• Wenn man nicht grade auf dem Land lebt, gibt's eigentlich immer in der Nähe irgendwelche Kulturangebote, bloß geht man nie hin. Wer selber gelegentlich zu Lesungen, Ausstellungen und dgl. einlädt, kennt das. Immer ist irgendwas anderes wichtiger. Selbst wenn es nix kostet, die Theaterkarten gleichzeitig für Busse und Bahnen gelten und man schon eine Ewigkeit nicht mehr in der Stadt war - gähn, irgendwie geht der Feierabend vor, und ein andermal ist ja auch noch Gelegenheit. Dabei sind die meisten Kunstmomente ausschließlich im Hier und Jetzt möglich, und wer nicht kommt & live dabei ist, kriegt das Beste nicht mit. Nehmen wir nur die Musik! Und da wollen die meisten auch nur, wenn schon, denn schon, ins Musicaldome oder zur Arena in Verona oder aufs Heavy-Metal-Festival nach Wacken (oder in den Film zur Musik) oder zu diesem TV-Kabarett-Heini hart an der Grenze, dessen Programm sie doch von Rundfunk und Fernsehen schon in- und auswenig kennen. Erlebt man auch bei Lieblingsfilmen: Manche NacLandesjugendorchester Schleswig-Holsteinhbarn bewegen die Lippen, weil sie den Text mitsprechen. Klar, keiner will als verschnarcht gelten, alle haben das neueste App auf dem Ultra-Smartphone. Aber wehe, jemand kommt ihnen mit sogenannten "Neutönern" (von Klingeltönen ist hier nicht die Rede), grusel, grusel! Wenn sie sich überhaupt mal in ein e-Musik-Konzert verirren, soll das schön Tschaikmozarthoven und Händelsohn-Bacholdy sein. Das allermodernste, was sie sich antun, ist vielleicht ein klitzekleiner Strawinsky, der muss aber auch schon zwischen zwei dicke Ohrwurmbrötchenhälften mit Klassikertunke gepackt werdAuftritt des LandesJugendEnsembles Schleswig-Holsteinen, am besten gleich als zweites, oder drittes Stück (damit nicht alle schon bei den ersten Takten türenschlagend rauslaufen) und erst nach der Pause kommt der Promiteufelsgeiger mit der Punkfrisur und dem entzückenden Vier-Jahreszeiten-Vivaldi. Wie gut, dass es die GEMA gibt. Wenn die Leute, die über GEMA-Gebühren stöhnen, wüssten, WAS damit alles finanziert wird, sie würden sich noch vor dem Grabe rumdrehen bzw. freiwillig reinhopsen: z. B. Konzerte für (brrr!) zeitgenössische Musik! Aus einem besonderen Fond kann sich der Künstler,"Thoughts of ChAnGEs" von Krampe der es mit einer Komposition der Gegenwart aufnimmt, was abholen, um die Aufführung zu finanzieren! Dasselbe mit den Rundfunkgebühren, die GEZ-Kohle ist auch nicht nur dafür da, die Dienst-LKWs zu betanken, mit denen hochdotierte Intendanten tonnenschwere Ladungen von Bambis, Grimme- und Echo-Preisen zur Abwurfstelle transportieren, sie finanzieren damit auch, höret und staunet, Musik der Gegenwart! Selbst der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien hat dafür eine offene Börse, und bezahlt mit den so dringend für die Bankenrettung benötigten Steuergroschen das atonale und unrhythmische Gefiepe, Gejaule und Getrommel.... Und weil das ja bekanntlich kein Mensch hören will außer ein paar Frequenztechnikern, bekifften Dadamaxen (die sich hierzulande gern mit einem fröhlich schallenden "Max Ernst!" verabschieden, worauf man mit "Max Bruch!" antworten muss) und sonstigen Wirrtuosen aus der Musikhochschule, locken Sender wie der Deutschlandfunk dann auch noch mit kostenlosem Eintritt, wie wir jetzt erfahren durften, sowie Gratis-Sekt, -Saft und -Kaffee in die Säle! So geschehen letzten Samstag im Raderberger Kammermusiksaal beim "Netzwerk Neue Musik" unter dem kryptischen, Außenstehende und Uneingeweihte von vornherein abschreckenden Slogan "08*n*n*m*11". Sollte das wohl heißen, es findet 2011 zum 8. Mal statt? Hier und in der Kunststation St. PeterAuftritt des LandesJugendEnsembles Schleswig-Holstein gab es allerlei von Mauricio Kagel (das berühmte Zwei-Mann-Orchester, komponiert im Zeichen erster Einsparmaßnahmen als Auftragsarbeit zum Thema "Zukunft des Orchesters" für Donaueschingen), John Cage und Yannis Xenakis zu hören. Im Rathaus-Glockenturm ertönte am Samstag um 12 noch Karlheinz Stockhausens Tierkreis. 12 Melodien der Sternzeichen, aus dem mir mal die nette US-Flötistin und Stockhausen-Schülerin Camilla Hoitenga privat vorgespielt hat (eines der Tierkreise ist ihr gewidmet, wenn ich mich recht entsinne). Gut, alle drei Komponisten sind keine ganz unverbrauchten Schößlinge mehr, sondern gestandene Festmeter in der Baumschule der Klassischen Moderne. Aber trotzdem: "Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Die Plätze sind begrenzt - wir empfehlen frühzeitiges Erscheinen", haha! da lachen ja die Hühneraugen, so drohte man wie Kindern mit dem Zeigefinger auf den Flyern und Plakaten, aber außer uns zweien und waren grad noch fünf, sechs bebrillte pensionierte Alt-Existenzialisten (schwarzer Rollkragenpulli!) gekommen, die übrigen Enthusiasten hatten ihren Messestand im DLF-Foyer zu