• Raus mit der Sprache? Reden Sie sich's von der Seele? Echt? Dann macht euch auf was gefasst! Na schön. Ihr wollt's ja nicht anders. Also denn: Ich habe: kein Handy, keine Armbanduhr, keinen iPod, kein iPad und kein iTunes oder wie die Dinger heißen mögen,Schiller-Gedenktafel im Mergentheimer Schlossgarten kein eBook, kein knieBook, kein eyeBook, kein schreiBook (wohl Schreibbücher) und keinen XXL-BildAeppel Store, Köln Fotosschirm am Fernseher (dass wir uns nicht missverstehen: das soll kein Wink mit dem Weihnachtspfahl sein, ich will das nicht haben und würde auch nicht nächtelang vor dem Erstverkauf bei irgendwelchen Obstgeschäften kampieren, um solche Geräte als erster zu kriegen!), und das Allerschlimmste: Ich habe kein satellitengestütztes Global-Positioning-System-Navigationsgerät, vulgo "Navi". So ist es nun mal und basta.
    (Dieses Foto rechts von unserem Sülzer Aeppel Store wurde von TripAdvisor zur Verfügung gestellt.)
    Bitte, schießt mich tot, aber ich brauch das nicht. Ich hab auch die Modetorheiten der Tamagochis, der Quadrophonie-Lautsprechersysteme und der zusätzlichen Bremslichter in der Heckscheibe übersprungen, und zwar, weil ich, jawohl!, die Hutablage für meinen alten Hut freihalten wollte. Denn erstens gehört mir nur ein halbes Auto, mit dem ich nur selten fahre, und zweitens kann ich mir die paar Strecken, die ich kenne, auch noch so merken und für die seltenen anderen gibt es ja noch immer Straßenkarten und Stadtpläne. Ich weiß wohl, dass es die sprechenden Alternaviten mit den meist weiblichen, wohlmodulierten Stimmen gibt (wer die nicht mag, kann sich den John-Wayne-Synchronisator oder Marcel Reich-Ranicki draufschaffen), die den vorwiegend männlichen Autofahrern mindestens ein- bis zweimal am Tag versichern: "Sie haben Ihr Ziel erreicht!", was ja immerhin ein gewisser Trost sein kann in den Fährnissen des Alltags. Bevor ich eine Zeile riech', die nicht auf einen Reichen zielt, wird eher noch ein Ziel erreicht, das mir den richtigen Riecher zeicht, äh - okay, nicht lustig. Neulich passierte mir aber mal ausnahmsweise etwasHandywerbung Globuskopf Lustiges. Ich war als Beifahrer im PKW einer Bekannten unterwegs, die mit Navi fährt, und zwar durch den Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim, u. a. um die Schlosskirche zu sehen, und als wir wieder aufbrechen wollten, führte uns das Navi in die "Viehskowstraße", mit hartem F-f im Anlaut, wie Virchow, Volkow (Hirnforscherin und Urenkelin von Trotzki), Volker, Volkswagen und andre Namen ("Sie sagen ja auch nicht Water zu Ihrem Vater", meinte Karl ff-Valentin dazu). Und mit langem Dehn-o im Auslaut, den ich spontan mit w schreiben würde. Preußisch-pommersch-meckl-brandenburgische Adlige, über die schon Fontane seine Kalauer reimte, die aus Mecklenburg-Vorpommern stammen und zwischen Güstrow, Altentreptow, Buckow und Basedow aufgewachsen sind und beim Italiener kellnern, schreiben laut Titanic ja auch ganz gern ein »heute Spaghetti mit Pestow« auf die Stelltafeln vor dem Eingang. Viehskow, Viehskow, ich zermarterte mir das Hirn, sollte etwa Johann Daniel Viehskow (1586-1627) gemeint sein, der Erfinder des Impfserums gegen die lilagepunktete Bartflechte, oder Heinrich Wilhelm Viehskow (1852-1907), der Entdecker der merowingischen Stieftantengräber in Abbayé-sur-Thélème? Oder war die Straße eventuell nach beiden Trägern benannt? An dem f-Anlaut war auch nichts auszusetzen, ebensowenig am o-Auslaut, aber Oggersheim,Schiller-Tafel in Adelsheim wo Dr. Helmut Kohl residierte, bevor er erst zum Zar und dann zum Zombie wurde, ist nun mal Zufluchtsort des Dichtertitanen Schiller gewesen bei seiner Flucht vor dem Landesherrn von Württemberg. Schiller hat auch ein Stück geschrieben über den Aufstand gegen die Herrschaft des Andrea Doria in Genua, wobei der anfangs erfolgreiche Rebell, der im weiteren Verlauf des Dramas versehentlich seine Frau erdolcht, weil sie einen Purpurmantel trägt (das ist der Mantel der Geschichte, in diesem Fall aber wirklich, während es bei Kohl und Gorbatschoff Strickjacken waren), den er dann selbst anzieht, auf eine Gondel steigt, ins Wasser fällt (bzw. geschubst wird, bei Schiller, sonst wär die Geschichte mit dem Mantel der Geschichte gar zu grausam-zufällig - war er nicht sogar darüber gestolpert?) und vom Gewichte des vollgesogenen Purpurgeschichte auf den Grund der Lagune gezogen wird - ein echtes Fiasko! Deswegen heißt der Kerl wohl auch so, Fiesco zu Genua, nur mit e gesprochen und zwar diphtongisch (denkt euch ein Trema über dem e): Fie - jäss - koh. So und nicht anders spricht sich das aus. Das wurde aber der Navi-Stimme von den Programmierern nicht beigebracht, die Dame sagt "biegen Sie jetzt rechts in die Viehskowstraße", und wer's nicht glaubt, bitte, fahrt nach 67071 Ludwigshafen am Rhein und tippt vorher die Fi-eskostraße ein!


