• Haus der Treulosen

    Voilà - das Tomatenhaus steht. Ein Palast für das rotfleischige Gemüse wurde es nicht gerade - im Stil eher Mies van der Rohe als Bruno Taut - ,Tomatenhaus, vom Eingang gesehen eine Bekannte fühlte sich gar an Onkel Toms Hütte erinnert und schärfte mir ein, die von ihr gestiftete "resistente" Aldi-Tomate mit "Huckleberry Finn" anzusprechen (sie meint, man müsse mit den Pflanzen reden - wogegen nichts einzuwenden ist - , und sich dabei gängiger Namenskonventionen bedienen). Außer ihrer Topf-Tomate haben wir bisher alles in Säcken eingepflanzt, die handelsüblichen Gartenerde-Plastiksäcke sollen sich problemlos für den Tomatenanbau auf Balkons oder Terrassen eignen - und hier haben wir zwar Boden, aber ich weiß nicht recht, ob wir gut daran tun, den Rasenstreifen am Garagenhof zu "bebauen". Man empfahl uns, "bierdeckelgroße" Löcher in die Plastiktüte zu schneiden und 2-3 Pflanzen pro 20-Liter-Sack einzusetzen, vorher natürlich die Säcke unten etwas perforieren, damit das Gießwasser ablaufen kann. Insgesamt dient das Tomatenhaus sowieso nur der Abwehr von Regenwasser aufs Haupt der südlichen Paradeiserfrucht, was sie so wenig schätzt wie nasse Füße vor dem Schlafengehen. Aber um auf die Architektur zurückzukommen: Erstens mussten wir auf das Vorhandene, d.h. einen wirren Bretterhaufen, zwei Seitengeländer und ein solides Dach zurückgreifen, abgerundet durch eine Wellplastikwand, die wir mal nach Norden ausgerichtet haben - insofern war der Gestaltungsspielraum gering. Und zweitens sind auch unsere eigenen Tomaten die bisher billigsten; am Anfang der Saison kaufte ich eine zu 55 Cent (Baumarkt-Lockvogelangebot, links hinten die im hohen grünen Topf), die jetzt die ersten noch unreifen Früchte trägt, nun haben wir vom Tomaten-Ramschverkauf im gleichen Baumarkt zehn ihrer Gesellen à 30 Cent erstanden. Dazu noch die resistente Aldimate (kostete 1,49 €) mit ihren grünfleischigen, gerillten Blättern - dagegen sehen unsere eher fimschig aus - , und heute kommen die Feinheiten dazu, von denen ein Kollege meiner Frau "zuviel" im Garten hat: besondere oder "historische Kultursorten" aus dem 19. Jahrhundert, wenn ich recht verstanden habe: Grüne, schwarze (!) - soll eigentlich dunkelviolett sein - und sog. Ananas-Tomaten, die bis zu 460 Gramm anschwellen sollen. Die kriegen wir gratis, so dass wir auf ein einigermaßen vertretbares Preis-Leistungsverhältnis bei den Tomaten rechnen können, denn was soll der ganze Anbau, wenn die Südfrüchte hinterher bedeutend teurer sind als im Supermarkt gekauft. Angeblich sollen sie besonders köstlich schmecken (ich finde, sie riechen schon interessant, und zwar nach Nikotin, mit dem sie verwandt sind), wenn man sie selber hochgezüchtet hat (ist ja mit Schweiß des Arbeiter- und Bauernstaats gedüngt), na schön, aber merk ich das noch bei einer Spaghettisoße oder auf dem Pizzabelag? Tomatenhaus von der SeiteBei der Ananas-Tomate allerdings soll das Gestell laut Internet bis zu 2,50 m hoch sein, das erreichen wir mit diesem Flachgewächshaus natürlich nie! Während die Tomatenplantage einigermaßen gedeiht, haben meine ebenfalls im Garagenhof deponierten Basilikumpflänzchen unter Raupen, Käfern o. ä. stark gelitten. Dieses gierige Völkchen durchlöchert ja schon die Keimlinge am Stängel, anstatt wenigstens abzuwarten, bis sich anständige bißfeste Blätter daraus entwickeln. Komischerweise gehen sie aber nur einzelne der Pflänzchen an, andere lassen sie unbehelligt, und selbst die angefressenen entwickeln sich manchmal ganz strebsam weiter. Meine ohnehin viel zu üppig gediehene Basilikum-Monokultur ist also bereits ein wenig dezimiert. A propos, eigentlich müssten wir jetzt noch einen Büffel vor den Garagen halten, um das nötige Mozzarella zu gewinnen. Aus Samen für 15 Cent entwickelte ich noch rund 15-20 Pflänzchen Origano, die behalte ich besser auf dem Balkon (wie einen Teil des Basilikums auch), wo sie weniger dem Schädlingsbefall ausgesetzt sind. Mein Traum wäre jetzt noch ein verbilligter oder vom Discounter möglichst vor den Abfalltransport-Container ausgesetzter Himbeerstrauch oder sonst eine waldboden-kompatible Staude, die wir vor einen unansehnlichen Bretterzaun setzen würden. - Und warum spricht der Volksmund von der "treulosen Tomate"? Angeblich sei das eine Übersetzung für "illoyale Italiener" - aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, als Italien (wo man seit 1819 Tomanten in der Küche kennt, in Deutschland erst um 1900) gegen Österreich kämpfte - trotz des 1886 geschlossenen "Dreibunds". Dass man nicht von treulosen Mohrrüben oder treuherzigen Sellerie spricht, hat aber sicher auch mit Lust an der Assonanz zu tun, die uns Deutschen durch Wagners Weihfestspiele quasi in die Wiege gelegt ward ("Schabst du das Schello, schäbiger Schuft?"" - "Nein, ich gige die Goge, geifernder Gauch!"). Hoffen wir, dass keine spaßbremsenden Spinnmilben und tückischen Tomatenminiermotten einziehen: sonst herrscht, wie es in der Edda heißt, "Harm in der Halle".


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  • Commentaires

    1
    Kornelia
    Jeudi 16 Juin 2011 à 22:33

    Das Tomatenhaus hat doch so rechten Hinterhauscharme - irgendwie nostalgisch und trotzdem pfifig, durch die umfunktionalisierte Warenästhetik der Plastiksäcke für die Blumenerde. Ich liebe Collagen!

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