betreuen, kamen von der Redaktion der Zeitschrift für Instrumentenbau oder gehörten dem zahlreich aus Schleswig-Holstein erschienenen Orchesternachwuchs an, der gleich aufspielen sollte, nach der Podiumsdiskussion, die kaum beachtet im Hintergrund plärrte. (Aus Kiel war eine Playmobil-Ausstellung angereist, die Werke von Mauricio Kagel mit einer Straßenlandschaft, Autos, Fahrrädern, vielleicht auch Stuttgart-21-Demonstranten kombinierte.) Leider gab es, als alles saß, eine selbstverliebte Endlos-Laudatio des Redaktionszuständigen - man umhalste sich und übergab CD-Pakete - auf den mutmaßlichen "Macher" des Festivals, der daran erinnerte, wie man den Verein, der es veranstaltet, in einem schalldichten WDR-Konferenzraum gegründet habe, ich weiß es noch wie gestern, als zur selben Zeit das Sturmtief Kyrill das Gerüst vom Kölner Dom ins darunter liegende Dionysos-Mosaik krachen ließ, und jetzt, wo man sich im DLF treffe, wüte Sturmtief Joachim, aber der DLF-Turm stehe noch usw. usf. Aber irgendwann war das anekdotische Gesabber von Anno Dunnemals vorbei und konnte die "Jetztmusik" starten: Varèse & Boulez waren schon am Nachmittag drangewesen, man begann mit John Cagens Variations I, dann ein mir bisher ganz unbekannter Robert Krampe, der 1980 als Stipendiat der Villa Massimo geboren wurde (na schön, von John Cage weiß ich auch hauptsächlich, dass er mal für den WDR eine aleatorische Komposition nach den Ergebnissen seiner I-Ging-Stäbchenbefragung zusammengewürfelt hat), und dann wieder Cage: Konzert für Orchester und "präpariertes Klavier", was ich besonders liebe, weil wir das im Musiksaal unseres Gymnasiums auch immer gern gemacht haben, z. B. ein Plastiklineal in die Innereien des Flügels legen, um die Kieler Kagel-Aktion im DLFReferendare zu schocken. Obwohl ich immerhin eingestehen muss, dass es nachträglich gesehen vielleicht ein Fehler war, sich durch entschlossenes Falsifizieren der Tonlage beim Vorsingen vor dem Schulchor zu drücken, immerhin gehört ein großer zeitgenössischer Komponist zu meinen Mitschülern, der heute gern mal in New York, London oder Peking dirigiert, er hieß so ähnlich wie Krawuttke, und mir fiel fast der Kitt aus der Brille, als es mal im Radio hieß, die Philharmoniker brächten nunmehr Werke von Beethoven, Rachmaninoff und Klauspeter Krawuttke zu Gehör... so weit hab ich es als Bänkelsänger nicht gebracht. Nun aber dirigierte mit schwungvoller Gestik ein Mensch namens Johannes Harneit das ca. 25köpfige LandesJugendEnsemble Neue Musik (die schreiben das so, mit den unvermittelt das Wort aufsperrenden Großbuchstaben), und der ließ die Quietsch-, Jaul- und Blubbertöne und perkussiven Knaller wie mit Zauberhand herauswachsen aus vielen Instrumenten. Wobei das Stück von Krampe (Thoughts about ChAnGEs), vermutlich als hommage in den Tonarten "C A G E", eben nicht dirigiert wurde und daher besonders anspruchsvoll war, denn die Musiker sollten möglichst zwanglos auf der Bühne herumlümmeln und ihre Einsätze kamen danDeutschlandfunk am Abendn ziemlich unvermittelt, man guckte sich so um und zack, schon war mit "plidderdamplom" die Harfe, "dremmeldibumm Klickboms" das Schlagzeug oder "bröööööööööötz" mal wieder die Basstuba an der Reihe. Im Cage-Finale wurden zwei weiche Bleche hochgehalten, wie sie sonst der Theaterdonnerer zu brauchen pflegt: wudel-wudel-brommelbrommelBROMM!, das fiel sehr ins Ohr. Mit Inbrunst bearbeitete hierzu Solistin Ninon Gloger die Klaviatur, doch statt perlender Brillianz kamen, dank präparierter Saiten, nur mehr gequälte, stumpfe Ächzer aus dem Flügelkasten. Und die hübsche Harfenistin mit dem langen Haar hätte sicher lieber melodische Weisen gezimbelt, anstatt nur ab und zu mit der Hand hineingreifen und "twäng" machen zu dürfen. (Warum hab ich eigentlich noch nie eine geschorene Harfenistin mit Irokesenbürste gesehen? Wegen Pentangle: "They took three locks of her yellow hair, / Lay the bairn tae the bonnie broom, /And wi' them strung that harp so rare..."?) Aber alles in allem war es sehr angenehm zu hören, wirklich. Ein bißchen wie Strecken und Recken nach langer Bettlägerigkeit: Ungewohnte Klänge im Ohr sind auch ein Genuß! Die seltsamsten Fiorituren und unvermutete Konsonanzen... Kaum zu glauben, dass das alles streng nach Noten in der Partitur stehen soll. Bei den letzten Variations von Cage vor der Pause wurde mir wohl etwas zu meditativ zumute, da duselte ich im Zuschauersessel ein - das passiert mir, sei's Tosca, sei'sTraviata, selbst in den schicksalhaft-tragischsten Opern - und schmatzte selig und satt (war wohl der Schampus, der mir noch auf den Lippen lag), bis meine Frau mich mit dem Ellbogen anstieß, ansonsten blieb ich aufmerksam und konzentriert sitzen, hatte richtig Spaß an der Sache und nicht die mindeste Neigung, türenschlagend aus dem Saal zu stürmen.