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  • Auf meinen Artikel über die documenta mit dem Foto des German-Bratwurst-Plakats hat jetzt ein Diasporafreund geantwortet und mir dieses Gegenstück aus Japan geschickt! Da lass ich mich nicht lumpen und schicke Bratwurst von der KölnarenaHotdog-Stand in TokioDocumenta-Plakat, einmal andersWurstbude vor der Kölnarena


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  • Auf office.com gibt es kostenlos herunterzuladene Musterbriefe, darunter auch 7 Beschwerden. Titelkupfer zu einem Briefsteller aus dem 19. Jhd.Da wäre z. B. "Beschwerde an eine offizielle Stelle"; das ist der gute alte Querulantenbrief vom Wutbürger, wie ihn der Verkehrsamts-Mitarbeiter so gern beantwortet: "Auf den ersten Blick bedeutet eine Verbreiterung unserer Straßen für unsere Stadt mehr Wachstum und eine Stärkung der Wirtschaft. Sie sollten jedoch berücksichtigen, dass Bäume Energieeinsparungen bedeuten, da sie die Hitze in Industriegebieten reduzieren, und dass durch Grünflächen der Wert von Immobilien steigt..." Andere Briefmuster sind: "Beschwerde wegen einer anullierten Kreuzfahrt", "wegen eines verloren gegangenen Koffers", "Beschwerde wegen KfZ-Reparatur" oder "Beschwerde über schlechten Hotelservice", die übrigens von jemandem vorgebracht wird, der sich seinen insgesamt positiven Eindruck von der Absteige in Liburn, Georgia, nicht von schmutzigen Handtüchern, nicht funktionierenden Armaturen im Bad und laut quasselnde Zimmernachbarn, die der faule Rezeptionist auch nicht ermahnt, trüben lassen möchte. Und das, obwohl seine Geschäftstreffen durch die unruhige Nacht stressiger waren als sonst gewohnt: "Mit diesem Brief möchte ich Sie anregen, den Hotelservice zu verbessern. Für einen treuen Kunden, der häufig unterwegs ist, ist es sehr bedrückend, sich so einen schlechten Service gefallen lassen zu müssen... Ich möchte wirklich nicht, dass meine positive Haltung zu Ihrem Hotel durch einen einzigen Besuch zunichte gemacht wird." Weit weniger verständnisvoll, ja richtig pampig ist dagegen die "Beschwerde wegen eines Lehrers", die ich nachstehend wiedergebe.

    [Ihr Name]

    [Straße]

    [PLZ Ort]

    November 28, 2012

    [Empfängername]

    [Position]

    [Name der Schule]

    [Straße der Schule]

    [PLZ Ort]

    Sehr geehrte(r) [Empfängername],

    ich möchte meine Unzufriedenheit über die Qualität des Unterrichts zum Ausdruck bringen, der von Andrea Dunker, der Lehrerin meiner Tochter Sarah, in der vierten Klasse gestaltet wird.

