• "Die höheren Forderungen sind an sich schon schätzbarer auch unerfüllt", soll Goethe gesagt haben, "als niedrige ganz erfüllte." Einen Moment überlegen, was das heißt... also die niedrigen ganz erfüllten sind weniger schätzbar als die unerfüllten höheren? oder wie oder was oder wer oder wen? tag der offenen flaschenKürzlich waren wir in einem Restaurant mit dem schönen Namen Fertig, da haben wir geschlagene anderthalb Stunden aufs Essen warten müssen. Auf den Speisekarten stand schon überall, man solle ein wenig Zeit mitbringen, "wir kochen frisch", und ich hatte ahnungsvoll eine Flasche Roten bestellt, der wir glasweise die Flüssignahrung entnahmen. Als das Essen serviert wurde, waren die Bohnen knackig, die Zucchinischeiben roh und das Tafelspitz hatte gerade mal ein lauwarmes Fußbad genommen, war dabei aber sehnig genug, es mit der Elektrosäge zu zerteilen. Ob der Koch eine angelernte Kraft sei, fragte ich die Kellnerin, die meinen Teller fast unberührt abservierte, nein-nein, widersprach sie, voll ausgebildet!, berechnete mir aber das Tafelspitz nicht.

    tag der offenen delikatessenglaeserJetzt hat Frankreich mal wieder den Literaturnobelpreis - und anders als damals bei Sartre, wurde er auch nicht schnöde abgelehnt - , und da stellt sich heraus, dass die Kulturministerin Fleur Pellerin seit Jheine im dichterquartettahren kein Buch mehr vor der Nase hatte. Was für ein schöner Vorname! Der Lyriker Henri 'änn bzw. Heine hätte ihr den folgenden Vers zugedacht:
    Du bist wie eine Blume,
    so schön und hold und rein,
    ...
    mir ist, als ob ich die Hände
    aufs Haupt dir legen sollt',
    betend, daß Gott dich erhalte
    so schön und rein und hold!
    Agostini Ramelli (1531-1600) hätte ihr vielleicht helfen können, er erfand 1588 das rotierende Lesepult, eine Art Mühlrad, mit dem man mehrere aufgeschlagene Bücher auf einmal lesen bzw. erstmal vor dem Gelehrtenstandpunkt abrollen lassen konnte. Aber wer bin ich, mich darüber zu ereifern, wohne ich doch in einem Bundesland, dessen Regierung die mit Steuergeldern erkaufte Kunst einer regierungseigenen, defizitär arbeitenden Spielbank am Oligarchen-Supermarkt Christie's verhökert, um eine neues Casino zu finanzieren. In meiner Schulzeit hieß mal ein Werbespruch bei RECLAM: "Wer Bücher ohne Sinn gepaukt, der hat am falschen Pinn gesaugt", wobei ich schon damals gern eine zweite Strophe hinzusetzte: "wer Reime ohne Sinn gebogen, der hat am falschen Pinn gesogen." Aber mal ehrlich, wer liest denn heute noch Bücher. Mein Schwager zu mir, schon vor Jahrzehnten: Bücher! heute steht doch alles im Internet, spart mehr Platz! Und, sagen Sie mal, Ihre Schwarten da, wieviel verkauft man von denen in der Klicksekunde? Die wenigen von mir betreuten Bücher, von den Übersetzungen mal abgesehen, liegen wie Blei in den Regalen. Jetzt erst recht, wo sogar die Amazonameisen streiken und keine Weihnachts-Buchpakete mehr zum Knausertarif ausliefern wollen.

    Doch an welchem Pinn soll man nun saugen? Über Lernmaschinen hat Max Goldt schon im Jahr 2000 das Nötige abschließend gesagt: "Es handelte sich um einen Raum, in welchem jeder Schülerplatz mit einem Kopfhörer, einem Mikrophon und zwei oder drei Knöpfen zum darauf Herumdrücken ausgestattet war. Der Lehrerplatz hatte noch einige Knöpfe mehr. sprachlaborAlle waren sehr neugierig. Es ging die Kunde, mit dem Sprachlabor würde man irgendwie 'automatisch' oder sogar 'unterbewußt' lernen." Allerdings erwies sich diese automatische Lernanstalt als falsch verkabelt, sie wurde binnen Monatsfrist geschlossen und "diente fortan als Abstellkammer für unvollständige Skelette, nicht mehr leuchtende Leuchtglobusse und revanchistische, weil den Ostverträgen nicht Rechnung tragende Deutschlandkarten. Gelegentlich, bei Raummangel, wurden noch Erdkunde- oder Deutschstunden im Sprachlabor abgehalten. In diesen Stunden zerrten die Schüler an den heraushängenden Kabeln, flochten sie zu Brezeln und pulten die Knöpfe aus den Pulten. Die Lehrer konnten das nicht sehen..."

    Und nun finde ich in einem Bücherkasten (seit Jahren ernähre ich mich von Wegwerfbüchern) ein altes Kosmos-Heftchen (Bd. 250) über Lernmaschinen. "Was führt das Schulwesen aus dem Morast der Unfähigkeit in das Licht höchster Wirksamkeit?" fragt hier Dr. rer. nat. Hans-Heinrich Vogt, Studienrat in Ingolstadt: "Die Maschine! Die Lernmaschine!... Sie lehrt ideal und sie erlaubt es auch dem Schüler, ideal zu lernen. 'Deus ex machina' - in höchster Not beschert uns die vielgeschmähte Technik den Retter! Oder täuschen wir uns? Entscheiden Sie selbst!" 1966, das war das Jahr der Intelligenztests (von denen ich mangels guter Noten zahlreiche absolvieren musste - Ergebnis jedesmal dasselbe, wie bei einer Psychologensitzung: HOCHintelligent, aber STINKEND faul, stinkintelligent und höchstfaul wäre korrekt gewesen), es war das Jahr der Lernprogramme und der Fragebögen, selbst die Wochenzeitschrift "Die Zeit" hatte das erkannt, das Evangelium nach B. F. Skinner wurde rauf- und runtergebetet. Ich hab auch mal versucht, meine defizitären Algebra-Kenntnisse durch ein solches Selbstlernbuch zu verbessern, weit hab ich es damit aber nicht gebracht,Uhr in der Barockkirche am Bodensee zum Abi-Durchschnitt 1,4 verhalf mir kein Arschversohlen, kein "Studienkreis Nachhilfe" (wo ich ganz andere Dinge trieb, hübschen Mädchen Liebesbriefe in die Anoraks beförderte, die Maobibel las usw.) und leider auch keine neumodische Maschine, sondern das fromme Religionsabitur, das damals noch möglich war, da durfte man Religion mit Deutsch und Sprachen kombinieren, und das war nun mal das mir gegebene Talent: Religion, Deutsch und Sprachen zu kombinieren, dabei ist es geblieben. Allerdings folgte ich in meiner Faulheit damit all den Fertigkeiten, die sich laut Kosmos-Heft eh nicht programmieren lassen: "Emotionales und Künstlerisches läßt sich nicht in abfragbare Fakten fassen", erklärt Dr. rer. nat. Vogt. Überhaupt seien, fährt er fort, dem programmierten Lernen in Deutschland Grenzen gesetzt. Denn das abfragbare Wissen - in den USA Trumpf - käme "dem Amerikaner mit seiner Leidenschaft für Quiz sehr entgegen". Den Deutschen attestiert der Autor: "Vor lauter Theorie vergessen wir die Praxis - und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben..."  Nach dem Erfolg von Trivia pursuit, dem schmählichen Ende von Wetten dass? und dem Aufstieg von Millionärs-Jauch in die Region der politischen Talkshow ist das doch eigentlich kein Problem mehr, jede Menge Erfahrung hat die Theorie beiseite gefegt. Harald Jähner hat 2003 in der Berliner Zeitung beklagt, wie die Texte von Theodor W. Adorno, schon immer harte Nüsse für den Leser, mit der Zeit immer unverständlicher würden. Er zitiert aus der Dialektik der Aufklärung das folgende (Kommentar von Jähnke kursiv): "Seit mit dem Ende des freien Warentauschs die Waren ihre ökonomischen Qualitäten einbüßten bis auf den Fetischcharakter, breitet dieser wie eine Starre über das Leben der Gesellschaft in all seinen Aspekten sich aus." Dieser Satz ist heute so gut wie unverständlich, weil der Begriff des Fetischcharakters, die erkenntniskritische Pointe des Karl Marx schen Werkes, durch dessen realpolitisches Scheitern gleich mit diskreditiert worden ist und in der philosophischen Versenkung verschwand. Ohne diese Voraussetzung lässt sich Adornos Werk aber in weiten Teilen nur missverstehen.  So also verändert sich, was einer geschrieben hat, es fehlt der Kontext und ohne den hilft auch alles Lesen und Auswendiglernen nichts. Dazu passt die seit letzten Donnerstag vom hiesigen Citizen Kane herausgegebene Terminzeitung für die Jugend der Stadt, sie heißt wie ein Waschmittel von Henkel, was ein bisschen nach "XXL" anklingen soll (1. Jahrgang! steht auf dem Titelblatt) und ihr Layout ist dem der Zeitung, die Oscar Werner als Feuerwehrmann in dem Film Fahrenheit 451 nach getaner Bücherverbrennungsarbeit hochhält, schon verflucht ähnlich. Man frag sich unwillkürlich was diese krisseligen Quadrate unter den Bildstrecken sein sollen, sind das etwa diese sog. "Texte", die man früher in Illustriertenjournalen dieser Art zwischen die Anzeigenflächen schaltete...?? Vorwiegend handelt es sich dabei um die Überführung von Smileys, facebook-Kommentaren und getwitterten Botschaften ins Printmedium. Hauptfinanziers scheinen ein Tierfutter-Discounter, ein Kredithai und ein Opel-Fachhändler zu sein, was über den Zustand der derzeit amtierenden Jugend von heute ja eigentlich alles sagt. Als Cartoonzeichner hat sich ausgerechnet der von 18metzger, der sonst die Linken-Postillen mit Karikaturen versieht, hergegeben. Wie in dem schönen Blues: "Ain't nobody's fault but mine, - If I don't read, my soul will be lost", wie es Blind Willie Johnson damals schon sehr richtig sah.

