• Pasta funghi all'Algovia

    Heute gibt es Spaghetti Fungi, das heißt gab - nach einem über achtstündigen Spaziergang durch Wald und Feld ist mein Appetit natürlich eine dampfende Schüssel wert, und einen zweiten Teller habe ich auch nicht verschmäht. Die Spaghetti waren köstlich, den Grano Padano hatten wir uns grade auf den Allgäuer Gartentagen an einem Stand besorgt, und die Funghi waren fresco della silva d'Algovia - wir haben sie uns selber vom Spaziergang mitgebracht. (Äh - falls dieser Blog morgen nichts neues bietet und übermorgen und überübermorgen und überhaupt still bleibt, lohnt es sich, die Notrufzentrale zu alarmieren und einen Lebensmittelchemiker mit schwerem Magenauspumpgerät in den book crossers point von Bad Grönenbach zu bestellen...).

    Nach dem Crash...Aber keine Sorge, wir haben unser letztes Glas Wein tapfer hinuntergespült und uns gegenseitig versichert, falls es ein Jenseits gibt, dort als erstes jeweils nach dem Aufenthaltsort des anderen zu fragen. Beide haben wir schon früher Pilze gesucht, ich hab mir schon selbstgesammelte Pilzomelettes bereitet (die Eier hab ich beim Habicht aus dem Nest geklaubt), als Tschernobyl noch ein todsicheres Atomkraftwerk war. Außerdem haben wir bis auf einen winzigen klingelknopfgroßen Jungbovist (die sind sehr lecker, zB. in Butter gedünstet, bevor sie sich zum stinkenden Penis auswachsen, sie dürfen noch nicht stauben)  ausschließlich Röhrlinge gesammelt, und mit denen kann man praktisch gar nicht scheitern. Außerdem habe ich immer ein Taschenmesser dabei und schneide sie natürlich ein Stück über dem Fuß ab, um das Nachwachsen zu ermöglichen. Es gab noch massenhaft andere Schirmpilze, grünlich, gräulich, bräunlich, geschuppt, mit Lamellen, mit und ohne Kranz um den Fuß, die wir allesamt stehenließen, auch den von Kornelia für schmackhaft erklärten knallorangefarbenen "Kaiserbart". Außerdem haben wir streng drauf geachtet, ob einer unserer Pilze angebissen wurde (die von den Würmern ausgesuchten sind ja die schmackhaftesten, haha) und irgendwelches Getier leblos und mit starrem Blick in der Gegend herumlag. Transportiert wurde das Ganze in einer atmungsaktiven Stofftasche.

    Kornelia hatte den bereits zu Anfang der Tour sichergestellten Fund einer handtellergroßen Bienenwabe in einer der Brötchentüten gesichert. Das schöne Mitbringsel wollte sie erst verschenken, dann selber zu Papier verarbeiten, unglaublich - aber sie meint, das gebe schöne "Einschlüsse". Ich würde es aufheben, säubern und mit Kunsthonig füllen, als Gag, versteht sich. Der Allgäu als das Land, wo H-Milch und Kunsthonig fließen.

    Statt solcher biblischer Leckereien - auch die reichlich gesichteten Heuschrecken ließen wir weg - hatten wir gefüllte Teekannen, weitere Brötchen und zwei Müsliriegel mit, so daß wir irgendwann im Wald an einer sonnenbeschienenen Stelle eine schöne Brotzeit eingelegt haben. Das war auch nötig, denn die feuchte Witterung der letzten Tage macht sich bei mir als Rheuma im linken großen Zeh bemerkbar (manchmal auf den rechten wechselnd). Gleich anfangs hatten wir auf einer Almwiese eine verlassene Zeltstadt gefunden, die rund hundert Jugendliche gefasst haben dürfte, in der Nacht hatte man im Allgäu drei Zeltlager geräumt, wie der Presse zu entnehmen war. Einige der Zelte standen noch voll Wasser, traurig für die jungen Leute, die man wohl beim Roten Kreuz in Memmingen untergebracht und warm eingekleidet hat. Der Bauer nahm das Ende einer Freizeitfahrt zum willkommenen Anlass, seine Felder endlich mit Gülle zu besprengen.