    Als meine Tochter in die vierte Klasse kam, war sie lernbereit und bei ihren Lehrern als begeisterte und fleißige Schülerin bekannt. Ihre Noten waren gut und sehr gut. In den letzten drei Monaten hat Sarah jedoch eine sehr negative Einstellung zum Schulbesuch entwickelt. Sie berichtete mir, dass sie nicht mehr in die Schule gehen möchte, weil sie von Frau Dunkers Unterricht verwirrt ist und weil Frau Dunker ungeduldig wird, wenn Sarah um genauere Erläuterungen bei schwierigeren Sachverhalten bittet. Dies hat dazu geführt, dass sich Sarah nicht mehr am Unterricht beteiligt. Ihr letztes Zeugnis unterstreicht diese Entwicklung: Sarah erhielt ein „Ausreichend“ in Mathematik und wurde als „ruhig“, „verschlossen“ und „unkooperativ“ beschrieben. So kenne ich meine Tochter nicht. Daher gehe ich davon aus, dass die Verschlechterung von Sarahs schulischen Leistungen und ihre negative Einstellung mit den Unterrichtsmethoden und der Kommunikationsweise von Frau Dunker in engem Zusammenhang stehen.

    Darüber hinaus wird Sarah von Frau Dunkers Art, den Unterricht zu führen, nicht zum Lernen angeregt. Als ich in der letzten Woche unangekündigt den Unterricht besuchte, musste ich mit Erschrecken feststellen, dass sich die Kinder untereinander stritten, als sie eigentlich zu zweit an einem Projekt arbeiten sollten. Frau Dunker korrigierte an ihrem Schreibtisch Hausaufgaben und nahm keine Notiz von den Vorgängen im Klassenraum.

    Ich bitte daher darum, dass Sarah so bald wie möglich aus Frau Dunkers Klasse in eine andere versetzt wird. Außerdem bitte ich Sie um ein Gespräch in dieser Woche, in dem wir klären können, zu welchem Termin der Wechsel in eine andere Klasse möglich ist. Sie können mich zwischen 8:00 Uhr und 17:00 Uhr unter der Telefonnummer (0425) 555 01 99 erreichen.

    Mit freundlichen Grüßen

    [Ihr Name]

     

     

     


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  • Seit gestern (4. 10.) macht ein neues politisches Schlagwort die Runde... "regionaler Flächenbrand", was mag das heißen? In früheren Jahren wurde immer sehr fein unterschieden zwischen dem echten, heißen (oder kalten, falschen) KRRRIEG und den sog. "regionalen Konflikten", denen gern auch mal das Beiwort "lokal begrenzt" folgte. Kein Grund zur Aufregung... das ist nur eine Wirtshausschlägerei... machen die beim serbisch-koratischen Neujahr immer so...