    Rock und bluesIch muss zugeben, manches von dem Wenigen, was ich selbst geschrieben und z. T. akademisch publiziert habe, ist mir heute selber nicht mehr klar. Verständlich schon, das ja, aber jedesmal rätsele ich herum, wer sich bzw. wann ich das alles ausgedacht und all die darin verbackenen Materialien herangekarrt habe? Gut, ich bin kein Youngster mehr, gehöre nicht mehr zur "50 plus"-Gruppe, sondern muss jetzt endgültig auf eine 60-minus-party, falls es sowas geben sollte. Dann wird es noch ein paar Jährchen dauern, dann wird mir wohl alles mögliche unverständlich, und ich hoffe immer noch darauf, die Ästhetische Theorie und irgendwann dann auch noch die Negative Dialektik lesen zu können. (Aber was ist mit Hegels Phänomenologie des Geistes, bis S. 20 finden sich Anstreichungen, danach sind die Seiten jungfräulich unberührt...?) Aber besser als von vorne nach hinten kann ich es durch wirres Blättern und hier und da festlesen konsumieren. Tatsächlich finde ich dann manchmal Sätze, die vollkommen treffen, wie den folgenden: "Was wahr ist am Subjekt, entfaltet sich in der Beziehung auf das, was es nicht selber ist,ist, keineswegs durch auftrumpfende Affirmation seines Soseins." Echt jetzt - ich war völlig aus dem Häuschen über diesen Satz, weil er einen anderen, höchst verstörenden Satz erklärt, den ich kommentieren wollte. So begeistert war ich von dem Fund, dass ich ihn - eingewickelt in einen thematisch anders gelagerten Sonderdruck - zitierte. graffiti in molasseAllerdings stellte sich im Nachhinein heraus, der Satz ist womöglich ganz anders gemeint, als ich dachte, bezieht sich laut einer nachgelassenen Schrift namens Ontologie und Dialektik auf Heidegger, was ich natürlich ignoriert habe: "Aber Wahrheit, die Konstellation von Subjekt und Objekt, in der beide sich durchdringen, ist so wenig auf Subjektivität zu reduzieren, wie umgekehrt auf jenes Sein, dessen Grenze zur Subjektivität Heidegger zu verwischen trachtet. Was wahr ist am Subjekt, entfaltet sich in der Beziehung auf das, was es nicht selber ist, nicht durch Herstellung blanker Identität mit sich." Verdammt noch eins, den Heidegger sollte ich doch noch zu lesen versuchen, doch in dessen Denkgebäude einzudringen, blieb mir armen Spatzenhirn versagt, obwohl ich es mit Holzwege - das schien vom Titel her gerade wie geschaffen für mich - redlich versucht habe.

    Adorno selbst war übrigens der Meinung, "dass je präziser, gewissenhafter, sachlich angemessener man sich ausdrückt, das literarische Resultat für umso schwerer verständlich gilt, während man, sobald man lax und verantwortungslos formuliert, mit einem gewissen Verständnis belohnt wird". Kurz, wer schlampt, kriegt recht. Und diese Erkenntnis kann ich sowohl als genauer Leser wie als begrifflicher Schlamper vollkommen bestätigen. Immer wenn ich es genau wissen oder erklären will, ahne ich, dass ich für das Publikum erst in hundert Jahren verständlich werde, oder vielmehr nie! Zu deprimierend, diese Analyse? Meinetwegen, aber tröstet euch, der nächste Blogeintrag handelt wieder von Eichhörnchen.


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  • Essen rechnete mit einem Hunnensturm bei der Eröffnung der Ausstellung "Monet, Gauguin, van Gogh - Inspiration Japan". Man sah es an mehrfach gestaffelten (aber vollkommen leeren und nutzlosen) Drängelgittern vor dem Kassenbereich, separaten Zugängen für Gruppenbesucher und VIPs, an der Beflissenheit und Nervosität des gesamten, frisch angeheuerten Personals ("Wie schön, dass Sie die ArtCard dabei haben, dann kann ich der jungen Kollegin gleich mal erklären, wie das mit der Ermäßigung geht"), an den gipfelhoch getürmten Katalogen an Theken, wo dergleichen feilgeboten wurde, Milka-Kuh auf der Rheinreisean den Bergen von Schnitzeln, die in den Warmhaltepfannen des Caterings brutzelten, an rund 50 vor sich hin welkenden Schwertliliengestecken in der Leitfarbe Lila, die vermutlich im Etat für die e.on-gesponsorte Eröffnungsfeier noch drin waren. Bei Vincent & Paul tummelten sich wie 1988 im Riesensaal des Holiday Inn von Krakau ein halbes Dutzend Kellner um mich als (potentiellen) Gast, hoben die Topfdeckel, priesen vergeblich "Essen" an, das bestellt und nicht abgeholt worden war - der eine zeigte, wo ich mir das Selbstbedienungstablett holen sollte, der zweite war schon unterwegs, es zu holen, der dritte stellte die dampfenden Kaffeepötte drauf, und am Ende vergaßen sie (leider nur beinahe), die Brötchen abzurechnen. Drei Garderoben in verschiedenen Ecken, eine leerer als die andere! "Sechsstellige Besucherzahlen erwartet das Museum Folkwang", hatte man im Frühjahr 2013 vollmundig verkündet. Doch statt der erhofften Volksmassen kamen ein paar Dutzend, höchstens 100 Besucher, jedenfalls während der frühen Nachmittagsstunden, als ich durch die Säle flanierte. Irgendwer hat den überspannten Erwartungen der Folkwanger und ihrer Finanziers einen Strich durch die Milchmädchen-Rechnung gemacht, sei es die zweite Handballliga oder der "größte Chor des Ruhrgebietes", der mit WDR-Unterstützung zur besten High-noon-Sendezeit auf dem Burgplatz zu singen anhob. Da war ja bei der dreitägigen Eröffnung des Landesmuseums in Münster (dort allerdings mit Nachtöffnungszeiten, und bei freiem Eintritt) mehr los!

