• In Abwandelung eines schönen Satzes von Harald Rowohlt über meinen Lieblingsschriftsteller Arno Schmidt, denn netter kann ich es nicht ausdrücken, urteile ich wie folgt über den verkniffenen "Herausforderer" der Merklerin bei den anstehenden Bundestagswahlen - so verkniffen, als hätten sie ihm vor dem Fernsehduett Valium ins Hirn geträufelt und dasselbe einer Intensivwäsche unterzogen: "'Ab jetzt, lieber Peer, redest du nicht mehr für mich. Ab jetzt redet du nur noch für dich und deine Sekte.' Ich meine, ich zwinge doch niemanden, der mir dermaßen deutlich zu verstehen gibt, daß er von mir nicht gewählt werden will, dazu, von mir gewählt zu werden. Man will ihn doch auch nicht quälen, den armen Mann. Das ist der Deal: Du willst nicht, daß ich dich wähle, und ich tu’ dir den Gefallen."

    Die wollen nicht wirklich gewählt werden. Die haben schon genug Macht, und brauchen die Stimme nur, um vom einen Bäumchen aufs andersteiler Anstieg, ein Hinweisschilde zu klettern, fallen können sie nur weich, nicht nur wegen ihrer Diäten, Aufwandsentschädigungen und (nach entsprechend langer Verweildauer im Bundestag, ich glaube, drei Perioden), Altersversorgungssansprüche, sondern auch wegen vielseitiger Verwendbarkeit in der Wirtschaft, die sie in der Politik als die Lobbyisten unter Beweis stellen, die sie nach der Politikerkarriere im Hauptberuf werden, als leitende Angestellte in den jeweils nahestehenden oder ihren Aufstieg gleich gesponsort habenden Verbänden, Institutionen, Gewerkschaften, Medien, Wirtschaftsunternehmen, Anwaltsbüros, "Aufsichts"-Räten, Unternehmens-"Beratungen", Verfassungsgerichten usw. Dort kaufen sie sich ein mit Promi-Bonus und konkret mit Cash. - Schweer PeinbrückDarum, weil man ihre mehr oder minder steilen Karrieren ja nicht auch noch ebnen helfen will, ist es leichter, nicht zu wählen, aber wählen in diesem Jahr jedenfalls ist besonders anstrengend. Trotzdem, jetzt erst recht. Verdammt, und sei es, um eine Opposition zu stärken, die sowieso keine Chance hat, aber deren Erfolg die eigentlichen Machthaber womöglich in ihrem Handeln beeinflusst. So war das mal, als die Grünen, und später, Bodensee-Sernatingen-Tryptichonals die Linken reinkamen, wer beide heute für nicht mehr wählbar hält, kann doch wenigstens einem Vertreter von den Piraten oder der Alternative für Deutschland - egal jetzt mal, ob man deren Positionen hundertprozentig teilt oder nicht - eine Chance geben, wenigstens einen oder zwei Abgeordnete ins Parlament zu kriegen, das ist schon viel wert. Denn Kontroverse muss sein, auch über den EURO in Zeiten der Globalkrise oder über das Urheberrecht im Internetzeitalter, zwei Fragen, in denen ich konträr zu den letztgenannten Splittergruppen denke, von ihrem sonstigen populistischen Stammtischgesumms mal ganz abgesehen, das ich aber auch bei den "Großen" finde - und das nicht zu knapp, wenn man ihre Werbefilmchen anguckt.

