• Kräuterboschen gegen Blitzschlag & Antoniusfeuer

    Jetzt treten wieder Erlebnissphäre und Berichtszeitraum, erlebte Rede und Erzählzeit auseinander. Aber das haben Tagebücher so an sich, und nie kann man wirklich kontrollieren, wieviel nachträglich (im Sinne des "corriger la fortune", aber auch sprachlich) geglättet & geschönt wurde. Das war bei den Hieroglyphenblogs der Totenpriester in den ägyptischen Grabkammern so und bei den Gewissenserforschungen der pietistischen Memoirenschreiber des 17. Jahrhundert nicht anders. Das zuletzt eingetretene gemischte Sonnen-Regen-Wetter und der Temperatursturz hatten am Samstag weitere Naturfreibadbesuche verhindert. Immerhin war es vormittags sonnig und trocken, so dass ich mit dem Rad die 8-10 km  nach Illerbeuren zurücklegte, und dort das schwäbische Bauernhofmuseum besichtigte; Kornelia wiederholte diese Tour nachmittags per Auto bei schlechterem Wetter und konnte mein Ticket benutzen. Das Bauernhofmuseum besteht aus Illerbeuren (einem Gutteil davon) und umfasst Stallungen, Häuser (ein winziges, fast einzimmriges mit ebensolchem Obergeschoss wurde aus Woringen abtransportiert & hier Stein für Stein wieder aufgebaut, ich würde da sofort einziehen, allerdings die Bücher müssten in einen separaten Bauwagen), ein Ausstellungsgebäude, ein Kassenhäuschen und ein Museumscafé, wo frische, unterschiedlichst gefüllte Maultaschen (der Schwabe nennt sie auch "Herrgottsb'scheißerle", weil sie selbst mit Fleischfüllung als Fastenspeise galten) serviert oder für den Hausgebrauch verkauft werden. Während ich bald wieder fuhr - von den Grabkreuzgedichten und Blutenden Marienbildern berichte ich noch -, hatte Kornelia noch das Glück, sich bei einer kleinen Führung einzuschmuggeln und einen Workshop zum Binden von "Kräuterboschen" mitzumachen. Früher war der 15. August der Geburtstag der Gottesmutter, in der orthodoxen & altkatholischen Kirche ist es der Todestag - und heute ist's für Bayern, Baden-Württemberg & Co. "Mariä Himmelfahrt" bzw. eigentlich der Feiertag der "leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel" (der vom Papst erst 1950 grummelnd akzeptiert bzw. dogmatisiert wurde). Das Grab der Maria soll auf dem Zionsberg bei Jerusalem in der Nähe des Löwentors sein; andere vermuten ihre letzte Ruhestätte in Ephesus, was ein dort tagendes Konzil herausfand; es soll aber auch ein Grab in Pakistan geben, jetzt ist es bestimmt überschwemmt.

    Jedenfalls setzte sich im Frühmittelalter die Frauenlegende durch, man habe zu diesem Datum das Grab geöffnet und es leer vorgefunden, nur einen Duft nach Kräutern und Rosen soll sie hinterlassen haben. Und die Marienjüngerinnen pflegen zu Maria Himmelfahrt sogenannte "Kräuterboschen" zu binden und in der Kirche segnen zu lassen. "Die geweihten Kräuter (oft in Form von Sträußen)", so das Landwirtschaftsmuseum, "werden im Haus und Stall aufbewahrt und sollen bei allerhand Gefahren (Feuer, Gewitter, Krankheiten usw.) Schutz gewähren. Mancherorts wurden die Kräuter dem Vieh unter das Futter gemischt. Die Zusammensetzung der 'Boschen' konnte dabei variieren. Meist um die Königskerze herum, auch unter Wollkraut oder wilder Tabak bekannt, wurden Kräuter wie Arnika, Bohnenkraut, Dill, Pfefferminze, Majoran oder Kamille, aber auch Astern, Jakobskraut, Dahlien sowie Acker- und Gartenfrüchte angeordnet." Nach dem Crash...

