• Unverwandtes Starren in Gebetbücher hat verschärfte Heiligkeit zur Folge, möchte man nach Betrachtung mittelalterlicher Altarbilder meinen. Und die neuzeitlichen Smartphones, Tabletoids und wie sie immer heißen mögen, haben ja auch noch den schönen Effekt, das Gesicht von unten geheimnisvoll zu beleuchten. Dass man in sozialen Netzwerken zu Flashmobs einlädt, hat sich auch schon bis zu mir herumgesprochen (kein Handy bzw nur ein uraltes, allenfalls sims-fähiges vom Tschüboh). Aber die Hartnäckigkeit der Demonstranten, die sich an der Köbrücke versammeln, hat mich dann doch erstaunt. Neulich führte mich mein Weg durch die Landeshauptstadt, und zwar gegen 18.-00 oder 19.00 bei strömendem Regen hin und um 22.30 in Regen & Finsternis zurück zu dem weiträumig außerhalb der Parkraumbewirtschaftungszone abgestellten Fahrzeug. Und der Clou, als ich an der Königsallee ankam, hatte die Demo, so mein Eindruck, schon vor längerer Zeit angefangen, wenn auch die Leute etwas ziellos herumlungerten statt, wie man von Friedensfreunden und Rettet-die-Welt-Enthusiasten erwartet, Sprechchöre zu skandieren und Transparente zu schwenken. Die standen da mehr oder minder unbeaufsichtigt in der Gegend rum und simsten in ihre Phones. Was mich aber für sie einnahm, war die Tatsache, dass sie bei dem Schweinewetter wirklich dem Aufruf gefolgt waren und nicht, wie ich sonst, wenn eine Demo ins Nasse zu kippen droht, daheimgeblieben waren. Aber wer beschreibt mein Erstaunen, als ich bei erneutem Passieren der Stelle auf dem Rückweg dieselbe Demo noch immer in den Anfängen sah. Es hatten sich zwar augenscheinlich größere Grüppchen zusammengefunden, die allerdings auch nur wieder offenbar vergleichend auf ihre Displays glotzten. Inzwischen war es Nacht, und es regnete wirklich Bindfäden, ich hatte keine Zeit - eilte ins Trockene meines Wagens - und es war nicht genug Licht, um auch davon noch ein Foto zu machen. Inzwischen schlenderten viel mehr Leute da herum als vorher, alle geneigten Hauptes die Handys umkammernd... Und da endlich dämmerte mir allmählich, dass es sich um Pokémonjäger handelte. Sogar ein Dixieklo hatte man ihnen aufgestellt und eigens die Köbrücke für den sonstigen Straßenverkehr gesperrt. Immerhin ist Düsseldorf ja die europäische Japan-Vertretung, Mitsubishi, Takenakla, Marubeni, alle möglichen Konzerne sind hier vertreten, und so viel ich weiß haben die Japaner nach komplizierten geognostischen Feng Shui-Untersuchungen diesen Standort gewählt. Da kann man dem so viel ich weiß japanisch inspirierten Pokémonfimmel schon aus Gründen der guten japanisch-deutschen Beziehung keinen Einhalt gebieten, nur weil in der City eine Kö-Brücke zum Spielort wird.

