• Kunstmeilenbonus im City Center

    Kornelia hatte kürzlich eine Gruppenausstellung - ihre erste nach der "Longericher Kunstmeile 2010" im Juli, als der Kölner Stadt-Anzeiger vom 8. Juli 2010 eine Rezension von Jürgen Kisters brachte. Der meinte, die Künstlerin "läßt ... aus zauberhaften Scherenschnitten aus Packpapier ein zartes Gefühl für den Menschen wachsen“ und ahnte vielleicht gar nicht, dass die Künstlerin auch die Varnhagen-Ausstellung in der Universitätsbibliothek gestaltet hatte, die ihn im Jahr 2004 zu einem ähnlich hymnischen Lob inspirierte. Kornelia Löhrer, City Center ChorweilerJedenfalls ging aus dem Kunstmeile-Wochenende im Kölner Norden ein zweites Gemeinschaftsprojekt hervor, das unter dem Titel "Kunst verbindet" für eine Woche (20. bis 26. September 2010) vom City Center Chorweiler ausgerichtet wurde. Nur eine Woche - aber immerhin Eintritt frei bei ausgedehnten Öffnungszeiten: werktags von 9.00 bis 20.00, und man darf sagen, tout le monde passait par là. Die wening anmutige Hochhaus-banlieue entbehrt landschaftlicher oder urbaner Reize, weshalb man die shopping mall geradezu als kulturellen Brennpunkt wahrnimmt. Außerdem wohnen hier Leute, die man heute vornehm naserümpfend "bildungsfern" nennt, und auch die mussten geradezu über die mitten im Hauptgang der Ladenstraße aufgestellten Trennwände stolpern. Aber sie schienen ganz gelassen und sogar freudig-neugierig auf die Bilderflut zu reagieren...
    Eröffnung der Ausstellung "Kunst verbindet"Jedenfalls fand sich zur Eröffnung ein gutgelauntes, auf City-Center-Kosten mit Sekt, Saft und Schnittchen regaliertes Publikum ein. Zur Begrüßung redete der nette Center-Chef, Stephan Antwerpen, der Bezirksbürgermeister sowie Annegret Thurn, die Anführerin der 13 mit je 6 Arbeiten (Frau Thurn durfte mehr zeigen) vertretenen Künstler.
    Kornelia Löhrer stellte ihre Schattenbilder zwischen der Parfümerie Douglas und einer Jeansboutique aus, und zwar neben dem Bildhauer Bernward Prinz, der mir schon bei der Kunstmeile Longerich mit sehr professionellen, barlach-inspirierten Skulpturen aus Holz und Bronze aufgefallen war. Hier hatte er auch einige Reliefs in der Art hängen, doch das Hauptgewicht lag auf Werken, die aus Altmetall-Recycling geschaffen waren. Das passte nicht schlecht zu Kornelias Silhouettencollagen aus Industrie-, Schwarz- und Buntpapier. Es lockte wohl viele Zuschauer an diesen Stand, weil Herr Prinz täglich (!) mit Kindern an einer "Fanmeile des 1. FC Köln", gebildet aus Coladosen und dickem Draht oder Kordel werkelte. Nichte Hannah, Neffe Nils und sein Freund beteiligten sich daran. Kornelia beim Basteln mit KindernFrau Thurn war ebenfalls täglich im City Center und malte "Kaffeebilder" mit Kindern, dazu hatten wir keine Zeit, aber
    als wir am Freitagnachmittag Aufsicht hatten (nicht alle Teilnehmer drückten sich), half Kornelia tatkräftig mit. Währenddessen übernahm ich an ihrer Stelle die Patrouille und entdeckte einige extrem verschiefte Bilder (vermutlich von dummen Burschen geschrägt), die geradezurücken waren - aber behutsam, dass es einem nicht ergeht wie Loriot im Wartezimmer! Übrigens passierte rein gar nichts  - die Bilder waren sogar vom City Center versichert worden, und bei der Parfümerie Douglas baute sich besonders nachmittags gut sichtbar ein bulliger Uniformierter auf, der sonst wohl weniger dem Kunst-, als dem Flakondiebstahl vorbeugen mochte. Also keine gesprühten Parolen, keine eingeritzten Hakenkreuze oder Kugelschreiber-Kommentare auf den Tafeln, wie ich sie schon im Wiener Rathaus gesehen habe: lediglich ein Bild der Künstlerin Anette Stahlhofen, reife, purpurn schillernde "Papageientulpen" darstellend, wurde offenbar im Lauf des Samstags geklaut - bei der Schließung am Freitagabend 20.00 hing es noch da. Die Künstlerin bekommt den Schaden ersetzt und kann sich jetzt immerhin was einbilden, mit ihrem Werk (das allerdings auch gut in einen Tattoo-Shop oder über die Theke einer Biker-Bar gepasst hätte) bei einem der Hochhaus-Anrainer sammlerische Besitzgier ausgelöst zu haben. Wer so anfängt, landet eines Tages bei Sotheby's!