    Allerdings, um auch hier keinen Zweifel über meine Präferenzen aufkommen zu lassen, so passend und zutreffend ich auch die Rowohltsche Einlassung zu Schmidt für seinesgleichen finde: Rotkreuzkasten SipplingenIn demselben Interview schmeißt Harry Rowohlt Arno Schmidt vor, er habe, während Rowohlt einem ehrlichen Gabelstapler-Faulenzerjob nachging, bei irgendeiner Broterwerbs-Übersetzung - auf welche er lange nicht so "stolz" war, wie H. Rowohlt behauptet (dessen Name gewöhnlich größer auf den Buchdeckel oder -hinterteil gedruckt steht als der des Autors), also er, Arno Schmidt, habe statt einem guten deutschen Schaschlikspieß mal das Wörtlein "Shish-Kabob-Spleiß" kreiert und hingesetzt. Na und? sag ich da. Falsch ist das nicht, mein lieber Harald, ob gut, eher Geschmacksache. (Außerdem gibt es, um auch diesen Einwand abzuwehren, jedes Wort, das irgendwer irgendwann erfindet und gebraucht!) Und ein anderer Übersetzer Rotkreuzkasten Sipplingennamens Wollschläger, der auch Arno Schmidt gekannt hat, der aber doch keineswegs mit ihm identisch war, habe irgendwann mal pint mit "Pinte" und a bottle of pop mit "eine Flasche Popcorn" übersetzt. Harry Rowohlt seinerseits, es sei hier ein für allemal gesagt, übersetzt gern auch mal nach dem Muster "sage mir, was du denkst und ich denke mir, was da steht" - und verhunzt z. B. in einer der besten Bildergeschichten von Robert Crumb das schon aus dem Kontext eindeutig verständliche, bzw. bei der Whiskyfass-mit-Bart-Version nunmehr völlig unverständliche rounds mit "Runden", und zwar "3.000 Runden in der Minute"*), die aus einem Maschinengewehr herauskommen sollen (es handelt sich, den Nichtübersetzern sei's gesagt, um Patronen), sollte also besser bescheiden den eigenen Rough-Tough-Creampuff-Schnabel halten oder sich an denselben fassen!

    Darauf eine Runde Pint aus der Popcornflasche.

     

     

    (*R. Crumb, Ein Heldenleben, S. 63, Panel unten links, Zweitausendeins: Frankfurt am Main 1992. Auf S. 14 links oben bringt der "Meister des Wortes und der Nuancen" (Nürnberger Nachrichten, 10.8.2005) das Wort "alle" viermal unter - in einem winzigen Panel: "...hat mich ja allegemacht... was die Leute beim Film alle für Haie sind... ich bin echt alle!" usw. 


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  • Heute früh, beim Einkaufen entdeckt....

    Braundonnerstag


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  • Alpen von Oberstdorf aus gesehen

    Endlich haben sich Denkmalschützer zu einer Protestresolution aufgerafft, der ich mich ausnahmsweise vorbehaltlos anschließen kann: Darin wird das Zerschneiden des Horizonts im Norden gegeißelt, wo man ein durchgängiges, nicht von Windradmühlchen zerstückeltes silver lining (der bekannte "Silberstreif") verlangen darf. "Gebt mir Flachland, mit weiten Horizonten", seufzte Arno Schmidt in der ZEIT vom 7.10.1960, "damit man weiß, daß man in Norddeutschland ist." Hinterm Horizont geht's weiter, er muss aber der Fieberkurve des unlängst Verstorbenen gleichen. So beschlossen auf dem Denkmalschützertag in Greifswald, einer Stadt, die neben der Verspargelung der Landschaft sogar Schimmelpilze an Aktendeckeln bekämpft (nachdem in Stralsund eine barocke Bibliothek zu Schleuderpreisen verramscht ward). Aber wieso Norddeutschland? Was ist mit Gibraltar oder der Steilküste von Messina, die doch auch nicht grade durchsichtig sind? Immerhin zeigen die Rügener Kreidefelsen Einsicht und krachen gelegentlich unaufgefordert in sich zusammen. Der Norden wird aber auch deshalb namentlich vermahnt, bei vier Windrichtungen fünf grade sein zu lassen, weil man sich an die Alpen nicht so recht 'rantraut. Man sieht, wie Karriere und Alter den revolutionären Elahm erlanen lassen, bzw. wie hochgesteckte utopische Ziele der einstigen Prinzip-Hoffnung-Ära heutzutage im kompromisslerischen Klein-Klein von Koalitionsverhandlungen zerfransen und zerfasern. Wer hätte nicht, noch als jugendlicher Heißsporn, in den Ruf "weg mit den Alpen, freier Blick auf das Mittelmeer" eingestimmt! Auf solche Forderungen mag sich der Denkmalschützerkongress heutzutage nicht mehr einigen, und so bleibt es beim Appell an die Ostfriesen, Holsteiner, Dithmarscher und Meckpommern, den ins Weite schweifenden Blick nicht durch Windräder, Strommasten, alternative Energiesilos oder dergleichen Teufelswerk zu verbarrikadieren.

