• Parsley, Sage, Rosemary & Thyme

    "Rose, oh reiner Widerspruch", dichtete Rilke, und in der Tat: zwischen den beiden Erziehungsmodellen, die da lauten: Führen oder Wachsenlassen kann sich jemand, der diese Pflanze pflegen will, irgendwie nicht sinnvoll entscheiden. Terrasse straßenseitigIst das schon wieder dialektisch zu verstehen? Jedenfalls zeigte meine zweite Rosenkur (nach zehn Tagen soll man das Bestäuben mit Pilzgift wiederholen), dass am Rosenstock, dem es zwischenzeitlich besser ging - weil oder obwohl ich ihn in Ruhe ließ? - , doch wieder einige gelbende oder schwarzbepunktete Blätter bemerkbar sind. Inzwischen waren die meisten Knospen in aller Herrlichkeit aufgegangen und wir haben mehrere Dutzend Blüten am Strauch (einzelne abgeblühte Zweige habe ich nach der Drei- bzw. Fünf-Blätter-Regel zurückgeschnitten). Blattläuse habe ich nur noch an einem Blütenstamm entdeckt Rosenschnittund auf dieselbe Weise entfernt, wie die Stuttgarter Eingreiftruppe den Stuttgart-21-Bauplatz von Demostranten "säuberte" - mit gezieltem Wasserstrahl, allerdings nur aus meiner mikrofeinen Zerstäuberdüse. Dann ging ein neues Blättersammeln und -entfernen an, und zum Schluss wurden die stehengebliebenen Stängel mit dem anderen Zerstäuber voll milchigen Teufelszeugs eingewölkt.Küchenkräuter Übrigens fand ich einzelne häßliche Käferlein, die sich frech in den blütenwärts gelegenen Blättern einquartiert hatten - gemeine oder goldglänzende Rosenkäfer (im Jahr 2000 "Insekt des Jahres", my god!) waren das nicht, ich konnte sie nach Herzenslust und ohne Übertretung irgendwelcher Naturschutzbestimmungen zerquetschen. Es war mehr so eine eklig-orangefarben-schwarzgemusterte Variante (vielleicht Kongo-Rosenkäfer?), die bei Berührung mehr oder weniger zu Staub und weißem Schleim zerfiel, vielleicht waren sie auch schon tot oder geschlüpft oder was.

    Hinten am Garagenhof blüht auch eine Rose als Beispiel für "Wachsenlassen". Dort verspritzte ich den Rest von dem Pilzgift, aber insgesamt ist dieser "naturbelassene" Strauch, der sich vermutlich aus hinter den Zaun gekippten Gartenabfällen entwickelt hat (und jetzt mit einem Brombeerstrauch konkurriert) bedeutend gesünder, hatte nur minimal verpilzte Blätter und gar keine Blattläuse, dafür aber eine größere Zahl von Käfern. Viel machen musste man da nicht. Aber damit nun keiner denkt, ich würde mich nur mit dem Hochadel der Blumen abgeben ("das Vollkommenste, das die Erde in unserem Klima hervorgebracht hat", J. W. v. Goethe über die Rose): Heute früh hab ich beim Discounter zwei lila Margeriten begnadigt, die schon auf den Gratis-Abstellplatz ausgesetzt waren und entsprechend vermickert wirkten. Sie wurden erstmal kräftig gewässert, dann vorläufig eingetopft, nochmal begossen und besprüht und in die Sonne gestellt, die sie in der Pflanzenfabrik bestimmt noch nie gesehen haben. Eine hat sich zumindest bis jetzt erkräftigt und wirkt ganz lebendig, ob's auch die andere schafft, zwei maulhängcholische Blüten sind dran, die ich mit je einer halben Wäscheklammer stütze, mal sehen... eine der Wäscheklammern ist grade umgefallen und, sapristi, die nickende Blume hielt den Kopf weiter oben als zuvor.

    Boltens SchallplatteUnser Kräutergarten ist inzwischen auch herangewachsen; während meine Saaten - vom Basilikum abgesehen - nur sporadisch aufgingen (die Kresse, okay, die haben wir schon abgeerntet und ich habe neue in gesäuberte Frischkäse-Plastikpackungen angesetzt), bilden die Rühlemannskräuter in ihrer Zinkwanne geradezu einen Dschungel. Wir benutzen sie nur zuwenig, eigentlich sollte man jeden Tag Melisse-Pfefferminztee zu Pesto-Nudeln und Ruccolasalat servieren - aber was wird dann aus dem Bohnenkraut, Estragon, Liebstöckel? (Von letzerem habe ich vor kurzem verdächtige Pünktchen, die ich für Blattläuse hielt, einfach mit den Fingern abgestriffen - die sind seither noch nicht wiedergekommen.)

    Mich erinnert der Anblick der Balkon-Oase - nur die Petersilie fehlt, die wäre aber besser im Boden angesiedelt, und da müssen wir mit Hundebedüngung rechnen - an das schöne, freilich tieftraurige Lied Scarborough Fair von Simon & Garfunkel, das mein Freund Oliver Bolten auf einer seiner verschollenen Vinyl-Schallplatten (Und bin doch immer noch hier) in feinfühliger Übersetzung kongenial eingespielt hat. Mein Liedermacherkollege tritt übrigens immer noch in seiner alten Verkleidung als Wiedergeburt des François Villon auf und begeistert das Publikum mit den Jammerballaden und Hasstestamenten des Argot-Barden, in den bekannten und vielvertonten, von Bolten teils überarbeiteten Nachdichtungen von Paul Zech. (Zech war der sprachkräftigste Eindeutscher des Villon-Balladenwerks, allerdings nicht so romanistisch korrekt wie Karl Klammer, genannt K. L. Ammer, dem Brecht seine Anleihen in der Dreigroschenoper verdankt. Kürzlich wurde in der Ausstellung von Karikaturen des Karl Arnold, der eine frühe Ausgabe dieser Villon-Nachdichtungen illustriert hat, in einer Beschriftung im Kölner Käthe-Kollwitz-Museum doch tatsächlich spekuliert, K. L. Ammer sei ein Pseudonym für Karl Arnold! Im Katalog fand sich dieser Fehler gottlob nicht wieder.) Der Text soll demnächst auf Boltens Webseite eingestellt werden: Das Lied heißt Zwischen Rosenduft und Jasmin, und ist genauso traurig wie die Paul-Simon-Version: eine Aufzählung unlösbarer Aufgaben, die ein Verlassener seiner Verflossenen stellt, und - in Gottes Schöpfung kein Gewächs / blüht so giftig wie der Ex - jedesmal mit dem Kehrreim schließen lässt: "...mag sein, dass ich dann wieder gut zu dir bin!"


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