    Nomèkop auf der Kö


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  • Nee, von Eiscrème ist hier nicht die Rede, auch nicht von den kleinen aphoristischen Zutaten auf den Titelseiten von Aufsätzen oder Büchern, letztere sind ohnehin auf dem Aussterbeetat, also nicht die Bücher,Memento Motti d. h. die vermutlich auch, sondern die Motti. In letzter Zeit hat sich das Auftreten von unangenehm gemusterten, mitunter auch schwarz geflügelten Nachtfaltern in der Wohnung deutlich vervielfacht. Memento MottiEs könnte natürlich am Feiertag "Maria Auffahrt" liegen, der morgen stattfinden soll; meine Lebensabschnittsbevollmächtigte will vermutlich wieder einen sog. "Kräuterboschen" mit soundsovielen (17?) wertvollen Pflanzenresten machen, der dann ewig und drei Tage über der Tür hängt, d. h. bis zum "Einmotten" im Keller, weil im nächsten Jahr wieder ein neuer fällig wird. Die Reste von den alten Kräuterboschen dürfen nämlich nicht weggeschmissen werden, bewahre, das hat was mit Ritualen und Reliquienkult zu tun, die müssen verbrannt werden, damit der Segen nicht schiefhängt. (Gesegnet wurde überhaupt nur einer dieser trockenen und allmählich zerbröselnden Büschel, der aus dem Allgäu, den hat sie in die Kirche mit dem Pfarrer mit Dritte-Welt-Appeal getragen, die anderen blieben vom Weihwasser unbenetzt.) Wie auch immer, diesen Plastiksack mit ollen Pflanzenkram drin habe ich im Verdacht, die Motten auszubrüten. Der Kreis um das vermutete Mottennest schließt sich immer enger, seit ich sämtliche Bretter des Speisekammer-Regals geleert und gesäubert habe, offene Packungen wurden gleich weggeworfen, alles, was noch brauchbar schien in Gläser mit Drehverschluß gefüllt, die Regalbretter einzeln mit Scheuermilch abgeseift und anschließend mit Essig begossen. Daher können die Motten eigentlich nicht mehr kommen (vielleicht sind allerdings die jetzt noch auftauchenden von dieser Aktion aufgescheucht worden?). In diesem mit einer Tür verschlossenen Speisekammerregal hängt auch so ein Mottenfang-Leimpapier, das andernorts in der Küche schon ganz schön voll ist, hier drin ist aber keine einzige Motte auf den Leim gegangen. Memento Motti Na, warte! Einzelne Motten, mal zwei, drei, mal vier, erlege ich ja mit der Hand. Die sind so blöde und ruhen nachts, also bei Dunkelheit, auf den weißen Wandflächen oder Zimmertüren oder Bilderrahmen aus, wo man sie ganz gut erkennt, und werden gleich zu Staub zerrieben (am besten hält man ein Tempotaschen- oder Küchentuch in der Hand, dann ist die Sauerei nicht so groß und mit unbewaffneter Hand könnte man sie vorher aufstören, so dass sie wegfliattern, auch wenn sie dabei nicht so raffiniert und fix sind wie Stubenfliegen). Also, wenn ich die letzte Woche mal zusammenzähle, habe ich so Stücker zwölfen auf diese Weise den Garaus gemacht, und da kann man schon von eineMemento Mottir Invasion sprechen, oder? Selbst im Kleiderschrank finde ich keine, dafür lauter Mottenpapier, und unser Schlafzimmer erinnert an eine Lavendelboutique in südfranzösischen Fußgängerzonen. Woher also die verdammte Motteritis, soll mir das ein Memento sein? Mensch gedenke, dass du Staub bist, zu Staub wirst, um dich herum Staub aufhäufst und Zerstäuber nicht in die offene Flamme, sondern in die gelbe Tonne werfen sollst. Ich habe dann angefangen, die Bücherschränke zu entstauben, vor allem im Flur waren schwere Staubhalden angesammelt hinter den alten Schätzchen. Leider habe ich am Abend und in der Nacht danach schon wieder zwei Motten flattern sehen. Aber ein wenig Hausputz ist ja nie falsch, meine Liebste hat derweil Datenmigration und -verwaltung betrieben und den eingestaubten Teppichboden gesaugt. Bei der Gelegenheit habe ich dann gleich ausgemistet und jede Menge ausgelesener Lektüre beseitigt. Gut, also von Lyrik habe ich mich nicht getrennt, das sind ja meist dünne Bändchen, die teuren Klassiker bleiben sowieso - die der Moderne ließ ich größtenteils auch in Ruhe, alles von Böll, Brecht, Enzensberger, Peter Weiss, Arno Schmidt, generell Werkausgaben (darunter selbst solche, in die ich noch kaum einen Blick geworfen habe: Max Hermann-Neisse, weil der mal für 19.99 bei Zweitausendeins verramscht wurde!) blieben stehen, aber ich hab so viel Druckerzeugnisse, die ich doch nie wieder anfasse, oder bereits durch übermäßigen oder gar mehrfachen Gebrauch kaputtgelesen habe, dass ich etliche 100 Bände rausgeworfen habe. Nichtvergessendürfer Martin Walser, du mußt jetzt ganz stark sein, ´deine Bücher, u.a. "Halbzeit", deren zwei Bände du mir bei einer Lesung mal so häßlich oberflächlich signiert hast, liegen auch schon in einem dieser Bananenkästen, ungefähr so groß wie Kindersärge, die so handlich zur Buchbeseitigung sind, und Günter Graaaasss, der erst recht, der signierte überhaupt nur mit Filzschreiber und mit einem so gesteilten "ich bin der Größte"-Namenszug. Anderes Signiertes oder von prominenter Freundeshand Gewidmetes hinterlasse ich als kleine Zusatzrente für meine Witwe; - im Fall dass sie mich nicht überlebt oder wir gemeinsam umkommen, geht das alles nach Marbach, verstanden? Ich habe eine mehrzeilige zärtliche Widmung einer Dame aus dem Jahr 1981 oder so (ihre Mutter soll mal was mit meinem Vater gehabt haben, vor dessen Ehe mit meiner Mutter, aber wir hatten nichts dergleichen), die später Verfassungsrichterin wurde in einem Bundesland im Norddeutschen. Aber ich bitte Sie, dieses ganze Engagement-Verantwortungs-Gedöns aus den 1960ern und 1970ern,Memento Motti "Ich klebe an der Bundesrepublik", und "ich lebe nicht in der Bundesrepublik", ich glaube vom selben Herausgeber, Essays für und wider Wiederbewaffnung und Große Koalition und "die" Alternative der SPD-Regierung und Co., in der DDR dasselbe andersrum gewendet, Lyrik 76, Lyrik der DDR und der Schmonzes von der Christa Wolf, die guckte dagegen beim Signieren vorwurfsvoll als wäre ich ein DDR-Deserteur, weil mir zum Dank für (erlaubte) LP-Zusendungen meine Ost-Brieffreunde Erstausgaben aus der Zone schickten, weg damit, na gut, die Günderrode-Sache bleibt, oder Heiner Müller, den hab ich ganz weggetan, x-mal gelesen und damals mal ganz nett gefunden, ist aber gut damit, kann ich mir noch in der Bibliothek ausleihen, wenn ich das wiedersehen will. Memento MottiHeiner Kipphardt, den hab ich behalten, dummerweise, aber wer weiß, beim nächsten Mal springt der auch über die Klinge, mich interessierte noch der Briefwechsel mit Peter Hacks, letzteren schmeiß ich dann auch raus, ich hab so ein Buch mit Theaterschriften und den einen oder anderen Plunder vom Jahrmarktsfest. Selbst von Kempowski hab ich mich getrennt, mein Lieblingsautor, aber ich brauch das nicht mehr, hab ihn genug genossen, will im Alter nur griechische Philosophen und lateinische Tragiker lesen oder die weimarer Klassik und meine erlesene Sammlung unangetasteter Bände von Ludwig Tieck. Aber das ist alles nur der Anfang, erst drei Flurregale von vieren (im vierten nur noch zwei, drei Bretter voll) und ein Schrank im Arbeitszimmer, das an drei von vier Wänden Bücherregale hat, von anderen Zimmern (Ausländisches, Geschichte, Liederbücher, Musik & Kunst) noch zu schweigen. Aber die sind nicht so mottenträchtig, während auf der Wellershoff-Ausgabe von Gottfried Benn schon ein toter Käfer klebte, brauchte ihn gar nicht mehr zu klatschen - eindrucksvolles Totem für den Lyriker des Vergänglichen aus dem von ihm vertretenen Reich. Und wer weiß, welches Ungeziefer noch zwischen den Seiten sein Unwesen treibt, ich sage nur: die Buchstaben, die nachts lebendig werden und wild durcheinander... na, stellen wir uns das besser nicht zu genau vor. Kennt jemand hier die Querelles-Satire vom Streit der alten Bücher mit den neuen von Jonathan Swift? steht hinten in dem Ausländerregal, das kommt auch noch dran, denn ich hab schon vorher Gullivers Reisen gehabt, bevor die drei Swift-Bände aus der DDR kamen.


