnung des Grundgesetzes mit schwarz-rot-goldenen Torten zu feiern, dem würde die radikale Antifa aus Berlin wohl die Fenster einschmeißen. Aber vielleicht auch nur, um die Leckerlis umsonst aus den Scherben zu bergen.


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  • Ach ja, ich hatte noch die Auflösung des Rätsels versprochen: auf der Zeichnung ist mein Großvater zu sehen, den der britische Ex-Premier Winston Spencer C. karikiert hat - acht Jahre, bevor ihm (Winston) der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Für Malerei gibt es noch keinen Nobelpreis und, nun ja, ihm den Friedensnobelpreis zu verleihen, das erschien wohl selbst dem Nobelkomitee vielleicht doch einen Tick zu zynisch, immerhin hat Alfred Nobel das Pulver erfunden, Churchill das damit zu verübende Flächenbombardement (die "Effizienz" ist zuvor auf einem Versuchsgelände mit in Kellerräumen angebundenen Ziegen getestet worden). Der Dynamitbaron wollte sich durch die Förderung des Friedensgedankens in der Welt quasi entschuldigen. Versuch, La Ruche zu fotografierenHingegen Churchill, der fand sein "immer feste druff" wohl bis in sein letztes Sterbensstündchen noch richtig und gut so. Dass er Hitler und die entfesselten Deutschen besiegt hat, das dankte ihm die Völkergemeinschaft, nicht der britische Wähler, der ihn abservierte, kaum dass die MGs kalt geworden waren. Und dass er meinen Großvater zeichnete, dankte dieser ihm durch ein Gegenporträt, an der Staffelei sitzend, im Baskenland, an der französischen Atlantikküste. Diese Zeichnung ist mir übrigens gestern zugegangen, allerdings nur als Ausdruck von Mikrofilm, mit Archivstempel, auf gelbes Papier. Der Mikrofilm lag in Cambridge. Wo das Original ist - in einer Kladde mit Fotos aus dem Urlaub, den Churchill unmittelbar nach seiner Nichtwiederwahl antrat (später wurde er kurzzeitig nochmal gewählt) - , das ist nun die Frage. Und wie es mein Großvater geschafft hat, sich unmittelbar nach Kriegsende aus Holland, wohin er (als seine Heimatstadt und mit ihr drei Ateliers in Trümmern lagen) evakuiert war, über Denkmal für Otto Freundlichdie grüne Grenze nach Hendaye zu verdrücken, wo er beim Pleinairmalen auf den Politiker traf, das wird vermutlich ein Geheimnis bleiben. Spanien war seine zweite Heimat - Frankreich sowieso -, hatte er doch 1911 und 1913 als einziger Deutscher im Pariser Salon ausgestellt und in La Ruche gewohnt, einer Art Containerdorf, das der Bildhauer Alfred Boucher 1902 aus dem stählernen Sperrmüll gewesener Weltausstellungen errichtet hatte. Boucher vermietete sie billig an arme Künstler, beispielsweise wohnten hier Chagall, Léger, Zadkine und Robert Delaunay, ein Maler, der meinen Großvater sehr beeinflusst hat. Verheiratet war Delaunay seit 1910 mit Sonja Stern, die von 1903 bis 1905 in Karlsruhe studiert hatte. In Spanien lernte sie übrigens 1914 den Tänzer Diaghilev kennen, für den sie Kostüme entwarf. Sie starb erst 1979 in Paris, und wäre ich damals nicht so unwissend gewesen, ich hätte sie gut noch mal nach meinem Großvater fragen können, der mit dem Ehepaar Delaunay und anderen Drückebergern von Quatorze-dix-huit in Barcelona und Madrid weilte und sich dem Gestellungsbefehl widersetzte. Angeblich stieg er in den Zug, wie das Konsulat es befahl, und stieg auf der anderen Seite wieder aus (damals hatten die Züge beidseitig Türen). Und der Typ, der den Ersten weit vom Schuss in Spanien verbummelte, trifft also nach dem Zweiten Weltkrieg, das ein noch viel größeres Völkerschlachten mit sich gebracht hatte, den Burenschlächter, Bombenkrieger, Panzerwagen-Erfinder usw., einen Hobbymaler, dessen Kriegskunst dem Profi-Kollegen das Lebenswerk gekostet hat, und da unterhalten sich die beiden älteren Herren vor ihren Staffeleien locker pfeife- bzw. zigarrerauchend an der Atlantikküste über Zeichenkohle, Farbkontraste und Pinselqualitäten, und schwupps, vereinbaren sie, dass einer den anderen auf den Zeichenblock abkonterfeit...? Wenn das keine Story ist, weiß ich es nicht. Jerusalem der KünstlerAber zurück nach Paris und ins La Ruche, das vergessene und von Touristen meist übersehene Künstlerviertel unweit vom Espace Georges Brassens, einem Park, wo allsonntäglich Bücherflohmarkt stattfindet. - Berühmt ist allenfalls die Rotunde von Gustave Eiffel, aber die drumherum errichteten