    Die Musiker waren jedenfalls mit Feuereifer und rührendem Ernst bei der Sache, handhabten ihre wunderschönen Instrumente mit der jungen Menschen nun mal eigenen und eine Zeitlang fast unveräußerlichen Grazie und, wie meine Mutter immer sagte: "Was man mit Butter und Eiern verdirbt, das kann man immer noch essen!" Dieser Satz scheint mir vollumfänglich auch für die Neue Musik zu gelten. Und dann auch noch bei freiem Eintritt und mit Gratissekt - das lassen wir uns nicht mehr zweimal sagen!


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  • Wie vorgestern angedeutet, bin ich ein eher gleichgültiger Besucher von Weihnachtsmärkten; kaum, dass ich mal eine Freundin auf einen Nachmittag durch die Buden begleite. Kölner Dom und Eingang zum MarktAußerdem dachte ich, in Köln ginge das Treiben der Händler im und vor dem Tempel so recht erst mit dem ersten Advent los - weit gefehlt, denn auch hier eröffneten letztes Wochenende die Geschäfte, über die Titanic lästerte: "Die Anleger stehen Schlange, um in verkohlte Bratwürste, versalzene Champignonpfannen und verranzte Batiktücher zu investieren. Dabei wird es ihnen nicht gerade leicht gemacht: An den Gebrannte-Mandeln-Buden gibt es so manche harte Nuß zu knacken, und wegen der überhitzten Konjunktur drohen mancherorts Investitionsstaus, besonders bei Crêpes und Gürtelschnallen mit Harley-Davidson-Logo. Gegen Abend geraten die Märkte dann überall ins Trudeln. Denn auch die Verbraucher legen ihre Konsumzurückhaltung ab und machen ihr Erspartes flüssig – erst an den Glühweinständen, anschließend dahinter." - Und nun sehe ich mich zum eigenen Erstaunen schon zum zweiten Mal in diesem Jahr auf einem Weihnachtsmarkt schlendern, in Begleitung meiner Liebsten, die wenig Lust auf Glühwein, aber Appetit auf eine Frittatensuppe verspürte. Kurz zuvor waren wir im Museum Ludwig gewesen, bei einer Führung durch die Ausstellung "Ich und ich und ich". Sie zeigt Fotografien von Picasso (nicht solche, die er geknipst hat - falls er je fotografiert hat, wurde das verschwiegen -, sondern mit ihm als Motiv), und standen noch ganz unter dem betäubenden Eindruck kubistischer Farben und Formen der Picasso-Abteilung, Sternenzelt am Weihnachtsmarktdurch die wir in der letzten Viertelstunde vor Schließung des Museums noch eilen mussten. Komischerweise kann ich nach Picasso keinen Dalì mehr sehen, obwohl er unzweifelhaft ein Genie ist, aber nach Picassos leicht-luftig-spielerisch hingeworfenen Konturen und Gesichtern und Stilleben etc. wirkt die handwerkliche Meisterschaft, ja Exzellenz Dalìs irgendwie kleinlich. Seine Bilder, die ich ohne vorherige Picasso-Sichtung atemberaubend großartig finde, bedrücken den Betrachter durch ideologischen Krampf. Übrigens sind die Fotos, die Picasso zeigen, fast ausschließlich Stand der Anonymen Alkoholiker am Weihnachtsmarktschwarz-weiß und gelegentlich auch ziemlich verkrampft, z. B. waren die Porträts von Man Ray ein durchsichtiger Versuch, aus dem katalonischen Zeichenlehrerssohn den avantgardistischen Heros schlechthin zu stilisieren. Rays Bearbeitungen von Originalfotos sind zu sehen, bei denen der Aschenbecher (den der kettenrauchende Picasso andauernd benötigte) herausgefiltert wurde, und die mit Licht konturierten Seitenprofile des Meisters hätten jeder NS-Illustrierten als Titelbild Ehre gemacht. Wie Bertolt Brecht putzte sich Picasso für jedes Foto eigens heraus, machte Faxen und Grimassen, von beiden gibt es kaum Bilder, auf denen sie "gewöhnlich" oder auch nur wie ganz normale Zeitgenossen aussehen. Bei Picasso sind es übrigens die wenigen Farbbilder aus dem Alter, da wirkten selbst die magischen Maleraugen nicht so schwarzglänzend, die ganze Figur sah ein bißchen aus wie ein (beleibterer) Werner Finckh! Schaute er in die Kamera, war das fast immer eine Session zur Selbstinszenierung. Er liebte die Hüte, die ihm seine Besucher mitbrachten, zB. Gary Coopers Cowboyhut. - Nun wollten wir noch den Film Testament des Orpheus sehen, von Jean Cocteau (der Picasso schon in den zehner-zwanziger Jahren des 20. Jhds. fotografiert hatte), aber der lief erst 19.00 an und uns blieb eine Stunde zum Flanieren. Und da war ich denn doch beeindruckt von dem sternenglänzenden Himmel, der vor dem Museum das Weihnachtsmarktgeschehen und den gesamten Roncalliplatz überwölbt. In Wahrheit ist das Lichterzelt der Petticoat des aus zahlreichen Einzelbäumen getürmten Riesen-Tannenbaums, der in der Mitte steht. In der Mitte eine Bühne, auf der sanfter und gar nicht unebener Jazz geswungen wurde. Ein mächtiger Arc de Triomphe aus LED-Kerzchen am Eingang, verstellt von Rädern, die ja auch irgendwo geparkt werden müssen. Selbst die Buden todschick gestylt, edles Mahagoni, möchte man meinen, und erst das Angebot, da scheint man wohl den gröbsten Kitsch durch gnadenlose AuswahBühne mit Jazzband auf dem Weihnachtsmarktl rausgehalten zu haben. Kunstwerk vor dem Museum LudwigOffenbar hat sich herumgesprochen, dass die vielen Holländer und Engländer, die Köln zum Einkaufsbummel besuchen, doch etwas anspruchsvollere Kunden sind als man früher dachte. Natürlich bot man das übliche Sortiment an: Karten, Kerzen, Kugeln, Mobilés, kunstgepunzte Türschilder mit Namensgravur (bis 20 Buchstaben kostenfrei, würde für unsere beiden Vor- und Nachnamen nie reichen), Nußknacker, Holzfigürchen, Vogelstimmenflöten, Trüffelpralinen, Briefbeschwerer, Tischflammenwerfer als Kaminersatz und jede Menge anderen Plunder, aber alles einigermaßen gute Qualität, wie es schien; selbst das gastronomische Angebot war interessant: Fried Fish (englisch beschildert) wurde aus zertifiziert überfischungs-geschützten Gewässern mit "organic remoulade sauce" angeboten, "in an organic role", aber viel los war nicht an dieser Bio-Theke. Mehr Leute entschieden sich für eine standby-Fondue, die in kleinen Plastikschüsseln im Körbchen serviert wurde. Und am Österreicher-Bergwelt-Stand, wo die Köche und Serviermänner alle komische Wildererhüte trugen (die Frauen waren davon entpflichtet, wie es schien), verzehrte ich einen Germknödel und meine Liebste ihre Suppe. Lustig und eigentlich traurig (wir einigten uns dann auf: "zielgruppengerecht") war der "Aktionspavillon", den sich die Anonymen Alkoholiker neben dem umlagerten Glühweinstand gesichert hatten. Es gab allerdings an manchen Buden alk-freien Autofahrerpunsch, den christmas market addicted teachers beim Klassenausflug den StudierendenPicasso von vorn spendieren könnten. Wir spazierten nach dem Knödel- bzw. Suppenverzehr noch über die Plattform hinter dem Römisch-GePicasso seitlichrmanischen Museum, wo sich schon wieder ein temporäres Kunstwerk breit macht, diesmal ein weißlackierter Pinocchio auf einem hohen Stuhl unter einer periodisch aus- und angehenden weißen Laterne, und was sehe ich, an die Laterne wurde eine Leuchtreklame-Zigarette montiert. Überall ist die Nikotinwerbung verboten, nur nicht in der modernen Kunst und in der französischen Cinéasten-Filmszene. (Auch im "Casablanca", wo ich neulich aufspielen durfte, ist leider noch bis 31. Dezember das Rauchen erlaubt, dann endet die NRW-Toleranz gegenüber fingierten "Raucherclubs".) Denn es war auch bald Zeit, in die ehemalige Cinemathek zu gehen bzw. deren Ausweichquartier, das nach dem frühen Ableben des Leiters der Cinemathek schwuppdiwupp zum Museum Ludwig eingemeindet wurde und heute nur noch künstlerisch hochwertige Filmkunst zu teuren Eintrittspreisen zeigt. Szene aus dem Testament des OrpheusUnd da begegnete uns nicht nur ein sichtlich gealterter, aber immer noch von schönen Jünglingen umgebener (hier: Edouard Dermit) Cocteau, natürlich schwarz-weiß, und dieser, na, wie heißt er noch, der ältere Herr da auf dem Bild, den dritten von links meine ich, der kahlköpfige Renter mit Schwiegersohn und Enkeltochter hinter der lametta-behangenen Absperrung der Weihnachtsmarkt-Arena von Kölle, es will mir nicht einfallen, wem sieht er denn ähnlich, ach ja, hier schaut er einen von vorn an: Paul Ruíz! Andere gute alte Bekannte, die auf der Leinwand erschienen, waren z. B. Yul Brunner, Charles Aznavour, Maria Casarès (bekannt als dunkelhaarige Rivalin der Garence in Kinder des Olymp), Jean Marais (vom Orpheus zum Ödipus gewandelt) und der damals noch im Flegelalter befindliche Jean-Pierre Léaud. Der Film endete dann, indem die Blume, um die es in dem Dialog links im Bild ging, sich rot färbte wie das Blut des von Pallas Athene mit dem Speer rücklings aufgespießten Poeten. Und im Vorspann und Abspann die Lieblingsdroge der Surrealisten, natürlich auch während des Films von Cocteau in 19.-Jhd.-Kluft, von der Casarès weidlich genossen - Zigarettenrauch, in nikotingrauen Schwaden, geisterhaft wolkig aufblühend und ewig wandelbare Figuren bildend, die Picasso mit Licht, Cocteau mit Tafelkreide skizziert haben könnten.