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  • Eigentlich wollten wir gar keinen Tatort mehr gucken, dabei wären wir besser geblieben. Hier, aus dem Gedächtnis zitiert, die Lieblingssätze von gestern:

    "Was haben wir? Das ganze Programm!" (Zugegeben, das wurde nicht so hintereinander gesagt. Erst fragt einer, ei, was haben wir denn da, in Stichworten sagt jemand den Fall auf und dann verlangt einer, der sich auskennt, dies, jenes - kurz, das ganze P.)

    "Attraktiver Weißkittel bringt sich mit Frauengeschichten in Schwierigkeiten." (Der Clou: das Mordopfer ist gemeint!)

    "Rassismus. Und immer die Angst!" (Das sagte, natürlich, ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe in fast gebrochenem Deutsch.)

    "All die Patienten, ihre Schmerzen, ihre Geschichten - wie stecken Sie das weg? Sie trinken!" (Stimmt. Darauf nahm ich mir einen Schluck Rotwein.)

    "Als Frau kann man an vielen falschen Orten geboren werden." (Und das sagte eine Frau.)

    "Du mußt das ganze auch positiv sehen. Du und ich, wir beide - wie in alten Tagen." (Das sagten die Seniorkommissare.)

    "Schönen Gruß von der Kostenstelle!" (weil der Mitarbeiter die ganze Nacht telefonisch ermittelt hat!)

    "Irgendjemand mußte ihn töten." (ist bei Filmhelden so...)