    "Zum zeitweiligen Ausbau des bereits bestehenden Teams Freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" hatte der Folkwang-Museumsverein e.V. für diese Ausstellung gruppenführende Kunstexperten angeworben (Führungen nur bis 20 Personen zulässig! JETZT buchen! schrie eine Anzeigen-Viertelseite im F. A. Z.-Feuilleton - aber keine einzige war unterwegs, gottlob, wir konnten uns - fast - unbeschult umsehen). Von diesen Cicerones wurden "eine ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit im Umgang mit Gruppen und ein sicheres und freundliches Auftreten erwartet", nicht so von dem Aufsichtspersonal, das man offenbar kurzfristig aus einem, wie mir schien, überaus merkwürdigen Milieu rekrutiert hatte. Diese zahlreich müssig herumstehenden Uniformierten hatten eine Aura von DDR-Grenzschützern an sich - ungefähr genauso aufgeschlossen und umgänglich gegenüber Fremden und Ausreisewilligen.Anzeige für Joggingklamotten Da war der Übergewichtige, der mit über der Wampenwölbung gespanntem Uniformhemd und verkniffenen Auges halbschräg vor dem Büchershop Posten gefasst hatte, um jeden im Katalog blätternden Kunden so eindringlich zu mustern, als wolle der die Kronjuwelen im Tresorraum in der Bank von England in einem Moment kurzer Ablenkung des Personals gegen Glasperlen austauschen. Drei Schriftenstände habe ich gezählt, - und selbst zum Besuch dieser Läden! durfte man seinen Rucksack nicht anbehalten, aber wer etwas kaufte, kriegte Glückskekse in lila Frischhaltepackung und mit eingebackenen Botschaften wie (nein, nicht: "Ich bin seit 2010 als Zwangsarbeiter in einer Kulturhauptstadt-PR-Fabrik gefangen, wer holt mich raus?", sondern:) Japonaiserie forever oder Is it love? Let's van Gogh! Man konnte dort auch japanische Reisschalen, Essstäbchen aus Elfenbein-Imitat und würfelförmige lila Kartons mit Gingko-Samen kaufen (bestimmt hat jeder Journalist, der bei der Pressekonferenz war, so einen gekriegt), vielleicht deshalb die Überwachungsstrategie? Dann war da der baumlange, vierschrötige Kerl mit Ghettobärtchen, der seinen letzten Job mutmaßlich als Rausschmeißer vor dem Discoschuppen versehen hatte und nun wie ein hospitalismusgestörtes Raubtier oder besser gesagt, wie das Paradepferd in Kafkas Erzählung Auf der Galerie, im Eilmarschtempo auf und ab wetzte - immer wieder von der hinteren linken Ecke des Saals bis zu der vorne rechts, von vorne rechts wieder nach hinten links und zurück und Stuetzstruempfe schwarzstuetzstruempfe weissso weiter, dabei immer wieder Gruppen von Besuchern mit den Ellbogen auseinander knüppelnd. Vielleicht suchte er auf diese Weise Bewegungsmangel auszugleichen? Der Berufskrankheit der Oberkellner (Plattfüßen) kann man damit aber auch nicht vorbeugen. Oder nutzt man die Aufstockung des Wachpersonals als Resozialisierungsmaßnahme für Speed-Abhängige auf dem Entzug? Dann sollte man den erfolgreich Wiedereingegliederten Fortbildungskurse zur Entschleunigung anbieten. Immerhin gibt es im Folkwang-Museum separate Toiletten für Damen, Herren und "Menschen mit Behinderungen"... man weist also, weil man in deren Klohäuserl nicht Herren von Damen unterscheidet, eigens auf das Menschsein der Behinderten hin, vielleicht infolge neuester sprachreglerischer Toleranzedikte (schon Goethe wusste um die Dialektik von Toleranz und Ausgrenzung). Später hab ich das Hin- und Herlaufen von einer Ecke zur anderen und zurück in einem viel ruhigeren, fast leeren Saal der Bestandssammlung bei einem anderen Securitykollegen beobachtet, wo nun wirklich keine oppositionellen Gruppen auseinandergetrieben werden mussten, aber seltsam mutete es doch an.

    Deutschlandtag mit SonderangebotenUnd dann gehörte zur Wächterschar auch die liebenswerte Christine K., die sicher nur aus Versehen zu ihrem Job gekommen ist und in einem erzieherischen Beruf, etwa in einem Inklusionskindergarten, besser aufgehoben wäre. Ich ging ihr wohl zu nah an die Bilder heran und wagte auch noch ab und zu, mit dem Finger auf das eine oder andere Detail zu zeigen. Meine Begleiterin war bereits von einem männlichen Aufseher wegen des gleichen Delikts abgemahnt worden. Wir kennen das schon, wir wissen, dass unser Verhalten - in Ausstellungen vor Bildern oder Skulpturen oder Vitrinen stehenzubleiben und uns gesprächsweise über ihre Machart, Technik, Qualität etc. auszutauschen - von den Direktionen nicht mehr erwünscht ist. Die sollen sich wirtschaftlich verhalten und sind vor allem auf die Eintrittsgelder scharf; sie haben's nicht gern, wenn der Besucher sich nach dem Erwerb des Tickets, anstatt in die "Erlebniswelt Museum" abzutauchen (Originalzitat eines Projekts der Folkwang-Universität) oder sich "dem faszinierenden Phänomen" (Originalzitat Ausstellungsprospekt) hinzugeben, noch patzig macht und mit den Exponaten beschäftigt oder sie gar kritisch debattiert. Und wer seine Eindrücke auch noch in (wohlgemerkt, halblaut gesprochene) Worte kleidet, macht sich erst recht verdächtig, was haben die vor? Oder ist da jemand als nicht akkreditierter Museumsführer unterwegs? Diese Verdächtigung ist uns auch schon angeheftet worden, weil mir meine kunstgeschichtlich kundige Begleiterin etwas erklärte, was auch Umstehende interessierte. Man soll isoliert bleiben wie Gefangene beim Hofgang (was hätte Karl Ernst Osthaus mit seinem "Folkwang-Gedanken" dazu gesagt?), mit Kopfhörer und MP3-Player abschotten TechNick erklärt etwas(früher waren das Kassettengeräte, die immerzu kaputt gingen, was dann überlaut von den Kopfhörer-Ertaubten beklagt wurde), die an der Kasse ausgegeben werden, um die Besucher ruhigzustellen und von einem numerierten "Audiopoint" zum nächsten zu hetzen. Mit dieser vorgekosteten Auswahl soll man sich begnügen, das übrige noch mit einem flüchtigen Blick streifen und den Saal bald wieder Richtung Museumscafé verlassen, anstatt vor den Exponaten Haufen zu bilden (was indessen trotzdem vorkommt, wie bei der ca. zehnminüten Audio-Erläuterung eines Geisha-Tryptichons - man konnte die Uhr nach der Verweildauer stellen, und hier war es besonders nervtötend, weil nur ein Betrachter vor diesem Wandbild Platz fand und zugleich allen anderen Zeitgenossen den Anblick der direkt darunter platzierten Vitrine mit komplizierter, kleinteiliger Druckgrafik versperrte). Kurz, die Leute sollen sich gefälligst keine eigenen Gedanken machen, sondern anhören, was die Kuratoren über die Kunst denken, TechNick balanciert ein Smartphonez. B. in der Japanoiserie-Ausstellung die kaum zu überbietende These von Sandra Gianfreda bestätigt finden: "Wie die Gischt auf der Meereswoge tanzt, haben Claude Monet und Gustav Courbet eindeutig bei Hokusai abgeschaut." (Und ich dachte, der große Wasserzauberer Monet sei lange vor der Öffnung Japans zum Westen in Le Havre gewesen, wo er mit Seestücken berühmt wurde, und als er in Trouville-sur-mer mit Courbet zusammentraf, hat er dem bestimmt auch ein paar Meeresgischt-Tricks beigebracht...) Um diese doch recht holzschnitthafte (damit zu Hokusai passende) Vorstellung zu untermauern, wurden allenthalben Motive aufgespürt, Parallelen gezogen, abenteuerlich kolorierte Schlichtdrucke mit und ohne Fujijama, manche auch volkstümlich-witzblatthaften Inhalts zu Tolouse-Lautrecs genialen Plakaten gruppiert Reklame fürs Oktoberfestund, äh - wenig zweideutige Beischlaf-Zeichnungen von Picasso neben solche aus der Edo-Zeit gehängt (übrigens scheint der dargestellte Vorgang und seine zeichnerische Umsetzung in allen Kulturen die gleiche anatomische Problematik mit sich zu bringen: You can't have your cake and eat it, und was man irgendwo reingesteckt hat, kann man nicht zugleich in voller Pracht und Schönheit herzeigen). Ob die Geishas beim Geschlechtsakt wohl immer in Stoff beißen? Dieses Gabinetto Segreto war übrigens mit Warnhinweis versehen: Der erotische Charakter der Kunstwerke könnte Irritationen auslösen! Vorsicht Schild, möchte man da sagen. Später beim Nachlesen (nicht im Katalog, sondern in einschlägiger Fachliteratur) stellte sich übrigens heraus, dass es westliche Zeichnungen waren, für die sich Japaner "begeisterten", besonders Hokusai war bei der Farbgebung u.a. von Preußisch Blau & Europäischer Malerei "inspiriert", soviel zum kommunizierenden Röhrensystem west-östlicher Einflüsse. Übrigens fehlte jede politische Einordnung der westlichen Kontakte nach Japan in die Geschichte des Kolonialismus und Kapitalismus, von den Leiden der Madamas Butterfly ganz zu schweigen; ganz aus dem Konzept fielen die unförmig-bauchigen, vermutlich von zenbuddhistischen Eremiten im cho'an-Erkenntnisrausch gebrannten erdfarbenen Teepöttchen (haben sie die Töpferkurse der europäischen Moderne beeinflusst?). Was außerdem noch fehlte in der Ausstellung, war die Einsicht, dass die Modernen 1880 ff. den bei ihren Salonmalerei-Vorgängern herrschenden Orientalismus mit Harems, Eunuchen, Scheichs, seideschimmernden Faltenwürfen und blinkenden Krummsäbeln satt hatten und sich deshalb ästhetisch schon aus lauter Langeweile mehr für Japan interessierten oder, wenn man das hyperventilierende Prospekt-Sprech mag, sich "von japanischen Bildmotiven und Stilmitteln begeistern und inspirieren lassen" wollten. - Gut und schön, aber deshalb muss man's nicht überdimensionieren mit der flotten Behauptung: "Die japanische Kunst ist für die Entwicklung der europäischen Moderne von grundlegender Bedeutung." Denn ob es sich bei den seriellen Flugblättern um Kunst handelt, wird bei Japanern, von denen auch einige durch die Räume irrten, mit guten Gründen bestritten; nichts gegen Kleinkunst, aber die Masken der Afrikaner haben den Kubimus auch nicht ungerührt gelassen, dankbar aufgenommene, die herrschende Plüschkultur provozierende Anregungen waren das. Von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung der europäischen Moderne sind die Revolution der Chemie, die Erfindung der Farbtube und des Flachpinsels und das Gaslicht. Toulouse-Lautrecs Pinselschwung ist von den Karikaturen Gavarnis, der Wischtechnik Daumiers und von der impressionistischen pleinair-Malerei "inspiriert", und nicht jede strohgelbe Sonne bei dem guten Vincent ist über dem Fuji aufgegangen.