    Kornelia hat dann anderntags die Stiftskirche von Grönenbach besucht, in der ein farbiger Pfarrer die Messe hielt, und einen gesegneten Boschen erworben, den wir noch im Lauf des Tages, u. a. beim Besuch der Wallfahrtskirche  Maria Steinbach (mit entsprechendem Gnadenbild) und bei einer Wanderung zum Ufer der Iller, das wir am Sonntagabend endlich mal sehen konnten, ergänzt haben.

    Der Strauß enthält jetzt mehr als die mindestens 17 Pflanzen (die magischen Zahlen 9, 12, 15 oder 19 sind auch im Gespräch, es gibt auch welche mit 77...), die vorgeschrieben sind: Ähre, Hafer, Weizen, Gerste, Wicke, Kamille (die letzteren schon im gekauften Strauß drin),  Lauchzwiebel (aus dem Gemüsefach im Eisschrank), die folgenden selbst gesammelt: Königskerze (gegen Blitz- und Hagelschlag, die muss immer in der Mitte gebunden sein), Holunder, Lavendel, Rose, Huflattich, Schafgarbe, Johanniskraut, Melisse (aus dem Garten unserer Gastgeberin), Pfefferminz, (die folgenden aus dem Kneipp-Kräutergarten am Hohen Schloss geklaut:) Majoran, Salbei, Rosmarin, Boretsch, Thymian.

    Der Strauß riecht kräftig und vertreibt bestimmt böse Geister ("die Zwiebel ist nur für den Geschmack", höre ich Miraculix über seinen Zaubertrank sagen), man soll ihn umgekehrt aufhängen und grundsätzlich, wenn man ihn entsorgen will, nur verbrennen, nicht einfach irgendwie wegschmeißen oder in die braune Tonne werfen! Das ist Sünde! Ist der Kräuterbusch schön trocken, zupft man einige Blätter raus und mischt sie mit Weihrauch, und räuchert damit Krankenzimmer, oder kann, wenn mal Gewitter ist, einen Tee daraus brauen oder diesen den Tieren zu saufen geben, wenn zB. ein Kalb erkrankt.

    Am Sonntag fuhren wir dann noch nach Memmingen und kamen schon wieder auf das Kräuterthema, beim Besuch der Museen im Antonierhaus. Das sog. "Strigel-Museum" dokumentiert die Schnitz- und Malerwerkstatt der Familie Strigl, die u. a. einen Freskenzyklus in der Frauenkirche, Holzfiguren und allerlei Altarbilder hervorbrachte.Nach dem Crash... In der evangelischen St. Martins-Kirche sind auch schöne fast lebensgroße Porträts der Stadtprominenz im Chorgestühl zu sehen, die scheinen aber nicht von einem Strigl gefertigt worden zu sein (eine Figur wird als "Maler mit Griffel und Tafel" bezeichnet). Über Bernhard Strigl (er hat Intarsien am Gestühl und die Ziffern der Turmuhr gestaltet) heißt es in dem Museum, seine ruhmreich bekannten Mariendarstellungen hätten nach 1524, als sich mit Christoph Schappeler die Reformation in Memmingen durchsetzte, dann doch nachgelassen und auch seine Heiligenbilder seien plötzlich unverkäuflich gewesen. Übrigens ist Memmingen auch der Ort, wo sich die aufständischen Bauern versammelten und die berühmten Zwölf Artikel formulierten. Als Autor gilt der Memminger Kürschner Sebastian Lortzer. Hier eine Zusammenfassung "in Leichter Sprache" (siehe die Bündnis 90/GRÜNEN-Wahlprogramme der letzten Bundestags- und Landtagswahlen), nach "Geschichte in Quellen", Bd. 3, München 1976, S. 145 ff.

    1. Die Gemeinde soll ihren Pfarrer frei wählen dürfen, die Predigt von Luthers Evangelium soll erlaubt sein.

    2. Der Kornzehnt soll für die Bezahlung des Pfarrers und für die Armen verwendet werden. Der Viehzehnt soll abgeschafft werden, weil davon nichts in der Bibel steht.

    3. Die Bauern wollen der Obrigkeit zwar (weiterhin) gehorchen, aber die Leibeigenschaft soll abgeschafft werden.

    4. Das Recht der Jagd und des Fischfangs soll den Gemeinden wieder zurückgegeben werden.

    5. Das Recht der Holznutzung soll den Gemeinden zurückgegeben werden.

    6. Die Frondienste sollen auf frühere Maße zurückgenommen werden.

    7. Neu auferlegte Dienste sollen bezahlt werden.

    8. Überhöhter Pachtzinz soll neu festgesetzt werden.