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  • Ice-Age-Eichhörnchen als RostskulpturAls Kunstsammler bin ich und bleToter Fuchs im Grüngürtelibe Veganer. Wohlgemerkt: das MALEN von Fleisch und Würsten (oder von Menschenhaut, hihi) hat ja noch keinem Gottesgeschöpf wehgetan. Ich denke an die prächtigen niederländischen Stilleben mit Hasen, Fasanen und Schweinsköpfen, die Bilder heißen ja ebenfalls Schinken, aber das Öl, was man da vermalt, beutet die Fauna nicht aus, oder? Halt, das Eitempera, das die Maler älterer Schule verrührten, ist sicher auch nicht vegan? Na schön, beschränken wir uns auf Zeichnungen und Aquarellschers. Und was ist mit "Hausenblase", eines meiner Lieblingswörter, die braucht man doch als Fixativ zartester Gouache-Tinten? Wie man heute las, ist das Angucken von millionenteuren Damien-Hurst-Skulpturen (aufgeschnittene schwangere Kühe, Haifisch in Gelee) wegen der dabei ausgasenden Formaldehyd-Moleküle auch gar nicht gesund. (By the way, ich kam als astronomisch interessierter Laie auch nie klar damit, dass es einen Stern namens Fomalhaut gibt, ich las immer ein "r" hinein, und dachte, ha, ha, der Form-Aldi-Hit wird dort als Nationalhymne gesungen!) Ich lese in meiner Morgenzeitung dazu den schon des Konjunktiefs wegen bedenkenswerten Satz: "Bei einer Messung von 5 ppm würden die Augen tränen und die Betroffenen ein deutliches körperliches Unbehagen verspüren." Na bitte, eine Gefahr für die kunstinteressierte Bevölkerung war nicht feststellbar und hat laut Präparatorenfirma zu keiner Zeit stattgefunden. Fischförmige Bank in ListAber was ist mit den Fachleuten, die das untersucht haben? Sicher sind die von irgendwelchen Tierschützern aufgehetzt worden, um auf Deibel komm raus schlechtere Meßergebnisse zu erzielen. So hat man auch den VW-Konzern kaputtgemessen. Sie hätten, so die Morgenzeitung, "Dämpfe des krebserzeugenden Gases festgestellt, die mit 5 ppm (Teile einer Million) ein Zehnfaches der zugelassen Dichte überschritten." Aber wieso überschritten 5 ppm gleich das Zehnfache der "zugelassen Dichte"? reicht die Überschreitung der zugelassen Dichte des Formaldehyddampfs nicht völlig aus, muss nun aus lauter Öko-Alarmismus nun noch das Zehnfache überschritten werden?

    Inzwischen waren wir wieder in der Oper, Don Giovanni, ganz ausgezeichnetes Gitter-Bühnenbild, Sänger taugten etwas, und die spielten auch klasse, manchmal wurde es zieEintrittskarte zum Hügelgrabmlich schnell und der Dirigent Franz-Xavier Roth hetzte mit überhöhter Geschwindigkeit durch die eigentlich per Metronom vom überhasteten preßtißißiimo herunterzutemperierenden Tempi.Quartzgranit im Steinzeitgrab Interessant ist, dass ihm der Korrepititor oder Inspizient oder wie das heißt, vor Beginn der Aufführung einen silbrigen BLEISTIFT aufs Pult legte, richtig mit Bleistiftspitze, in die Mitte der Partitur der Ofentüre, und ich denk, der notiert sich vielleicht das eine oder andere, nee! der nimmt ihn in die rechte Hand und dirigiert damit, zwischendurch kaute er auch mal daran, wie meine Liebste bemerkte. Ich hab schon John Elliot Gardiner dirigieren sehen, ziemlich locker, eine Hand in der Tasche und dann immer so Bewegungen, als wolle er eine eher kleine Superconstellation in den Landeslot einweisen oder auch mal, wenn es ganz wild wurde und Pauken und Gong eingesetzt werden sollten, so mit beiden Händen zwei Gänsefüßchen in die Luft malend. Apropos, neulich kam am Frühstückstisch bei uns die Frage auf, wieso niemand bei dieser neu entwickelten menschlichen Meta-Kommunikations-Regulierung die Gänsefüßchen NACHEINANDER in die Luft malt, immer werden sie gleichzeitig mit dem Aussprechen des in Gänsefüßchen zu setzenden Wortes abgemalt, bersonders gern von Oliver Welke in der Tagesshow. Soll man das so verstehen, dass alles auf einmal geschieht, Aussprechen des Wortes und gleichzeitig Infragestellen seiner Bedeutung in aller Eigentlichkeit? Man sollte vielmehr die Herkunft der Gänsefüßchen aus der Schriftkultur respektieren und sie schon mal Anführungszeichen nennen (das erste, ja, aber das zweite? Kein-Hundeklo-Schild in SyltAbführung? nee, lieber nicht, klingt nach Abführmittel, oder "Abführen, den Übelmann"; unterscheiden wir es in "öffnendes" und "schließendes Anführungszeichen"). Und zweitens sollte das erste Anführungszeichen VOR Aussprechen des Wortes mit der RECHTEN (jawohl!) Hand bzw. mit zwei Fingern derselben (Zeige- und Mittelfinger) in die Luft gemalt werden und das zweite mit der LINKEN, d. h. erst, wenn man es ausgesprochen hat, und keine Sekunde vorher. So lassen sich auch längere Zitate aus der wörtlichen Rede unmißverständlich als solche kennzeichnen, zu. B. Witze, oder satirische Beiträge. Deshalb erst das reche und dann das linke Patschhändchen heben, weil die "Leserichtung" des Ausgesprochenen für die UmstehendenGosch_alkoholangebot ja auch von rechts nach links geht, gelle? Hätte der Böhmermann das beherzigt, müsste er sich jetzt nicht vor dem königlich-preußischen Halsgericht verdrücken, das ihn bis zu fünf Jahre ins Loch schmeißen wird, wegen Majestätsbeleidigung. Der letzte, der damit zu tun hatte, war übrigens Gottfried Keller, der einer Freundin helfen wollte und die Korrekturfahnen der Bücher ihres verstorbenen Onkels, die in einem schweizer Verlag erscheinen sollten, danach durchsah, ob sie wohl in Preußen erlaubt sein würden, in dem Manuskript ging es vielfach um den neuen Franzosenkaiser Napoleon III., "da war es einfach", erinnerte sich Keller, "ich mußte nur unzähligemal das Wort Lump oder Schuft streichen", genutzt hat es nichts, die Bücher blieben verboten und der schweizer Verleger durfte sich entschädigungslos aus der Affäre ziehen und den weiteren Verlag der Bücher stoppen, der Rest dieser Serie erschien dann in Hamburg.