    Jetzt aber, wo es in Syrien ernst wird, ist plötzlich von einem klitzekleinen, völlig ungefährlichen Tyrannosaurus-Dino die Rede - der "regionale Flächenbrand", den die freiwillige Feuerwehr mit einem Kasten Gerolsteiner im Handumdrehen eingedämmt hat, begann mit "ein paar Schüssen" (Tagesschau),Fantasiemaschine von Thomas Bayrle höchstens "einer Granate" (Tagesthemen) oder "Granaten" (Plural, Kommentatorin des BR). Mal sehen, wieviel Fläche der Brand heute abend einnimmt! Aber schon ist containment in Sicht, denn "Beck's Kurt blafft Bürger an", titelt die BILD, naja, das "Kurt" stand streng genommen Thomas Bayrles betende Scheibewischenicht in der Schlagzeile, das hab ich nur des Silbenfalls wegen reingenommen, damit es klingt, als könnte die alte Werbemelodie meiner Kindheit dazu passen: "Dab-dah - dabdahbadapp! - Beck's Bier - löscht Männerdurst!" Ich feile sowieso dauernd am Neu-Betexten bekannter Melodien, z. B. eine bestimmte Stelle in dem bekannten Walzer von der schönen Donau, der klingt in meinem Kopf immer wie "Um 14 Uhr und 10 kommt die Meerjungfrau, um 15 Uhr und 10 kommt die Meerjungfrau, um 16 Uhr und 10 kommt die Meerjungfrau und freit den Kan-di-daaat..."  Dabei ist gerade jetzt doch gar nicht mehr der - den wohlverdienenden Ruhestand anstrebende - Beck der SPD-Problembär, sondern vielmehr Schwer Peinbrück, der Mann mit der Kanzler-Kernkompetenz an beiden Enden der Mundwinkel, weil er bei 12 von 19 wichtigen Plenarsitzungen an seinem Arbeitsplatz, dem Bundestag, abwest, Demokratie ist wohl nicht so interessant und einträglich, und statt dessen Vorträge, Seminare und Schulungen gibt bei Volks- und Raiffeisenbanken, Sparkassen und Anwaltskanzleien (jedenfalls einer, die das Bankenrettungsgesetz für ihn formuliert hat) - Professor an zwei Universitäten ist er auch noch, für ein Honorar, das insgesamt wohl so hoch ist, dass er eine "renommierte Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft " beauftragt hat, es für ihn auszurechnen. Und dass er sich auch Bayrles Hochamt in der Documentahalleals Knarzler, äh Abkanz-, pardon Kanzlerkandidat weiterhin Beinfreiheit ausbittet, ist ja bekannt, denn wer ihn kritisiert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, an seiner, Queer Keinglücks "persönlicher Glaubwürdigkeit" zu zweifeln. Moment - hat ihm irgendwer Glaubwürdigkeit abgesprochen? Ich glaub ihm alles, und zwar unbesehen, der Mann ist nicht irgendwie hinterhältig oder zweideutig, der hat immer klar gesagt, wessen Interessen er vertritt (seine und die des Großkapitals), und macht auch keinen Hehl daraus, was er als Schranzler täte, nur mit dem Schachspielen bei Helmut Schmidt hat er gemogelt, oder beide haben keine Ahnung gehabt, was das für komische schwarzweiße Nuppis sind, die sie da "Zug um Zug" über die Karos schubsen müssen, ohne jemals eine Ereigniskarte gezogen oder beim Passieren einer der vier Ecken an der Spielbank zwei Riesen eingetütet zu haben wie sonst.
    Aber eigentlich wollte ich hier gar nicht als politischer Kassander, moralisierender Mahner oder skeptischer Sprachkritiker auftreten, sondern noch mehr von der dOCUMENTA (13) erzählen, denn ich hab immer noch ein paar Bilder in petto. Aber viel umfangreicher wäre die  Aufzählung alles dessen, was wir nicht gesehen haben. Bayrles Maschinenkusnt auf der documentaDenn der Hund mit dem pinkfarben angemalten Bein war, als wir die dOCUMENTA besuchten, längst weggelaufen, die künstlichen Bauschuttberge in der Karlsaue von Schlichtpflanzen überwuchert, die Bienen ausgeflogen, das SANATORIUM hatte Betriebsferien. Und vor den Einsiedeleien, die Gareth Moore aus Parkabfällen zu Hüttchen geformt hat, Bayrles documenta-Fantaasiemaschinenwaren entweder Betreten-verboten-Schilder oder meterlange Schlangen, in denen Menschen mit Handys herumtelefonierten und sich erkundigen, ob es sich lohne. Relativ leicht kamen wir noch am Morgen in die Documenta-Halle, deren untere Etage von den Wahnmaschinen des Thomas Bayrle belegt war: betende perpetuum mobiles, zusammengesetzt aus Autowrackteilen, z. B. in Form eines Mandalas sternförmig zusammengesetzte Vergaser ("Hochamt") oder in sinnlosem Händefalten und -ringen unermüdlich tickende Scheibenwischer, aus den Lautsprechern knarzte Unverständliches dazu, sollte wohl "bitt für uns" heißen. Im Hintergrund erhob sich eine (evtl. aus  Industrieverpackungen zusammengesetzte) Wandverkleidung (war es Pappe?) namens "Carmageddon". Aber alle Männer aus dem sonst eher weiblich dominierten Publikum scharten sich bewundernd um die MotoGuzzi, und Garagenbastler hätten, wenn sie zur dOCUMENTA kämen, an diesem Kunstwerk  gewiss lautere Freude gehabt. Da tut sich doch was, alles in Bewegung, ähnlich wie bei dem mysteriösen Laterna-Magica-Schattenspiel aus fünf Glasröhren, das Nalini Malani aus Bombay in einem separaten Raum zu geisterhafter Musik rotieren ließ. Richtig gruselig war es in dem Raum, zumal das Licht immer wechselte, mal stockfinstere Nacht herrschte, mal skelettähnliche Hände nach dem Betrachter zu greifen schienen, eine Geisterbahn aus moderner Kunst sozusagen.