    Folkwang-Museum Essen: Ausstellung zeigt faszinierenden fernen Osten - Ruhr Nachrichten - Lesen Sie mehr auf:
    http://www.ruhrnachrichten.de/leben-und-erleben/kultur-region/Folkwang-Museum-Essen-Ausstellung-zeigt-faszinierenden-fernen-Osten;art1541,2493235#plx1174224170
    Sandra Gianfreda die überzeugendsten Vergleiche. Wie die Gischt auf der Meereswoge tanzt, haben Claude Monet und Gustave Courbet eindeutig bei Hokusai abgeschaut.

    Folkwang-Museum Essen: Ausstellung zeigt faszinierenden fernen Osten - Ruhr Nachrichten - Lesen Sie mehr auf:
    http://www.ruhrnachrichten.de/leben-und-erleben/kultur-region/Folkwang-Museum-Essen-Ausstellung-zeigt-faszinierenden-fernen-Osten;art1541,2493235#plx1174224170
    Sandra Gianfreda die überzeugendsten Vergleiche. Wie die Gischt auf der Meereswoge tanzt, haben Claude Monet und Gustave Courbet eindeutig bei Hokusai abgeschaut.

    Folkwang-Museum Essen: Ausstellung zeigt faszinierenden fernen Osten - Ruhr Nachrichten - Lesen Sie mehr auf:
    http://www.ruhrnachrichten.de/leben-und-erleben/kultur-region/Folkwang-Museum-Essen-Ausstellung-zeigt-faszinierenden-fernen-Osten;art1541,2493235#plx117422417

    Zurück zu Frau K., nach deren Eindruck ich, wie gesagt, zu nahe an die Bilder herangetreten war. Nicht, dass ich einen Alarm ausgelöst hätte, so war es nun auch wieder nicht, ich blieb auch auf Armlänge entfernt von dem Bild. Aber hätte, hätte, Abstandskette! Die gab es nicht, auch keine Markierungen am Boden, wie ich sie schon in anderen Ausstellungen gesehen und natürlich respektiert habe. Vermutlich hatte ich gerade auf irgendein Detail gedeutet - natürlich ohne das Bild auch nur annähernd zu berühren, immer schön auf Abstand, den man in der perspektivischen Verkürzung (siehe Kunstgeschichte der Renaissance) in der abgedunkelten Museumshalle nicht so gut einschätzen kann. Aber die blitzschnell dazwischenfahrende Aufseherin Christine K. begnügte sich nicht damit, mich zurückzuschüchern, sondern holte - mitten im Gewimmel des zwar nicht in sechsstelliger Kopfzahl, doch inzwischen immerhin vorhandenen Publikums - tief Luft und (Achtung, Zeugma) zu einer längeren museumspädagogischen Erläuterung aus, an der auch die Umstehenden ihre Freude hatten. Wobei es ihr zugegebenermaßen glückte, mich vom Gegenstand meiner nachdenklichen Versenkung - der Einfluss japanischer Ästhetik auf französische Kunst um 1900 - dann doch erheblich abzulenken. Hochwasserschutz zum AnfassenSoundsoviel Zentimeter seien der Mindestabstand, gab sie mir zur Kenntnis, und "Sie werden nicht von mir verlangen, dass ich hier mit dem Lineal nachmesse", dies ungefähr ihre Worte, bei denen ich wie aus einem Traum erwachte. Aber damit nicht genug. Dass sie ihren Standpunkt unmissverständlich vorgebracht hatte, reichte ihr noch nicht. Als ich anhub, sie mit vollendeter Höflichkeit meiner Arglosigkeit zu versichern, auch, um ihr die Mühe weiterführender Begründungen zu ersparen, war ich zu weit gegangen, jetzt erst recht ging die Phrasendreschmaschine los, mein Gott, diese Museumswärter sind wochenlang allein mit den stummen Zeugen einer reichen Kulturtradition, da muss es doch einmal herausplatzen, da fuhr sie mich an und sagte mit spitzem Unterton jenes zuckersüße Zauberwort, das mir seit meiner sündigen Jugend immer so wohlvertraut wie ein Glockenspiel im Ohr klingt: "Lassen Sie mich bitte ausreden?" - mit so einem fragend-tadelnd nach oben offenen Melodiebogen am Ende des Aussagesatzes, der bei der Jugend von heute auch bei zustimmenden Worten wie "Okay" zu hören ist - und das, obwohl ja eigentlich sie das Gespräch gesucht und mir dasselbe geradezu und nicht ich ihr aufgezwungen hatte. Diese Phrase "Lassen Sie mich bitte ausreden?" ist mir schon immer ein Gegenstand amüsierten Interesses gewesen. Das "bitte" in diesem Satz ist keine Bitte (vgl. Austen, How to do things with words), auch keine leere rhetorische Floskel, sondern artikuliert einen Machtanspruch, gleich dem in der hier einzig möglichen Antwort, nämlich "jetzt ist es aber bitte gut, ja?!" Der Spruch kommt emanzipierten und pampifizierten Damen gern über die Lippen, und das nicht etwa, weil sie eine inhaltliche Vertiefung zuvor schon gegebener Wortbeiträge anstreben, die höchstens weiter ausgeschmückt, ansonsten schallplattensprunghaft wieder und wieder wiederholt werden sollen, da das Wesentliche schon gesagt ist. schlicht meerDie Schein-Bitte ums Ausredenlassen hat ihren Ursprung in den Verhörmethoden der Inquisition, die neben dem Ausredenwollen natürlich Fragen stellt, aber nicht wirklich Antwort begehrt, sondern den Ketzer eines Besseren zu belehren trachtet. Bekehrung und Belehrung des Delinquenten war Teil der Bestrafung, weshalb man ihm Geduld auf der Folter abverlangte und fromme, bei GOTT dem Herrn für den Sünder bittende Chöre um den Scheiterhaufen versammelte. Daher hat auch die von Frau K. gebrauchte Phrase doppelten Nutzen, sie ist, rhetorisch gesprochen, declamatio und punitio zugleich, verbindet unter Umgehung moderner Gewaltenteilung die Verlesung der Anklage mit dem Strafvollzug. Das macht sie der Drohne ähnlich, mit der den Feinden Amerikas, wie der Kabarettist Volker Pispers formulierte, "Anklage, Urteilsbegründung und Vollstreckungsbefehl in einem" zugestellt werden. Der Gesprächspartner erhält mit der Message zugleich eine Rolle zugewiesen, die des unbotmäßigen Schülers, der zappelig nach seinem Lieblingsspielzeug schielt, während er mit einer folgen- und sinnlosen, an der Sache wie am bereits langgezogenen Ohr vorbeirauschenden Predigt seiner Erziehungsberechtigten wertvolle Filetstücke seiner Lebenszeit verplempert. Frau Christine K. erging sich also in ausgiebigen Erläuterungen der Funktionstüchtigkeit der Alarmanlagen (ein Thema, das ich an ihrer Stelle potentiellen Ikonoklasten gegenüber nicht vertiefen wollen würde), die zwar nicht jetzt bei mir, aber doch fast und jeden Moment losgehen könnten, was ich berücksichten solle, und so weiter, und so fort, ich falle der Dame ins Wort und kürze dreist ab. RenovierungspauseIch denke mir meinen Teil und komme zu dem Ergebnis, das Hauptproblem besteht im Überwachungszwang, es sind ihrer zu viele, sie haben sicher einen Vertrag über die gesamte Ausstellungsdauer, und sie wollen ja auch was tun für ihr Geld, mindestens drei waren in jedem Raum der Sonderausstellung anwesend, unterhielten sich übrigens auch untereinander und mit ihren Funkgeräten - genau wie die Ortsgendarmerie von Gorleben, ein Kuhkaff in Norddeutschland, wo die Statistik der Bußgeldbescheide für Verkehrsvergehen seit den Anti-KKW-Demonstrationen ein exponentielles Wachstum erlebte. Kurz nach mir wurden weitere Ausstellungsbesucher von derselben Dame in ähnlich langwierig-argumentativem Wortschwall gemaßregelt, wo es doch ausreichte, ihnen - wie bei den Berliner Verkersbetrieben üblich - ab und zu ein herzhaftes "Z'rückbleim" zuzubellen, nein, auch diese Ärmsten mussten hochnotpeinlich Grund und Ausmaß ihrer Verfehlung erklärt bekommen. - Gab es noch Hochgezogeneres in Essen zu zu sehen, als die Augenbrauen der plattfüßigen Samurai in Blaumontur? Aber ja doch! Die Folkwang-Direktion hatte nach den Worten ihres niederrheinischen Hausheiligen St. Vincent von Goch "ein paar japanische Holzschnitte an die Wand gezweckt", so respektlos äußerte sich dieser von Goch (Vincent und Paul heißen die drei oder vier über das Gebäude verteilten Filialen des Museumscafés) damals über die ausgestellten Japonaiserien: "Du weißt schon, diese Frauenfigürchen in Gärten oder am Strand, Reiter, Blumen, knorrige Dornenzweige..." Wir ließen die und alles stehn und hängen, beschädigten nichts, kauften auch nichts für den heimischen Dekobereich, bestellten noch Kaffee und Schinkenbrötchen mit einem Klecks Japonnaise, verzehrten diese und reisten ab.