    Steinzeitgrab von innenIn Hamburg kamen wir mit dem Zug durchgerast, am Gleis in Altona mussten wir uns ganz schön abhetzen, um den privat betriebenen und daher auf das Zusammenspiel der Bundesbahn-Verspätungen nicht angewiesenen Inselzug noch zu erreichen, und so gelangte ich am anderen Ende meiner Lebensmitte doch noch mal auf den "Ballermann des Hamburger Bankenviertels", nämlich nach Sylt. Tatsächlich kommen die meisten Besucher entweder mit Hund, damit der mal richtig den Strand und die Dünen vollscheißen kann, (dafür gibt es an jeder Ecke Schilder, die besonders gern angepinkelt werden) - für mich als Hundehalterhasser eine gute Konfrontationstherapie - oder zum Saufen dahin. Schon morgens sind bei Sturm und Eisregen die Strandkörbchen voll mit Leuten und selten fehlt die Bierpulle, das Piccolöchen oder der kleine Feigling im extra dafür vorgesehenen Getränkedosenhalter. Die Kellnertruppe bei Wonnemeyer muss uniforme T-Shirts tragen, Wonnemeyer's Strandlokalauf der man die tröstlichen Worte "TRINKEN HILFT!" lesen kann. Ich erkläre mir das so, dass der protestantische Hanseat als solcher nicht gerne besoffen oder verkatert im Rinnstein seines Wohnviertels gesehen wird, dafür ist Sylt so eine Art Las Vegas in der Wattwüste, wo alles erlaubt ist, womit man sich die Kante geben kann (bestimmt wi. Und da der Hamburger an sich mit Geld umgehen kann, fehlt es nur an Spielhöllen oder schickeren Hotels wie Cesar's Palace, dafür holt man sich halt ein Krabbenbrötchen bei GOSCH, einer Imbißkette, die es inzwischen auch im Kölner Hauptbahnhof gibt. Meine Frau war ganz begeistert von einer hummerförmigen Tupperware, in der sie uns rosafarbene und sehr gut schmeckende Matjes eingekauft hat. Die Dose gab es umsonst dazu. Sie verkaufen auch Krebsfleisch dort, und fragt man den Koch, der das rosa Gewurstel im Wok hin- und herschiebt, wo die Krebse dafür her seien, sagt der mürrisch-ehrlich "vom Mississippi"!

    In Wenningstedt wollte ich eigentlich nur den Friedhof besuchen und verirrte mich dann selber in eine olle Friesengruft. Da sollenWenningstedter Friedhof mit Mimengrab Steinzeitleute die Riesensteine aus der Eiszeit, u. a. einen Rosenquartz, zusammengetürmt und rund 12 ihrer Leute dort beigesetzt haben. Hügelgrab bei WenningstedtDie technische Seite der Angelegenheit wurde uns ganz gut erklärt durch einen Ingenieur. Auf dem neuzeitlichen Friedhof des Orts hat sich ein Steinmetz getummelt, der sehr komplizierte Schreibschriften auf die Grabsteine meißelt. Wir fanden da auch das Grab eines Lieblingsschauspielers von mir, Heinz Schubert, den alle nur als seine Rollenfigur ("Ekel Alfred") gekannt haben. Als ich noch jung war, gingen ich und meine Freunde öfters in ein griechisches Restaurant, da stand einer am Tresen, von dem wurde gesagt, das sei der Schauspieler von Ekel Alfred, mit dem unterhielt ich mich mal. Er sei hier, sagte er, weil er in kölschen Eckkneipen sein Bier nicht mehr trinken könne, da würde er aggressiv angemotzt, was er denn seiner Familie wieder für einen Scheiß über Willy Brandt und die Polen erzählt hätte neulich. Da tat er mir sehr leid. Die Leute können zwischen der Fernsehwirklichkeit und ihrem meist ereignisarmen Leben gar nicht mehr unterscheiden, wenn einer, den sie vom Bildschirm kennen, stirbt, rufen sie die Angehörigen an und deklarieren ihr Beileid - sie glauben, ein Recht darauf zu haben, denn der Verblichene saß ja schließlich Abend für Abend bei ihnen am Eßtisch. Und bei Heinz Schubert war das besonders gemein, denn der war doch ein Schauspieler aus der Brecht-Schule, hatte am Berliner Ensemble gespielt, außerdem war er ein begabter Fotograf, der sogar schon auf der Documenta ausgestellt hat. Nun ist er von der WeNoch mehr Likörellen und Ottifantenlt, die nur zu oft die Bretter vorm Kopf bedeutet, abgetreten, in Wenningstedt unter dem Rasen. Ich hoffe, er hat dort den Frieden, deLikörellen-Galerie in Westerlandn er an der Theke der griechischen Weinlaube an der Alten Feuerwache gesucht hat.