    9. Das alte Strafrecht soll wieder in Kraft gesetzt werden.

    10. Gemeindewiesen (Allmende) sollen zurückgegeben werden.

    11. Abgaben der Witwe beim Tod eines Bauerns ("Todfall") sollen abgeschafft werden.

    12. Wenn einer oder mehr Artikel hier aufgestellt sein sollten, die dem Wortes Gottes nicht gemäß sind, dann wollen wir davon Abstand nehmen, wenn man uns das aus der heiligen Schrift nachweist.

    Hört sich doch alles ganz vernünftig an, oder? Von Agrarsubventionen für Rheinmetall, Hochschrauben der Discountpreise für die als Frischmilch getarnte Supermarkt-H-Milch oder von steuerfinanzierter "Landschaftspflege" ist hier nicht die Rede! Und trotzdem wurden die Bauern z. B. in der Schlacht von Böblingen am 12. Mai 1525 vernichtend geschlagen. Die blutige Bilanz: ca. 75.000 bis 100.000 Todesopfer. Auf der "zeitreise bb"-Webseite der Staatlichen Akademie für Datenverarbeitung in Böblingen heißt es abschließend: "Der bäuerlichen Niederlage folgte das herrschaftliche Strafgericht. Aus Furcht vor einer Wiederholung der Erhebung machten die Obrigkeiten aber auch Zugeständnisse: die Leibeigenschaft wurde bisweilen gemildert, die oft unbeschränkten Frondienste wurden fixiert und das Erbrecht verbessert. Selbst der Reichstag wurde aufmerksam. Er verlangte 1526 von den Herrschaften, ihre Untertanen nicht 'wider Billigkeit' zu belasten. Anders als von der älteren Bauernkriegsforschung behauptet, schieden die Bauern nicht aus dem politischen Leben aus. In einem 'sozialen Dauerbeben' kam es in der Frühen Neuzeit verbreitet zu Widerstand."