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  • Zwar war ich in diesem Jahr mal wieder nicht auf der Buchmesse, mein letztes übersetztes Buch liegt ja auch über fünf Jahre zurück, aber zum bescheidenen Ersatz bin ich am Sonntag mit meiner persönlichen Art-Directorin ins Rechtsrheinische auf die Buchbindermesse gefahren. Im letzten Jahr war sie wegen des Umzugs leider nicht hingekommen. Daß es paper addicts gibt, weiß ich von mir selber, aber so einen Trubel rund ums Material, aus dem die Träume sind, hab ich mich nicht vorstellen können!Gremberger Bahndamm Es fing damit an, dass man in dieser (verhältnismäßig öden) Gegend, in die ein Alexander-von-Humboldt-begeisterter Industrieller eine Arbeitersiedlung setzte (im Geist der Humanität und Volksbildung, natürlich nach Feierabend und ohne vollen Lohnausgleich) und nach dem Namen seines Lieblingsschriftstellers benannt hat, nicht mal einen Parkplatz bekam. Köln gemeindete diese Gegend 1888 ein und ist damit die einzige mir bekannte Stadt mit einem Viertel namens Humboldt (Städte, die so heißen, gibt's in Südamerika, USA und Australien genug, und "zahlreiche Gewerkschaften...erhielten Benennungen nach Humboldt", heißt es in dem Werk "Werk und Weltgeltung", aber damit sind bergrechtliche Kapitalgesellschaften gemeint). Da aber die Fabrik unter dem alten Namen (Klöckner Humboldt Deutz) Papiermesse in Kölnein Milliardengrab geworden ist und inzwischen nur noch Deutz AG heißt, nennt man das Viertel heute Humboldt-Gremberg. Uns fielen jedenfalls am Bahndamm der Lüderichstraße (Lüderich = Bergbaugebiet im Bergischen) die merkwürdigen Kacheln mit Adlern und kölner Wappen auf, Messehalle für Buchbinderoffensichtlich aus Keramik und irgendwann restauriert, aber ihr Geheimnis habe ich noch nicht lüften können, Google weiß auch nicht alles!
    Alles, was über Buchbinderei, Papier, Linnen und Leder Bescheid weiß, hatte sich aber in der winzigen Grundschule versammelt, in der man schon 2,50 Eintritt zahlen musste, um auch nur die heiligen Hallen betreten zu dürfen. Einen Sitzplatz in der Caféteria konnte man damit nicht erkaufen, die war knüppelvoll und blieb es, und die Schulkorridore und Klassenräume wimmelten vor Bücherwürmern. MelkpakboekjeDie Schöpfung aus PapierJeder durfte mal versuchenDiese Buchbinder-Messe ist merkwürdigerweise eine Erfindung der Niederländer und findet jährlich, aber nicht bei denen (klar, die wollen ihr Zeug anderswohin verscherbeln), sondern in Sint Niklaas (Belgien) und eben in Keulen statt. Kaum hatten wir die Kasse passiert, da kriegte meine Begleiterin auch schon so ein merkwürdiges Funkeln in den Augen (wie die Fensterscheiben brennender Irrenhäuser, hätte Arno Schmidt gesagt), und nun wurden Ballen & Auslegeware angefasst und umgelegt und Farbe, Riffelung, Laufrichtung und Einschlüsse begutachtet. Wasserzeichen selber setzenAngeblich hat man in China schon um 1000 v. Chr. Papyrusblätter zu einem Fasergeflecht verarbeitet, 60 v. Chr. gab es dort bereits Papier, und erst 800 Jahre später verrieten chinesische Gefangene das Geheimnis der Herstellung den Arabern. Bis dahin schrieb man jedenfalls im Mittelalter noch auf Kalbeshaut (die gab es hier auch, im ersten Stock). Wie alle Kölner erstmal nur auf Schnäppchen aus, hatten wir Glück: Schon im ersten Stockwerk verscherbelte einer "Restpapier" für 1,- € den Bogen, genau das erwünschte, "rough" und knitterig, mit unordentlichen Einschlüssen und Maserungen. Sonst konnte man hier gut und gerne fünf bis zehn Euro für gute anderthalb Quadratmeter Feinstpapier von köstlichster Glätte - bzw., für Erotomanen, mehr oder minder sanft gerillt, gerauht oder genoppt - ausgeben. Umweltpapier gab es auch, aber nur ganz vereinzelt in einer Ecke, denn die Fabrikation von farbigem oder auch weißem Papier, den Ökos sei's gestanden, ist eine wenig umweltfreundliche Angelegenheit, hat viel mit Chemie und Sauerei zu tun, weil man den Grundstoff (Lumpen, Altpapier) erstmal auflösen und zerstören muss.Anbietung: Kuhmagen! An den Marmorierungen konnte man sich allerdings kaum sattsehen! Die mit dem teuersten Papier, wo wir gern ein Blatt erstanden hätten, war hinterher nicht da, ihr Vertreter wußte nicht Bescheid und der Bogen, den wir wollten, war nur halb so groß, weshalb wir auch nur die Hälfte blechen wollten - da es nicht aufzuklären war, haEnzyklopädisten-Lederben wir Verzicht getan, selber schuld. Wir kauften 2 hübsche Blätter bei Franzosen aus Burgund. Natürlich wurde auch Papier hergestellt (eine ziemlich nasse Angelegenheit). Dass es anderersRochenhäute auf der Buchbindermesseeits Recycling von Müll und insofern doch nicht ohne Öko-Aspekte ist, sah man am nächsten Stand: Ein Asiate bot nicht nur Notizbüchlein & Portemonnaies aus gebrauchten Milchtüten an, der machte auch Papier aus allerlei Müllkram, sehr pittoresk anzuschauen. Erst wusch er die Milchkartons mit Seifenlauge und rubbelte dran, bis das Plastik abging. Dann kam der Papieranteil der Tüten in einen ordinären Mixer, um "Pulpe" zu erzeugen. Die wurde auf so eine Box mit Gitterfenster gelegt (er verkaufte die Kästen nebst Anleitung), nach einer Weile durchgeseiht und "gegautscht", d. h. was oben blieb, auf billigen Spültüchern getrocknet, er legte das Ergebnis dann auch noch in die Mikrowelle (die Holländerin, die dasselbe im Erdgeschoss unter Hinzufügung von Wasserzeichen unternahm, hatte eine Bügel-Plättpresse), um es zur Mitnehmreife zu trocknen. Natürlich wurde auch anderer Stadien der Buchherstellung gedacht - nur das Schreiben war etwas unterrepräsentiertMeßbuchbeschläge mit einem einzigen Kalligraphie-Stand - , beispielsweise gab es einen Experten für Beschläge, wie man sie von alten Meßbüchern kennt (er machte auch Familienwappen und Stammbäume). Es ist wirklich ein besonderer Menschenschlag, der sich hierher verirrt. Es scheint vor allem ein Frauen-Hobby zu sein (obwohl auch der eine oder andere bejahrte Papiermann oder Buchbinder hinter seiner Presse stand und aufpasste, den Graubart nicht einzuklemmen). Ich hörte junge Punkerinnen begeistert über Holzgehalt dieses oder jenes Bogens, über Flexibilität und Leimstärken reden. Bei einem Stand redete ich selbst drauflos und erklärte dem Pfälzer, der da "Beutelbücher" feilbot (wie sie auf mittelalterlichen Altarbildern die Pilger häufig tragen) die Sache mit den Bücherflüchen, dass man früher den "Kettenbüchern" in den Klosterbibliotheken auch gern mal eine Verwünschung einschrieb desjenigen BöseTierhautwichts, der das Buch trotz aller Verbote klaut, statt vor Ort zu lesen. Allerdings ist derjenige mehr zu fürchten, der brav bezahlt, aber das Geld auf verbrecherische Weise erwirbt - cave Magister Tinius! Alles lauschte aufmerksam, ich hatte sofort ein Publikum.
    Die Abteilung "Leder" war so recht etwas für Bucherotomanen, und ich freute mich, daß es nach Diderot benanntes Maroquain und Ziegenleder nach Art von d'Alembert gibt: peau de chagrin des encyclopédistes, das hätte mancher Kleriker des 18. Jahrhunderts gern mal angefasst! Schließlich gab es noch einen Stand, der eine "Anbietung" (nee, nicht "Anbetung der Hirten") vom Kuhmagen und  abgezogenes "Leder" vom Rochen feilbot. BuntbindfädenLetzteres eigne sich nicht so gut zum Buchbinden, belehrte mich eine junge Dame, weil die winzigen irisierenden Schuppen abplatzen, aber ihre Freundin, Goldschmiedin aus Düsseldorf, versicherte, man fertige der treue Hund des Lesebändchenflechtersbrauchbare Armbänder aus diesem Material. Ein paar Stände weiter saß übrigens ein Hund ganz brav unter dem Tisch eines Mannes, der Seidenbänder verkaufte (vielleicht sollen das Lesebändchen werden?), wie mancher Branchenkollege wird schon begehrliche Blicke auf das wirklich schöne Fell des Tiers - im Bild leider etwas verwackelt - geworfen haben. Nach ein, zBuchbindermesse, Workshopangebotwei Stunden verließen wir die Messe mit rollenweise Rohstoff unterm Arm, für Scherenschnitte, versteht sich. Ich habe mir aber auch für 3 € marmorierte Restpapierchen gekauft, die bei entsprechend großem Format für Bucheinbände alter Art geeignet gewesen wären, durch deren tintiges Gewölke ich bisweilen ins Lampenlicht schaue, und die gepünktelten sehen sommersprossig am ganzen Leibe aus, wie Schleien! Vielleicht kann man mal einen Brief auf die Rückseiten schreiben, oder das berühmte Gedicht von Gerhart Hauptmann in Schönschrift: "Ich bin Papier - du bist Papier. Papier - ist zwischen dir und mir. Papier - der Himmel über dir. Die Erde unter dir - Papier. Willst du zu mir und ich zu dir: Hoch ist die Mauer aus Papier! Doch endlich bist du dann bei mir, drückst dein Papier an mein Papier, so ruhen Herz an Herzen wir! Denn auch die Liebe ist Papier, und unser Haß ist auch Papier. Und zweimal zwei ist nicht mehr vier: Ich schwöre dir, es ist Papier!"