    An dem Turm des Friedericianum war ein Satz aus dem Handyfoto-Kunstwerk "ex libris" von Emily Jacir angebracht, ein Besitzvermerk aus einem Buch in arabischer Sprache. "Dieses Buch gehört seinem Bdocumenta-Kunstwerk von Nalini Malaniesitzer Fathallah Saad. Er kaufte es mit seinem eigenen Geld. Gaza, März 1892", soll da stehen. Im Wesentlichen ging bei dem Kunstwerk um arabische Schriften, die in der Jüdischen Nationalbibliothek in West-Jerusalem aufbewahrt werden. Angeblich stammen sie aus "Plünderungen" der Israelis im Jahr 1948, und die Handyfotos (gabs in der Library keinen Fotokopierer oder fehlte das Kleingeld?) sollen gewissermaßen Beweismaterial sein. Da ich mich sehr für kriegsbedingte Friederizianum in Kassel, Turm beschriftetAuslagerungen von Buch- und Handschriftenbeständen interessiere, weckte diese Aktion auch mein Interesse. Aber die Schuldzuweisung war dann doch sehr eindeutig, wenn immerfort von "Raub" usw. die Rede ist, vielleicht sollte man auch bedenken, dass diese Schriften hier bewahrt und gesichert sind, während sie im Herrschaftsgebiet der Hamas, wo man spontaner Volkszorn oder -freude (über gelungene Raketenzüdungen) gern mit Maschinengewehrsalven oder Fahnenverbrennungen kundtut, möglicherweise schnell auch mit angekokelt wären. Letztlich wären sie sogar in dem Turm besser untergebracht, wie auch der Brod-Nachlass mit den (wenigen) Kafka-Reminiszenzen besser in Marbach am Necker läge, jedenfalls bis zum nächsten Weltenbrand.
    Das Generalthema der Documenta war allerdings nach allgemeiner Überzeugung doch nicht die derzeit brenzlige Weltlage, sondern Natur und Kunst bzw. umgekehrt, künstliche Natur, also die Verquickung von wachsendem und saisonalem Leben pflanzlicher oder auch tierischer Art (vita brevis) Warteschlange auf der Documentamit den sogenannten Ewigkeitswerten (sog. ars longa), mit denen uns ja in der Regel die Künstler behelligen. Nachdem im ersten Teil dieser Berichterstattung schon von der Natur als Kunst die Rede war, also von den überwucherten Bergen, dem Bio-Obst, Kräutergärtlein in Drahtkörben und auf Europalettbronzebaum der documentaen, der Mangold-Schiffsbrücke und der Reissamensammlung,nachgemalter Marmor hier noch ein Blick auf Kunst als Natur, nämlich um Werke jener, welche die Produkte dieser auf täuschend echte Weise nachahmen. Die pomologischen Apfelbilder des Dachau-Gefangenen Korbinian Aigner habe ich zwar nicht dokumentiert, auch nicht das Marmorkunstwerk "Calcium Carbonat" von Sam Durant, wo ein ordinärer Stein exakt aus Marmor nachgebildet wurde, aber dafür eine Bildfläche, die mit Marmorierung bemalt ist, als wärs ein echtes Scheibchen aus Carrara, leider finde ich momentan gar nicht, von welchem Künstler das ist. (Es ist die Mexikanerin Mariana Castello Deball, und sie hat Steine, Gips, Textilien, Sand und weggeworfene Gegenstände zu einer gefalteten Serviette collagiert - es lebe das Recycling!)  Insgesamt erinnerte mich manches auf dieser dOCUMENTA an eine Realismus-Vorlesung des leider viel zu früh verstorbenen Professors Peter Pütz, der sie mit der Empfehlung eröffnete, wir sollten mal darauf achten, wieviele Leute beim Anblick eines Abendhimmels oder eines schönen Blumenstraußes sagen: "Also wie gemalt..." und beim Anblick des gemalten Sonnenuntergangpanoramas oder Blumenstillebens "Also wie echt..."; letzteres traf auf jeden Fall auf den Bronzebaum mit dem (echten, nicht aus Pappe) Stein in der Krone von Giuseppe Penone zu, den die Besucher am meisten umlagerten und als das allerbeste German Bratwurst der dOCUMENTAKunstwerk der dOCUMENTA feierten, der aber schon im Mai 2010 errichtet wurde.
    gallow-Kunstwerk auf der documentaAnsonsten hätte ich nochmal Sam Durants Schaffott-Collage zu bieten, diesmal ohne Publikum, aber nicht minder schreckerregend, wenn man darauf herumspazierte, hatte man zwar einen schönen Blick in den Park, aber es war auch ein wenig wie der Tag vor der Hinrichtung. Was den verschiedenen Delinquenten in den USA als Henkersmahlzeit serviert wurde, stand nicht auf den Dokumentationstafeln. Aber ich bin sicher, würden die Sammler ein Kopfgeld auf den Kunstfälscher Wolfgang Beltracci aussetzen und würde dieser von einer lynchenden Meute auf dem Höhepunkt der Dokumenta hier vom Leben zum Tode befördert, er bekäme vermutlich das Recht auf eine letzte dOCUMENTA-Bratwurst von der Firma Apel. Ähnliches kriegte ja schon der Klient des Wachbeamten in der Todeszelle (Aloys Tegtmeyer alias Jürgen von Manger, der dann treuherzig erklärte: "Bratwurst? Aber da hätten Sie mehr haben können, steht Ihnen doch zu! hier bitte, die Vorschriften, dreihundert Gramm Fleisch... aber jetzt nicht mehr, nä, das kriegen Sie doch gar nicht mehr auf!"). Apel hat als Monopolist rund um das Epizentrum von Cassel für Katering gesorgt und vermutlich auch den Hund gefüttert - wenn man ihn nicht gar zu Bratwurst verarbeitet hat. Ob aber mehr Kunst oder mehr Natur in die Wurst gestopft wurde, wer vermag das zu sagen? Der Metzger würde vermutlich antworten, sein Motto sei, "schlachte, Künstler, rede nicht". Wir haben dem Imbiss übrigens nicht zugesprochen, sondern hatten unsere eigenen belegten Brote bzw. eine selbstgemachte Pizza in der blauen Tupperware-Schulbrotbox dabei. Und natürlich Thee aus der Thermoskanne.