    Spiekeroog, Nordseeblick


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  • Albert hielt die Gräfin in seinem rechten Arme; ihre linke Hand lag auf seiner Achsel, und die rechte in seiner linken. Er sah jetzt nicht die Pracht der Sonne in ihrem Abschiede, nicht in ihrem Abendgewande die schöne große Natur; nur Amaliens Auge sah er, und den großen Blick, der voll Feuer und Inbrunst an diesem Schauspiele hieng. Schreitender im Kölner RheinparkAnfangs erklärte er ihr dieses und jenes von den ihr unbekannten Gegenständen; aber weil sie bald nichts mehr fragte und nicht mehr antwortete, so schwieg auch er. Es war ein feierliches Schweigen. Am mächtigen Steigen ihres Busentuchs sah er, daß sie tief fühlte; er hatte Ehrfurcht für diesem Gefühl', und unterbrach es nicht.
    Jetzt war sie hinunter, die schöne Sonne; und auch an den höchsten Bergspitzen verschwand zitternd ihr letzter Stral - da wendete sich Amalie langsam und traurig nach ihrem Albert um; eine halbe Minute blieb sie so mit einem unbeschreiblichen sehnsuchtsvollen Blick' auf dem schönen Durstenden geheftet, dann schlang sie rasch und sorglos ihren schönen Arm um seinen Hals, und er küßte von ihren bebenden Lippen das feierliche Bekenntniß der Liebe. [...]
    Amalie fuhr auf aus Alberts Armen, und sah sich schüchtern um. "Wo waren wir? Albert! rief sie mit bebender Stimme; Gott, ob uns diese Bäume verrathen? Albert, ich war so glücklich! -
    Albert. (sich langsam und träumend von ihrem Busen aufrichtend) Amalie! und du wärst also mein? - O, läugne mirs nicht: das war Liebe! -
    Leben und Sonne - Zeitschrift der Freien Körperkultur Jg. 1, Heft 4Amalie! (zärtlich, und mit einem ruhigen Lächeln auf ihn herab blickend) Wie soll ich dirs läugnen; mein Albert! O, dieses unglückliche Herz kämpfte schon lange einen schweren, schweren Kampf unter der Tirannei der menschlichen Gesetze, jetzt - ach, warum mustest du mich auch hierher führen, wo der Anblick der großen freien Natur mich über alle Konvenzionen der Menschen erhob - jetzt, in deinen Armen, fühlte es sich frey, und warf jene Ketten ab.
    Die Sitzende? Brunnenskulptur in Bad MergentheimAlbert. (indem er ihr die schönen braunen Locken von der Stirn streicht, und dann mit der Hand auf ihrer Achsel ruhen bleibt) Ob ich wohl wache?
    Amalie. (ihn mit Wonne betrachtend) Ich war ein verwegenes Weib! - Alles sprach schon lange von dem Nordenschild, der nun bald bey uns auftreten würde; man beschrieb ihn, und ich hatte den Riesengedanken ihn unter allen Weibern Nordias am ersten zu sehn - (lächelnd) nicht ihn zu lieben! - Ich sann, und ergriff die Gelegenheit, um die ich freilich viel von Neid und Kabale werde leiden müssen; kam - sah dich - und obs der glücklichste oder unglücklichste Augenblick meines Lebens war in dem ich dich sah - magst du nun entscheiden.
    Dave Mike Angelo nach US-BesuchAlbert. Was die Welt nicht alles von mir mag gesagt haben! - Und, nicht wahr? Amalie! nun hast du so einen armseligen Jungen an mir gefunden, der nicht einmal im Stande ist, dir zu sagen: wie er dich liebt!
    Amalie. O pfui, Albert, scherze nicht! (ängstlich) Aber, Albert! wenn du nun hinaus kommst in die große Welt, wo alles schon auf dich lauert; dich von ihr hinreißen läßt, und vergißt daß dieses unglückliche Herz, seit es liebte, das erstemal glücklich war als es an dem deinen schlug; Albert, und du verräthst mich!
    Albert. (sehr ernst) Aha! - So weckt man mich just aus dem süßesten Taumel! - Gräfin! sobald sie mir eine schwarze Seele zutrauen, und nur noch einen Augenblick darüber in Sorge seyn können - (sich heftig an die Brust schlagend) und sollte dieses Herz nie - nie! und ewig keine glückliche Stunde mehr fühlen! - (kalt) so sind sie - Gräfin von Prascha - und ich - Albert von Nordenschild. (mit Würde) Die Welt mag auch von mir wissen so viel sie will; als einen Buben kennt sie mich nicht!