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  • Jetzt mußte ich mir doch mal eine Auszeit nehmen, um die brandneue Geburtstagskamera auszuprobieren. Eine "Nikon", deren Transferprogramm schon nicht mehr in den Macintosh paßt, den ich doch erst seit ca. 2 Jahren benutze, dafür brauch ich schon wieder einen neuen Computer... SchuhverkaufAber das ließ sich noch anderswie realisieren, und ich kann nun also die ersten Ergebnisse zeigen. Gestern hatte ich eigentlich ganz andere Probleme, ein wichtiges Arbeitsmittel ging kaputt und ich hätte mich um einen willigen Reparaturmenschen kümmern müssen - aber dann fiel mir ein, daß im Kölner Gürzenich mal wieder Schuhbörse ist, da kosten alle Schuhe so rund 5, 15, 25 oder 50 EUR, herabgesetzt von den fünfzig, hundert etc., die sie sonst kosten. Da ist jedesmal die Hölle los - es muß das Paradies sein für Diktatorenwitwen und Präsidentinnen. Daher fuhr ich mit der besten Ehefrau von allen zum Heumarkt, um mitzumischen, und siehe, ich hab auch ein schönes Paar gefunden, meine Liebste, die gar nicht gucken wollte in der Damenabteilung sogar 2 Paar, eins davon knatschorange in Leuchtfarben für sage und schreibe 5 EUR, meine haben immerhin 29,99 gekostet. Die Kartons kann man praktischerweise gleich dalassen und bekommt Plastiktüten für den Transport. Galerie am Heumarkt"Frauen beim Schuhkaufen sind Ichmenschen", behauptete der Mann an der Kasse (immerhin hat er mehr Erfahrung, da er die zwei Tage hier an der Kasse steht und wahrscheinlich bei ähnlichen Ramschverkäufen auch in anderen Städten). Er wollte damit erklären, warum im Handumdrehn ein solches Chaos entsteht, besonders in der Frauenabteilung, aber bei den Männern flogen auch viele Einzelschuhe in unterschiedlichsten Größen herum. Wir fuhren mit dem Bus wieder heim, wobei ich immer lachen muß, weil gegenüber der Bushaltestelle Heumarkt (die letzte vor Dom-Hauptbahnhof) die Galerie Zeugma liegt. An Stelle des Galeriebesitzers hätte ich mir ein anderes Ladenlokal gesucht, weit weg von irgendwelchen Gleisen, draußen an der Autostrada - oder einen anderen Namen. Demostrant in RaderbergDarauf läuft Böll-Architektur hinausDenn was macht der wütende Germanist, der den Bus verpaßt hat und hier sogleich einenen schönen Anlass für ein Zeugma erkennt? "Er schlägt die Scheibe und den Weg zum Bahnhof ein!" Wenn's hier also mal Glasbruch gibt... selbst schuld! - Schließlich haben wir uns für das Projekt "gebackene Leber" noch entsprechende Zutaten holen wollen und kamen nach Raderberg, wo der Einzeldemonstrant wie fast jeden Tag mal wieder vor der Kirche demonstrierte. Er führt einen Rucksack mit, dem er das Plakat mit der Parole entnimmt, und zieht sich jedesmal weiße Einweg-Handschuhe über, die aus irgendeiner Klinik oder Lebensmittelfabrik stammen könnten. Nun muß man wissen, dass es nicht grade Lauflage ist, die Brühler Straße in Raderberg, und in der Metzgerei, die hier dem LIDL Konkurrenz macht - außer dem Bäckereicafé sind das die einzigen Geschäfte weit und breit -  gibt es nicht mal Leber. Da kann man keine Massen zum Kochen bringen und kaum jemanden agitieren, höchstens vielleicht den Besoffsky mit Bart und Halbglatze, erstaunlich sauber gekleidet, den man schon früh um halb acht und dann immer wieder mit Bierpulle in der Hand schwergängig herumspazieren sieht, und der im LIDL gleich ein ganz bestimmtes Regal ansteuert. Tomate im HerbstlichtDer fährt auch - wie ich - schon mal mit als Buslinien-Hopper von Mansfeld nach Zollstock oder vom Gürtel nach Sülz; außer mir der dritte Sonderling hier in der Gegend (obwohl wir den Eindruck haben, die Sonderlingsdichte nimmt zum Severinstor eher zu). Manchmal bleiben Leute stehen und erkundigen sich, wogegen sich sein Demonstrieren richtet. AufReibekuchen mit Apfelmus dem Schild des Demonstranten steht übrigens der Satz: "Die totale Überwachung der Kommunikation einer Person durch Sekten verstößt gegen das deutsche Grundgesetz." Dem könnte man an sich rundheraus zustimmen, aber was bedeutet es? Könnte es mt der Kirche zu tun haben, vor der er steht, und deren Zwiebelturm von Alfred Böll, einem Onkel des Nobelpreisträgers im Stil der neuen Sachlichkeit errichtet wurde, oder mit dem Kindergarten daneben oder dem nahegelegenen Benediktinerkloster, dessen Nonnen Hühner und eine echte Kuh im Garten halten? (Die Nonnen kann man um 6 Uhr früh singen hören, die Laudes usw. sind für die Öffentlichkeit zugänglich, aber in der Woche sind wir um 6.00 beim Frühstück und an Feiertagen zu faul.) - Ich selber hab  zwar noch keinen Büffel im Hof, der mir das nötige Mozzarella zu Basilikum und noch immer üppig florierender Tomatenfauna liefern könnte. Aber weh mir, wo nehm ich, jetzt wo es Winter wird, die Farbe für die Tomaten her? Der Schatten der Erde fällt über sie und sie scheinen grün zu bleiben, selbst die ananas-Tomate auf der Terrasse, so dick und gesund sie aussieht, zeigt noch keine Spur von Erröten... Zuhause stellten wir dann fest, dass wir keine Diktatorenwitwen sind und durchaus ein paar recht ausgelatschte Exemplare in den Müll tun können, um Platz für das neue Schuhwerk zu schaffen. Die Leber kriegten wir dann noch in Zollstock - aber eigentlich war das ganze Projekt Leber nur ein Verzehrvorwand für das viele Apfelmus, das wir neulich selber gemacht haben zum Reibekuchen, und nun verbrauchen müssen (ich koch es gleich nochmal ein und stell die Gläser bei 100° ins Wasserbad im Ofen, dann hält sich das länger). Der Reibekuchentag war mein eigentliches Geburtstagsessen, denn da hab ich die Kamera zum ersten Mal ausprobiert. Sie hat übrigens eine Gesichtstausch-Automatik, man klickt einfach auf "Google-Bildersuche" und automatisch wird das Portrait eines Menschen eingesetzt, mit dem man sich schon immer mal bei einem Glas Wein und Reibekuchen unterhalten wollte. - Nachtrag; die XXL-Tomate habe ich inzwischen in die Duschkabine im Bad gesetzt, wo sie Anstalten macht, nach jahrelangem Behängen des in Hürth infolge Winterfrost und Zugluft eingegangenen "ficus Benjamini" der nächste Weihnachtsbaum zu werden.