    In Westerland aber fanden wir die Verquickung von Kunst und Schnaps in Gestalt der Likörellen. Diese Maltechnik hat der Musiker Udo Lindenberg erfunden, offenbar an der Hotelbar. Ist das Rathaus, in dem der NS-Kriegsverbrecher Heinz Reinefarth, beim Warschauer Aufstand als kommandierender Militär beteiligt, über zwölf Jahre das Bürgermeisteramt innehatte, schon beeindruckend genug (man hat dem Skandal eine sehr ausführliche Gedenktafel gewidmet, aber ich fürchte, außer uns liest sich das kein Tourist durch), schließt sich gleich daneben die Udo-Lindenberg-Galerie an. Auch Otto verscherbelt seine Ottifanten dort. (Aber nicht, dass man die Westerländer jetzt als Banausen hinstellt, sie haben einen sehr rührigen Kunstverein, wo wir noch kurz vor der Abreise tolle Textilkunst von Guda Koster sehen konnten, die sich immer selber darstellt und zwar meist mit textilen Oberflächen getarnt.) Wir waren ganz erstaunt, dass der Schriftzug "UDO LINDENBERG" den des Rathauses bei weitem in den Schatten stellte. Natürlich kann man sich auch die flüssigen Farben, die Lindenberg zum Malen benutzt, fläschchenweise als Souvenir mitnehmen oder gleich hinter die Binde gießen.


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  • Nee, Tuin, das ist kein Verschreiber für Turin und hat auch nichts mit Luis Tuinrin zutun, dem italienischen Stürmer der erotischen Europamannschaft. Bui in de tuin heißt (hoffentlich) "Regen im Garten", und plötzlich eintretender Dauerregen kann zum Besuch von Antiquariaten und Museen veranlassen. So taten wir's am letzten Wochenende und machten uns neugierig in die Niederlande auf. Mit den Kathedrale von s'HertogenboschNachbarn im Norden stand ich nicht immer auf dem Kriegsfuß, z.B. als ich mal bei Krakern in Amsterdam übernachtete, um meine Lieblingsgruppe, bzw. die Hälfte meines Lieblings-Duos bei einem "free concert" im Vondelpark spielen zu sehen, gefiel's mir ganz gut. Jetzt aber waren wir zum Garten der Lüste unterwegs, und der blüht z. Zt. in s'Hertogenbosch. Mit dem Namen fängt es schon an, in den Niederlanden selbst heißt der Ort "Den Bosch", so wie "Den Haag" oder im TV "Den Verclan" (ha ha). Teufelsplakat am Hertogenboscher DomAlso wie jetzt? Die Autobahn und selbst das gratis-Dixieklo auf der gottverlassenen Raststätte waren aber okay, und die Parkplatzsuche geradezu feel good, wobei wir dummerweise Geld einwarfen, das wir dann hinterher gar nicht mehr abgeparkt haben, so schnell verließen wir das Regennest wieder. Denn eigentlich (be)suchten wir in Den Bosch: Den Bosch, mit Vornamen Jherome, mit Nachnamen eigentlich van Aken (also Girolamo von Aix-la-Chapelle), mit dem latinisierten Vornamen hat er sich interessant machen, mit dem Nachnamen von seinen im Malergeschäft konkurrierenden Vorverwandten abgrenzen wollen. Dieser Hieronymus hat auf Umwegen auch mit meiner sündigen Jugend bzw. den Holländern zu tun, mit denen ich damals verkehrte, denn seit Huxleys "Die Pforten der Wahrnehmung" wurde gemunkelt, der Maler habe von gewissen, auch uns interessant erscheinenden Pilzen gekostet, bevor er den Pinsel in die Farbe tunkte.Kanal in Hertogenbosch mit Drachenskupltur Denn was der Bosch da so abbildet... also... das geht doch auf keinen Zeichenblock und jedenfalls kaum auf die Eichenbretter, die er zu bemalen pflegte (während alles, was auf Buchenholz überliefert ist, wie die Sieben Todsünden zum Bleistift, als Fälschung oder unauthentisch verdächtigt wird). In Bosch selber ist nichts von Bosch, und sollte man sich beim Betreten der Stadt ins "Bosch Art Center" verirren, sind da für 7 € nur großflächig aufgeblähte Reproduktionen zu sehen. Mit süßsäuerlichem Gesicht mußte das die Frau an der Kasse, die nur Englisch zu sprechen vorgab, einräumen und uns die richtigen Wege weisen. Bosch-Figuren im SchaufensterZahlreiche Originale (nicht nur, grade der Tuin der lusten, den der Prado nicht herleihen wollte, stammt auch nur von einem "follower" aus der Werkstatt des Meisters) befinden sich, jedenfalls während der jetzt laufenden Ausstellung, im Nordbrabanter Museum und das kostet sowieso schon mal 10 EUR und dann noch mal 12 EUR Bosch-Zuschlag, und "die Garderoobe ist niet in gebruik", wehe, man hängt seinen Mantel ungeschützt vor dem Klo auf (taten nachher natürlich Hunderte, wir waren in dieser ruhigeren Stunde die einzigen die weggeschüchert wurden) - kurz, man musste 4x anstehen, einmal vor der Kasse, wo halbstundenlang hektografierte Nachweise von komplizierten Ermäßigungstatbeständen diskutiert wurden (Hilfskräfte, second day on the job), dann vor dem Zugang, wo links ein Bosch-Devotionalien, Ei auf BeinenVip-Drängelgitter völlig leersteht, dann an der Garderobe, die längste, und schließlich vor dem Eingang und dann nochmal (wenn man so etwas will) vor den Audioguides. Ich halte die gleichzeitige Beschwallung beim Betrachten ja nicht aus, soviel Synästhesie muß nicht sein, aber die meisten Besucher stellen sich immer so lange vor die Bilder, bis die Beschreibung abgelaufen ist und jemand ins Ohr raunt, "jetzt gehen wir weiter und sehen linker Hand usw., usw." Ich muß aber zugeben, dank des Regens und weil es der zweite Ausstellungstag war, hatten wir keine Quälerei, und im Internet gottlob nicht reserviert wie die arme Frau vor uns an der Kasse, die um 11.00 mitgeteilt bekam, dass sie um 15.00 wiederkommen sollte, weil sie da reserviert sei und vielleicht wegen Regen früher angekommen war als daheim vor dem Computer geplant.