Schlichtbauten, die heute dem Verfall entgegenrosten (obwohl der Abriss vor einigen Jahren verhindert wurde, heute kümmert sich eine Stiftung um dieses Gelände, das allerdings trotzdem stark nach künftigem Baugrund für Immobilienspekulanten aussieht), sind viel authentischer als Künstlerwohnanlage, auf jeden Fall anschaulicher und minder pittoresk als die Ansichtskartenbohème des Montmartre, wohin die Touristen in Scharen pilgern, weil Picasso mal da gewohnt hat. (Picasso? Dem hat Arno Breker das Modell ausgespannt. Oder war es mein Großvater, der Breker, seinem einstigen Kommilitonen an der Werkkunstschule das Modell ausgespannt hat? Flüchtige Anekdoten und unbewiesene Gerüchte sind alles, was ich zu fassen kriege. Tatsache ist: zur Zeit der NS-Diktatur hatte Breker Hochkonjunktur, Otto F. Reise- und damit prakSchwimmbad im Haustisch Berufsverbot, seine "entarteten" Bildwerke hatte man schon aus den Museen entfernt, und sie sind nie wieder aufgetaucht.) In Bouchers Künstlerasyl an der Rue Dantzig, vor dem Ersten Weltkrieg, kostete die Miete notfalls gar nichts, und die englische Wikipedia orakelt düster: "As well as to artists, La Ruche became a home to the usual array of drunks, misfits, and almost every penniless soul needing a roof over their head." Als am Montmartre dann irgendwann mal das Bateau-Lavoir abbrannte, vielleicht weil auf den Bildern von Braque zuviel geraucht wurde, zogen deren Bewohner auch in den Künstlerbienenkorb. An beiden Orten gewohnt haben angeblich Max Jacob und Modigliani. Und auch am Montmartre gab es einen Otto: Otto Freundlich aus Stolp in Pommern, der später in einem Pyrenäendorf, wo er untergetaucht war, von den Deutschen verhaftet, deportiert und in Majdanek grausam ermordet wurde. - Von La Ruche wird später an dieser Stelle mehr zu sehen sein (wenn die Fotos gescannt sind), aber von unserem Kurzausflug nach Paris wollte ich erst noch weitererzählen. Ein historischer Spaziergang durch das Marais, wie wir ihn im Sommer unter kundiger Führung meiner Liebsten unternahmen, führte unweigerlich auch in das jüdische Paris. Das Restaurant Goldenberg, in dem 1982 der schreckliche Terroranschlag stattfand, gibt es nicht mehr, inzwischen ist dort eine Kleiderboutique. Eine Gedenktafel erinnert an dieses Ereignis, bei dem sechs arglose Restaurantbesucher starben und über zwanzig verletzt wurden. Pizzeria im MaraisAber hebräisch gedruckte Bücher und koschere Pizza ("gibt es die denn?" fragten unsere Freunde, und wir brauchten nur auf den nächstliegenden Gourmettempel zu verweisen)Laden in der rue des Archives kann man in diesem Viertel immer noch haben, auch wenn der Librairiste offenbar lieber die mit Belag aus Mortadella und Rohmilchkäse per Expressmotorrad von "La Regatta" liefern lässt (oder gar Sushi - mit Meerestieren ohne Flosse und Schuppen!). Wir besichtigten das "La Pletzl" und fanden auch ein Haus, dessen Fassadenbeschriftung offenbar im 19. Jahrhundert schon piscine und Sauna verhieß - Wellness pur. Natürlich haben wir auch den Laden mit speziellen Süßigkeiten, Hochzeitstorten etc. nicht übersehen, sind aber mit Rücksicht auf die schlanke Linie nicht reingegangen, das Angebot wäre zu verlockend gewesen. Statt dessen wandten wir uns den wenigen mittelalterlich zu nennenden Bauten und der "rue des Archives" zu. Gegen das "Haus der Geschichte", das Sarkozy plant, habe ich mich in einer Protestliste eingetragen.Rue des Archives in Paris Darin sollen alle Archive zentralisiert werden, eins dieser Präsidentenprojekte, mit dem man sich einen unsterblichen Namen erwirbt. Wir wissen ja in Köln, was passieren kann, wenn zuviel wertvolles Archivgut an einem Ort lagert. Aber hab ich mir die Zeit genommen, mal ins Archiv reinzugehen und mir ein paar Quellen zur Künstlerkolonie oder wenigstens zum spanischen Exil der Delaunays anzuschauen? Mitnichten. Vielleicht fände ich in Madrid ein paar alte Zeitungen von 14-18, in denen der Großvater Karikaturen veröffentlicht hat, dann könnte ich den Porträtisten des mir jetzt endlich vorliegenden, im Juli 1945 nach seiner Abdankung gezeichneten Churchill noch besser identifizieren, denn die Urheberschaft der (nicht signierten) Skizze aus dem Churchill Heritage Fund wird letztlich nie vollends beweisbar sein, ebensowenig wie die der gerahmten Kulizeichnung an meiner Wand.