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  • Zur Verüberflüssigung meiner diversen, einst im Schweiß des Angesichts erlernten Berufe ist ja schon manches erfunden worden, zB. die Rechtschreibreform mit weitgehender Laissez-faire-Lizenz, Such- und Übersetzungsmaschinen, der Anagramm-Generator und nun kommt noch eine weitere Webseite dazu, die automatisch Gedichte analysiert und auch noch per Gedichte-Generator schreiben kann. Generationen von Deutschstudenten werden des Problems überhoben, die von ihnen interpretierte Lyrik lesen zu müssen - okay, zur Kenntnis nehmen, das schon, aber Silben trennen und Versfüße analysieren, das erübrigt sich inzwischen. Dafür gibt es jetzt den sogenannten "metricalizer", der diese schweißtreibende Aufgabe übernimmt. Nun habe ich zufällig gerade ein paar Kinderverse unter der Feder, aus dem Englischen übersetzte Verse zu Märchen, die in Verbindung mit scheußlich-comichaften Bildern ein sog. App ergeben sollen, von Millionen angeklickt für einen Cent oder was. Das erste solchermaßen erstellte Gedicht, ich erhalte dafür, als einmalige Abfindung, einen höchst bescheidenen 3stelligen Betrag mit einer 1 davor (verlangt hatte ich eine 2 davor, aber bitte, da ist die Tür), gab ich in den o.g. Analysator ein und erhielt folgende

    Typologie

    Anzahl Strophen: 18
     
    alternierendes Metrum  
    Versfuß: jambisch
    Versmaß:  
    1. Versmaß:   - + - + - + - + - + - + - + [-]
     

    Ich darf jetzt nicht das Gedicht, was ich ja noch verkaufen will, hierhersetzen, aber wenn es eine verworfene Strophe ist, geht das bestimmt in Ordnung. Es ist nur ein Entwurf, der eigentliche Text lautet ganz anders und viel besser. Also: Abbildung ähnlich!

    Es war einmal ein Land, das hat bis heut kein Mensch entdeckt,
    Der Kaiser, der dort herrschte, war ein wahrer Mode-Geck.
    Musik und Spiel verschmähte er, und Bücher ließ er stehen,
    Um sich in neuen Kleidern vor dem Spiegel umzudrehen.

    Besonders fies finde ich von den Programmierern, dass sie ihrer Webseite auch noch einen Gedichte-Generator namens

    beigegeben haben, der auf Knopfdruck in gewünschem Reimschema irgendwelche Gedichte produziert, das Wortmaterial weißgottwoher nimmt (aus Goethes Werken etwa?) und z. B. auf Knopfdruck folgendes "Gedicht" abliefert:

    zerstreutes Gott bin mir hervor
    Doris in lauschen ist mich Flor
    die Spieltisch was mich ihr betriegt
    der Feind Wut Straßen fromme Dampf

    zugleich wer herbste grün Statur
    die glatte Reise Kreatur
    verwunderst ich Talent befiehlt
    das in Gedichtchen freundliche

    An dieser Stelle möchte ich mit ehernem Griffel festhalten, dass der dichtende Computer bereits 1994 bessere Ergebnisse geliefert hat, in einem von mir übersetzten Roman nämlich, dessen Autor so hieß wie dieser Film mit dieser bayrischen Ulknudel... Out of Dingeskirchen... Jedenfalls ging es in diesem (längst vergriffenen, bei ebay keine Kurzrezension) Roman um einen milliardenschweren Computerkonzern, der in seiner englischen Niederlassung arbeitslose Linguisten aus Oxford damit beschäftigt, den selbsttätig schreibenden Computer zu entwickeln. Shakespeare und seine Zeitgenossen als Datenbasis rein, daraus erschafft der Computer seinerseits neue Dramen oder schreibt unvollendete wie das apokryphe Pericles-Fragment zu Ende, mit Versen wie diesen:

    Von Liebe toll, packt selbst die mächt'gen Götter
    Gelüst auf Sternenfrucht von Bäumen des Olymp.
    Der ich nur meines eignen Lebens Karren lenk',
    verlöre ich ein Wagenrad durch Liebe:
    Ich würde tun, was Liebe über mich verhängt,
    von dem, was gerade, stark und wahr, in Staub gestürzt...

    Das Problem in dem Roman: Die Konzernchefs wollen kommerziell verwertbare Ergebnisse, z. B. in Form von Mahnbriefen oder Hausmitteilungen oder auch Liebes-, Brautwerbungs- oder Dankesbriefen für suboptimal-kreative Managertypen, während sich die programmierenden Schöngeister lieber damit beschäftigen, den Computer Shakespearesche Dramen oder Bürgerkriegsgedichte schreiben zu lassen. Darum rankt sich dann noch eine verzweifelte Liebesgeschichte, bei der der Chef der britischen Niederlassung, ein gewisser M***, sich in eine Kollegin verliebt, die aber an den Sohn der (asiatischen) Konzernchefin verheiratet werden soll, usw. Hinzu kommt der amerikatypische Ödipuskonflikt, der Vaters des M*** mit Namen F*** M*** ist nämlich ausgerechnet ein nobelpreisverdächtiger, hemingway-ähnlicher saufender und klatschspaltenfüllender Lyriker, dessen Gesamtwerk dem dichtenden Computer als Datenbasis zur Verfügung steht (der Sohn will ihn natürlich durch die Erfindung ärgern).
    Hier ein kleiner Auszug (Namen, außer dem des Roboters, von der Redaktion verschlüsselt):

    Des Sommers Frühlingsblätter sind gepflückt; Gedächtnis
    in Körben voll Erinnerung: ich ernte sie als Frucht.

    Das würde M*** vielleicht zur Aufnahme in die Lyrikwerkstatt von Iowa verhelfen, aber es war nicht ganz das, was er brauch­te. Ein zweiter Versuch ergab die Verszeile:

    Des Sommers Laub gepflückt, und ich bin müde.