    Dass sich Kunst und Kommerz nicht miteinander vertrügen, kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil: Kunst verbindet! Eine Jungverkäuferin von Douglas nutzte das verstärkte Passanten-Aufkommen zur Verteilung von kleinen Duftstreifen mit dem aktuellen Parfum "Beyoncé", der milchkakaozartbraune Soulstar selbst war als offenherzig eingekleidete Pappsilhouette (kurvenreicher als Kornelias gerahmte Schattenfiguren) im Hintergrund auch zu sehen. Alle, die vorbeikamen, kriegten einen Streifen in die Hand, den sie träumerisch vor die Nasen hielten, und wo das Tempo ihres Einkaufsmarathons ohnehin einmal gedrosselt worden war, verbummelten sie gleich ein paar Minuten vor den Exponaten.
    Auf die übrigen hier ausgestellten Künstler traf zu einem (kleineren) Teil der leicht peinliche Ausdruck "Hobbykünstler" zu, der sich im Prospekt und in der Ankündigung der City-Center-Zeitung fand. Einiges gefiel mir sehr gut, anderes hätte ich lieber nicht länger anschauen mögen, um mir die knalligen Farben nicht womöglich für besonders heftige Träume auf die Festplatte runterzuladen. Ziemlich professionell waren die Sachen von einer Abiturientin namens Vanessa Neu. Sie hatte als einzige Ausbildung ihren Kunst-Leistungskurs und jede Menge Talent vorzuweisen; sie malt entzückende, etwas surreal wirkende Farblandschaften unter Einbeziehung von Stoff und Gips. Auch der Fotograf Hans-Peter Fuhrmann gefiel mit seinen Aufnahmen; er nimmt mitten in der Stadt zauberisch wirkende Strukturen und Oberflächen wahr, die sich beim zweiten Hinschauen als ganz alltägliche Motive erweisen. Mit dem hätt' ich mich gern mal unterhalten, aber ich traf ihn nicht, während ich Betrachter von Kornelias Scherenschnitten gern auf die Anwesenheit der Künstlerin hinwies.
    Kornelia in der Ausstellung City Center ChorweilerNatürlich beeindruckte mich auch Bernward Prinz, der allerdings eine unangenehme Note hereinbrachte, indem er seinem politischen Zorn auf "Jürgen Tritt-ihn", der durch Einführung des Dosenpfandes seinen Rohstoff verknappt hat, durch einen Blechorden Ausdruck verlieh. Wahrscheinlich sympathisierte er heimlich mit dem maskierten Bösewicht, der mitten in der Ausstellungswoche, am 23. September, dem Ex-Minister eine mit Yogurt gefüllte Torte an den Kopf warf und spurlos verschwand. Im aufgeheizten Klima der 1970er Jahre hätte man unter diesen Umständen wohl von geistiger Brandstiftung und intellektuellen Helfershelfern gesprochen!
    Man sollte Herrn Prinz darüber aufklären, dass es in der Produktfamilie Süßtee, Saft und Kaffeegetränke jede Menge unbepfandete Getränkedosen gibt (es müssen ja nicht immer Cola & Co. sein - und auch für die gibt es gelegentlich recycelte Büchsen, die nicht mehr im Kreislauf sind), und dass nicht der Grünen-Fraktionschef Trittin, sondern Klaus Töpfer (CDU) 1991 das Dosenpfand eingeführt und jener es, weil eine Quote unterschritten wurde, umgesetzt hat. Immerhin verknappt auch der Recycling-Bildhauer mit seinen Kunstwerken den Rohstoff "Pfandgut", der hierorts Flaschensammler in Arbeit und Brot setzt.