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  • Kleine Preisfrage. Hier die drei Bilder, zeigen sie moderne Kunstwerke? Trockengerät aus dem BadezimmerBeispielsweise dieser weiße, mit vier bildhalterähnlichen Gumminoppen oben versehene weiße Kasten da vor der Kloschüssel, von dem ich noch verraten kann, dass er sieben Tage täglich fast 24 Stunden vor sich hin gebrummt und dabei jede Menge Kilo Watt verzehrt hat?Messingschild im Spiegel des Morgenlichts (Der Kühlschrank, wie manche Betrachterin zunächst meinte, war es schon mal nicht, den haben wir soeben, nachdem er exotische Gerüche emittierte, mal auf den Kopf gestellt und bakterienverseuchtes Schmuddelwasser aus einer eigentlich unzugänglichen Plastikwanne ablaufen lassen.) Oder hier links, die ominöse, scherenschnitthaft konturierte "Lichtkatze" (oder ist es ein Abglanz vom Beuysschen Goldhasen?), kann das ein vielleicht eines dieser zeitgenössischen Kunstwerke sein? Ich kann übrigens beschwören, dass ich sie am Samstagmorgen, 8. September in Kassel am Eingang zur Karlsaue fotografiert habe.Preisschild am documenta-Gemüsesstand Oder gleich hier daneben, die Tafel mit merkwürdigen Texten in unterschiedlichen Sprachen, auch auf der dOCUMENTA (13) an einem der berühmte "Holzhüttchen" in der Karlsaue vorgefunden, könnte sie das Endergebnis einer Performance durchgeknallter Studenten der Kunstakademie sein? Ja, ja und ja: ALLES das ist - vielleicht - Kunst, denn, so der O-Ton der dOCUMENTA 13-Macherin Carolyn Christov-Bakargiev: "Das 'Vielleicht' reflektiert die Tatsache, dass Wissen schwer zu formulieren und auf den Punkt zu bringen ist und dass Kunst und künstlerische Forschung oft jede Form von festgelegter Bedeutung zu vermeiden suchen. Das 'Vielleicht' verweist, in einem positiven Sinn, auf das Fehlen von Gewissheit und allgemeinen Aussagen, die das Ganze repräsentieren. Es ist vielmehr ein Zeichen für ein aktives Überdenken, wie Wissen im Kontext von Kunst vorgestellt wird. Flugblatt mit serieller Copyofacopy-BeschriftungDieses Programm beschäftigt sich mit der Herausforderung, die Kunst für den Wunsch nach Stimmigkeit darstellt; es stellt unsere Sucht nach Worten infrage und will dazu anregen, innerhalb verschiedener Ideen und Logiken zu agieren." Vielleicht hatte auch die "Service Division" der  Bautrocknerfirma aus Heinsberg im Sinn, uns ein aktives Überdenken von Gewissheit im Kontext unseres Badezimmers zu ermöglichen, als esSanatorium-Häuschen in der documenta 13Sanatorium-Heilmittel die Höllenmaschine aufstellte, mit der wir das unlängst vom Stockwerk über uns, wo die Nachbarn inkompetent am Duschwannenabfluss gebastelt hatten, in unsere Decke eingedrungene Wasser vertreiben sollten.  Aber jetzt der Trockomat: Brummbrummbrumm, Tag und Nacht bullerte das Dingens vom 14. bis zum 30. August, die saunaähnlichen Verhältnisse im Bad störten denn doch bei der täglichen Hygieneverrichtung, weshalb wir's zum Duschen und Zähneputzen dann doch mal immer ausgestellt hatten, um Fenster und Türen weit aufzureißen, und angeblich bekommen wir die 116,82 kWh, die der wie rasend tickende Stromzähler verschlang, von der Versicherung der Genossenschaft erstattet. Das Lichtkunstwerk mit dem Katzenkopf war die Reflexion eines blanken Messingschilds an der Kindertagesstätte der Karlsaue an der Ecke Heinrich-Heine- / Wolfgang Menzel-Straße gewesen, wo wir so glücklich waren, einen freien und kostenlosen Parkplatz für den Tagesausflug zuAushang an Reyes' "Sanatorium" in Kassel finden, bei sehr gutem Wetter ist diese Naturerscheinung für einige Minuten auf der Fassade des klassizistischen Gebäudes zu sehen. Und das Preisschild wirbt für eine der Bio-Imbissbuden, Ponton-Brückendie man hier zur Verköstigung der Besucher aufgestellt hat, ob die Betextung und Beschriftung von echten angehenden Künstlern (studentischen Aushilfen) stammt und daher als Kunstwerk eingestuft werden muss, ist schwer einzuschätzen, ebensowenig, ob der gelbe Din-A-4-Aushang mit der seriellen "copyofacopyofacopy..."