    Nachdem der Text die durch neue stylometrische Kriterien ange­reicherten Semantik- und Pragmatikmodule durchlaufen hatte, wurde das "müde" getilgt, und auf dem Monitor erschien:

    Des Sommers Frucht hab ich geerntet, mir ist weh

    Akzeptieren oder zurückweisen? Akzeptieren. Als nächstes kam:

    erschöpft hab ich's gehoben einst wie Früchte

    Da am Ende der vorherigen Zeile der Punkt fehlte, bekamen Gram­matik und Parser zu tun, das Resultat lautete:

    ermattet, laß ich die
    Erinnerung an geschleppte Früchte hinter mir

    Im nächsten Schritt griff die Stylometrie sehr geschickt auf eine Synekdoche zurück und kam zu folgendem Ergebnis: und matt wie die Erinnerung an schwere Körbe, so daß die Anfangszeilen jetzt lauteten:
    Des Sommers Frucht hab ich geerntet, mir ist weh
    und matt wie die Erinnerung an schwere Körbe

    Akzeptieren oder zurückweisen? Nun, vorläufig war es ein plau­sibler Anfang, wenn auch mit Sicherheit sehr à la Robert Frost. Freilich bildeten die dritte und vierte Zeile keine überzeu­gende Fortsetzung:
    Mein Traum in dieser Nacht träumt allererst
    von Florida, traumloser Landschaft der Orangenernte
    ... 
    Hier waren wohl noch einige Durchgänge erforderlich; zuviele Träume verderben die Nachtruhe. Der Generator fuhr fort, spie noch eine Menge Nonsense aus ("sich fügend jener Macht des Nektars und der Mieten" war M***s Lieblingszeile), in dem nur selten der unerwartete Glanz lyrischer Meisterschaft durchschimmerte: "mein Apfel gärt und säuert in der Luft". Doch die Schlußverse klangen, als hätte das Programm seine Stimme wiedergefunden:
    Dann wach ich auf und reck mich in den Federn,
    und staune, daß die Arbeit nicht getan.
    Nicht schlecht; die Frost-Reminiszenz schlug ein wenig zu stark durch, als hätte sich der Generator von Nach der Apfelernte faszinieren lassen, ohne produktiv davon abzuheben. Dennoch beschränkte er sich nach wie vor darauf, den lyrischen Ton seines Vaters anzunehmen, statt andere Saiten zum Klingen zu bringen. M*** mußte ihn dazu bringen, tiefer in die literarischen Gewässer zu tauchen. Vielleicht lebten all diese Stimmen weiter, wie ein Chor über die Epochengrenzen hinweg, und der Dirigent rief versehentlich den Falschen auf - den Alt in der zweiten Kirchenbank statt des Tenors gleich neben dem Altar. Von dieser Vorstellung beunruhigt, nahm M*** den Hörer ab und rief bei S*** an.

    In ihrer Arbeitswabe meldete sich niemand. In letzter Zeit ging sie immer seltener dran. Sie war wohl viel in der Kathedrale unterwegs, kam ihrer Arbeit in der Natürliche-Sprache-Gruppe nach (wo sie mit P*** den Basiscode für Schreib es besser einrichtete), und durfte zugleich ihre neuen vorehelichen Aufgaben nicht versäumen. Ihr Verlobter hatte sie sogar zur Vorsitzenden eines Frauenbeirats gemacht, der sich über Gleichstellungsprobleme weiblicher Beschäftigter Gedanken machen sollte.

    Seit ihrer Unterredung in Westminster hatte er sie nicht mehr gesehen. Als P*** in Oxford auftauchte, einen Tag nach seinem Roboter-Debakel (mit blauen Flecken von Elsies Faustschlag und sich lauthals beklagend, daß auch im Zug kein Schnaps ausgeschenkt wurde), konnte M*** seine tiefe Enttäuschung nicht völlig verbergen, geschweige denn verstehen. Daß P*** im Handumdrehen mit D*** aneinandergeriet, war auch nicht dazu angetan, M***s Laune zu bessern. Warum war S*** nicht mitgekommen? An diesem Abend hatte er C*** vor dem Fernseher sitzen lassen und war zum Apparat in der Diele geschlichen, wo er sie im Hotel anrief. Vergeblich.

    Doch drei Tage später war ein großer Umschlag mit der Paketpost gekommen. Darin fand er einen Stapel fotokopierter Aufsätze und ein Thesenpapier, das S*** vor Jahren selbst erstellt hatte: Computerisierte Stilanalyse - Wahnsinn und Methode in der Literaturwissenschaft. Er hatte ihr ein Dankeschön auf den Anrufbeantworter sprechen wollen, aber zu seiner Überraschung war sie selbst am Apparat gewesen. "Was tust du denn um diese Zeit schon im Betrieb? Bei euch kann es doch erst halb acht sein!"

    "Mein neuer Tagesplan, R***. Anders komme ich zur Zeit einfach nicht mit der Arbeit durch. Du hast Glück, daß du mich noch antriffst!"

    "Als du nicht nach Oxford gekommen warst, dachte ich schon beinahe, du hättest es dir anders überlegt."

    "Sei nicht so blöd", gab sie schnippisch zurück. "Wenn ich verspreche, dir zu helfen, dann halte ich es auch."

    Das war jetzt vier Wochen her. Seitdem hatten sie ab und zu telefoniert, vielleicht ein dutzendmal, aber nur kurz. Ihr Tip mit der Stylometrie erwies sich als unschätzbar. Daß M*** ohne sie keinen Schritt weitergekommen wäre, machte sich jetzt bemerkbar. Erstmals hatte sich der Generator als fähig erwiesen, ausreichend gelungene Verse zu schreiben, um ihn für weitere Erfolge zuversichtlich zu stimmen. Und wenn er mal den Kopf hängen ließ, tröstete ihn die barmherzige S***.

    Allerdings nur, sofern er sie an die Strippe bekam. Für heute mußte er es aufgeben und sich selbst fragen, was er als nächstes unternehmen sollte. Schließlich fuhr er nach Hause, wo C*** in der Küche stand und Abendessen machte. Er nahm sich einen Drink und wechselte ein paar Worte mit ihr, wollte ihr erzählen, was er erlebt hatte. "Ich bin ganz dicht dran!"

    "An welcher Sache?"

    "Den Stil meines Vaters zu generieren. Es wird die Überraschung seines Lebens!"

    "Tatsächlich?" entgegnete sie ungerührt und schälte die Kartoffeln.

    "Ja, tatsächlich." Aufgeregt öffnete er seine Aktentasche und überflog seine Papiere. Dann faltete er den neuesten Plan des Generators auseinander und breitete ihn auf dem Küchentisch aus. "Hier ist der Durchschlag", verkündete er stolz. Er enthielt inzwischen S***s stylometrische Komponente:

       

    Lexikon

    (Standardsprache)

     

    Wissensbasis

    auch als Begriffsregister

    aufzurufen)

     

    Lexikon

    (Sprachfeld-spezifisch)

    mit Zusatzinformationen:

    Funktionswörter,

    Häufigkeit

    des Vorkommens etc.

     

    Stylometrie und Wortwahl

    in F. M***s lyrischem

    Werk mit abgeleitetem

    Phrasenlexikon und

    Thesaurus

     

    Zufallsgenerator

     Regeneriert durch Phrasen-Struktur-Regeln

    Parser nach der Marcus-D-Theorie, nur für die Syntax

    Regeneriert durch Fillmore-ähnliche Schulgrammatik

    Regeneriert durch Software-Module für Semantik/Pragmatik,

    abgeleitet von Wissensbasis und Stylometrie

    Verse zurückgewiesen                                                                                                      Verse akzeptiert

     Gedicht-Output

     "Was für ein Durcheinander von Pfeilen", staunte C*** und schüttele spöttisch den Kopf, als wollte sie sagen: Und für diesen Quatsch bezahlt man dich noch?