    Unser Weg führte unter anderem zur Burgruine Rothenstein, die zwar nicht ganz leicht zugänglich ist, weil ein Anrainer wohl nicht wünscht, dass Fremde über seinen Parkplatz wandern, und die sich auch sonst als desolates Durcheinander von Mauerteilen und Hügelchen darbietet. Um die Burg stritten sich die angeblich Erbberechtigten derer zu Rothenstein, deren knickerige Verwandten das Objekt 1482 an die Pappenheimer verkauft hatten, nach kurzem Nachbarschaftskrieg (1482 Umrüstung der Burg gegen Artilleriebeschuss der Vorbesitzer) war die Rothensteinburg 1508 wieder in den Händen der Rothenstein-Angehörigen, die sie sechs Jahre später kurzerhand nochmal an die Pappenheimers verkauften. Echtes Raubrittertum! Gegen Ende des 30jährigen Krieges, 1646, quartierte sich hier der Feldmarschall Wrangel ein, der in schwedischen Diensten stand und seine Pappenheimer kannte - aber dann übernahm das Fürstbistum Kempten die Anlage, deren Zwingherrschaft sich manche der Hiesigen wohl zurückwünschen. Auf einer Informationstafel heißt es bezeichnenderweise: "Die mit der Säkularisation verbundene Annexion 1803 durch den Bayerischen Staat führte auch hier zur Vernachlässigung des Baues, der am 19. März 1873 infolge eines Erdrutsches an der Nordseite zusammen stürzte." Auch hier Vernachlässigung durch die Bayern? Schon auf dem hohen Schloss von Bad Grönenbach findet sich so ein giftiger Kommentar, wonach man in Bayern 1803 auf dem Schloss ein Bayrisches Amtsgericht eingerichtet habe, so als wäre das irgendwas Ehrenrühriges wie die während der Französischen Revolution zu Pferdeställen umfunktionierten Kirchen, über die sich noch heute alle Reiseführer ereifern. Hat Gott etwa nicht auch die Pferde geliebt? Der vollständige Text der Tafel findet sich übrigens hier - allerdings hat man bereits korrigiert, dass es sich bei der Ruine um eine Wasserburg gehandelt habe (am Ort steht das noch zu lesen), sie liegt dazu viel zu hoch, und weit und breit ist kein Graben zu sehen, der Wasser führen könnte.

    Wir wanderten anschließend noch weiter aus der Landkarte heraus zum hiesigen Naturfreundehaus, wo grade frische Linksgesinnte aus Augsburg eingetroffen waren (mit dem Auto, typisch), und besichtigten die Illerschleife, die durch einen Berggletscher entstanden sein soll. Auf den Landkarten sieht sie wie ein überfüllter Dickdarm aus, auch für das Bild kann ich leider nur "Abbildung ähnlich" gewährleisten - vom Aussichtspunkt her sah man heute nämlich eine einzige braune Brühe, die eine gewaltige Halbinsel umspülte - vermutlich hat der Dauerregen der letzten Tage hier allerlei Schlamm abrutschen lassen. Bayerische Vernachlässigung!

    Illerschleife, vom Aussichtspunkt am Rothenstein gesehenHeute aber blieb das sonnige Wetter fast den ganzen Tag, es wurde immer heißer, wir warfen erst die Anoraks, dann die Jacken ab, zogen aber dadurch das Interesse bissiger Biester auf uns, weshalb wir uns dann züchtig wieder anzogen.

