• Leckereien in Lilleput

    Vor einiger Zeit hatte ich an dieser Stelle, beim Reisspeicher im Kölner Völkerkundemuseum schwörend, prophezeit, eines Tages würden indonesische Studenten der Ethnologie kommen, um unser deutsches Stammesverhalten unter die Lupe zu nehmen. Porte de ParisOffensichtlich ist meine Vorhersage eingetroffen, denn in sog. Tandemprojekten bekommen neuerdings jungen Forscherinnen und Forscher aus ehemaligen Kolonialländern eine Chance, uns die Traurigen Tropen von Claude Lévy-Strauss und Margaret Meads Samoa-Report ("Was würden Sie denn sagen, wenn Ihnen ein Fremder ins Haus schneit und Sie über das Sexualleben Ihrer Kinder ausfragt?") heimzuzahlen.Karussellfigur - Am letzten Wochenende war ich im Ausland, und auch wenn mir die Zeit für eine großangelegte Feldforschung fehlte, will ich doch einige Impressionen aus der Stadt Lille im Norden des erbfeindlichen Frankreich wiedergeben. Erhaben gestimmt, durchschritt ich das imponierende Pariser Tor, das offenbar zu einer Vaubanschen Stadtbefestigung gehörte - statt des Wassergrabens mit Krokodilen oder Piranhas drin findet sich heute ein grünes Zierbeet unterhalb der Pfeiler. An einem offenbar historischen Gebäude Freiheitscafe in Indoch'tinafiel mir das Freimaurerzeichen auf, das über der Tür eingemeißelt stand. Unterhalb des Reiterstandbilds von General Faidherbe finden sich zwei Figuren, eine versinnbildlicht die Stadt Lille, und neben ihr sitzt Clio oder irgendeine andere Geschichtsmuse, der diktiert wird, was mit ehernem Griffel von den Großtaten des Militärs in ihr Buch eingetragen werden soll. Diese schreibende Dame hat man wie zum Hohn mit einer gelben Bierdose gekröntRentier am Karrussell - kein Wunder, dass die Geschichtsmuse den Mächtigen dieser Welt nicht treu bleibt, sondern, sobald sie "nach Diktat verreist" sind, alle ihre Untaten mit ebenso peinlicher Vollständigkeit aufzeichnet. Wer weiß, vielleicht kommt der Trittin mit seiner Einführung des Dosenpfandes im deutschen Nachbarland vor ihrem Richterstuhl gar nicht so schlecht weg... Dann gefiel mir ein (noch geschlossenes) Café am Boulevard de la Liberté, dessen Name die Freiheit der Ch'tis beschwor. Ch'tis nennen sich die Eingeborenen hier selbst (niemand konnte mir bisher erklären, was das Wort eigentlich bedeutet), und es gibt allerlei Humoriges - Aufkleber, Magnethalter, etc. - im Touristeninformationsbüro zu kaufen, das darauf Bezug nimmt (und im Buchladen den Film Bienvenue chez les Ch'tis und seinen Nachfolger, Rien à déclarer jetzt bereits als Comic Strip). Aber ich war die ganze Reise über mit so brillant Hochfranzösisch sprechenden Menschen zusammen, dass ich nichts von dem heftigen Dialekt der Gegend mitgekriegt habe. Erst auf der Rückfahrt begegnete mir ein echter "Ch'ti". Er war nach Berlin unterwegs und ich nahm ihn - Denkmal Faidherbe in Lilleeingedenk eigener Tramper-Erfahrungen, an die ich aus gegebenem Anlass erinnert wurde - von der Raststätte vor Liège mit bis zur Raststätte hinter Aachen. Ein junger Mann von der französisch-belgischen Grenze, Franzose, mit einem unsäglichen Akzent, ohne zwei- bis dreimal Nachfragen verstand ich kein Wort von dem, was er sagte. Er hatte übrigens behauptet, fünf Sprachen zu sprechen: Französisch, Englisch, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch (die letzten vier habe er sich "im Internet" beigebracht!), nur mit dem Deutschen hapere es, weshalb er eine Weile in Berlin bleiben wolle. Ich hab ihn nicht auf Italienisch, Portugiesisch etc. getestet, aber beim Französischen muss er wohl nochmal nachfassen. Und nun zu den Sitten und