    Wir durften ohne Streit sofort rein und es ging jedenfalls anfangs noch mit dem Gedränge, natürlich verweilt man vor den überaus detaillierten Wimmelpanoramen länger, drei Reihen Betrachter waren die Regel, aber was da zu sehen war,Bosch-Motive auf Schreibwarenset und Schirmen ist nun auch ganz Kneipe mit Bosch-Motiven auf dem Vorerstaunlich und gehört zu den sieben Weltwundern der Malerei, würde ich sagen. Dalì, das war einst auch so ein Lieblingsmaler der Bekifften, von dem hab ich mal Telefonkritzeleien gesehen, die waren atemberaubend, aber er hatte doch längst nicht soviel Phantasie wie dieser Wahnsinnige, der außer dem ganzen Heiligen- und Bibelkram locker Dantes Höllenkreise, Ovids Metamorphosen, Shakespeares Komödien und Tragödien, einfach alles, was gut und teuer ist, in den Malersack steckt bzw. seinen Werken vermixt und die besten Szenen rauspickt. Sehr dankbar waren wir für den Hinweis des "art"-Rezensenten, der geschrieben hatte, man hätte gern eine Lupe dabei, wir zückten andauernd unsere Lupen und wurden von einer Wärterin angegiftet, weil sie glaubte, das seien Mini-Kameras (natürlich wurde von anderen Leuten auch handyfotografiert, das war aber anscheinend verboten). Egal, "the magic" läßt sich sowieso nicht fotografisch reproduzieren, und ich beschränkte mich bei der Bebilderung dieses Blogs auf die Stadt s'Hertogenbosch, die sich mit Souvenirs auf einen Wahnsinns-Ansturm von Devotionalienkäufern präpariert hat. Auch der Museumsshop war gut sortiert, bot Bosch-Wein, Korkenzieher in Vogel- und Fischform, Lampenschirme, Frühstücksbrettchen, Lesezeichen (leider keine Bosch-Schneekugel und leider keine Eierbecher auf Beinen), dass einem ordentlich schlecht werden konnte vor magersüchtigen Nackedeis jeden Teints, knickbeinigen Eiern mit Wurzeln, denen kleinere Drachen entschlüpfen, beerenverfütternden Vogelmenschen, sich selbst auf der Nasenflöte begleitenden augenzwinkernden Dudelsäcken und dergleichen.