-Filzstiftbeschriftung politische Kunst oder einen Protest der Urheberrechtler gegen die Guttenbergitis der Piratenpartei oder einfach Verarsche darstellen soll. Jedenfalls hing das Blatt an einem der Kunstwerk-Hüttchen, dem sog. "Sanatorium" von Pedro Reyes eingerichtet, wo in einer Art sozialer Plastik Leute anstehen sollten, um einen "Termin" für eine (psycho-)Diagnose und anschließend eine Verschreibung für das Pieksen von Voodoo-Puppen oder für philosophische Sprüche zu bekommen, die Sprüche zierten solche merkwürdigen überdimensionalen OktogoneKoreanisches Plastikmonster auf der documenta oder Kreisel, mit denen man sie wohl in der Art eines Gebetswürfels auswürfeln sollte. Übrigens hingen auch hier jede Menge Zettel an dem Hüttchen, Zettelaushang war gewissermassen das Thema dieser documenta, während man auf einer früheren immer in unwahrscheinlich dicken Dokumentationen blättern sollte, um das Kunstwerk zu verstehen und einschätzen zu können. Komplett ausprobieren bzw. wahrnehmen konnten wir dieses dOCUMENTA (13)-angebot nicht, weil es wie manches andere an dem Samstag geschlossen, unzugänglich oder nur nach Überwindung einer halb- bis dreivierteilstündigen Warteschlangensteherei, zu der sich die meisten intellektuellen Ausflügler aber klaglos bereit fanden, anzuschauen war. Wir stellten uns mehrmals an und waren auch ganz zufrieden, das Große Ganze en détail kann man an dem einen Tag sowieso nicht sehen und alles kann ich hier auch nicht zeigen, weil ich noch Fotos entwickeln lassen muss. Beispielsweise ging es an dem "Mangold-Ponton" des Rektors der Kasseler Kunsthochschule, Christian Philipp Müller (Mangold-Fähre/"Der Russe kommt nicht mehr über die Fulda"), ganz schnell, die Leute flitzten nur so hin und her, es war auch eng und man konnte gar nicht lange kontemplativ den Mangold in seinen unterschiedlichen Farben und Formen betrachten, und mit Neid las man, dass zum Schluss der dOCUMENTA (13) in der Kunstakademie ein großes Mangold-Essen für die Studierenden angesetzt war, natürlich, wenn wir längst wieder zu Hause sind. Oder das eindrucksvolle weiße Plastikgespenst ("Ghost") des Thailänders Apichatpong Weerasethakul (ein Name, den ich mit Mangoldgemüse im Mund nicht aussprechen möchte), das für all die Erinnerungen steht, die man nicht loswird - diesen Ansatz konnte man zwar verstehen, aber nicht richtig genießen, denn man hätte in eine der Hängematten einsteigen müssen, die in der Umgebung in den Bäumen hingen, das Gespenst Ölbild auf der documentavon weitem sehen und noch irgendwelchen Klingklang-Melodien lauschen sollen, die von Glöckchen in den Bäumen ertönten. doing-nothing-Garten der documentaAllerdings waren die Hängematten der einzige Kinderspaß weit und breit, und wer wollte die Kleinen, für die es sonst nicht viel zu lachen gab, vertreiben, nur um sich an die Gebrauchsanweisung zu halten? Klar, es gab auch "richtige" Tafelbilder auf der Dokumenta, in Essig & Öl, also wie gemalt, ziemlich oldschool und nicht so ganz mein Fall, aber das soll hier nicht unterschlagen werden bei all den Performances und Landart und Gruppen-Ringelpiez. Wir sahen auch den "Doing nothing" Garden des chinesischen Künstlers Song Dong, der auf einer Müllhalde direkt vor dem Schloss in der Auenwiese entstanden ist und mit Minitomaten und Sellerie und Thymian o. Ä. einfach sich selber überlassen wird (inzwischen von Gestrüpp überwuchert, man darf auch nicht darauf