    Hoffentlich ist bald wieder Asiatische Woche beim Discounter. Die Soja-Soße geht zur Neige. Ich bin ein eifriger Leser des Mittwochsblättchens. Seit man in der Lidl-Universität studieren und bei Aldi den Bachelor of Arts machen kann, sind das die neuen Fachzeitschriften. Nicht zu vergessen der Prospektteil mit seiner bunten Fülle von Beilagen, die ich normalerweise wegschmeiße, aber heute lass ich sie noch vor mir liegen, um sie für die Leser/in/nen dieses Blogs auszuschlachten. Denn meistens amüsiere ich mich über das, was ich da lese, ich bin immer völlig hin und weg z. B. über die Neologismen. Da bietet ein im Umland bekanntes Möbelhaus ein "Boxspringbett" an, ein Lattenrost hat "Schulterkomfortzonen",TechNick zeigt nach rechts im Fahrradladen werden "Dirt Bikes" angeboten ("Stunts und harte Grinds kein Problem") - wobei mir einfällt, dass ich auch noch mal mit dem Lappen über mein Dirt Bike gehen muss, bevor ich es zur Inspektion bringe -, ein Thermo-Laufshirt sorgt für "hervorragendes Feuchtigkeitsmanagement".  Ich weiß auch nicht, ob ich mir im Möbelhaus eine Wohnlandschaft "Afrodyta", einen Schwebetürenschrank "Vaduz" oder einen Freischwinger "Jerome" kaufen soll. Ob sich der König von Westfalen statt auf den Thron zu Kassel in so ein Alu-Stühlchen ohne Beine gesetzt hätte? Klar, die Dirt Bikes sind gar nicht für den Straßenverkehr vorgesehen, sondern so ein Spielkram, mit dem junge Leute in Gesellschaft von Rollbrettfahrern und Inlineskatern auf entsprechenden Übungsstrecken durch Röhren und quer über Treppenstufen holterdipoltern, falls sie nicht im direkten Erdkontakt "motokroß"-mäßig den Waldabhang herunterstürzen, wie wir das früher mit dem Mofa gemacht haben. Momentan ist allerdings das Oktoberfest allenthalben das Thema, zumal es von der Werbeindustrie als Event zwischen Muttertag, Ferien, Schulbeginn und Halloween entdeckt wurde. Da müssen Models in den Prospekten Dirndl mit Auslage bzw. Holz vor der Hütt'n tragen, und komische Hütchen mit Gamsbart aufsetzen. Bei einem Elektrogroßkaufhaus ist kein Bayerntrubel angesagt, da muss ein übergewichtiger Fachverkäufer im Blaumann herhalten, also klug-listig auf Preisschilder zeigen oder Geräte balancieren, die ihm per Photoshop auf den Finger collagiert werden und der zusätzlich noch mit dem Spitznamen "Tech-Nick" gedemütigt wird. WarnschildBei Aldi ist es Hochleistungssportler Daniel Sch., der als Promi-Produktempfehler agiert ("Mit den richtigen Textilien braucht man weder Regen, Kälte noch Matsch zu scheuen... Maximale Funktion gepaart mit einem guten Design, da muss man einfach loslaufen.") Aber ich hab die kritische Theorie an der Aldi-Universität nicht verlernt. Mir fällt schon noch auf, dass es auf den Fotos nie regnet und die Fotoshooter ihre Models über Asphalt hüpfen lassen, die Bäume an der Flusslandschaft im Hintergrund sind auch noch schön grün. Hinzu kommt, dass die Miezen mit den Laufschuhen und der (beinzeigefreundlichen) Thermohose, nicht aber mit den Kompressions-Sportstrümpfen abgebildet sind, die tragen überhaupt keine Strümpfe, was auf die Dauer nicht gut ist beim Joggen und für Schweißmauken sorgt. Da helfen auch die geruchshemmenden, antibakteriell wirkenden Silbersalze nichts, die in der "Vorderhose" verarbeitet sind, während die "Hinterhose" mit Coolmax Xair versehen ist. Und wieso sind die Laufhosen aus "Wind abweisendem und atmungsaktivem Softshell-Material", die Handschuhe "Wärme isolierend" und nicht vielmehr "windabweisend" und "wärmeisolierend", oder wenigstens, wenn schon, denn schon, "Atmungs aktiv"? Die Neue Rechtschreibung - das Geheimnis des Glaubens, womit wir wieder bei der Inquisition wären. Schlimm genug, dass die Hunde auf der Hundefutterseite nach der Rechtschreibreform "Kaustängel" bekommen statt Gummiknochen wie früher. Bei Katzen heißt die Nahrung z. B. "Senikor 8 +" und hat eine "InhomeFormel", deren wissenschaftlicher Nutzen in kurzen Worten zusammengefasst wird: "Studien belegen: Katzen lieben den frischen Geschmack von Feuchtnahrung... Durch das Knacken der feinen Brocken wird die mechanische Zahnreinigung unterstützt". Trittspuren im SchneeGut, inhome heißt, die kriegen kein Lebendgeflügel mehr zwischen die Beißer, aber spülen die Biester denn wenigstens mit Odol nach oder riechen die aus dem Mund immer noch nach vergammeltem Thunfisch? - Hundevollnahrung mit "probiotischem Wirkstoff Inulin" ist offenbar Doggies Lieblingsfraß (sorgt "für makellose Haut", "für kräftige Muskulatur", "für glänzendes Fell"). Für den Hund, der ab und zu als Reittier genutzt wird, kriegt man nächste Woche auch ein Geschirr, auf das man wahlweise die Schriftzüge "Bodyguard" und "Bestechlich'" anbringen kann. Überhaupt die Auswahl, "Fixierung der Wunschfarbe möglich" heißt es bei einer LED-Nachtleuchte, das macht einen ja wahnsinnig, erst die Qual der Wahl beim Einkaufen und hinterher dieselbe nochmal beim Nachtlicht-Anstellen. Dieser Hokusai soll einmal Hühnern die Füße rot angepinselt haben, dann ließ er sie über einen frischen blauen Farbstrich auf der Papierrolle laufen; das sei eine Flußlandschaft mit Laub auf dem Wasser, erklärte er dem verdutzten Shogun das Ergebnis. Übrigens haben die Holländer das Übersee-Geschäft mit den Japanern angeblich gemacht, weil sie als einzige christliche Seefahrernation bereit waren, sich ein Kreuz auf die Fußsohle tätowieren zu lassen, damit sie "Christus mit Füßen treten", so erzählten es mir einst die Katholen, vielleicht sollten sie das Zeichen statt dessen überall auf dem Boden verbreiten? In den Niederlanden konnte einem die Inquisition ja auch nicht unter die Fußsohlen schauen. Ich, wenn ich als Ketzer auf dem Scheiterhaufen stehe, was unweigerlich eines Tages der Fall sein wird, werde unbekehrt bleiben, und deshalb auch kein mildtätiges Sprengstoffsäckchen als Gabe eines rührseligen Scharfrichters um den Hals baumeln haben wie jene, die wenigstens widerrufen. Aber wenn man mir das Maul nicht verbindet, habe ich sicher einen letzten Wunsch frei, der allen aus dem Herzen sprechen möge. Und der lautet: "Jetzt ist es aber bitte gut, ja?!"


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  • Entschuldigen Sie, wo finde ich den Sonder-Bahnsteig, den die Bundesbahn für die Reisezüge nach Turin eingerichtet hat? nach rechts bitte...

    Heute Abend nach Turin!