    Amalie. (mit niedergeschlagenen Augen) Albert! ich wollte dich nicht beleidigen.Graffito am Schutzhäusle im Mergentheimer Stadtwald
    Albert. (ihr um den Hals fallend) O, Liebe! so schweig mir von Infamien, wider die, bei Gott! sich mein ganzes Wesen empört. - Ich habe keine schmeichelnden Worte wie vielleicht eure Hofpuppen in Nordia; aber alle Worte der Sprache reichen nicht an Alberts Liebe! -
    Amalie. (zärtlich aus seiner Umarmung aufblickend) O, mein Albert! und du vergiebst mir? vergiebst dem armen Weibe, das keinen Stolz kannte als unter tausend Glücklichen ihresgleichen auftreten, und ohne zu erröthen ihnen sagen zu können: ich bin unglücklich, (mit unterdrücktem Schmerz) und doch treu! - (seine Hand an ihr Herz drückend) Vergiebst deinem Weibe ihre Aengstlichkeit, und diesem Herzen seinen Stolz, und - (ihm um den Hals fallend) seine Tugend! -
    Albert hatte sich noch nie in einer so kritischen Lage befunden als jetzt; denn unter allen Weibern, die in seinem Arme gelegen, war noch keine Amalie. Meistentheils hatte er schon das leichte Spinnegewebe Tugend von der großen Welt durchlöchert oder gar zerstört gefunden; hier fand er sie noch mitten im lebhaftesten Kampfe mit der unglücklichsten Leidenschaft. Was sollte er thun? Dieser armen Kämpfenden jetzt auf einmal den lezten Stoß versetzen, und der zitternden Amalie die glücklichste Stunde durch diese Schmerzen verbittern? oder ihr Zeit lassen, im süßen Phantasienspiele selbst vollends hinzusterben, und dann schuldlos zu seyn, und auch Amalien nicht wehe zu thun? - das letzte war freilich das ehrlichste; denn ihm hatte immer vor dem Gedanken geschaudert: eine Tugend zu morden. Aber auch so eine Stunde ungenützt vorbeistreichen zu lassen, wie diese - das war für seine Leidenschaft ein zu großes Opfer! und ehe er noch mit sich selbst darüber einig werden konnte, hatte diese schon alle Anstalten gemacht ihr Recht über diese Stunde zu behaupten. Aber: "Gedult! rief Amalie - die Stimme war unnachahmlich, mit der sie es rief, und unwiderstehlich der ruhig bittende Blick, mit dem sie ihn ansah; Gedult, Albert! o, die Sonne ist noch nicht zu tief hinunter, daß du nicht im Abendrothe mein Erröthen bemerken könntest - Albert! nur noch diese Nacht laß mich tugendhaft!" -
    Albert. (ruhig) Und immer, Amalie; wenn du es willst! so soll am Altare deine Tugend nicht sichrer sein können als in meinem Arme. Denn, bei Gott! so viel hat noch kein Weib über mich gewonnen, wie du!
    Sein Blut trat, wie das Meer nach der Fluth in die Ebbe, zurück; sie umarmten sich ruhig, wie zwei vertraute Freunde, die sich nun auch bis auf die geheimste Falte ihres Herzens kennen, standen auf und giengen. Es war eine schöne Nacht! - Eine Ruhe, daß man die Pulse der Natur schlagen zu hören glaubte, schwebte über der schlummernden Erde; und eben so ruhig wars in den Herzen der Liebenden.
    Der alte schlaue Casper beobachtete sie scharf; aber seine Menschenkenntniß ließ ihn hier im Stiche, denn er fand weder Durst noch Sättigung in ihren Blicken, und wuste sich das nicht zu erklären. "Albert! sagte Amalie sorgsam und leise, da sie gute Nacht nahmen; Albert! Casper beobachtet uns." -
    Albert. (ihr die Hand drückend) Sei du ruhig, Amalie; Casper ist gut!
    AmalieWeihnachtswerbung der Dessous-Detaillisten. (trunken) Albert, wie du?
    Albert. Und morgen früh im Garten? nicht wahr? -
    Amalie. Wenn?
    Albert. Doch wenigstens ehe die Sonne in meiner Laube scheint -
    Amalie. Bösewicht! -