herumspazieren), während manch Kräuterbeet upside-downside-kreuz-und-quer, in recycelten Baumaterialien wie Drahtgittern, Europaletten usw. angepflanzt, richtig bloh (äh, blühte) und gediehte. In dem sog. "Dorotheum" fand man dann auch noch eine schulfunkähnliche Dokumentation über einen trockengelegten See, den wackeren Widerstand der Landbewohner gegen den Gutsbesitzer (gähn) und eine andere über natürliche Reissorten und eine weitere (gähn) mit ökologisch korrekten Polar-, Meer- und Wolkenbildern auf Film, wie überhaupt mal wieder Filme über Filme gezeigt wurden, sodass man kaum nachkam, wenn man die alle zur Kenntnis nehmen wollte.  Dies soll aber sowieso nur ein erster Einblick sein, wie man schon merkt, ohne viel Verstand einfach hier eingetippt, ohne nochmal in das Überblicksheft zu schauen, das trage ich noch nach und Röhrenkunstwerk in der KarlsauweiterRosemarie Trockele Fotos wird es auch geben, versRosemarie Trockel, "tea house"prochen!Hundehüttenschild auf der DocumentaHundehütte auf der DocumentaGallow wird zum Vergnügungstreffpunkt - Eine Stunde später: Links, ja, die Röhre von Gabriel Lester, DAS ist ein echtes Kunstwerk (gut, es hätte meinethalben auch statt des Stadtarchivlochs vom Kölner U-Bahn-Bau übrig bleiben können) und erfreute sich bei den Kiddies der Kunstbeflissenen heiter-lärmenden Zuspruchs, man konnte aufrecht darin herumlaufen und brüllen. Nachdem 1997 schon die Documenta-10-Leiterin Catherine David die Wände der documenta-Halle mit Röhrenlabyrinthen bemalen ließ, kann wohl endlich von einer Epoche des Tubismus sprechen, oder? Daneben das mit der "Frauengefängnisse"-Sonnenbrille ist aus dem "Tea Party Pavillon" der Rosenmarie Trockel, deren andere Fotowand im Aue-Blockhaus ganz rechts abgebildet ist. Meine Liebste hat versucht, auch noch in die "dogumenta" einzudringen, wo es doch immerhin eigene Führungen für Hunde gab (die anscheinend durch Spendenbettelei finanziert werden mussten), aber eigentlich war das nur eine blöde überdimensionierte Hundehütte von Araya Rasdjarmrearnsook (auch diesen Namen jetzt nicht aussprechen) mit tipptopp-Einrichtung und Dauerberieselung mit Hunde-Filmchen, gebettelt wurde da auch und der Hundehalter wachte eifersüchtig darüber, dass man nur hereinkam, wenn man sich brav eine halbe Stunde vorher angestellt hatte. Und dann war da noch die Installation aus unbehandelten Holzbohlen, die berühmtesten amerikanischen Hinrichtungsstätten in einer IKEA-Collage zusammengebastelt, was morgens bei unserer Ankunft ziemlich düster anmutete und schon von den Zäunen her an die unschöne Epoche der Richter und Henker erinnerte. Ich tippte sofort und lag (fast) richtig: das hat was mit KZ (man beachte die Zaunpfähle!) und Vergangenheits-Bewältigung zu tun, noch bevor meine bessere Hälfte auf die Erklärung der Schilder stieß, auf denen auch die diversen Galgen-Hinrichtungen der USA bis hin zum Irakkrieg dokumentiert waren. Das Ding heist Gallows composite C und stammt von dem Künstler Sam Durant. "Hangman, hangman, a little while, what did you bring me my dear friends to keep me from the gallow's pole", das Lied aus der LP Led Zeppelin III ging mir die ganze Zeit durch den Kopf. Dieses Kunstwerk entpuppte sich nachmittags, als wir den Heimweg antraten, als Publikumsmagnet, denn wie in den Zeiten des Mittelalters war das Schafott von einer bunten, fröhlich eisschleckenden Zuschauermenge umgeben, alles ganz harmlos vergnügte Gaffer, die sich bestimmt "gerne" (ich hör' schon: Recht gern. nur her! geschwind) die eine oder andere in historischem Kostüm vollzogene Hinrichtung angeschaut hätten, wenn das hier eine Ritterfestival-Kostümschau gewesen wäre...


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