     

    Wie schön, dass für das Public Viewing gesorgt ist - das Rheinufer ist bis auf einen schmalen Streifen nicht mehr zugänglich, dafür gibt es jede Menge Bierschwemmen und auch die Infrastruktur für die notwendigen Abläufe "steht", macht allerdings im Vorfeld einen surrealen Eindruck:

    Heute Abend nach Turin!urinale toitoitoi von rechtsWarum die Figürchen ganz rechts alle "Dixi" heißen und immerzu die Beine kreuzen, kann man sich denken, trotz der zahlreichen Einfüllstutzen (immerhin vier pro Container) wird man hier bei den Millionen, die zu so einer Filmleinwand am Rhein pilgern, ewig in der Schlange stehen.

    Wie der Mückenbefall ist bei den Flutlichtern, will ich mir gar nicht ausdenken. Und was passiert, wenn das Notausgangmännlein Reißaus nimmt und an all den Radaubrüdern und Suffköppen vorbeidrängelt? Hauptsache, für's Alter ist vorgesorgt und der Zivi bringt ein schnelles Helles.

    Das also ist aus dem guten alten Trimm-Dich geworden:Heute Abend nach Turin!

    Heute Abend nach Turin!Gut, dass es die wunderbare WM gibt, bei der es plötzlich mitten am Nachmittag (so wie jetzt, 17.00) ganz still in unserem Viertel wird, und nur noch eine einsame Tröte krächzt, wenn schon wieder ein Ball ins Netz gegangen ist, was, wie ich mir von Kennern sagen ließ, für die Inhaber des Netzes gar nicht so gut sein soll wie z. B. beim Angeln, wo das Gegenteil gilt. Wir gehen zu solchen Zeiten gern in den Park, wo nur wenige gleich uns Andersinteressierte zu finden sind, manche sind mit ihren Kindern oder Picknicken.

    Jedenfalls hoffen wir, dass die deutsche Mannschaft noch recht lange nicht ausscheidet und möglichst ins Finale kommt! Danke, danke, danke!!!!

     


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  • Jetzt ist also der 100. Geburtstag von Arno Schmidt vorüber, und vermutlich darf das Presseecho, wie ja schon 1979 die reichhaltigen Nachrufe, darauf hindeuten, dass der Autor in die deutsche Nachkriegs-Literaturgeschichte eingebürgert wurde. Inklusion, yeah, gewissermaßen, und das war auch nötig, denn als Wortmächtiger Rebell ließ Arno, so Klaus Bellin im Neuen Deutschland (18.1.2014) nicht mit sich spaßen: "Wer Mäßigung von ihm verlangte, ein paar Zugeständnisse vielleicht, war an der falschen Adresse." Im selben Blatt hatte am 14.1. Martin Hitzius festgestellt: "Heute würde ein Arno Schmidt als Asperger-Autist mit erschwerender Hochbegabung diagnostiziert und integrativen Maßnahmen zugeführt werden."
    Ein "Grantler mit riesiger Zettelwirtschaft" war Schmidt laut Roland Mischke im Südkurier (18.1.2014), und auch Ulrich Rüdenauer in der Zeit  (18.1.2014) ist der große Grummler, Misanthrop und Grantler eine aufmunternde Betrachtung wert: seine "leicht missmutige, misanthropische Stimmung gepaart mit unbedingtem Schreibwillen", der "Gesichtsausdruck [...] meistens: trocken, sachlich, mürrisch", der "stiere Buchhalter-Blick": da ist am "Geniestatus kaum zu zweifeln". Und Leser mögen, fordert der Journalist auf, "sich ranhalten und getrost mal einen Bogen um den neuen Dan Brown oder Daniel Kehlmann" machen, dies illustriert mit der extrem unscharfen Aufnahme (oder braucht es dazu eine Brille von "28 Dioptrien", taz v. 17.1.2014) eines Zettelkastens.
    Mein Elvis hieß Arno, lautet das Bekenntnis eines "abgeklärten Jüngers" und "Ex-Fan, der nun lächelnd auf die Torheiten der Jugend zurückblickt" namens Kurt Scheel ("als Literaturwissenschaftler selbstverständlich" - selbstverständlich? - "Avantgardebefürworter") in der taz vom 18.1.2014. In jüngeren Jahren, Oktober 1971, war derselbe Scheel nämlich bei einer von Jörg Drews veranstalteten Tagung in Bargfeld gewesen, hatte ein Bier nach dem andern in Bangemanns Gastwirtschaft gesoffen und sein Bild kam in den Spiegel: "Ich bin der zweite von rechts, dieser schlanke Jüngling im weißen Anorak." Rückblickend auf das Romanwerk beklagt er sich aber "kopfschüttelnd über die Enge des dort herrschenden Denkens und die Aggressivität des soziophoben Intellektuellen". Ein Scheelm, wer Böses dabei denkt! Manche suchen in der Literatur die Bestätigung eigener Ansichten und Weltanschauungen, und so blieb Schmidt bei Scheel vor allem ein "missgelaunter Misanthrop, ein Angstbeißer mit leichtem Asperger-Syndrom" und, als besonders übel, als "Beatles-Hasser" in der besonnten Erinnerung. - "Je nach Lust und Laune warf dieser Schriftsteller alle bekannten Rechtschreibregeln über den Haufen, die uns gerade eingepaukt worden waren", erinnert sich auch Wolfgang Müller im Freitag (17.1.2014): "Dabei sah Schmidt eigentlich selber aus wie ein Stereotyp des spießigen Studienrates", und die Beatles habe er gar als "Krampfhennen" bezeichnet.
    Der unvermeidliche Dietmar Dath in der Frankfurter Allgemeinen findet "Löcher in jenen Konzeptarchitekturen", die Schmidt mit den gemäß seiner Berechnungen verfassten Romanen hinterlassen habe; der Kritiker selbst hält sich zurück, beschwört aber, Leute zu kennen, die sich beschweren, "dass das, was bei Schmidt anfangs charmante Tricks sind, später monomane Ticks werden, oder darüber, dass er am Ende so wenig an einem Gegenüber auf gleicher Höhe interessiert war, dass auch sein erotisches Ideal nur mehr das unmündige Mädchen sein konnte, das ihn anhimmelt".  Andererseits sei er "für allerlei Schrullen, die aus der splendid isolation folgten, kultisch geliebt" worden (Feuilletonredaktionen sollten jedesmal, wenn im Zusammenhang mit Arno Schmidt ein Begriff aus dem Wortfeld "Kult" fällt, ans Autorenversorgungswerk der VG Wort einen Cent abführen). Im Übrigen habe Schmidt - bei Datmier Dieth geht alles immer ein wenig von hinten durch die Brust nach vorne - als "der größte je vorhandene deutschsprachige Science-Fiction-Autor" einen Code vorgetäuscht und "musste so tun, als gäbe es den Code, der seine Versuche absichern konnte, aber seine Versuche zerstörten diesen Code immer gerade da, wo sie glückten".
    In der Süddeutschen Zeitung machen mir die Stichworte Spaß, unter denen ein namenloser online-Arno-Schmidt-Artikel, für den der Volontär eigens in die Lüneburger Heide auf die Pirsch geschickt wurde ("Irgendwo in der Ferne brummt der Motor einer Landmaschine") thematisch verlinkt ist; man könnte sie auf Zettel schreiben und wie Spielkarten mischen, bevor man mit der Niederschrift des Artikels beginnt, aber auch in alphabetischer Reihenfolge hintereinander gelesen ergeben sie den abgeschlossenen Kurzroman: "Arbeitszimmer, Auto, Celle, Erde, Film, Grundstück, Günter Grass, Hamburg, Heinrich Böll, Herzinfarkt, Jan Philipp Reemtsma, Kaffee, Lüneburger Heide, Museum."
    Malte Bremer auf literaturcafe.de ist Arno Schmidt nie begegnet und "wollte das auch nicht; er war wohl sehr miesepetrig, wenn nicht gar menschenfeindlich!" Dafür war Leviathan das "einzige Buch, dass ich jemals geklaut habe", heute ist es Malte peinlich; er büßte es durch Ankauf der Bargfelder Ausgabe der Arno-Schmidt-Stiftung.
    Vielleicht aus ähnlichen Motiven sang Götz Alsmann im Hamburger St.-Pauli-Theater und in der Bar jeder Vernunft ausschließlich "Schlager, die Arno Schmidt hasste" - bisschen gemein, oder war das nur ein Versuch, mit dem ohnehin vorgeplanten Repertoire "auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren" zu wollen, wie 1979 Oswald Wiener (den Wolfgang Müller im Freitag zitiert), bzw. etwas Aufmerksamkeit abzusahnen?
    - Als "spleengeschüttelter Sprachzerknackungskauz", als " hinter Bildungssperrmüll verbunkerter Menschenfeind, ein frustrationszerfurchter Lebenswegentgleister mit herrenmenschelnden Titanenallüren" wird Arno Schmidt von Thomas Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung (19.1.2014) gewürdigt. Aber! Damit ließe er sich wohl beschreiben, jedoch "nicht fassen", fährt der Autor versöhnlicher fort. Er versucht es daher andersherum und beschreibt ihn "als polymorphes Bildungswunder, als Neugierkrake" im "Schreibstubensoziotop", der den "Absprung aus dem häuslichen Wohnküchenmief in ein geisteswissenschaftliches Studium" nicht geschafft habe. Bis zu Kaff, auch Mare Crisium, jenem bereits mehrspaltigen Roman, bei dem auch Kurt Scheel von der taz aufgehört hat, bildeten die Schmidts Werke ein "faszinierendes Konglomerat aus Kleinbürger­ressentiment, Anarchistentrotz, Patriarchenpeinlichkeit, Hirnkometenglanz, Bildungshuberei, Denkmalstürzerwut, Natur- ­begeisterung, Sprachanalyse, Genialität und Taschenspielerei". Dann aber kam mit Zettel's Traum eine "jahrelang die Produktivkraft bindende Selbstkarikatur" des Romanciers zum Vorschein, der sich "in den eigenen Methoden, Besessenheiten und Gaukeleien" verfangen hatte. - Auch für Lutz Wendler vom Hamburger Abendblatt (18.1.2014) ist Schmidt als "Autor des größten, schwersten und schwierigsten deutschen Romans berüchtigt. Das Buch- und Sprachungetüm wurde zum Synonym für unzugängliche Literatur".
    Überhaupt, Zettel's Traum macht den Geburtstagsartikelschreibern zu schaffen: Ein "kryptisches Über-Buch", "eine Obskurität mit Garantie auf Wertsteigerung", meint der MDR auf seiner Webseite: "Allein dieses Mammutwerk macht ein Viertel seines Gesamtwerkes aus. Neun Kilogramm 'Hardcore-Literatur' in acht Büchern". - "Es wimmelt von einzelnen Buchstaben, Zahlen, Plus- oder Auslassungszeichen", stellt Thomas Groß im morgenweb für den Rhein-Main-Kreis fest: "Spröde wirkt es, doch etwas näher betrachtet auch ungemein plastisch, sinnlich, oft witzig, immer hintersinnig - so wie alles, was der literarische Außenseiter zu Papier brachte." - Da habe man es mit "einer literarischen Abrechnung" zu tun, "in der die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Schriftsteller Edgar Allen Poe und dessen Werk eine zentrale Rolle spielt" (NDR-Webseite). -  "Schmidt hält sich immer weniger an die deutsche Rechtschreibung", wundert sich Ronny Arnold auf der Deutsche Welle-Webseite, "vielmehr erfindet er einen eigenen, ungewöhnlichen Schreibstil, spielt mit Worten und Kalauern, orientiert sich an Dialekten". - "Das Buch ist nicht unlesbar", begütigt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger, "wie manche behaupten. Aber es überfordert sicherlich den unvorbereiteten Leser. Und das nicht nur wegen des Schriftbilds. Die Seiten sind in drei Spalten aufgeteilt, drei Textflüsse, die sich gegenseitig kommentieren." - Gabi Wuttke von der Neuen Zürcher Zeitung machte es sich leicht und verabredete sich mit einem Menschen, der das Buch auf jeden Fall komplett gelesen haben muss, dem 71-jährigen Amerikaner John Wood, der es ins Englische übersetzt hat: "Glücklich die Momente, wenn er möglichst viele Bedeutungsschichten der Etyms zu fassen bekam; besonders die Aha-Momente, in denen in einem englischen Äquivalent eine Bedeutung aufblitzte, die dem zweisprachigen Schmidt im Deutschen offensichtlich entgangen war."
    Aber es müsse, wenn man partout etwas lesen wolle, "ja nicht unbedingt Zettel's Traum sein", mit dem sich "sich Arno Schmidt in eine Sackgasse geschrieben hatte. Er hatte den Kontakt zum Leben und zu den Lesern fast gänzlich abgebrochen", wie Jürgen Strein in den Fränkischen Nachrichten (18.1.2014) beklagt, wortgleich sekundiert von Martin Willems in der jungen welt (16.1.2014): "Es muß ja nicht sofort der klobige Textbrocken 'Zettel's Traum' sein." Und was gibt es sonst? Wir wollen auch vom Arno-Schmidt-Jahr profitieren! die Duisburger Stadtbibliothek zeigt Pocahontas-Illustrationen und lässt Reemtsma vorlesen, 5.2.2014, 16.30 h., nur: Jan Philipp Reemtsma muss es auch nicht unbedingt sein.