    "Öh, das muss man mal auf dem Trip sehen", war zu Ende der 1970er-Jahre eine stehende Redensart eines Kumpels von mir, der als Schlagerfuzzi steile Karriere gemacht, inzwischen aber wohl auch wieder abgebaut hat. Keramik mit Bosch-FigurenDie Bosch-Ausstellung war selbst der Trip. Trödelladen mit Bosch-CollageBommi Baumann, der Ex-Terrorist, berichtete dem SPIEGEL, er habe sich "mal auf LSD in Wien vor das Jüngste Gericht gesetzt. Ganz alleine saß ich da eine halbe Stunde, bis ich endgültig auf einem Horrortrip war und rausrannte. Purer, schlichter Horror..." Feigling! Immer wird behauptet, Bosch habe nix wie Hölle, Folter und Dämonen gemalt, das stimmt so nicht, das gab es zwar auch, aber es hielt sich zumeist in slapstickhaften Grenzen, sonderbarer waren die Teufel: lustige Mischwesen aus Mensch, Tier, Pflanze, und bewaffnet mit Todespfeilen, Sado-Maso-Instrumenten und Musikinstrumenten - so viele verschiedene Formen von Knickhalslauten, Flöten und Dudelsäcken hab ich mein Lebtag bei keinem Altmeister gesehen! Vögel - makellos realistisch in den Farben und im Gefieder. Sonst sieht man bei diesen Altarbildern immer die Schwächen einzelner Malbeauftragter, hier sind Pferde, Bären, Schmetterlinge, Schächer,Bosch-Tüten und -Tickets Barrabas und Christus gelungen. Apropos, diese Kreuztragung mit der gehässigen, wohl auch antisemitisch getönten Menschenmenge war nicht unter den hier ausgestellten Werken. Dafür andere, auf denen ich sprechend ähnlich manche Gesichter hier aus meinem Wohnumfeld wiedererkannte. Aber dann wieder Fabelszenen und gemalte Sprichwörter, der Strohhaufen auf dem Weg hinab in die von gepeinigten Kirchenfürsten übervölkerte Hölle, dessen Zwischenwelt aber die ganz normale voller Mord und Totschlag ist (auf der Plastiktüte unten links wird einer "abgekehlt", François Villon lässt grüßen), und erst die Zeichnungen mit Gauklern (Hütchenspieler?) an Tischen, Landschaften, Nordbrabant-MuseumGalgenvögeln etc. Mit einer Deutung war ich gar nicht einverstanden, da wird großes Gewese um ein "Narrenschiff" gemacht, das war eine aus zwei zersägten Tafeln zusammengefügte Kombination, die aber eher ein Schlaraffenland zeigt und in demselben einen Suppentopf voller Mönche und Nonnen fressend und saufend, schwimmende Weinfässer, einer trägt eine Fahnenstange mit aufgespießtem Brathuhn, Klerikertracht liegt am Ufer, wo sich jemand in die nahrhafte Flut gestürzt hat - das kann man als Narrenschiff bezeichnen, hat aber doch mit dem literarischen auf dem Rhein kursierenden Isolationskahn für Andersartige und Bekloppte nicht viel zu tun, auch nicht mit der engstirnigen Humorlosigkeit des Narreteien aufzählenden Moralpredigers Brant, dagegen erscheint der gar nicht vermuckschte oder, wie behauptet wird, fundamentalistische Bosch als Humanist, voll warmer Liebe für die Vielgestalt und den Überraschungszauber der (von seiner überbordenden Phantasie bereicherten) Schöpfung.Deko an der Kindertagesstätte

    Wir hielten uns ungefähr zwei bis drei Stunden auf und sahen uns nach und nach alles an, auch filmische Visualisierungen paralleler Bildmotive, die manches klarer machten, besonders seltsam am Schluss die "Erlösungsröhre", so eine Art Trichter, an desAusverkauf im Andenkenladensen Ende gleißendes Licht ist und sonst nichts, soll das der Tod der Seligen sein? Die andern werden natürlich hinabgestürzt in den Höllenschlund nach Art des Schüttelreims aus der Feder von Christof Stählin: Oben winkende Gestalten - unten stinkende Gewalten. Das alles aber wirkte überhaupt nicht bedrückend wie in der mittelalterlichen Altarbildnerei mit Kreuzwegen und Martyrien, wo der blutende magere Jesus wie ein Muselmann im Konzentrationslager aussieht, bei Bosch ist selbst das Evangelium nicht so zwangsläufig geschildert, nicht ideologisch verkarstet wie die Barockmalerei, es verdutzt und gruselt und verwundert, scheint aber nicht von Rachedurst oder Moralismus durchätzt, sondern von der Gelassenheit des Weisen geprägt, der seinen Blick nicht abwenden kann und uns zeigt, was er sah: So ist sie beschaffen, diese Welt, mit allen Grausamkeiten, Gier, Korruption, Liebe, Lüsten, Trieben, Seltsamkeiten, Ambivalenzen! Darum hole ich mir diesen abgebrauchten, nach kommunistischem Mottenpulver riechenden Begriff des "Humanismus" aus dem Arsenal, mit dem früher jeder, der nicht auf Stalin schwor, vereinnahmt wurde. - Im strömenden Schraffurregen besichtigten wir dann nur noch ganz kurz die Stadt, fotografierten die Auslagen und fuhren bei unaufhörlichem Weiterregnen von dannen. Apropos Niederländer und rechnen mit "vollen Zahlen", die Postkarten, die meine Frau im Museumsshop erstanden hatte, kosteten insgesamt 7,10, da wurde mitnichten abgerundet, bewahre, dafür hat ein Tankwart in Haps (merkwürder Ortsname), wo ich für 20,01 tankte, nicht auf den Pfennig gesehen. Vielleicht wollte er nicht in die Boschhölle kommen?


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