    Nach dem Abendessen schaltete C*** den Fernseher ein, während M*** im Arbeitszimmer über seinen Papieren saß. Bald schon rief sie ihn. Ob er nicht kommen und die Talkshow sehen wolle? Er ignorierte die Aufforderung und knobelte weiter an den Frost-Reminiszenzen in den Texten, die er heute generiert hatte. Irgendwelchen Einflüssen pflegte sein Vater in geradezu neurotischem Eifer abzuschwören. Wenn die Kritiker ihn einen zweiten Frost oder Auden nannten, gar einen schwachen Nachhall von Wallace Steven in seinem Werk ausmachten, gerieten sie beim Autor umgehend in Verschiß. Dabei merkte der alte M*** gar nicht, wie sehr das Beharren auf seiner Einzigartigkeit dem Vorbild Walt Whitmans verpflichtet war. Mit Zweiflern machte er kurzen Prozeß: In den 60er Jahren hatte ein Rezensent der Time seine Skepsis mit einem Nasenstüber bezahlen müssen, den er im New Yorker Restaurant Vier Jahreszeiten verpaßt bekam. In einem außergerichtlichen Vergleich einigte man sich auf ein Schmerzensgeld, das einem Jahresgehalt beim Time-Feuilleton entsprach.

    "Robert, das mußt du sehen. Es ist urkomisch, wirklich!"

    "Eine Minute noch", brummte er und dachte an seinen streitbaren Alten. Als Ehegatte und Erzieher war er zwar heftig, willensstark und anmaßend gewesen, aber kein Schläger. Wäre sein Vater zu Hause geblieben, dann hätte M*** als Jugendlicher viele Kämpfe durchstehen müssen, doch wäre ihm das gewiß besser bekommen als die Erfahrung des Verlusts.

    C*** erschien im Türrahmen und funkelte ihn böse an. "Ich dachte, du wolltest kommen?"

    Er seufzte. "Tut mir leid. Ich bin gerade mittendrin" - er deutete vage auf den Papierstapel auf seinem Schreibtisch. "Jetzt kann ich nicht aufhören. Aber es ist gleich soweit."

    Sie gab sich nicht zufrieden damit. "Das hast du vorhin schon gesagt. Komm, Liebling, mach Schluß. Ich bin in letzter Zeit so selten hier gewesen. Du willst doch wohl nicht die ganze Nacht durcharbeiten!"

    Er musterte sie zweifelnd. "Vielleicht doch? Manchmal muß ich das."

    Sie lachte freudlos. "Kein Mensch muß müssen. Immerhin bist du nicht im Büro geblieben. Und wer noch normal im Kopf ist, will sowas nicht. Es sei denn, man ist von seiner Arbeit besessen."

    "Genau", nickte er. "Ich bin besessen." Arbeit als Schmerzstiller. Ein Gegengift, dem er mehr Vertrauen schenkte als allem andern - Vater, Mutter, Liebhaberin, Freund. Es war eine verlockende Angelegenheit. Von Anfang an hatte er C*** begreiflich machen wollen, wie wichtig die Arbeit für ihn war. Den Grund dafür hatte sie darin vermutet, daß er sehr unglücklich sei. Vielleicht hatte sie recht. Doch mit ihrer bloßen Gegenwart lenkte sie ihn keineswegs von seinen Problemen ab. Jetzt starrte sie ihn verständnislos an. "Meine Arbeit ist mir sehr wichtig", fügte er kraftlos hinzu.

    "Was auch sonst", versetzte sie scharf und schlug die Tür zu.
    (...)
    Nach Langtry Bridge kam das Kreativ-Projekt erst richtig in Schwung. M*** ließ zwei weitere Balladen generieren, die der mittlere Phase F*** M***s entsprachen, und einige Gedichte, die an frühreife Liebeslyrik seines Vaters erinner­ten. Es gab sogar eine vervollständigte Version der ersten, Robert Frost nachempfundenen Verse. Unter dem Titel Ausklang der Saison lauteten sie:

    Des Sommers Frucht hab ich geerntet, mir ist weh
    und matt wie die Erinnerung an schwere Körbe.
    Mein Traum in dieser Nacht lebt allerwärts
    in Florida: Zeitlose Landschaft der Orangenernte
    und meines Winterurlaubs von den Wäldern.
    Gleichgültig fällt der Regen in die Träume
    und treibt mich in mein nördliches Quartier.
    Dort zeigt mir eine volle Sommersonne,
    wie unreif meine Früchte stets noch sind:
    Der Pfirsich läuft von Stößen bräunlich an,
    die harte Kirsche birgt den schwarzen Wurm.
    Mein schönster Apfelbaum blüht ohne mich,
    und breit' ich auch die Arme aus,
    dem Wachstum der Saison entgegen -
    mein Apfel gärt und säuert in der Luft.
    Ich seh sie jedes Jahr zur Reife schwellen,
    und träume stets, sie fallen vor der Zeit.
    Dann wach ich auf und reck' mich in den Federn,
    mich wundernd, daß die Arbeit nicht getan.

    ((Hier noch zum Abgewöhnen das oben erwähnte Gedicht Langtry Bridge, das den Durchbruch bei der Erfindung der Computergenerierten Lyrik brachte - alles seriös von Hand übersetzt!))

    Ich zähl' die Klinkersteine an der Langtry Bridge,
    wo General Wilson sich erhängte.
    Bei jedem Heimritt von den Feldern
    seh' ich im Dämmerrot des Sonnenballs
    das Pflaster glänzen unterm Pferdehuf,
    den ausgewaschenen Pfeiler, wo vordem
    der General seine Erfüllung fand.
    Die Eiche, die hinüberragte, ist gefällt,
    verfault der Ast, von dem sie ihn geschnitten.
    Man sagt, daß zwanzig Hände ihn nicht hielten:
    Er glitt hinunter in den Schlamm, und schmatzend
    zum Fraße nahm ihn dort der träge Fluß.
    Des Morgens meide ich die Brücke, geh den Wald
    entlang mit seinen hellen, hohen Tannen
    und wende aufwärts zu den Wiesen mich,
    wo bleiches Gras den krummen Pfad verbirgt
    und unsre Felder vor der Wildnis weichen.
    Die Sichel singt im Gras, wir machen Heu,
    ich und die alten Männer, deren einer
    so alt ist, daß er noch den General gekannt hat.
    Des Mittags sitzen wir zur Rast und reden;
    Geschichten kreisen rings von Mund zu Mund
    wie eine falsch gestellte Uhr, die ihre Zeit
    vertrödelt, später aufschreckt und dem greisen
    Jahrhundert noch die Gnadenfrist gewährt.
    Doch wenn der Tag sich neigt, bin ich allein,
    nur die Gespräche klingen in mir nach,
    wenn zögernd ich mich heimwärts wende.
    Als fürchte ich, den General zu finden,
    so langsam reit' ich auf die Brücke hin
    und halte meinen schweren Atem an.
    Er trägt vielleicht die alte Uniform,
    die, staubbedeckt und grau vom Pulver,
    doch unbefleckt von Blut, nie mehr gewaschen wurde,
    seit er davonlief in der Schlacht von Antietam.
    Warum, o General, warum?
    Daß du entkommen, war es nicht dein Glück?
    Selbst Schande macht unsterblich in Geschichten.
    Willst du denn, General, mich auch versuchen,
    lockst du mich auf die schmale Brüstung dort,
    daß ich hinunterstürze wie ein Stein, wohl wissend,
    daß ich gleich dir den Weg ins Leben gehe?
    Die Toten, von den Lebenden begraben,
    in den Geschichten bleiben sie lebendig.
    Ich seh den General am Wegrand winken

    und geb', gesenkten Haupts, dem Pferd die Sporen,
    ich schließ' die Augen oder zähle Steine
    und schöpfe Atem, wenn ich drüben bin.


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