Gebräuchen, soweit ich sie in den zweieinhalb Stunden meines Aufenthalts in Lille beobachten konnte: Erstens fiel mir auf, dass entgegen anderslautenden Meldungen der Beffroi de LilleAltbau in LilleWeihnachtsmarkt längst eröffnet ist (während hierzulande der Budenzauber erst vorbereitet wird). Ich werde demnächst mal eine dieser Postkarten mit Motiv: Apfelbaum nach Nordfrankreich schicken, auf denen steht "Advent ist erst im Dezember". - Zweitens gab es darüber hinaus eine offenbar innenstadtweite Kirmes. Nicht nur das Riesenrad, das Karrussell etc. etc. hatten barocken Anstrich, im Licht des Spätherbstes stand auch das Sonnenhaus; die ganze Altstadt mit ihren Häusern hatte sich festlich in Pastellfarben und Rokoko-Verputz eingekleidet - offenbar will man diesmal beim ordnenden Festkommitee den Titel "begehbarer Adventskalender 2011" abräumen. - Und drittens fiel mir (mal wieder) ins Auge, welch köstliche, augenschmeichelnde Patisserien in den Auslagen der Schaufenster zu bemerken sind, allein vom Ansehen wiegt man gefühlte anderthalb Schokoladenkilo schwerer. Ich weiß schon, weshalb ich kein Riesenrad besteige! Wobei ich allerdings auch den Beffroi nicht besichtigt habe,Turm und Zinnen der morgens noch in geheimnisvollem Nebel glänzte und später in der wunderschönen Sonne eines fast sommerlich anmutenden Novembertags über dem Riesenrad emporragte. Tja, der Ruhm der Stadt Köln reicht zwar bis hierhin - ein Schüler, dem ich meine Herkunft verraten musste, rief sofort begeistert "Schokoladenmuseum" aus (und nicht etwa "4711", oder "Alaaf", geschweige denn "Kölner Dom"). Aber in Köln zehrt man eben von den place Charles de Gaulle in Lillemusealen neiges d'antan, während die hohe Gegenwartskunst der Weihnachts-Feinbäckerei eindeutig in Frankreich ausgeübt wird. Und zwar ganzjährig! -Riesenrad in Lille Auf das Riesenrad, das von unten gesehen eine reine Freude ist, hab ich mich dann doch nicht getraut, es geht mir damit wie mit den Montgolfièren, die ich entzückt betrachte, ob auf alten Stichen an der Wand oder schwebend in den Lüften, mit diesen hübschen goldenen Ornamenten auf Himmelblau: Schönheit des Fortschritts! Aber: Einsteigen möchte ich lieber nicht. - Und auch vor den Patisseriegeschäften blieb es beim Nasenplattdrücken an der Schaufensterscheibe, reingegangen bin ich nicht. Wie eine heitere Passantin sehr treffend bemerkte, belässt man's mit Rücksicht auf die schlanke Linie besser dabei, die Schönheiten zu fotografieren, anstatt sie sich einzuverleibenKonditorei in Lille.Haus am Place Charles de Gaulle in Lille Als ich, es muss um Ostern 1989 gewesen sein, mal auf der Durchreise ins Elsass kam, hatte ich leider keinen Fotoapparat, sonst hätte ich die vielen Pracht-Ostereier in den Patisserien dokumentiert, die mit zuckerfarbenen Dekolorentrikots, pardon, Trikolorendekors, Kuchen und PlätzchenKirmes in Lilleputjakobinerbemützten Osterhasen, baumkuchenähnlichen Obelisken und Miniatur-Guillotinen auf die Jahrhundertfeier der Republikwerdung anspielten. Das glaubt einem hierzulande kein Mensch, und der Konditor, der es wagen würde, den 18. März, den 3. Oktober oder die Unterzeichnung des Grundgesetzes mit schwarz-rot-goldenen Torten zu feiern, dem würde die radikale Antifa aus Berlin wohl die Fenster einschmeißen. Aber vielleicht auch nur, um die Leckerlis umsonst aus den Scherben zu bergen.


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  • Commentaires

    1
    hdor Profil de hdor
    Lundi 21 Novembre 2011 à 20:56

    ich schicke dir Törtchen mit des Ches Konterfei drauf !

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