    Nils vor der FankurveDer Nachwuchs meiner durchaus ökobewussten Schwägerin ließ sich jedenfalls nicht radikalisieren und posierte fröhlich vor den Werken, während die mit johlenden, fahnenschwenkenden Dosenmännchen besetzte Fanmeile größer und größer wurde, errichtet von Kindern unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe, das hätten andere Marken als Cola sicher überzeugend anschaulich gemacht. Aber FC-Köln-Fans sind alle Kinder dieser Stadt, gleich, welcher Religion oder Nation sie sonst angehören mögen (und, zugegeben: das Rot-Weiß der Büchsen passt zum corporate design des Geißbockvereins). Hannah hatte ja noch das besondere Vergnügen, ihre Silhouette zu finden, die Kornelia mit anderen jeweils zu Dreiergruppen in schwarze oder weiße Rahmen ordnete, die auf merkwürdige Weise Schmetterlingssammelkästen gleichen. Der Scherenschnitt zeigt sie ins Spiel vertieft, und als Kornelia ihn bei ihrer ersten Ausstellung im "Weinaurant Bach" zu Bad Münster am Stein präsentierte, wäre er beinah auf der Stelle verkauft worden... Nur aus Sentimentalität hielt ihn die Künstlerin zurück. Ob Hannah von ihren Altersgenossen in Chorweiler wiedererkannt wurde? Kornelia traf jedenfalls an dem Freitag Hannah vor ihrem Silhouettenbildauf den stellvertretenden Direktor ihrer Schule, der ganz erstaunt war, hier Kunstwerke einer Kollegin zu sehen, die dann auch noch sozial engagiert - im sozialen Brennpunkt - Freizeitgestaltung mit "Problemkindern" macht! (dabei sind meine Neffen und Nichten völlig harmlos, aber das kann der Vizechef ja nicht wissen. :-) Das gibt Bonuspunkte am Arbeitsplatz, zumal Kornelia um ihr Engagement in gemeinnützigen Vereinen sonst kaum Aufhebens macht.
    Am Samstag war dann leider schon Finissage, die gegen 19.45 Uhr im Abräumen der Bilder bestand. Wir fuhren nach Chorweiler, wo ich die Rahmen, die Kornelia in Blisterfolie wickelte, vorsichtig auf der Kangoo-Ladefläche stapelte. Wenigstens mussten wir die center-eigenen Pappwände nicht mitnehmen! Während sich Kornelia noch mit ihren Künstlerkolleginnen unterhielt, erstand ich bei einem türkischen Gemüsehändler per Ausverkauf fünf Plastikschüsseln mit geschälter Ananas für einen schlappen Euro. Hannah vor der FanmeileDem Herrn Prinz, der mit einem Rolltransporter gekommen war, hielt ich mehrmals die Schwingtüren des Chorweiler-Centers auf, vor dem bereits eine Phalanx gelhaariger Jünglinge auf die Verkäuferinnen wartete, um sie zur After-work-Party abzuholen. Um die Dosenmännchen ist es schade; die hätten ruhig noch ein bisschen in der Fanmeile sitzen können (die von den "unsrigen" Gefertigten hat sich Kornelia beim Abschied von Herrn Prinz ausgebeten, wir brachten sie dann noch der Schwägerin). Aber auch um Kornelias Bilder, die hier in dieser Umgebung, aber auch als Kontrastprogramm zu so viel biederer, wenn auch meist gut gemachter Konfektionskunst wirklich etwas Besonderes waren.

    Coladosen-FanmeileKornelias BildereckeVielleicht haben die Schattenmenschen den Dosenmännchen ja noch manches zu erzählen. Ich bin sicher, dass sie sich in der einen Woche gut kennengelernt haben und jetzt e-Mails austauschen. Das Panorama vom Stadion im Hintergrund der Fanmeile hatte übrigens der City-Center-Chef Antwerpen besorgt. Und Kornelia zeigte den Kindern, als der Draht ausging, wie man die Beine auch aus geflochtener Kordel machen kann.


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