    Carl Gottlob Cramer: Der deutsche Alcibiades, 1. Theil. Weißenfels und Leipzig 1791

    Als Zugabe noch ein lustiges kostenloses Browserspiel von Auntie Pixelante über schlechte Erfahrungen beim hormonellen Gender-Umtausch.

     (In Ruhe erst das Intro abwarten - und spielt es, wie früher TETRIS, mit den Bild-rauf-runter-Tasten...)


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  • Hier unter dem Link steht zur Zeit ein richtig guter Kommentar von Jügen Kaube aus der F. A. Z. von gestern zu dem neuen Plagiatsfall, diesmal geht es um die Doktorarbeit von einer Forschungsministerin. Komisch, dass sich beim Talkshowminister von und zu Guttenberg noch alle Welt aufregte, "Vroniplag" noch wegen des lustigen Namens zur Kenntnis genommen wurde, während die Braunschweiger (und Potsdamer!) Karl-Henning Seemann, Skulptur in WeikersheimHonorarprofessorin und Willy-Brandt-Intima aus Bonn, Margarita Mathiopoulos, Karl-Henning Seemann, Skulptur in Weikersheimund EU-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin mit ihren akademischen Machwerken schon kaum noch Aufreger waren. Die beiden Damen haben übrigens bislang vergeblich gegen den Entzug ihrer Doktortitel geklagt. Zeit & Muße, die Gerichte zu beschäftigen, findet man an ihren Fakultäten offenbar genug: Das Verwaltungsgericht Köln gab am 6. 12. 2012 der Uni Bonn recht, im Fall Koch-Mehrin steht eine Entscheidung des VG Karlsruhe noch aus, Mathiopoulos geht nun in Berufung, weil die Sache verjährt und sie damit offenbar für immer und ewig im deutschen Doktorenakademikertum einzementiert sei („Es geht hier um Fußnoten und nicht um Mord. Außer Mord verjährt im deutschen Recht alles!"). Ich gebe mich ab sofort als Polizist aus und wenn ich mit der Karnevalsuniform durchkomme und zehn Jahre Geduld habe, ist die Amtsanmaßung verjährt und ich setze mir ein Hauptwachtmeister auf die Visitenkarte. Überhaupt, gleich so hoch gegriffen - "Mord" - das erinnert an den beliebten Tatort-Satz, mit dem der nach allen Indizien und Motiven meistbelastete Hauptverdächtige, der es schon aus Gründen der Drehbuch-Retardierung nicht gewesen sein darf, plötzlich wieder zu den Guten wechselt: "Mag alles sein, aber ich bin kein Mörder!" - "Halten Sie ihn für einen Mörder?" usw. Da haben wir sie wieder, die beliebte Täter-Opfer-Rochade, wie sie Klaus Bittermann bei Jakob Augstein so gut aufgezeigt hat. Das Spitz-pass-auf-Prinzip ("Laut ertönt sein Wehgeschrei, denn er fühlt sich schuldenfrei"). Und abgesehen von Mord ist jede Sauerei erlaubt? Wenn der Antisemitismusvorwurf missbraucht würde, wäre Augstein ein Missbrauchsopfer.
    Das Vroniplag-Wiki weist übrigens inzwischen 40 Statistiken über mehr oder minder zusammengeklaute Doktorarbeiten auf. Und jetzt, wo es die Bundesministerin für Wissenschaft und Forschung ist, hört man kaum noch Protest, im Gegenteil, ein Wolfgang Frühwald, ehemals DFG-Präsident, eigentlich Romantik-Spezialist und damit Fachkollege! tut die ganzen Vorwürfe im Deutschlandradio noch als übertrieben ab, und Ernst-Ludwig Winnacker, ebenfalls Ex-Präsident der DFG, soll nach Jürgen Kaube ins Eichhörnchen auf dem Balkongleiche Horn tuten, die Süddeutsche (hoffentlich