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  • Gepflanzt in VanHam-Neubaudie Einöde der Ausfallstraßen wie ein erratisches Gewächs, zwischen Beton, Baustellen und magisch leuchtenden Autohändlerpalästen, findet sich - Kultur. Fast fertig ist das Auktionshaus von Philip Vandamme, das der Ostspion aus Hitchcocks North by Northwest (unter einem sehr durchsichtigen Tarnnamen) ganz im Bauhaus-Stil seiner berühmten Mount Rushmore-Villa  an der Brühlerstraße errichten konnte, ohne dass FBICIABNDNSA von der wahren Identität des Kunstmaklers das Geringste ahnt... Bald wird man hier den Malteserfalken versteigern! Und dann das Literaturarchiv des verrückten Urwalddoktors und Westentaschengermanisten,Antoine Tamestit der mit einer Horde von Eichhörnchen und Papageien im Tannendickicht haust und zwischen Bergen messiehaft angesammelter fotokopierter Aufsätze, antiquarischer Raritäten und unschätzbarer Autographen fast erstickt. Und schließlich der Deutschlandfunk, er bietet - zumindest im Winter - schöne Konzerte an, in seinSpruch auf einer Bank am Rheinem Kammermusiksaal, natürlich nicht für "die Käuflichen mit dem unfruchtbaren Gehör, das hurt und niemals empfängt" (Rilke), sondern für die wahre Elite - Inkognito-Millionäre wie uns.

    Das war letzten Dienstag ein gutaussehender Bratschist aus Frankreich, der beim Spielen in den Knien wippt und den Rhythmus der Bach-Suiten ganz aus dem Körper herauszieht. An seiner Seite ein bärtiger Italiener, der schwarzweiße Tastaturperlen aus dem Flügel pickt oder stakkatomäßig hineinklopft und dabei aussieht wie die Avantgarde um 1910, auch in einem Historienfilm über den deutschen Vormärz würde ich z.B. Karl Gutzkow mit ihm besetzen. Antoine Tamestit spielt auf einer echten Stradivari von 1672, Leihgabe einer Museumsstiftung, und hat eine raffinierte Schabetechnik beim Gebrauch des Bogens entwickelt, mit dem er das Gniedelige am Streicherton aufrauht, eine süße Heiserkeit, die dem perfekten Wohllaut neue Dimensionen eröffnet. Währenddem scheint der Pianist Enrico Pace mit dem Instrument zu sprechen, reißt die staunenden Augen auf ob des geklärten und manchmal auch ungeklärten Wirrwarrs von Tönen, die da aus der Hindemith-Partitur herausquWeihnachtsbaumcontainerellen. Das war ein Werk aus dem Jahr 1936, als Hindemith - selbst ein begnadeter Bratschist - in Ankara tourte; noch im selben Jahr wurden die Werke des "Kulturbolschewisten" verboten (mein Freund Eckhard John hat über dieses fatale Totschlägerwort eine fundierte und materialreiche Studie geschrieben); 1938 ging er mit seiner Frau Gertrud Rottenberg, Enkelin des Bürgermeisters von Dortmund, Altona und Frankfurt am Main Franz Adickes, ins Exil. Später hörten wir die Sonate für Viola und Klavier op. 11, No. 4, aus dem Dezember 1918. Merkwürdigerweise war damals schon alles angelegt, was uns am Heavy Metal der späten 1960er faszinierte, von Hendrix bis Led Zeppelin ("das rockt!", urteilte ich im Stillen) - wären die Deutschen nicht Duo Tamestit-Pacemit voller Überzeugung und gern den unseligen Weg in den Nazismus gegangen, hätte Hindemith die pianistische Avantgarde der Franzosen und Russen des Fin de Siècle in der Musikgeschichte bald überstrahlt, schon weil er mehr Humor hatte als Ravel oder Debussy. Dass er allerdings zu seiner Gertrud "Wapuff" sagte - so wörtlich im Programmheft zitiert - und von dem "duften langsamen Satz" meinte, er habe anschließend noch eine "ausgewaschene Krips-Arbeitsplatz Doppelfuge dahintergesetzt", damit Wapuff "vor Neid die Platze kriegt", das macht einen doch nachdenklich.