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  • In Marcoule 30 km von Avignon hat's vorhin eine Explosion gegeben und einen Arbeiter verstrahlt, angeblich tritt Radioaktivität aus. Darauf einen leckeren Côte du Rhône...

    Kirchturm in Longerich

    Franzosen! Noch eine kleine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt. Lasst die Finger von der Kernenergie, ihr habt so schöne Freilandflächen im Zentralmassiv, da passen außer den paar Schafen und Käsereien noch Windräder und Sonnenkollektoren hin. Und an euren vielen Stränden, wo finde ich die die Côte d'Energie éco?

    Am 12. September, 11.45 soll's passiert sein. Vor 40 Jahren im September 1972 gab es die erste Demonstration von Winzern am Kaiserstuhl  gegen den geplanten Standort eines Atomkraftwerks bei Breisach. 560 landwirtschaftliche Fahrzeuge demonstrieren mit Transparenten und Sprüchen wie "Lieber heute aktiv, als morgen radioaktiv" und "Kein Ruhrgebiet am Oberrhein". Es war der Anfang vom Ende der Atomindustrie, das Zusammengehen im Dreiländereck, und das KKW in Whyl wurde nicht gebaut, obwohl der damalige Ministerpräsident Filbinger- zur Hitlerzeit ein "furchtbarer Jurist" - prophezeite, ohne das KKW Whyl gingen "noch vor 1980 die Lichter aus!". Whyl wurde genehmigt, aber nicht gebaut, Kalkar und Wackersdorf wurden nicht gebaut, der Reaktor Würgassen stillgelegt, 7 bisher betriebene KKWs werden abgeschaltet. Das österreichische KKW Zwentendorf und das AKW Mühleberg II in Graben (Schweiz) wurden nicht gebaut, und in Litauen gibt's niemanden, der das geplante Kraftwerk finanzieren will. Im Atomgesetz steht: Die Genehmigung für eine Atomanlage darf nur erteilt werden, wenn "die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik erforderliche Vorsorge gegen Schäden durch die Errichtung und den Betrieb der Anlage getroffen ist. "Das Kalkar-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes legte 1973 fest: "Es muß diejenige Vorsorge gegen Schäden getroffen werden, die nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen für erforderlich gehalten wird. Läßt sie sich technisch noch nicht verwirklichen, darf die Genehmigung nicht erteilt werden; die erforderliche Vorsorge wird mithin nicht durch das technisch gegenwärtig Machbare begrenzt... Was die Schäden an Leben, Gesundheit und Sachgütern anbetrifft, so hat der Gesetzgeber durch die in § 1 Nr. 2 und in § 7 Abs. 2 AtomG niedergelegten Grundsätze der bestmöglichen Gefahrenabwehr und Risikovorsorge einen Maßstab aufgerichtet, der Genehmigungen nur dann zuläßt, wenn es nach dem Stand von Wissenschaft und Technik praktisch ausgeschlossen erscheint, daß solche Schadensereignisse eintreten werden." Ihr Franzosen könntet es besser wissen - aber die Begeisterung für die eigene force de frappe und der militärisch-industrielle Komplex (Atomgeheimnis ist bei euch Militärgeheimnis, zivile und militärische "Nutzung" nicht getrennt) hat euch verblendet. (Und die japanischen Bauern tragen, wie man hört, jetzt selber die atomar verseuchte Erde von ihren Feldern ab, wo werden sie die wohl hingüllen?)

    Protest gegen KKW in Whyl, Fessenheim und anderswo




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