    Wir folgten dann dem Weg nach Rothmoos, als wir von den Pilzen überrascht wurden und uns daraufhin beglückt der Suche widmeten. Da wir keine Landkarte für diesen Teil des Gebiets unser eigen nennen und die Beschilderung - anders als bei den Wegen im 7-km-Umkreis von Bad Grönenbach - inzwischen zu wünschen übrig ließ, gingen wir dann einfach der Nase nach. An einem Feldrain fanden wir ein völlig neu aufgestelltes Heiligenbild aus Holz, das, wie eine Dame uns versicherte (ihr Mann war grade mit dem Bauern im Wald verschwunden, sie war beim Trecker geblieben) von ihrem Mann geschnitzt, bemalt und vor kurzem hier aufgestellt worden war. Noch wenige Wochen zuvor war es bei einem frommen Prozession auf einem Wagen herumgefahren worden, und man hatte es dem Museum angeboten, die wollten aber nur alte Sachen, hieß es, und so fand die Vierkantsäule hier neben einer Bank und einem älteren Wegekreuz einen Ehrenplatz am Waldrand. Es zeigt vorn zwischen einer entzückend flauschigen Allgäu-Kuh und einem etwas dilettantisch tänzelnden Pferdchen den Hl. Leonhard mit den zerbrochenen Handfesseln - "der is fürs Vieh gut", versicherte die Dame (wir sahen seine Reliquien bereits in der ihm eigenen Kapelle von Bad Tölz) -, zum Wald hin verherrlichte der Maler den Hl. Sebastian, nach rechts Gottvater und Jesus und nach links die "Maria Steinbach", kopiert nach dem wundertätigen Gnadenbild einer Wallfahrtskirche, deren Zwiebelturm man von diesem Standort aus sehen konnte - die besuchen wir ein andermal. Wir erfuhren dann noch von der Dame, sie käme von Landsberg am Lech ("des kennen Sie aber, ned?"), und ihr Mann, der aus der hiesigen Gegend stamme, habe praktisch "zu ihr hin g'heiratet" und müsse aber alle paar Wochenende wieder daher kimma, weil er so Sehnsucht nach seiner Heimat habe, so wär's halt.

    Nach weiteren gefühlten zwei Wanderstunden, bei denen uns eine Zeitlang zwei bis drei Bremsen ziemlich hartnäckig begleiten wollten (eine erlegte ich, nachdem sie mich dreimal erlegt hatten), nach Begegnungen mit glöckchenbehangenen Schafen und milde dreinblickenden Maultieren, nach vier Runden durch das grausam kalte Kneipp-Becken (Teenies beiderlei Geschlecht, die das gelegentlich auch machen, bringen es grade mal auf eine Runde!) und einer Armwaschung gegen meine Bremsenstiche im Armbecken nebst drei Runden barfuß über den Fußreflexzonenparcours stiefelten wir noch die steile Treppe zum Grönenbacher Schloss hinauf und besahen einige Stände des Allgäuer Gartentages (drei Euro Eintritt - gilt aber auch morgen noch).Allgäuer Gartentage Bad Grönenbach, Pressefoto


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  • Commentaires

    1
    Dimanche 8 Août 2010 à 02:22

    Der Apotheker ihres Vertrauens rät:


    Gelegentlich werden (Gift-) Pilze absichtlich gegessen, um Vergiftungserscheinungen, hier Halluzinationen bzw. Rauscherlebnisse, zu erreichen. Davon ist abzuraten, da es keine Garantie für die gewünschte Wirkung und die richtige Auswahl der Pilze gibt. Das gewollte Vergnügen kann tödlich enden.


    Manche Pilze sind auch nur in der Kombination mit Alkohol giftig.


    Und kennst du das Lied von Ulrich Roski? Das waren doch noch Zeiten, als die Liedermacher Geschichten erzählten.

    2
    Petit Larousse Profil de Petit Larousse
    Dimanche 8 Août 2010 à 10:58

    Drei Folgen von NUMMER SECHS auf arte ab 22.00 ersetzen jeden Pilztrip!

    3
    Kornelia
    Dimanche 8 Août 2010 à 22:19

    Ich habe sogar von einer Katze geträumt, bin aber nach erholtem Schlaf frisch und munter für eine Walkingtour wach geworden. Heute nachmittag gab es jedoch neuen Anlaß für Traum und Traumschwindelbilder. Die im Hochbarock grschmückte Kirche von Ottobeuren machte tatsächlich ein bißchen besoffen.

    4
    Lundi 9 Août 2010 à 13:18

    Schön, dass ihr Kunst und Natur genießt. Und so ist es richtig, das Essen aus der Natur, die Rauschmittel aus der Kunst. Ich habe mal nachgesehen, was Katzen im Traum bedeuten:


  • Katze: Sie stellt die Verbindung zur katzenhaften, sensiblen Seite des Menschen her (in der Regel Frauen) und verkörpert oft die kapriziöse Seite der Weiblichkeit. Der elegante und machtvolle, zugleich aber auch übermäßig selbstgenügsame Aspekt von Frauen kann im Traum ebenfalls als Katze zum Ausdruck kommen.
5
Petit Larousse Profil de Petit Larousse
Lundi 9 Août 2010 à 20:04

Lieber nicht zuviel nachschlagen - heute nacht träumte ihr, ich säße im Knast, und sie müsse mich zu einer Therapie überreden...

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