    Das erste Stück (Sonate für Klavier No. 3) von 1918 spielte der Bratschenmann ebenfalls noch auswendig; gut, das konnte er auch, mit der Suite für Violoncello No. 3 in C-Dur, Bachwerkeverzeichnis 1009, mit seiner Stringenz und Fugengenauigkeit ist Bach doch viel leichter zu merken, oder? Nicht, wenn man so frei und locker streicht wie Antoine Tamestit. Als wir neulich über ein Geschenk für einen Neunzigjährigen nachdachten, - Süßigkeiten, Bücher, das belastet alles, da kamen wir auf CD, aber welche Musik und ich sagte zu meiner Frau: Bach kann man sich in jedem Lebensjahr zumuten, manche sagen gar: je älter, je eher. Auf Bach wird man immer zurückkommen. Aber dieser 1979 geborene Franzose spielt den Bach gar nicht so methodisch-logisch, mehr wie ein Spielmann, der auf einer Kirmes den AlleinunterhaltStudio des Künstlers Kripser gibt - "er erzählt eine lange Geschichte", begeisterte sich ein befreundeter DLF-Journalist, den wir in der Pause zufällig im Foyer trafen. Der dritten Suite mit ihren Allemande-, Courante-, Sarabande-Sätzen hat Tamestit die Farbe Enrico Pace"sonnengelb" und die Adjektive "brillant, efflorescent, populaire, volutes, énergique" zugeordnet, so steht es im Programmheft und im Beipackzettel der CD, die meine Frau - ohne den Künstler, der garantiert Weltruhm erlangen wird, signieren zu lassen! - erwarb. Andere Suiten sind mehr sombre und funèbre (No. 5), also fast schwarz, oder hellblau (No. 1). Wie dem auch sei, das Bachige vermählte sich vorzüglich dem Hindemithschen in den folgenden, für Bratsche und Klavier komponierten Programmteilen, und die beiden Musiker hatten Spaß dran und sichtlich auch miteinander. Wir gingen nach dem Verzehr von zwei DLF-Bonbons, gewickelt in die korporativen Farben orangegelb und blau (schmecken aber nicht unterschiedlich: blau wie orange sind vif, fraîche, mehr menthe als funèbre), und eiFirma Klafsner DLF-hausgemachten Frikadelle sowie eines Glases Prosecco sehr beseligt zu Fuß nach Hause, während lange Kolonnen feinster Vorzugsklassewagen dem Parkhaus entströmten und sich Richtung Brühl, Erftstadt, Bonn - der Speckgürtel unserer schmuddeligen Vaterstadt - aufmachten. Hier aus dem Viertel, schon gar nicht von der "prolligen" Genossenschaftsecke, sind die wenigsten, höchstens dass sich vielleicht ein paar Villenbesitzer aus Marienburg hier einstellen (denk ich mal, aber sicher bin ich nicht). Es ging uns wie in diesem Kempner- oder Schrader-Gedicht, das ich jetzt nirgends finde und das wahrscheinlich vom Großneffen gefälscht wurde: "...ganz anders ist da doch Musik / daß es sie gibt, ist schon ein Glück!" Zwei Konzerte wird es hier noch geben, im Februar und März, und Anfang April kommt hier wieder das Forum neue Musik, bei dem wir hoffentlich auch noch Interessantes zu hören bekommen. Eine Tageskarte (bis zu 3 Konzerte) kostet im DLF nur 15 €, geGoltsteinstraßeht doch noch, das Kino ist heute auch nicht viel billiger, und: "Die Hinfahrt können Sie mit dieser Karte bereits vier Stunden vor Veranstaltungsbeginn antreten, die Rückfahrt muss erst bis 3.00 Uhr nachts - bzw. bei besonders spätem Veranstaltungsende bis 10.00 Uhr des Folgetages - abgeschlossen sein. Diese Zusatzleistung ist ohne Mehrkosten für Sie bereits im Ticketpreis enthalten."

    Natürlich gibt es auch noch andere Kultur im Süden, so existiert in der Goltsteinstraße eine Karikaturengalerie namens "roter Pinguin", deren jüngste Ausstellungseröffnung wir am Nikolaustag verfaulenzt haben. Vielleicht, weil mir der Comic-Zeichner, dessen Sachen ich eine Zeitlang täglich im FAZ-Feuilleton sah, nicht so wahnsinnig überzeugend erscheint; die dort zuKrips-Vernissage erwerbenden gerahmten Zeichnungen haben übrigens ziemlich saftige Preise. Dafür waren wir im vorverwichenen Herbst beim Tag des offenen Ateliers, oder war es die Eröffnung?, im Arbeitsloft von Krips Krips-Arbeitsmittel Computer- die Mutter des Künstlers war anwesend - , nicht zu verwechseln mit der Galerie des Sauna-Zubehörlieferanten Klafs, der bei ihm um die Ecke auf der Bonnerstraße angesiedelt ist. Die Heimat der Künste ist die Goltstein- / Ecke Cäsarstraße. Auf der ersteren wohnt u.a. Ralph Giordano (so stell ich mir Winnetou vor, wäre der nicht so jung verstorben), der uns mal vor dem Einbiegen in die Einbahnstraße warnte, auf der letzteren wäre ich beinahe mit dem Rad in den greisen, helmtragenden Dichtercäsar Erasmus Schöfer hineingeknallt, der, aus einem Seiten-Schleichweg kommend, die Vorfahrt zwar nach rechts, nicht aber nach links beachtete. Nach dem kompletten Nieder- ja, Untergang der Bezirksgruppe Köln des Schriftstellerverbandes, dem er seine DKP-Weisheiten aufgezwungen hat, wäre es ein denkwürdiges Zusammentreffen im Unfallauto gewesen. Hier auf der Cäsarstraße arbeitet jetzt Krips. Er liebt Graffito-Stil, und nicht ganz zufällig sind genau gegenüber seiner Galerie am aufgelassenen Netto-Markt, wo ich immer nur die verbilligten MHD-grenzwertigen Sachen gekauft hatte, ich habe erst kürzlich ein Foto davon eingestellt, mehrere Männlein übereck angemalt, die verdammt an seine gesprühten und getaggten Sachen erinnern. Auf großen Leinwänden finden sich Engelchen, Teufelchen, aber auch Panzerknacker mit Lupenaugen - sehr sehenswert! Gern verfremdet und markiert Krips seine Möbel und Haushaltsgegenstände, Krips-Sesselaber seine leuchtendbunten Malereien, oft collagiert mit Reklamefotos oder Wegwerfmaterialien, sind das Schönste aus seiner reichhaltigen Produktion. Das würde ich mir viel lieber kaufen als einen gerahmten tagesaktuellen Cartoon, und die Sachen waren damals (September 2012) auch deutlich preiswerter. Auf seiner Netzseite kann man in seinem Skizzenbuch blättern (ich liebe es, wenn bei interaktiven Umblätterseiten so ein schlürfendes Geräusch entsteht, wie es ganz am Anfang die ersten e-books von Reclam auch hatten - das finde ich sinnlicher als das ewige Klick-Klick), und unter dem Kunstwort "Komunikotinkation" findet man Krips' Mail-Adresse zum Bestellen. Guckt euch seine Bilder dort an - um keine Copyrightverletzung zu begehen, sind hier nur Schreibtisch und das ArbeitsgerätGudereit-Fahrrad von hinten des Meisters dokumentiert, der unserem Viertel mit seiner Spiel- und Farbenfreude hoffentlich noch lange erhalten bleibt.Krips-Arbeitsmittel Sprühdruckflasche

    Zur Goltsteinstraße kommt man von Raderthal aus nicht nur über die Cäsarstraße, sondern auch über den Bayenthalgürtel, wo, wer es mag, noch immer ein veritables "Fichtennadelbad" nehmen kann, man muss nur am Containerrand hinaufklettern und sich hineinstürzen und fällt garantiert weich. Wie neulich im Lokalsender zu erfahren war, werden die dysfunktionalen Sonnwend-Kultbäume den Elefanten aus dem Orient zum Fraß vorgeworfen, die seien, meinte der interviewte Tierpfleger, "nicht gerade ein Leckerbissen, aber mal so ganz nett zwischendurch", vor allem reizt es die Dickhäuter wohl, die Zweige mit dem Rüssel auseinanderzufleddern und die grünen Spitzen zu knabbern (womit ich schon wieder bei den Eichhörnchen wäre, wenn ich jetzt nicht schnell die Kurve nehme). Neulich las ich es als als Filzstiftspruch auf einer Ruhebank: Alles ist im stetigen Wandel begriffen; man kann sich in ein Gartengerät verwandeln; im Wald, den man vor Bäumen nicht sieht, wachsen die Tannen auf, um mit Lametta dekoriert zu werden (die Elefanten kriegen zur Verkostung nur die "unverkauft liegengebliebenen", sie vertragen das Lametta nicht), und werden vor der finalen Verschredderung als Weitwurf-Material für unsinnige Olympiaden genutzt, wie in einer anderen Sendung zu hören war. Ich finde, man kann die Tannen auch stehen lassen wie wir mit unserer Tanne im Kräutersack, und anschließend auspflanzen (was wir jedenfalls fest vorhaben).


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