stimmt's) zitiert ihn so: "Die Zitierweise in Paraphrasierungen könne kein Fehlverhalten sein, sie sei eine Ermessensfrage." Ein Jurist W. Löwer, "Ombudsmann" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (wer hat den denn bestellt?), hat gar eine zehnjährige Verjährungsfrist für wissenschaftliches Fehlverhalten in Promotionen vorgeschlagen. Darf man das dann gleich auf das "neue" Urheberrecht, das von der FDP bis zur Piratenpartei alle fordern, übertragen? Wir wissen ja spätestens seit dem Streit des DFG mit dem Initiator des Heidelberger Appells, Roland Reuss, was die verbeamtete Wissenschaft vom Eigen-Sinn der Hahn im Tierpark MergentheimUrheber hält. Was sie fördert, muss kostenlos ins Internet gebracht werden, auf die Brust die Pistole: sonst keine Kohle! Und von da an gilt das Cut-and-Paste-Wiederaufbereitungsprinzip. Wie wär's wenn wir den Urheberschutz auch mal locker auf 10 Jahre begrenzen? Bedient euch, Leute, 10 Jahre nach Erscheinen könnt ihr die alt-Dissertation unter eurem Namen reprinten. Vorteil: die ewigen Umbrüche, das Neuinterpretieren, all diese ungemütlichen 'Paradigmenwechsel' hören endlich auf...
    Aber weitere hochmögende, ihrerseits auf Staatsnähe existentiell angewiesene Institute springen der Ministerin in ihrem Kampf gegen die unbotmäßige Düsseldorfer Uni und den Schavaniatsvorwurf bei: Der Vorsitzende der Helmholtz-Gemeinschaft, der Vorsitzende der Humboldt-Stiftung und der jetzige DFG-Präsident. Freiheit und Unabhängigkeit  der Wissenschaft? dass ich nicht lache! Das riecht dann doch sehr nach "Wes' (Gnaden-)Brot ich ess, dess' (Lob-)Lied ich sing" bzw. "Wer zahlt, schafft an." Dazu wird Merkel spätestens nach der Doktor-Aberkennung sagen, sie hätte ja eine tolle Forschungsministerin gesucht und keine promovierte Akademikerin, so in der Art. Doktorhut? brauch ich nicht, Doktoren stehen genug auf der Karrierestraße herum, die kauf ich mir von der Stange. Kaube ist nur in einem Punkt nicht ganz zuzustimmen, wenn er gegen das Gefasel von "Kontext berücksichtigen" und "man müsse das aus der Zeit bzw. damaligen 'Zitierkultur' heraus verstehen", einwendet, Annette Schavan hätte ja Lichtenbergs Denkmalbuchnicht im 16. Jhd. promoviert. Stimmt schon, aber 1. hätte man eine Frau gar nicht promovieren lassen, das Frauenstudium, früher heimlich betrieben und/oder Privatangelegenheit, führte erst 1762 bei Dorothea Erxleben zur Promotion an einer Universität, und 2. hätten die Universitätsreformer gerade im 16. Jahrhundert diese Arbeit erst recht zurückgewiesen - das waren lauter Humanisten, die im Geiste des hochangesehenen Latein- und Griechischkenners Erasmus von Rotterdam immerzu "ad fontes" riefen, wenn ein Doofie wagte, die Bibel oder gar Aristoteles aus irgendwelchen Sekundärwerken der Kirchenväter zu zitieren.

    Die hübschen Skulpturen auf dieser Seite hat übrigens der phänomenale Bildhauer Karl-Henning Seemann in Bronze gegossen und in Weikersheim aufgestellt, wo ich sie im letzten Jahr ganz ohne Plagiat fotografieren durfte, nur das unterste Bild ist aus Göttingen, vom Lichtenbergdenkmal, wo es eine liebe Freundin von mir fotografiert hat.


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