    Das im gleichen Gebäude wie die Produktion des Strigl-Familienunternehmens untergebrachte "Antoniter"-Museum brachte uns wieder zum Kräuterthema zurück. Die Geschichte des Ordens vom Hl. Antonius ist nämlich eng mit dem Mutterkorn verbunden (ein Schlauchpilz, der Roggenähren befällt), das den Menschen des Spätmittelalters zu LSD-Trips und entsprechenden Visionen (à la Hieronymus Bosch und Matthias Grunewald) inspirierte, andererseits zu schweren Vergiftungen, Gliederfäule und schrecklichen Amputationen verhalf. Die Antoniter bekämpften das Phänomen in ihrem Heilig-Geist-Spital mit einem Kräutergemisch, das der Isenheimer Altar des Matthias Grunewald, der heute im Museum Unterlinden zu Colmar zu sehen ist, an prägnanter Stelle botanisch präzise abbildet. Mit einem Auszug aus diesen Kräutern braute man einen Wein (an der Kasse für 5,00 € die Flasche erhältlich), der laut einem im Museum gezeigten Film (da ist es ein Schenkelknochen) offenbar auch über Reliquien des Hl. Antonius goss. Daneben gab es auch eine Salbe oder ein 'Antoniuswasser', das Antoniusbrot war garantiert mutterkornfrei. Das alles sollte vorbeugen und helfen gegen das Antoniusfeuer (die krampfartigen Zuckungen der Mutterkorn-Vergifteten und ihre Visionen, von denen Aldous Huxley in Die Pforten der Wahrnehmung berichtet). Als Attribute des Heiligen Antonius gelten außer dem griechischen "tau"-Zeichen (eine stilisierte Krücke) auch die Hahnenkralle, die dem Heiligen als Tribut dargebracht wurde (weil das Mutterkorn einem Sporn ähnlich sieht) und ein Schwein (Wilhelm Busch  bringt das mit dem Antonius von Padua ikonographisch durcheinander).Nach dem Crash... Es war nämlich so, dass der dem Heiligen Antonius von Ägypten gewidmete Orden in Memmingen Schweine halten durfte, die in der Stadt herumliefen und auf Kosten der Allgemeinheit ernährt wurden. Dies und eine mehr oder minder freiwillige Abgabe, die sogenannte "Quest", die unter den Bewohnern zur Finanzierung des Spitals eingetrieben wurde, fielen ebenfalls der Reformation zum Opfer, weshalb auch die Gebäude des Spitals - die heute die beiden Museen beherbergen - städtisch wurden. Als Entschädigung gab's für die Antoniter allenfalls einen warmen Händedruck, dabei hatten sie ehemals kleine wundertätige Glöckchen verteilt, die man als Schutz für das Vieh im Stall anbrachte; Großsponsoren kriegten Messer mit dem eingravierten Tau-Zeichen. Das Ordensspital war übrigens der Zentrale in Saint-Antoine-en-Viennois ( zwischen Grenoble und Valence) unterstellt, und einige französische Namen finden sich in der Liste der Memminger Äbte. Und in Isenheim gab es ein ähnliches Spital des Ordens, für das der Meister Mathis das eindrucksvolle Altarbild malte (im Memminger Museum durch eine farblich grauenhaft entstellte Kopie eines Japaners repräsentiert). Den Zusammenhang dieser Antoniterstandorte, ihre Spezialisierung auf wenige Krankheiten, die ein Geheimnis ihres Erfolges war, stellt ein Aufsatz von Elisabeth Clementz auf regionalgeschichte.net instruktiv und mit vielen weiterführenden Hinweisen dar. Die Kräuter, die auf dem Isenheimer Altar abgebildet sind, versucht Jörg Sieger zu identifizieren. Nach Quellen der Antoniterspitäler belegt sind wohl nur zwei Arten Wegerich, Sieger nennt Breit- und Spitzwegerich, dazu Eisenkraut und Kreuzenzian als gesichert. "Wahrscheinlich" gehörten auch Weißer Schwalbenwurz, Saatmohn, Großer Ehrenpreis, Weißklee, eine Taubnesselart, "knolliger" und "eisenhufblättriger" Hahnenfuß oder Buschwindröschen, zwei nicht identifizierte Sorten Süßgras und einige gar nicht identifizierte Pflanzen zum Bildprogramm des Isenheimer Altars. Dass Klee eine Rolle spielte, will ich gern glauben - Klee ist die Wiesenpflanze schlechthin im Allgäu, auch wenn es fast keine vierblättrigen Kleeblätter gibt (ich habe nur eins gefunden). Nach meiner Meinung gehört der vierblättrige Klee als sicherste Glückspflanze von allen in jede dieser Rezepturen...

    Nach einer pro-familia-Filiale oder dem Büro der Gleichstellungsbeauftragten suchten wir im frauenfeindlichen Memmingen übrigens vergebens (eine donunm-vita-Dependance gibt's in der Hinteren Gerbergasse 13), ich hätte zu gern gewusst, ob schon eine Gedenktafel an den Memminger Prozess aus dem Jahr 1989 in Arbeit ist, als wegen Fehlen eines Beratungsscheins gegen 277 Frauen ermittelt wurde, die eine Abtreibung vornehmen ließen. 259 der nach Beschlagnahme der Patientenkartei angezeigten Frauen hatten vorzeitig eine Geldstrafe bezahlt, weil sie hofften, ihre Namen würden nicht im Verfahren publik -  später stellte sich allerdings heraus, dass fast alle diese Verfahren niedergeschlagen wurden, und auch das Berufsverbot gegen den Gynäkologen (der auch Steuern hinterzogen hatte, die er aber sofort bezahlte) wurde bei erneut aufgerolltem Prozess aufgehoben.


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  • Commentaires

    1
    karinkornelia Profil de karinkornelia
    Jeudi 9 Septembre 2010 à 01:03

    Da werden Erinnerungen wach, einerseits schöne an den Altar in Colmar, den ich im letzten Jahr sehen konnte, als ich den Weihnachtsmarkt besuchte. Andererseits unschöne an die Memminger Hexenjagd, die für mich mit dem Namen der stadt auf immer verbunden ist. Irgendein Richter oder Staatsanwalt hatte bei der Gelegenheit einen Spruch darüber abgelassen, dass der Arzt aus dem Rheinland stamme, wo man es eben nicht so genau nehme.

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